Spielräume
Rory Block und die zwei Seiten der Vinylschallplatte
Musik aus allen Richtungen mit Michael Neuhauser. Das erfrischend janusköpfige Album "I'm in Love"
30. Jänner 2026, 17:30
Der römische Gott Janus, dem der Monat Januar seinen Namen verdankt, ist der Gott der Dualität. Vorwärts und rückwärts blickt er mit seinen zwei Gesichtern. Und genau das tut auch Rory Block auf ihrem Album "I'm in Love" aus dem Jahr 1976. Ein rein marktorientiertes Major Label hätte da vermutlich nicht mitgespielt, aber das kleine Label Blue Goose Records machte es möglich. Und die Notwendigkeit, die Musik einer Vinylschallplatte auf zwei Plattenseiten verteilen bzw. das Hören einer LP mit dem Umdrehen der Platte unterbrechen zu müssen, erwies sich dafür als willkommen.
Und so füllte die 1949 in Princeton, New Jersey, geborene Aurora "Rory" Block die Seite A ihrer Platte mit sechs Songs aus eigener Feder: zeitgenössisch am gerade populären Disco-Stil angelehnt, voller Soul und von ihr selbst am Klavier begleitet. Die Seite B hingegen widmete sie Songs aus dem reichen Fundus ihrer Vorbilder aus längst vergangenen Zeiten: uralter Blues im weitesten Sinne. Dazu überließ sie das Klavier dem Ragtime-Spezialisten Alan Seidler und nahm selbst die Akustikgitarre zur Hand, die sie seit ihrer Jugend und ihrer intensiven Beschäftigung mit dem Delta-Blues bis heute meisterhaft spielt.
Natürlich war das irreführend und enttäuschte viele, die sich von Rory Block entweder nur das eine oder nur das andere erwarteten, aus heutiger Sicht jedenfalls wirkt gerade die Janusköpfigkeit dieses Albums sehr erfrischend. Kommerzieller Erfolg blieb Rory Block damals noch verwehrt. Der stellte sich ironischerweise erst ein, als sie sich später ganz auf die B-Seite schlug, sich also nur noch dem Blues zuwandte und mit ihrer an Größen wie Robert Johnson, Mississippi John Hurt, Reverend Gary Davis oder Son House geschulten Meisterschaft eine eigene Nische im Musikbusiness eroberte.
Sendereihe
Gestaltung
- Michael Neuhauser
