Nebensonne

DPA/PATRICK PLEUL

Arnold Mettnitzer über das Alter

"Schönheit im Alter". Arnold Mettnitzer, Psychotherapeut und Theologe macht sich Gedanken über die Schönheit im Herbst des Lebens. - Gestaltung: Alexandra Mantler

Im Juli 1994 besuche ich meinen Lehrer Erwin Ringel in Bad Kleinkirchheim und überbringe ihm die Parte meines wenige Tage zuvor verstorbenen Vaters.
Ringel sitzt auf dem Balkon seines Hotelzimmers in der Abendsonne und summt vor sich hin die Melodie von Franz Schuberts Lied "Im Abendrot". Aus Pietätsgründen zögert er, mich zum Abendessen einzuladen. Ich aber gebe ihm zu verstehen, dass ich gerne bleibe. Wir essen gemeinsam und feiern den Geburtstag seiner Frau Angela. Am nächsten Morgen ist Erwin Ringel tot.

In der Aussegnungshalle in Spittal an der Drau finde ich wenig später meinen Vater und meinen Lehrer in ihren Särgen nebeneinander liegend. Die Väter sind tot! Es ist Zeit, erwachsen zu werden! Franz Schuberts Lied "Im Abendrot" erinnert mich seither nicht nur an das Sterben meiner Väter, es ist mir auch ein Appell, im Leben bis zum letzten Atemzug mit ausgefahrenen Antennen und offenen Herzen Glut zu trinken und Licht zu schlürfen:

O wie schön ist deine Welt,
Vater, wenn sie golden strahlet!
Wenn dein Glanz herniederfällt,
Und den Staub mit Schimmer malet;
Wenn das Rot, das in der Wolke blinkt,
In mein stilles Fenster sinkt!
Könnt' ich klagen, könnt' ich zagen?
Irre sein an dir und mir?
Nein, ich will im Busen tragen
Deinen Himmel schon allhier.
Und dies Herz, eh' es zusammenbricht,
Trinkt noch Glut und schlürft noch Licht.

(Carl Gottlieb Lappe, vertont von Franz Schubert)

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Sendereihe

Gestaltung

Playlist

Komponist/Komponistin: Franz Schubert
Bearbeiter/Bearbeiterin: Edgar Unterkirchner (Arr.)
Titel: Im Abendrot (tw. unterlegt)
Ausführender/Ausführende: Edgar Unterkirchner / Saxophon
Label: Styria Verlag ISBN 978-3-222-1

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