Altertümliche Zähne

ORF/URSULA HUMMEL-BERGER

Zähne zeigen

Das härteste Körpergewebe in Kultur und Medizin (1). Gestaltung: Christa Nebenführ

Ein strahlendes Lächeln ist seit Menschengedenken Symbol für Lebenskraft, Freude und Offenheit. Makellose Zähne bedeuten dabei aber nicht nur Jugend, sondern auch Wohlstand. Im alten Ägypten hatten Pharaonen eigene Diener, die nur für ihre Zahnpflege zuständig waren. Einer von ihnen, Hesi-Re, bekam von Pharao Djoser um 2.600 v. Chr. sogar eine eigene Grabkammer.

Die Reichen waren in ihrem Wunsch nach Schönheit und Bissfestigkeit allerdings nicht gerade zimperlich. Im 19. Jahrhundert wurden gefallenen Soldaten auf dem Schlachtfeld die Zähne ausgebrochen um die Lücken zahlungskräftiger Patienten zu füllen. Noch tragischer ist eine Beschreibung Victor Hugos in seinem 1903 gedruckten Roman "Die Elenden": Die verarmte junge Fantine lässt sich in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ihre perfekten Vorderzähne ziehen um aus dem Erlös des Verkaufs eine Arztrechnung für ihre Tochter zu begleichen.

Heute muss sich in Sozialstaaten niemand mehr auf Grund von Zahnlosigkeit mit Breikost begnügen, denn die gesetzlichen Krankenkassen übernehmen im Normalfall den Großteil der Kosten für einfachen herausnehmbaren Zahnersatz. Bei Implantaten, die im Kieferknochen verankert werden, können jedoch je nach Anzahl und Qualität Ausgaben im fünfstelligen Eurobereich entstehen. Soziale Segregation zeigt sich also auch gegenwärtig mitunter an den Zähnen.

Christa Nebenführ geht in ihrer Serie der idealen Prophylaxe zur Gesunderhaltung ebenso nach wie der Wiederherstellungschirurgie. Der Vergleich verschiedener Methoden der Zahnbehandlung führt in historisch oder geographisch entfernt angesiedelte Kulturen und nicht zuletzt ins Museum. Patienten mit schwerwiegenden Fehlstellungen oder Zahnschäden, wie sie beispielsweise durch Chemotherapie hervorgerufen werden können, berichten über den langen Weg zu einem zufriedenstellenden Gebiss und Kieferorthopäden über die Herausforderungen ihres Berufes. Die schrecklichen Zahnschmerzen Goethes sind ebenso Thema wie der rasante Anstieg von Karies durch den Siegeszug des raffinierten Zuckers.

Service

LITERATUR:

Mut zur Lücke: Kunst und Geschichte der Zahnheilkunde von Richard Barnett (Autor), Ronit Jariv (Übersetzer), Gebundene Ausgabe: 256 Seiten
Verlag: DuMont Buchverlag GmbH & Co. KG; Auflage: 1 (16. April 2018)

Das Dentale: Faszination des oralen Systems in Wissenschaft und Kultur von Hartmut Böhme (Autor), Bernd Kordaß (Autor), Beate Slominski (Autor), Gebundene Ausgabe: 480 Seiten
Verlag: Quintessenz Verlag; Auflage: 1. Auflage (6. November 2015)


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