Ein Porträt von Pier Paolo Pasolini hängt in einer Ausstellung

AP/MARKUS SCHREIBER

Gedanken für den Tag

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"Der unbändige Ketzer - Zum 100. Geburtstag von Pier Paolo Pasolini" von Otto Friedrich, Religionsjournalist und Filmkritiker bei der Wochenzeitung "Die Furche"

"Eine verzweifelte Lebendigkeit"

In seinem letzten Film, "Die 120 Tage von Sodom", hat Pier Paolo Pasolini den gleichnamigen Roman des Marquise de Sade in die Republik von Salò verlegt, jenen zwischen 1943 und 1945 von Benito Mussolini geführten Marionettenstaat von Hitlerdeutschlands Gnaden.

Vier Missbrauchstäter - ein Fürst, ein Bischof, ein Richter, ein Politiker - tun ihren meist jugendlichen Opfern Unvorstellbares an Gewalt und Ekelerregung an. Aber Pasolinis Anliegen, die eigentlich undenkbare Menschenverachtung des Faschismus mit drastischsten Mitteln darzustellen, ist legitim. Diese ästhetische Brutalität kann auch mit der unbändigen Leidenschaft erklärt werden, mit der er sich gegen den von ihm als Ideologie begriffenen Hedonismus und die Konsumgesellschaft aufbäumte. Pasolinis Vorstellung mündete in eine Apokalypse, die in den "120 Tagen von Sodom" filmisch greifbar wie nie gemacht wird.
Drei Wochen vor der Premiere des Films, in der Nacht vom 1. auf den 2. November 1975, wurde Pier Paolo Pasolini ermordet. Die Umstände seines Todes sind nicht restlos geklärt. Die These von der Einzeltat eines damals 17-jährigen Strichjungen, für die dieser zu neun Jahren Gefängnis verurteilt wurde, gilt bis heute als umstritten. Pasolini wurde schon zeitlebens kontrovers und zwiespältig wahrgenommen. Das sollte sich auch bei seinem Tod nicht ändern.

Bereits 1964 hat Pier Paolo Pasolini, der heute vor 100 Jahren geboren wurde, im Gedicht "Eine verzweifelte Lebendigkeit" ahnungsvoll geschrieben:

… ich bin wie eine Katze, verbrannt bei lebendigem Leib,
zerquetscht von der Reifendecke eines Lasters,
von Kindern aufgehängt an einem Feigenbaum,

doch immer noch mit zumindest sechs
ihrer sieben Leben …

Der Tod besteht nicht
im Nicht-mehr-kommunizieren-Können,
sondern im Nicht-mehr-verstanden-Werden.

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Sendereihe

Gestaltung

Übersicht

Playlist

Komponist/Komponistin: Carl Orff 1895 - 1982
Gesamttitel: CARMINA BURANA - Cantiones profanae für Sopran, Tenor, Bariton, 2 Chöre und Orchester
Titel: 3. Veris leta facies (00:04:15)
Leitung: Andre Previn
Orchester: Wiener Philharmoniker
Solist/Solistin: Barbara Bonney
Solist/Solistin: Frank Lopardo
Solist/Solistin: Anthony Michaels Moore
Chor: Arnold Schönberg
Chor: Chor
Chor: Wiener Sängerknaben
Chor: New England Conservatory Chorus
Choreinstudierung: Katherine Edmonds Pusztai
Länge: 04:15 min
Label: DG 4399502

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