Zwischenruf

Kulturgeschichtliches zum "wunderschönen Monat"

von Martin Lintner, Professor für Moraltheologie in Brixen

Der Mai wird als Wonnemonat bezeichnet. Spontan denke ich dabei an die Freuden des Frühlings, an die Wärme der Sonne, die nach den langen Wintermonaten wieder an Kraft gewinnt, an die Blüten und Blumen und an das saftige Grün der Wiesen, an den Kuckuck, die Schwalben und andere Zugvögel, die wieder zurückkehren aus den südlichen Gebieten.

Im Frühling bricht nicht nur in der Natur neues Leben auf. Auch Menschen spüren neue Lebenskraft, Zuversicht und Freude. Der Mai ist ein beliebter Hochzeitsmonat. In seinem "Buch der Lieder" verbindet der Dichter Heinrich Heine den Mai mit den Gefühlen der Liebe. Das Gedicht "Im wunderschönen Mai" lautet:

"Im wunderschönen Monat Mai,
Als alle Knospen sprangen,
Da ist in meinem Herzen
Die Liebe aufgegangen.

Im wunderschönen Monat Mai,
Als alle Vögel sangen,
Da hab ich ihr gestanden
Mein Sehnen und Verlangen."

Interessanterweise hat die Bezeichnung "Wonne" aber zunächst wenig mit den hier anklingenden Wonnen von Liebe, Sehnen und Verlangen zu tun. Vielmehr leitet sie sich vom mittelhochdeutschen Begriff für Weide ab. Der Mai ist also der Weide-Monat, in dem die Bauern ihr Vieh wieder nach draußen auf die Weide bringen. Zwischen den Wonnen der Liebe und der Weide können wir jedoch einen Zusammenhang herstellen: Es ist die Fruchtbarkeit. Die Fruchtbarkeit der Natur schenkt Freude und Hoffnung - und sie kann auch das zarte Pflänzchen der Liebe zwischen Menschen zum Sprießen bringen.

Der römischen Fruchtbarkeitsgöttin Maia verdankt der Monat Mai übrigens seinen Namen. In der römischen Antike wurde zu Beginn dieses Monats dieser Göttin geopfert, wie der römische Dichter Ovid überliefert. Genau hier finden SICH die historischen Wurzeln dafür, dass der Mai in der katholischen Kirche als Marienmonat gefeiert wird. Im Mittelalter wurden im Zuge der Christianisierung oft VORCHRISTLICHE Gepflogenheiten übernommen und christlich umgedeutet. In diesem Fall trat Maria, die Mutter Jesu, die im Christentum als Gottesmutter verehrt wird, an die Stelle der Fruchtbarkeitsgöttin Maia. Ein ähnliches Phänomen lässt sich auch bei der Christianisierung indigener Religionen beobachten, beispielsweise in Lateinamerika. Dort wird die Erde, die Leben schenkt, als kniende, schwangere Frau dargestellt.

Für viele indigene Christen und Christinnen bedeutet die Verehrung Mariens die Möglichkeit, an die Frömmigkeit ihrer Ahnen anzuknüpfen. Maria stellt im Christentum jedoch keine Fruchtbarkeitsgöttin dar. Ihre Verehrung als Theotokos, wie sie in den orthodoxen Kirchen genannt wird, wörtlich übersetzt heißt das Gottesgebärerin, bringt den Glauben an einen Gott zum Ausdruck, der Ursprung und Quelle allen Lebens ist.

Unabhängig vom religiösen oder weltanschaulichen Hintergrund glaube ich, dass uns die Natur mit der Erfahrung des Geheimnisses und der Faszination des Lebens beschenkt, welches nach langen Wintermonaten neu aufblüht und nach vorne drängt. Besonders jetzt, im wunderschönen Monat Mai. Mir wird dabei bewusst, wie schützenswert diese kostbare Natur ist.

Sendereihe

Gestaltung

Playlist

Komponist/Komponistin: André Caplet
Album: Widmung - Julia Wacker, Harfe
* Nr. 2: à l'espagnole. Avec galbe et très drapé
Titel: Divertissements für Harfe
Anderssprachiger Titel: Deux Divertissements
Solist/Solistin: Julia Wacker /Harfe
Länge: 06:03 min
Label: Ars Produktion ARS38626 EAN: 4260052386262

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