Mnemiopsis leidyi, Meerwalnuss

APA/TIERGARTEN SCHÖNBRUNN/DANIEL ZUPANC

Vom Leben der Natur

Invasive Meerestiere

Der Ozeanograf Gerhard Herndl über neue Arten in fremder Umgebung.
Teil 1: Faszinierende Neobiota
Gestaltung: Maria Harmer

Absichtlich oder unabsichtlich, insbesondere seit Beginn der modernen Schifffahrt werden auch Meereslebewesen von einem Meer ins andere, von einem Teil der Welt in einen anderen verfrachtet. "Neobiota" werden sie genannt, diese Organismen, die es schaffen, sich rasch an die neuen Verhältnisse anzupassen und manchmal auch massiv in der neuen Umgebung zu vermehren. Ganze Ökosysteme wurden dadurch verändert. Und der Klimawandel verschärft die Problematik zusätzlich, denn durch die Erwärmung der Meere finden zugewanderte Arten immer häufiger gute Lebensbedingungen vor.

Ständig werden mehrere zehntausend verschiedene Arten zwischen geographisch weit entfernten Regionen ausgetauscht. Sogenanntes "Ballastwasser" spielt dabei eine große Rolle. Denn Schiffe, die nur teilweise oder gar nicht beladen sind, pumpen Seewasser an, damit ihr Gewichtsschwerpunkt tief genug im Wasser liegt. Das stabilisiert die Schiffe, doch mit dem Ballastwasser gelangen auch Organismen wie Krebse, Quallen, Algen, Bakterien und andere Meeresbewohner in die Tanks und in weiterer Folge als "blinde Passagiere" in andere Gefilde, dorthin, wo dieses Ballastwasser dann ausgelassen wird. Fremde Kleinstmeerestiere werden so weltweit verbreitet, einige Algenarten haben monokulturähnliche Bestände gegründet, Muscheln große Gebiete besiedelt und einheimische Organismen verdrängt.

Eines der vielen Beispiele ist die sogenannte "Meerwalnuss". Die aus Amerika stammende Rippenqualle Mnemiopsis leidyi hat sich zunächst im Schwarzen Meer und nun auch in anderen Gegenden Europas, insbesondere in der Adria, massiv vermehrt und bereits vor 25 Jahren zum Zusammenbruch der Küstenfischerei im Schwarzen Meer geführt. Für den Menschen ist die Meerwalnuss nicht gefährlich, doch auch im Tourismus mehren sich die Klagen über die gallertartigen massiv auftretenden Quallen.

Fremde Arten werden aber nicht nur im Ballastwasser von Schiffen über die Meere transportiert. Bauliche "Errungenschaften" des Menschen wie der Suez-Kanal haben es zum Beispiel dem Rotfeuerfisch ermöglicht, im Mittelmeer heimisch zu werden. Anders, doch auch vom Menschen verantwortet, ist die Ausbreitung der sogenannten "Killeralge" in Gebieten, in denen sie früher nicht heimisch war: Sie ist aus einem Aquarium in Monaco entkommen. Auch sogenannte "Aquarianer", Menschen, die Aquarien betreuen, sind immer wieder der Schlüssel für artfremde Meeresbewohner, da sie zum Beispiel Fische aussetzen, wenn sie zu groß werden, egal, ob es sich um ein heimisches Habitat handelt.

Doch beim Umgang mit exotischen Meeresorganismen ist Vorsicht geboten, denn Arteinschleppungen ins Meer sind meist irreversibel. Die Haupteigenschaft sogenannter "Neobiota" ist ihre große Anpassungsfähigkeit, die Vermehrung meist massiv. Eine mechanische Beseitigung bereits etablierter Arten ist praktisch unmöglich. Sie würde aufwendige Taucheinsätze bei Krebsen und Muscheln und große Rodungen bei Algen erfordern. Eine mögliche Lösung wäre die Ansiedlung natürliche Feinde im neuen Lebensraum, doch auch diese Organismen könnten sich im Lauf der Zeit als Bedrohung erweisen.

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GESPRÄCHSPARTNER:
Univ.-Prof. Dr. Gerhard Herndl
Prof. für aquatische Biologie an der Universität Wien
Leiter der Abteilung für biologische Ozeanografie und Meeresbiologie

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