100 Jahre alte japanische Dame

APA-IMAGES/AFP/PHILIP FONG

Radiokolleg

In Würde altern (1)

Eine Frage der gesellschaftlichen Haltung

Das Älterwerden erfährt jeder Mensch individuell, am eigenen Körper. Doch die Veränderungen des Alltags, der Teilhabe am gesellschaftlichen Leben und der notwendigen Sorgekultur betreffen nicht nur die Einzelnen, sondern reflektieren, wie eine Gesellschaft mit dem Alter umgeht. Wenn dieser Blick auf Jugendlichkeit, Vitalität und Funktionalität gerichtet ist, was bedeutet es dann in Würde zu altern?

Den 100. Geburtstag feiern: Das ist in Japan bereits für mehr als 90 000 Menschen die Realität. Weltweit steigt die Lebenserwartung und auch in Österreich ist bereits jede fünfte Person 65 Jahre alt oder älter - Tendenz steigend. Die gesellschaftliche Präsenz älterer Menschen wächst. Höheres Alter wird vor allem mit Pflegebedarf, Einschränkungen und Krankheit assoziiert. Ein Blick zurück in die Geschichte zeigt, dass das in vorindustriellen Gesellschaften anders war. Alter bedeutete nicht zwingend Rückzug, sondern - mitunter aus Notwendigkeit - eine veränderte Rolle im ökonomischen und sozialen Leben. Heute ist der Umgang durch die Herausbildung des modernen Wohlfahrtstaates stärker institutionalisiert. Es ist eine ambivalente Entwicklung, die durch Pensions-, Pflege- und Gesundheitssysteme zwar den materiell abgesicherten Lebensabend ermöglicht. Aber es entsteht dadurch auch eine neue Form der sozialen Distanz und das nicht erst seit Beginn der Corona-Pandemie. Gerade die Teilhabe, Mitbestimmung und Sichtbarkeit auch im hohen Alter sind für die Lebensqualität entscheidend, wie sozialwissenschaftliche Studien aufzeigen. Und es gibt sie, die Initiativen hin in Richtung einer altersfreundlichen Gesellschaft - die Teilhabe trotz kognitiver oder physischer Einschränkungen ermöglicht.

Gestaltung: Barbara Matzner-Volfing

Service

Radiokolleg-Podcast

Literatur:
Simone de Beauvoir: Das Alter, Rowohlt Taschenbuch

Pat Thane (Hrsg.): Das Alter - eine Kulturgeschichte, Primus

Gertrud Backes, Wolfgang Clemens: Lebensphase Alter - eine Einführung in die sozialwissenschaftliche Altersforschung, Beltz Juventa

Thomas Rentsch (Hrsg.): Gutes Leben im Alter - die philosophischen Grundlagen, Reclam Taschenbuch

Michael Lehofer: Alter ist eine Illusion - wie wir uns von den Grenzen im Kopf befreien, Gräfe und Unzer

Peter Scheer: Lust aufs Alter. Unkonventionelle Gedanken über das Älterwerden, Falter Verlag

Marc Augé: Zeit ohne Alter - eine Ethnologie des Ich und des Älterwerdens, Turia und Kant

Gert Dressel, Johanna Kohn, Jessica Schnelle (Hrsg.): Erzählcafés - Einblicke in Praxis und Theorie, Beltz Juventa

Marina Kojer im Gespräch mit Gert Dressel: Palliative Geriatrie ist für mich Lebenssinn geworden, Palliative Geriatrie in der Praxis, Jubiläumsband, der Hospiz Verlag

Egon Biechl: Der Chamäleon, Mails & More

Links:
Achtsamer 8.
Erzählcafé - Zuhören und Erzählen in der Josefstadt
Ina Biechl
Plaudern in der Bücherei, Wien
Verein Sorgenetz
Projekt "Erzählen über Sorgekulturen am Lebensende (SoKuL)
Verein Wohnen ohne Alterslimit
Daniela Martos

Expert:innen dieser Radiokollegreihe:
Gert Dressel, Historiker und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Pflegewissenschaft der Universität Wien sowie beteiligt im Verein Sorgenetz und bei der Initiative "Achtsamer 8."

Katharina Heimerl, Public Health Expertin und assoziierte Professorin am Institut für Pflegewissenschaft der Universität Wien

Franz Kolland, Soziologe Gerontologe und Leiter des Kompetenzzentrums für Gerontologie und Gesundheitsforschung in Krems

Ingrid Marth, pensionierte dipl. Gesundheits- und Krankenpflegerin

Daniela Martos, Geschäftsführerin Verein Sorgekultur und Initiatorin "Achtsamer 8."

Ursula Staudinger, Psychologin, Gerontologin und Rektorin der Technischen Universität Dresden

Ursula Wagner, Verein Wohnen ohne Alterslimit

Anna Wanka, Soziologin und Gerontologin, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Sozialpädagogik und Erwachsenenbildung an der Goethe Universität Frankfurt

Sendereihe