Ein Handy mit Tinder-App in Händen

ORF/URSULA HUMMEL-BERGER

Liebe, Sex und Marktwirtschaft

Die Ö1 Wochenserie über die Zukunft der Intimität.

Wisch und weg - nach diesem Prinzip funktionieren Dating-Apps wie Tinder. Die Plattform zeigt Fotos der Registrierten, ausgewählt nach Alter, optischen Präferenzen und Interessen. Ob man mit diesen Menschen tatsächlich in Kontakt treten möchte, signalisiert man mit einem Wischen: Nach rechts heißt "ja", nach rechts heißt "nein".

Wischen sich zwei Menschen gegenseitig nach rechts, gibt es ein "match", und die App stellt eine Kontaktmöglichkeit her. Ob daraus dann jenseits des Smartphones etwas wird, liegt an den Beteiligten. Die meisten durchforsten das riesige Angebot an Fotos nicht auf der Suche nach einer festen Beziehung, sondern nach Gelegenheitssex. Wird mehr daraus, auch gut. Wird nichts daraus, ist das auch kein Problem - die nächstbeste Paarung könnte nur drei Wischer links warten.

Sexting gilt als normal

Apps und Onlineplattformen machen zwangloses Kennenlernen heute einfacher denn je. Der Zugang zu Verhütungsmitteln ist niederschwellig. Ein Viertel aller Suchanfragen im Netz dreht sich um Pornografie, die noch nie so leicht zu finden und zu konsumieren war. Sexting, also intime Texte und Bilder zu verschicken, gilt als normal. Was einmal "pervers" war, ist heute vielleicht noch ein bisschen verrückt. Eigentlich war unsere Kultur in Sexfragen nie so tolerant wie heute. Doch dem Sex und der sexuellen Beziehung werden derzeit eher Abgesänge als Lobeshymnen gewidmet.

Statistiken aus den USA zeigen, dass junge Menschen immer weniger Sex haben und ihr Sexualleben auch immer später beginnt. Seit Anfang der 1990er Jahre ist der Anteil der 15- bis 18-Jährigen, die schon einmal Sex hatten, von 54 Prozent auf 40 Prozent geschrumpft. In Europa beobachtet man eine ganz ähnliche Entwicklung. Hat die ständige Verfügbarkeit von Sex zu einer grassierenden Appetitlosigkeit geführt? Das ist ein Erklärungsansatz. Ein anderer ist, dass es zwar leicht ist, ein sexuelles Abenteuer zu haben, nicht aber, eine längerfristige Beziehung zu beginnen.

Tinder-App auf dem Handy

ORF/URSULA HUMMEL-BERGER

Marktwert optimieren

Eine Theorie, der die israelische Soziologin Eva Illouz ihr jüngstes Buch "Warum Liebe endet" gewidmet hat. Darin analysiert sie den durchkapitalisierten Paarungsmarkt, auf dem die Teilnehmenden permanent dazu angehalten sind, ihren Marktwert zu überprüfen und zu optimieren, der Prämisse folgend: Wer sich nur genügend anstrengt, wird auch erfolgreich sein. Hier bleiben Bindungen meist flexibel, oder es kommt erst gar nicht dazu.

Im Englischen hat die "situationship" bereits die "relationship" abgelöst. Ständig lockt die Verfügbarkeit eines potenziell besseren Partner/innen-Modells. Hinzu kommt: Fair ist der Liebesmarkt auch nicht. Was Informationen und Machtverhältnisse betrifft, beobachtet Illouz enorme Schieflagen. Den anderen auf seine Absichten festzunageln, ihn oder sie vollends zu durchschauen, ist nicht möglich. Und wenn es um Sex und Liebe geht, dann wirken die Asymmetrien der Geschlechterverhältnisse nach wie vor. Der Paarungsmarkt signalisiere Freiheit für alle, von Selbstverwirklichung könne jedoch keine Rede sein, meint Illouz.

Das Ende des Sex?

Doch es gibt auch Stimmen, die diesen Entwicklungen etwas Positives abgewinnen können. In Zukunft werden Maschinen einen immer größeren Raum im Sexualleben des Menschen einnehmen, prophezeit die Kulturwissenschafterin Sophie Wennerscheid. Denn der Mensch habe sich stets danach gesehnt, die natürlichen Grenzen seiner Sexualität zu überschreiten. Humanoide Roboter, zugeschnitten auf die individuellen Bedürfnisse des Menschen, könnten in Zeiten zunehmender Technisierung die Antwort für eine beziehungslose Gesellschaft sein.

Das damit einhergehende Fortpflanzungsproblem hat wiederum der Bioethiker Henry T. Greely unter die Lupe genommen: Er prophezeit nicht das Ende der Liebe, sondern das Ende des Sex. Stammzellenforschung und Genetik würden es möglich machen, den eigentlichen Akt in Reagenzgläser zu verlagern und dabei stets den gesündesten Embryo auszuwählen. Vielleicht kann dann ja auch ein Roboter die Kindererziehung übernehmen.

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