Radiogeschichten

"Vom Tabarz". Von Joachim Ringelnatz. Es liest Michou Friesz. Gestaltung: Roland Knie

Wenn einer eine Reise tut, dann kann er meistens nicht viel erzählen außer immer denselben Schmarren, immer dieselben Vorurteile, angelesenen Prospektgeschichten, halb vergessenen Speisekarten und sonstigen Geschmacklosigkeiten.

Es sei denn, dieser eine wäre die polyglotte, weltläufige Fliege Wuppy, die bei Jekaterinburg in Begleitung eines Wurstbrotes in die Transsibirische Eisenbahn geraten ist und nun mit ihren klugen Facettenaugen mehr zu sehen, mit ihren sensiblen Borsten mehr zu spüren und mit ihrem klugen Gehirnchen mehr zu überrüsseln vermag als sämtliche Passagiere miteinander, ja, vielleicht sogar als die ganze Menschheit - Wuppy jedenfalls neigt zu dieser Ansicht.

Und sie hat nicht nur Dutzende Mordanschläge primitiver, leimtriefender Fliegenschlangen und tolpatschiger Wurstbrotbesitzer überlebt - Menschen taugen nun einmal nicht als ernstzunehmende Gegner einer Wuppy -, sondern auch einen Froschmagen und einen elendslangen philosophischen Disput mit einer - gottseidank vollgefressenen - Schwalbe.

Und als sie, auf Schiffsreisen, gar ins wissenschaftliche Gepäck des wissensdurstigen Naturforschers gerät, scheint es, als würde, dank Wuppys Karriere, die Fliegenperspektive endlich über menschliche Beschränktheit und Kurzsichtigkeit siegen. Bis Wuppy, auf dem Hüpfer zur Unsterblichkeit, von einem dumpfen Matrosentrottel, der nicht zwischen nichtsnutziger Menschennahrung und einem bedeutenden Fliegenleben unterscheiden kann, versehentlich ermordet wird.

Und so ist die Frage, ob das ganze blaue Firmament vielleicht nichts weiter als ein Stück vom Hosenknopf des Riesen Tabarz ist, durch Wuppys Tod leider bis auf weiteres unlösbar.

Service

Joachim Ringelnatz, "Vom Tabarz" aus "Sämtliche Erzählungen", Zürich, Diogenes 1994, 2003

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