Landschaft im Bregenzerwald

APA/BARBARA GINDL

Radiokolleg

Radiokolleg - Der Bregenzerwald

Transformationen einer Talschaft (1). Gestaltung: Thomas Mießgang

"In der guten alten Zeit hatte im Bregenzerwald wohl jedes Dorf und jedes Dörflein seine Linde, sein sogenanntes Kaufhaus oder sonst einen öffentlichen Platz, wo nicht nur die Jugend sich versammelt zu Spiel und Tanz, sondern wo auch die ernsteren Väter oft und gerne ihre Schätze von Lebensweisheit zum Nutzen und Frommen aller öffneten".

So schrieb im 19. Jahrhundert Franz Michael Felder, Bauer, Sozialreformer und bis heute der berühmteste Schriftsteller, den der Bregenzerwald hervorgebracht hat. Doch das beschauliche, das er hier in knappen Worten schraffiert, war schon damals eher Wunsch als Wirklichkeit.

Felder, der bereits im Alter von 29 Jahren an Tuberkulose starb, nutzte sein kurzes Leben neben der Produktion von Literatur vor allem dazu, gewerkschaftsähnliche Strukturen zu schaffen und die lokalen Käsebarone zu bekämpfen, die die Bauern ausplünderten.

Die Käseproduktion, heute in der KäseStrasse, einem Zusammenschluss lokaler Molkereibetriebe organisiert, ist immer noch ein wesentlicher Wirtschaftsfaktor im Bregenzerwald, der noch bis vor wenigen Jahrzehnten kleinlandwirtschaftlich geprägt war.

Doch seit einiger Zeit finden hier, wie auch in anderen ländlichen Gegenden, grundlegende gesellschaftliche und ökonomische Transformationen statt. Das Bregenzerwälder Handwerk, das einen international ausstrahlenden guten Ruf geniesst, hat sich im Rahmen des Werkraumes Andelsbuch zusammengeschlossen und verfügt über ein spektakuläres Gebäude des Stararchitekten Peter Zumthor, das als Showroom, als Konferenz- und Begegnungsort dient, aber auch als Marketing-Plattform, die ein lokales Qualitätsprodukt international vermarkten soll.

Und seit den 1970er Jahren gibt es auch das Phänomen der Bregenzerwälder Architektur: Erst wurden lokale Holzbautraditionen in kleinem Stil auf lokaler Ebene revolutioniert, erläutert der international tätige Architekt Bernardo Bader, dann passierten Maßstabssprünge: "Plötzlich wurde es möglich, Hochhäuser in Holzbauweise zu errichten".

Der Bregenzerwald hat die Transformation von einem landwirtschaftlichen Gebiet in eine Region, in der Traktor, Technologie und Tourismus eine synergetische Verbindung eingehen, vollzogen. Bei noch überwiegend intakter Landschaft und unter weitgehendem Verzicht auf die Betonburgen eines eskalierenden Massentourismus bündelt eine neue Generation von Handwerkern, Architekten, Gastronomen, Kulturveranstaltern, Touristikern und innovativen Landwirten alles, was an Traditionsbestand und Innovationspotential da ist, zu einem integralen Narrativ.

Einer großen Erzählung, in der Geschichte und Gegenwart, das Ländliche und das Urbane, der Laptop und die Lederhose zu einer Hybridgesellschaft zusammenwachsen, die vielleicht Modellcharakter für andere vermeintlich rückständige Regionen haben kann.
"Meor ehrod das Ault, und grüssed das Nü." schrieb einst der Bregenzerwälder Mundartdichter Gebhard Wölfle: "Wir ehren das Alte und begrüssen das Neue".

Sendereihe

Gestaltung

  • Thomas Mießgang