Radiokolleg

Die Philosophin geht in die Oper (1)

Figaro oder Die Oper von Frivolität und Ehe

Martha Nussbaum, Professorin für Rechtswissenschaften und Ethik an der University of Chicago, ist eine der führenden politischen Philosophinnen unserer Zeit. In ihrem neuen Buch Republic of Love. Opera and Political Freedome (2026) findet sie ein Heilmittel für die emotionalen Leiden unserer Gesellschaft in Kunst und insbesondere in der Oper. Oper setze sich mit politischem Denken und mit philosophischen Ideen zu Recht und Freiheit, Geschlecht, Rang und Klasse auseinander. Für Nussbaum entspringt Mozarts Hochzeit des Figaro einem "Republikanismus des Herzens", der das Publikum mit jenen neuen Emotionen erfüllt, die jedes demokratische Gemeinwesen benötigt. Dieser Tradition sind auch Beethovens Fidelio und im 20. Jahrhundert Benjamin Brittens Peter Grimes oder Nixon in China von John Adams verpflichtet. Martha Nussbaum: "Ich glaube, Opern regen zu tiefgründigen Gedanken und Selbstreflexion an, was auf lange Sicht mehr bringt als hundert Demonstrationen. In unserer Medienkultur ist das Denken so oft oberflächlich und seicht, und die Künste rufen uns dazu auf, zu wertvolleren Menschen mit mehr innerer Tiefe zu werden."

Nicht Figaro und der zügellose Graf Almaviva steht im Zentrum von Mozarts Die Hochzeit des Figaro, sondern Cherubino, die Gräfin und deren Kammerzofe Susanna. Demokratie erfordert eine neue Art Mensch, einen, der nicht von Rang, Rivalität oder Gewalt getrieben ist. Der Page und Mezzosopran Cherubino ist der Prototyp dieses Vorzeigemodells - verletzlich, einfühlsam und ohne Scheu, sich die Weisheit (und die Kleidung) von Frauen wie Susanna zu eigen zu machen. Cherubino hat kein Interesse an den Statusspielen, die die anderen Männer der Oper beschäftigen, und noch weniger an militärischen Heldentaten, er möchte einfach nur glückliche Beziehungen voller Liebe und Vergnügen eingehen. Sein Ideal und moralisches Programm besteht für Martha Nussbaum in einer Art verspieltem "republikanischen Hedonismus". Im Gegensatz dazu sind Figaro und der Graf Männer des Ancien Régime. Zwar befinden sich die beiden im Wettstreit um Figaros Verlobte Susanna, aber keine ihrer Arien richtet sich direkt auf das angebliche Objekt ihrer Begierden. Stattdessen singen sie wie besessen immer wieder davon, wie sehr sie ihren männlichen Rivalen demütigen wollen.

Gestaltung: Erich Klein

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