Ö1 Kulturtalk
O tempora, o mores! Kampfzone Kunst
Kultur gehört besprochen! Der Ö1-Kulturtalk aus dem ORF RadioKulturhaus mit Almuth Spiegler (Die Presse), Nicole Scheyerer (Falter), Sabine B. Vogel (NZZ) und Christine Scheucher (Ö1). Ein Unterwasser-Themenpark, ein Plattenbau in der Lagune und eine Hauptausstellung, die Kunst ins Zentrum rückt, die an den so genannten Rändern entsteht. Am 9. Mai hätte die 61. Kunstbiennale in Venedig feierlich eröffnet werden sollen. Die offizielle Eröffnungszeremonie wurde jedoch abgesagt. Bereits im Vorfeld verdeckten politische Debatten rund um die Teilnahme Russlands und Israels die Auseinandersetzung mit der Kunst. Was passiert, wenn Kunst-Events zur politischen Bühne werden?
31. Mai 2026, 18:15
Am Tag vor der großen Biennale-Eröffnung blieb es in vielen Länder-Pavillons in den Giardini still. Eine Protestaktion der Aktivistengruppe "Art Not Genocide Alliance (ANGA)" rief dazu auf, ein politisches Zeichen gegen die Teilnahme Israels bei der 61. Kunstbiennale zu setzen. 27 Länderbeiträge schlossen sich an. Darunter der österreichische Pavillon, der während der Preview-Tage, geradezu gestürmt wurde. Nach dem Rücktritt der Biennale-Jury und der Absage einer feierlichen Eröffnung, gestaltet sich der Auftakt der diesjährigen Biennale weiterhin durchwachsen. Dabei darf sich Österreich in diesem Jahr über maximale Aufmerksamkeit freuen.
Die Kunst des Boykotts
Nackte Körper, die sich an Apparaturen abstrampeln, eine Kläranlage, die aus dem Urin der Biennale-Besucherinnen Wasser filtert, Frauenkörper, die zum lebendigen Glockenschwengel werden. In ihrem Beitrag für den österreichischen Pavillon auf der Kunstbiennale in Venedig flutet Florentina Holzinger Josef Hofmanns ikonischen Kunsttempel. "Seaworld Venice" nennt Holzinger ihren Performance-Remix, der aus dem Fundus der Kunstgeschichte schöpft und den drohenden ökologischen Kollaps in starken Bildern in Szene setzt - denn am Ende ihres Performance-Zyklus können die Wassermassen nicht mehr gebändigt werden. Holzinger schafft ein Stationentheater, das in der vom Untergang bedrohten Lagunenstadt umso eindrücklicher wirkt. Dass der Auftritt der 40jährigen Theaterperformerin zu den Höhepunkten der 61. Kunstbiennale zählt, war bereits in der Preview-Woche, in der das Fachpublikum nach Venedig pilgert, klar. Bis zu drei Stunden Wartezeit nahmen Besucherinnen in Kauf, um Holzingers Kunst-Spektakel live mitzuerleben. Internationale Kritiker wie Jerry Saltz feierten Holzinger in den Sozialen Netzwerken als Ausnahmeerscheinung einer Biennale-Ausgabe, die insgesamt hinter den Erwartungen zurückbleibt. Bei internationalen Großausstellungen und Kunstbiennalen war das Interesse an Performance und Tanz in den vergangenen Jahren groß. In einer Welt, in der ein großer Teil der Kommunikation in virtuellen Räumen stattfindet, giert das Publikum nach dem Echtzeiterlebnis im Jetzt und Hier.
Der größte Zankapfel dieser Biennale bleibt freilich die Teilnahme Russlands. Zum ersten Mal seit 2022 präsentiert Russland einen Länderbeitrag in den Giardini, der sich vordergründig unpolitisch gibt und die universelle Sprache der Musik ins Zentrum rückt. Sie soll bekanntlich völkerverständigend wirken. Von Techno-DJs bis zu Vokalisten: Der Klangteppich, der ausgebreitet wird, ist divers. Dass man zu diesem Tanz auf dem Vulkan Gratis-Vodka kredenzte, darf als zynische Volte bezeichnet werden. Die Entscheidung von Biennale-Präsident Petrangelo Buttafuoco, Russland erneut zuzulassen sowie die umstrittene Teilnahme Israels bewegte die diesjährige Biennale-Jury wohl dazu, bereits vor der Preview-Woche vollzählig zurückzutreten. Die Verleihung der Goldenen Löwen soll erst am 22. November stattfinden - entscheiden soll keine Fachjury, sondern das Publikum.
Der Scherbenhaufen, den Kulturkämpfe bei der diesjährigen Kunstbiennale hinterlassen haben, könnte nicht größer sein. Von Anfang an stand die 61. Ausgabe der wohl bedeutendsten Großausstellung der Welt unter einem schlechten Stern. Die aus Kamerun stammende Chefkuratorin Koyo Kouoh erlag im Mai 2025, mitten in der Vorbereitungszeit, einem Krebsleiden. Als Direktorin des berühmten Zeitz MOCCA in Kapstadt, eines der profiliertesten Museen für afrikanische Kunst, galt sie als Garantin dafür, ein Ausstellungskonzept zu präsentieren, das über den vielgescholtenen eurozentristischen Tellerrand schaut. Tatsächlich sieht man in der Hauptausstellung unter dem Titel "In Minor Keys" ("In Moll-Tönen") mitunter Kunst, die das Geschmacksurteil eines Publikums herausfordert, das am westlichen Blick geschult wurde. Koyo Kouoh setzt fort, was Biennale-Chefkurator Adriano Pedrosa 2024 begonnen hat: Die Biennale rollt Künstlern und Künstlerinnen aus Afrika, Asien und den Amerikas einen roten Teppich aus, die am internationalen Kunstparkett viel zu lange übersehen wurden. Mit einem großen Kunstspektakel läutete Florentina Holzinger die 61. Kunstbiennale ein. Auf der Glocke, die von menschlichen Glockenklöppeln zum Klingen gebracht wird, prangt ein Zitat Ciceros, in dem der große Sittenverfall beklagt wird. O tempora, O mores! O Zeiten! O Sitten! In Anbetracht der politischen Querelen, die den Auftakt der diesjährigen Biennale begleitet haben, wird so mancher Besucher wohl in dieses Lamento einstimmen.
