Zwischenruf

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"Erneuerung aus dem Ursprung" - Ein evangelischer Blick auf das Zweite Vatikanische Konzil von Susanne Heine (Wien)

50 Jahre Zweites Vatikanisches Konzil und etwa 100 Jahre ökumenische Bewegung - vieles wurde seitdem für die Verständigung zwischen den christlichen Kirchen und Konfessionen gedacht, gearbeitet und ins Werk gesetzt. Davor waren sich römische Katholiken und Evangelische aus dem Weg gegangen und hielten einander vor, sich vom Ursprung des christlichen Glaubens entfernt zu haben. Das Konzil, das drei Jahre lang, von 1962 bis 1965 in mehreren Sitzungen tagte, wird mit Recht ein römisch-katholisches Jahrhundertereignis genannt, denn es war ausdrücklich auf die Erneuerung der Kirche aus ihrem Ursprung heraus ausgerichtet. Dazu gehörte, wie es im Ökumenismus-Dekret heißt, "die Einheit aller Christen wiederherstellen zu helfen".

Dem war vieles vorausgegangen: die Bibelbewegung, die liturgische Erneuerung, die ökumenische Bewegung mit der Gründung des Ökumenischen Weltrates der Kirchen 1948. Das Konzil integrierte diese Bewegungen, spricht von bisherigen "Sünden gegen die Einheit", bittet "Gott und die getrennten Brüder um Verzeihung" und formuliert den zukunftsweisenden Satz: "Es gibt keinen echten Ökumenismus ohne innere Bekehrung." Diese Selbstbesinnung der römisch-katholischen Kirche und ihre Abkehr von einer gegenreformatorischen Haltung wurden damals von den evangelischen Beobachtern erfreut wahrgenommen und sind auch heute aus evangelischer Sicht sehr zu würdigen.

Vieles von der Saat des Zweiten Vaticanums ist in der Praxis aufgegangen: ökumenische Bibelgruppen, Weltgebetstage, gemeinsam verantwortete Konferenzen oder Fortbildungskurse. Auch viele theologische Konsensbemühungen haben Früchte getragen. Dennoch: Die Hoffnung, allmählich die Hindernisse zu überwinden, die der Einheit entgegenstehen, wird - damals wie heute - verbunden mit der Aussage, dass diese Einheit "unverlierbar in der katholischen Kirche besteht". Sind das Wiedersprüche, unklare Formulierungen, Kompromisse?

Heute stellt sich die Frage der Auslegung der Konzilstexte, und dazu braucht es aus meiner Sicht die ernste Absicht, die Texte in ihrer Gesamtheit und ihrer pastoralen und spirituellen Dimension zu verstehen. Dem wiederspricht eine Praxis, das aus Texten herauszupicken, was den eigenen Vorstellungen und Wünschen entspricht. Für mich sind die Demut gegenüber einem großen Konzilswerk gefragt und der ausdrückliche Wille, sich die ökumenische Verständigung zu eigen zu machen.

Ein evangelischer Blick auf die Eröffnungsrede von Papst Johannes XXIII. lässt ein angstfreies und liebevolles Zugehen auf die Welt erkennen; er spricht vom "Heilmittel der Barmherzigkeit". "Angst ist nicht in der Liebe", so heißt es im ersten Johannesbrief (4,18). Das verstehe ich als Erneuerung aus dem Ursprung. Zur Auslegung der Konzilstexte gehört für mich, sie aus diesem christlichen Geist heraus zu lesen, diesen Geist auch zu leben. Der Geist angstfreier Liebe und Barmherzigkeit könnte die Basis dafür sein, die entscheidende offene Wunde doch einmal zu schließen: die Verweigerung der eucharistischen Gastfreundschaft entgegen dem biblischen und kirchlichen Verständnis des Abendmahls als Sakrament der Einheit. Der Ruf zur Einheit ist seit dem Konzil stärker da als je zuvor. Aber gibt es auch einen weitergehenden Willen zu Verständigung und Taten?

Frère Roger, der Gründer der ökumenischen Gemeinschaft von Taizé, schreibt über Johannes XXIII.: Er war bereit "die Einheit wiederherzustellen, ohne einen historischen Prozess aufzurollen, ohne zu erforschen, wer im Unrecht und wer im Recht war". Das entspricht dem Wort Jesu Christi: "Daran werden alle erkennen, dass ihr meine Jünger seid: Wenn ihr bei euch der Liebe Raum gebt (Joh 13,35). Angelo Roncalli scheint ein solcher Jünger gewesen zu sein. "Durch ihn habe ich gelernt, besser zu werden". So die Worte des Bildhauers Giacomo Manzù, der dem Papst die Totenmaske abnahm.

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