Richtungspfeile in einer Ambulanz

ORF/URSULA HUMMEL-BERGER

Medizin auf Abwegen

Ein System voller Unzufriedener

Für Zuwendung ist in Krankenhäusern, aber auch bei niedergelassenen Ärzten immer weniger Zeit. Die vergangenen 30 Jahre in der Medizin sind durch eine zunehmende Technisierung und Ökonomisierung geprägt. Parallel dazu steigt das Bedürfnis vieler kranker Menschen nach direkter und empathischer Ansprache. Denn eine Krankheit verunsichert ohnehin bereits. Wenn dann auch noch Diagnoseverfahren und Behandlung sehr komplex sind, ist ein kompetenter und einfühlsamer ärztlicher Gesprächspartner unbedingt erforderlich.

Was wurde aus der ärztlichen Kunst?

Unser Sendungsgast der praktische Arzt und Buchautor Günther Löwit beklagt, dass die Heilkunst in der Medizin kaum mehr eine Rolle spielt. Die Ärzte seien durch einen aufgeblähten Verwaltungs- und Kontrollapparat ständig überfordert.
Die ärztlichen Tugenden wie Berührung, Zuspruch und Motivation gingen immer mehr verloren. Die "Droge Arzt" wird immer weniger zielgerichtet eingesetzt.

Ein Plädoyer für das Miteinander

Günter Löwit meint: "Medizin ist weit mehr als Wissenschaft. Sie ist auch die Erfahrung von Beziehungen, das Miteinbeziehen aller Wechselwirkungen mit der Umwelt in Diagnostik und Therapie. Wärme und Kälte sind in der Medizin nicht nur physikalische sondern auch menschliche Parameter."
Das Ertasten und Erfühlen ist die halbe Medizin, so der praktische Arzt Löwit weiter. Es könnte viel Geld m System eingespart werden, wenn man eine ordentliche Anamnese macht. Viele CT- und MRI-Aufnahmen wären überflüssig.

Zuwendung heilt

Die Kommunikationsexpertin und Buchautorin Britta Blumencron weist auf eine Studie der deutschen Philipps-Universität Marburg hin. Dort wurde untersucht, wie sich ein 20-minütiges Aufklärungsgespräch vor einer Herzoperation auswirkt. Den Patienten wurde Aufmerksamkeit geschenkt und die Ärzte zeichneten bereits ein Bild vom positiven Verlauf der Reha. Das Ergebnis: Die Wundheilung und die Rehabilitation verliefen deutlich günstiger im Vergleich zu jenen Patienten, denen nicht so viel Zuwendung zu Teil wurde.
Eigentlich eh klar . eher erstaunlich, dass dieses Konzept nicht überall angewendet wird.
Ein weiteres Beispiel: Wenn ein Arzt im Gespräch nur kurz auf die Wirksamkeit eines Schmerzmittels hinweist, kann er die Dosis um ein Drittel reduzieren. Denn der Patient glaubt fest an die Wirkung.

Kommunikation erlernen im Medizinstudium

Hier hinken Österreich und Deutschland weit hinterher.
Die Eliteuniversität Cambridge hat dafür bereits vor vielen Jahren ein Kursmodell erarbeitet. Fällt ein Medizinstudent bei der jährlichen Schlussprüfung in Kommunikation durch, muss er das gesamte Studienjahr wiederholen.
Und dann gibt es noch das sogenannte Calgary-Cambridge-Modell. Es ist eine leichte umsetzbare Anleitung zu einem sinnvollen Arzt-Patientengespräch, das im gesamten angloamerikanischen Bereich verbreitet ist.

Patient Nummer 3

Kranke Menschen werden im heutigen Medizinbetrieb nicht mehr als Individuen wahrgenommen, mit einer ganz persönlichen Krankengeschichte, sondern als Nummern, die man mit Fließbandmedizin so rasch wie möglich "abfertigen" will. Besonders jene, die komplizierte bzw. mehrere Krankheiten gleichzeitig haben. Denn mit ihnen kann man wenig Geld verdienen. Das Resultat: Viele kranke Menschen fühlen sich übergangen, nicht verstanden, alleine gelassen. Und wenden sich in ihrer Not dann immer häufiger Alternativmedizinern oder Wahlärzten zu - denn die haben ausreichend Zeit für einen. Allerdings kann sich diese Form der Zuwendung bei weitem nicht jeder leisten. Dem Patienten mehr als nur fünf Minuten zuzuhören ist also unbedingt auch in herkömmlichen Krankenhäusern und beim Hausarzt dringend nötig.

Überforderte Ärzte

Durch Personal- und Zeitknappheit sowie einer Fülle von Dokumentationspflichten arbeiten Ärzte heutzutage unter enormen Druck und Stress. Viele sind frustriert, ausgelaugt oder bereits im Burnout. Das, was sie einst zum Medizinstudium bewog, können sie nicht mehr praktizieren - nämlich sich auf einen kranken Menschen einlassen, ihm zuhören, ihn auf seine Stärken hinweisen und mit ihm gemeinsam Lösungswege finden.
Laut unserem Sendungsgast Giovanni Maio wird es, wenn es so weiter geht, in naher Zukunft, einen massiven Ärztemangel geben, denn so will niemand auf Dauer arbeiten.

Reden auch Sie mit! Wir sind gespannt auf Ihre Fragen und Anregungen. Unsere Nummer: 0800/22 69 79, kostenlos aus ganz Österreich.

Fühlen Sie sich als Patient oft übergangen?

Gehen Sie bewusst zum Wahlarzt?

Wann waren Sie zum letzten Mal in einem Krankenhaus? Hatten Sie das Gefühl, dass Zuwendung dort einen Platz hat?

Sind Sie Arzt? Unter welchen Bedingungen arbeiten Sie?

Jeder will Zuwendung vom Arzt, aber keiner will warten. Haben Sie eine Lösung für diesen Zustand?

Service

Sendungsgäste im Funkhaus Wien:

Mag.a Britta Blumencron
Expertin für Gesundheitskommunikation
3500 Krems, Hoher Markt 5
1130 Wien, Hietzinger Hauptstr. 123/7
0043/699/10112223
E-Mail
Homepage

Dr. Günther Loewit
Arzt und Schriftsteller
Hauptstraße 1
2293 Marchegg
+43 (0)699 126 96542
E-Mail
Homepage

Zugeschaltet vom WDR Düsseldorf:

Prof. Dr. med. Giovanni Maio, M.A. phil.
Philosoph, Mediziner, Medizinethiker
Uni Freiburg
Institut für Ethik und Geschichte der Medizin
Stefan-Meier-Str. 26
79104 Freiburg
+49 (0)761 / 203-5034
E-Mail
Homepage


Info-Links und Buch-Tipps:

Mensch statt Maschine - Für mehr Zuwendung in der Medizin (Ö1, Medizin und Gesundheit, 5.9.2019)
Kommunikationsleitfaden für Ärzte
Deutsches Ärzteblatt zum Thema Arzt-Patienten-Kommunikation

Britta Blumencron, "Am Puls des Patienten", Goldegg Verlag 2016

Giovanni Maio, "Geschäftsmodell Gesundheit: Wie der Markt die Heilkunst abschafft", Suhrkamp Verlag 2014

Giovanni Maio, "Den kranken Menschen verstehen: Für eine Medizin der Zuwendung",
Verlag Herder 2015

Günther Loewit, "Der ohnmächtige Arzt. Hinter den Kulissen des Gesundheitssystems",
Haymon Verlag 2010

Günther Loewit, "Wie viel Medizin überlebt der Mensch?", Haymon Verlag 2013

Joachim Bauer, "Wie wir werden, wer wir sind: Die Entstehung des menschlichen Selbst durch Resonanz", Karl Blessing Verlag 2019

Joachim Bauer, "Das Gedächtnis des Körpers: Wie Beziehungen und Lebensstile unsere Gene steuern", Verlag Piper Taschenbuch 2013

Victoria Sweet, "Slow Medicine - Medizin mit Seele: Die verlorene Kunst des Heilens",
Herder Verlag 2019

Sendereihe