Tanja Maljartschuk

APA/HERBERT NEUBAUER

Tanja Maljartschuk über ihre Erinnerungen an die Ukraine

"Spuren und Erinnerungen" von Tanja Maljartschuk, Schriftstellerin

Ich habe keinen Schmuck geerbt, kein Familienhaus, nur eine schwarze Damenhandtasche mit vergilbten Fotos. Einem Foto fehlt die Hälfte. Ein kleiner Bub sitzt auf dem Sessel, mein Vater, ich erkenne den ängstlichen und viel zu ernsthaften Blick, den ich auch habe. Von seiner danebenstehenden Mutter sind nur noch die Stiefel zu sehen. Jemand hatte ihre Figur und ihr Gesicht weggerissen, um sie nicht mehr sehen zu müssen.

Sie war eine schöne Frau und das hat sie auch selbst gesagt: Ich war schön. Mit Stolz hat sie mir ihre anderen Fotos gezeigt - als Beweis dafür, dass sie nicht lügt. Wenn ich schön war, hat sie dann gefragt, warum hat mich keiner geliebt? Schöne Menschen haben die Liebe besonders verdient, nicht?

An ihren Ehemann erinnere ich mich fast nicht, ich war klein, als er an Diabetes gestorben ist, ein unfreundlicher, immer unzufriedener Trinker, Schuster von Beruf. Die Stiefel auf dem Foto hat er gemacht. Sie konnte damit kaum gehen, so grob und unbequem seien diese Stiefel gewesen. Für seine zahlreichen Geliebten hat er viel elegantere Schuhe gefertigt. Seine Frau hat er beschimpft und sie einmal mit Steinen beworfen, und trotzdem ist sie mit drei Kindern nicht weggegangen. Ich habe in der Hölle gelebt, meint sie am Ende der Geschichte, die sie mit großem Talent im leeren Haus erzählt. Anstatt ihre Hölle zu verlassen, macht sie daraus eine Heldensage. Sie hat ihn überlebt. Das war das Ziel.

Und danach war sie lange alt, und auch dement. Zuletzt habe ich sie im Sommer 2013 gesehen, nachdem ich mich habe scheiden lassen. Ich bin die erste geschiedene Frau in unserer Familie. Sie hat mich nicht erkannt. Kindchen, geht es dir gut?, fragte sie und die zweite Frage lautete: Bist du verheiratet? Um sie nicht zu irritieren, habe ich Ja gesagt. Gut, rief sie erleichtert, du bist schön, schöne Menschen haben die Liebe am meisten verdient.

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Sendereihe

Gestaltung

Übersicht

Playlist

Komponist/Komponistin: Reinhold Gliere/1875 - 1956
Vorlage: Nikolai Gogol/1809 - 1852
Album: MUSIK DER UKRAINE: BALLETTSUITEN VON GLIERE UND STANKOWYTSCH
* Mazurka di Bravura - 8.Satz (00:01:36)
Titel: TARAS BULBA - Suite aus dem Ballett
Orchester: Odessa Philharmonic Orchestra
Leitung: Hobart Earle
Länge: 01:36 min
Label: ASV CD DCA 998

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