ORF/URSULA HUMMEL-BERGER
Gedanken für den Tag
Ein Ton, der alles verändert
Thomas Gansch, Trompeter, zum 100. Geburtstag von Miles Davis
29. April 2026, 06:57
Zum Ö1-Jazztag und dem 100. Geburtstag von Miles Davis widmet der österreichische Trompeter, Komponist und Entertainer Thomas Gansch, eine der markantesten Musikerpersönlichkeiten der heimischen Jazz- und (Blas-)Musikszene, seine "Gedanken für den Tag" einer der einflussreichsten Figuren der Musikgeschichte. Für Gansch ist Miles Davis nicht nur ein stilprägender Jazzmusiker, sondern ein radikaler Erneuerer - jemand, der Musik immer wieder neu gedacht und verändert hat.
Miles Davis habe Stillstand verabscheut, sagt Gansch. Denkmalpflege war ihm fremd. Stattdessen suchte er stets nach dem Neuen, dem Zeitgenössischen, dem Ungehörten. Er ließ neue Strömungen in seine Musik einfließen, öffnete jungen Musikerinnen und Musikern Räume und vertraute der Musik mit einer Konsequenz, die bis heute beeindruckt. Dieses Vertrauen zeigte sich besonders in Momenten völliger Offenheit: spontane Konzerte ohne Proben, legendäre Auftritte wie beim Isle of Wight Festival oder der vollständig improvisierte Soundtrack zu "Fahrstuhl zum Schafott".
Was Miles Davis für Thomas Gansch so einzigartig macht, ist sein Ton - tief berührend, poetisch, direkt. Ein Spiel ohne Effekthascherei, ohne Vibrato, ohne hastige Linien. Stattdessen Geschichten, Stimmungen, Poesie. Ein Sound, der unmittelbar ins Herz trifft.
Gansch zeichnet den Weg eines Musikers nach, der sich vom Bebop der frühen Jahre erst mühsam emanzipieren musste, bis er Anfang der 1950er Jahre seine unverwechselbare Stimme fand. Von da an ging es für Davis nur nach vorne: immer intensiver, immer kompromissloser, bis hinein in die elektrischen Phasen der 1970er Jahre.
Für Thomas Gansch ist Miles Davis auch eine persönliche Inspirationsquelle. Die Fähigkeit, mit einem einzigen Ton eine Geschichte zu erzählen, prägt sein eigenes Spiel. Ebenso das Vertrauen, sich auf die Bühne zu stellen und darauf zu bauen, dass aus dem Moment etwas Großes entsteht. Und nicht zuletzt die Faszination für eine Biografie voller Widersprüche, klarer Urteile und ungebrochener Haltung.
