Hubert Gaisbauer

ORF/JOSEPH SCHIMMER

Gedanken für den Tag

Hubert Gaisbauer über Aristoteles und den Bettler Tobias

"Aristoteles und das Gute Leben" von Hubert Gaisbauer, Kulturpublizist

Adalbert Stifter hat im Gymnasium des Stiftes Kremsmünster gewiss Aristoteles gelesen, dort hat er sich ja angeeignet, was man ein humanistisches Fundament nennen kann. Er wusste von Aristoteles, "….dass ein Dichter nicht erzählt, was geschehen ist, sondern vielmehr, was sich zutragen könnte." Im Glück und im Unglück. Wir müssen uns den Dichter Stifter als einen unglücklichen Menschen vorstellen. Mit Beruf, Liebe und Gesundheit war es nie zum Besten bestellt. Sein gesamtes Werk kreist vielleicht deshalb um wesentliche Voraussetzungen für ein gutes Leben im Geiste des Aristoteles.

Da gibt es in der "Mappe meines Urgroßvaters" den Bettler Tobias. "Dieser kam zuweilen zu uns, und ging dann weiter", heißt es in der Erzählung. Einmal war der Bettler wieder gekommen - sterbenskrank. Augustinus, der junge Arzt, erprobte auf die liebevollste Art, was er von der Heilkunst gelernt hatte. Er richtete wollene, warme Tücher … "strich dann sanft mit seiner Hand von außen über die schmerzende Stelle und gab ihm zeitweilig von einem warmen Tranke."

Er blieb bei dem Bettler Tobias bis dieser wieder gesund war und - so Stifter - wieder "sein Amt verwalten" konnte. Was ist das Amt eines Bettlers? Tobias trägt Botschaften von Haus zu Haus, gibt den einen oder anderen Ratschlag und zeigt den Kindern die Schönheit der Natur. Auch der Bettler versteht sein Amt als ein Gebot des Heilens, wenn er in den Mitmenschen die Barmherzigkeit weckt und auf seine Art Barmherzigkeit übt. Als dem jungen Doktor plötzlich der Vater und seine zwei Geschwister an einer Krankheit gestorben waren, die in der Gegend herumgegangen war, da hatte der Bettler Tobias gewusst, wer im Augenblick der Bedürftigere von beiden und wie ihm zu helfen ist. Er sucht den Doktor auf, um ihm "sich trösten zu helfen". "Er saß bei dem Doktor am Tische und weinte mit ihm. Dann nahm er wieder den Stab und wanderte weiter."

Man erfährt von Adalbert Stifter immer wieder, dass ein gutes Leben ein gutes Herz braucht. Und sonst eigentlich gar nichts.

Service

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Sendereihe

Gestaltung

Playlist

Komponist/Komponistin: Attilio Ariosti
* Ecco - 4.Satz
Titel: Sonata C-dur: Viola d'amore, M. I. Stadlmann,
Solist/Solistin: Ensemble sonor beatus
Solist/Solistin: Margit Vig/Viola d'amore, Barockgeige
Solist/Solistin: Angela Koppenwallner/Cembalo
Solist/Solistin: Christoph Urbanetz/Gambe
Label: W.A.R Records LC 6627

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