Max Weber

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Ulrich Körtner über Max Weber

"Über die Entzauberung der modernen Welt". Anlässlich des 100. Todestages von Max Weber macht sich der evangelische Theologe Ulrich Körtner Gedanken über den Soziologen

Nicht selten wird in der heutigen Politik ein Mangel an Moral beklagt. Ist Politik schon dann moralisch, wenn sie einer ethischen Gesinnung folgt oder sich auf moralische Werte beruft?

Werte stehen in der heutigen Politik hoch im Kurs. Die Europäische Union beispielsweise, versteht sich ausdrücklich nicht nur als Wirtschafts-, sondern auch als Wertegemeinschaft. "Die Werte, auf die sich die Union gründet, sind die Achtung der Menschenwürde, Freiheit, Demokratie, Gleichheit, Rechtsstaatlichkeit und die Wahrung der Menschenrechte einschließlich der Rechte der Personen, die Minderheiten angehören. Diese Werte sind allen Mitgliedstaaten in einer Gesellschaft gemeinsam, die sich durch Pluralismus, Nichtdiskriminierung, Toleranz, Gerechtigkeit, Solidarität und die Gleichheit von Frauen und Männern auszeichnet." So steht es im Vertrag von Lissabon.

Eine Ethik und Politik der Werte ist freilich eine zweischneidige Angelegenheit. Max Weber hat zu bedenken gegeben, dass die Rhetorik der Werte zur "Benutzung der ‚Ethik' als Mittel des ‚Rechthabens'" verleitet. Werte sind das säkulare Gewand, in dem die totgesagten Götter eines vormodernen Zeitalters weiterleben. Weber schreibt: "Die alten vielen Götter, entzaubert und daher in Gestalt unpersönlicher Mächte, entsteigen ihren Gräbern, streben nach Gewalt über unser Leben und beginnen untereinander wieder ihren ewigen Kampf." Der 2013 verstorbene Philosoph Krzysztof Michalski pflichtet ihm bei. Letztlich führe die Berufung auf moralische Werte stets zur Abgrenzung gegenüber irgendwelchen "anderen", die aus der eigenen Gemeinschaft ausgeschlossen werden. Michalskis lapidares Fazit lautet: "Werte verbinden nicht, Werte trennen."

Wir brauchen ein Sensorium für die Gefahr der Tyrannei der Werte, und das nicht nur in der Politik.

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Sendereihe

Gestaltung

Playlist

Komponist/Komponistin: Franz Schubert/1797 - 1828
Titel: Sonate für Arpeggione und Klavier in a-moll DV 821 / Bearbeitung für Klarinette und Klavier in g-moll
* Adagio - 2.Satz (00:04:03)
Solist/Solistin: Gervase de Peyer /Klarinette
Solist/Solistin: Gwenneth Pryor /Klavier
Länge: 04:03 min
Label: Chandos 8506

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