Christa Wolf

Christa Wolf - AFP/DPA/RAINER JENSEN

Ingrid Pfeiffer über Christa Wolf

"Die Zukunft? Das ist das gründlich andere". Die Autorin und Germanistin Ingrid Pfeiffer, die auch für das "Forum Katholischer Erwachsenenbildung" tätig ist, über Christa Wolf anlässlich deren 8. Todestages.

Datum: 4. November 1989, Ort: Berlin Alexanderplatz. Es findet die größte, nicht vom Staat DDR ausgerichtete Demonstration statt. Alles ist in Veränderung, und die DDR wird es nicht mehr lange geben. Christa Wolf ist eine der Redner/innen.

"Mit dem Wort ‚Wende' habe ich meine Schwierigkeiten", sagte sie. Sie wollte kein Wende-Manöver unterstützen, kein Kehrtmachen, weil der Wind sich gedreht hatte.

Christa Wolf war auch im Westen eine der bekanntesten und streitbarsten DDR-Bürger/innen. Dabei hätte alles ganz anders kommen sollen. Als sie 1945, knapp 16-jährig, auf einem Flüchtlingstreck den heute in Polen gelegenen Ort ihrer Kindheit verlassen musste, war das Ziel, über die Elbe zu kommen. Die ausgepumpten Pferde schafften es nicht. Die Familie blieb also diesseits des Flusses, und bald begann das Leben in dem neuen Staat. Christa Wolf, damals noch Christa Ihlenfeld, machte seine politische Vision zu ihrer eigenen und beteiligte sich von Beginn aktiv an deren Realisierung.

Doch schon früh forderte der Staat Christa Wolfs mit den Jahren immer massiver werdende Kritik heraus. Die Ausbürgerung des politischen Liedermachers Wolf Biermanns 1976 war einer der Höhepunkte in dieser Entwicklung. Andererseits verdankt sie dieser permanenten Reibung mit der gesellschaftlichen Realität ihr Leben als Schriftstellerin. In ihrem letzten zu Lebzeiten erschienenen Roman "Stadt der Engel" wird sie dazu sagen: "Ob ich geschrieben hätte, weiß ich schon nicht, denn zum Schreiben haben mich ja immer die Konflikte getrieben, die ich in dieser Gesellschaft hatte."

Die Seherin Kassandra wurde Jahre später zu einer der wichtigsten literarischen Figuren Christa Wolfs. Ich finde ihre eigene Not hier durch die Stimme Kassandras zu Wort gekommen: "Durchsichtig, schwächlich, immer unansehnlicher wurde mein Wir, an dem ich festhielt, /.../."

Oft wurde Christa Wolf gefragt, warum sie blieb. Ihre Antwort lautete schlicht: "Ich werde gebraucht."


Gestaltung: Alexandra Mantler

Service

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Sendereihe

Gestaltung

Playlist

Komponist/Komponistin: Kyrre Kvam
Gesamttitel: ALTES GELD
Titel: Altes Geld - Lederhaut
Ausführende: Kyrre Kvam
Länge: 03:57 min
Label: ORF-Enterprise Musikverlag

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