"Leuchtfeuer" Kreisky

Der deutsche Filmemacher und Schriftsteller Alexander Kluge und der Soziologe und Politologe Oskar Negt erhalten vom Renner-Institut in Wien für ihr publizistisches Gesamtwerk den "Bruno-Kreisky-Preis für das politische Buch 2008".

Der deutsche Filmemacher und Schriftsteller Alexander Kluge (77) und der Soziologe und Politologe Oskar Negt (75) erhalten vom Renner-Institut in Wien für ihr publizistisches Gesamtwerk den "Bruno-Kreisky-Preis für das politische Buch 2008".

Im Interview mit Wolfgang Huber-Lang von der APA spricht Alexander Kluge über seine Bezüge zu Bruno Kreisky, seine überraschende Bewunderung der k.u.k.-Zeit und seine kommenden neuen Bücher und Filme.

APA: Herr Kluge, Sie erhalten gemeinsam mit Oskar Negt den Bruno-Kreisky-Preis. Was verbindet Sie mit Bruno Kreisky?
Alexander Kluge: Die großen Sozialdemokraten wie Willy Brandt oder Bruno Kreisky stehen wie Findlingsblöcke im letzten Jahrhundert. Es gibt vertrauenswürdige Politiker und weniger vertrauenswürdige Politiker. Diese gehören zu den vertrauenswürdigen, die auch Vertrauen binden. Das ist selten. Insofern hat er schon etwas mit meinem Lebensschiff zu tun, als eines der Leuchtfeuer, die nicht verrückt werden können. Wir haben ja auch Strandräuber, die versuchen, möglichst viel Beute zu machen.

Hat es persönliche Begegnungen gegeben?
Nein, es ist leider so, dass Reichsdeutschland und seine Politik und die österreichische Politik relativ wenig miteinander gesprochen haben. Wir hätten es tun sollen, denn internationale Politik ist von Wien aus gemacht worden und nicht von Bonn. Man hat aber als Filmemacher und Schriftsteller so eine Art Landkarte politischer Vertrauenswürdigkeiten, und zu denen gehörte Kreisky.

In Österreich gibt es eine Art Verklärung dieser Zeit. Man sagt, in der Kreisky-Ära habe es einen funktionierenden Austausch zwischen Politikern und Intellektuellen gegeben, der heute fast gänzlich versiegt sei. Wie ist das in Deutschland?
Genau so, wie Sie das beschreiben. Nur vielleicht etwas zeitlich versetzt. Wir hatten einmal einen Gegensatz zwischen Macht und Intelligenz, das war etwa eine Zeit, in der ein deutscher Bundeskanzler (Ludwig Erhard, Anm.) die "Gruppe 47" als Pinscher bezeichnete. Das ist natürlich keine Basis für höfliche Gespräche. Dann gab es eine sehr intensive Gewissenserforschung auf beiden Seiten, und es bildete sich so etwas wie eine Republik. Das ist die gewissermaßen späte Bonner Republik, in der sich Geist und Macht nähergekommen waren. Und eigentlich wäre dieses Land als ein kleines Land in Europa weiterhin gediehen. Dann kam der "Anschluss", und der hat das wieder auseinandergerissen, so dass wir eigentlich keine integrierte Gesellschaft haben, weder im geistigen Sinn noch auf den Ebenen der Macht und der Medien, sondern wir haben eine prätendierte Gesellschaft. Berlin ist nur als Theaterbühne wirksam. Ich hatte immer eine große Bewunderung für die k.u.k.-Herrschaft. Für mich ist der Erste Weltkrieg mit der Beerdigung von Kaiser Franz Joseph beendet gewesen: Der ungarische Adel kommt nach Wien und reist in vier D-Zügen zurück, alle vier D-Züge verunglücken! Ein Requiem und ein Sturz: Solche Dinge bewegen mich. Da hab ich natürlich einen Film darüber gemacht! (lacht)

Die Bewunderung für die k.u.k.-Zeit ist in der Huldigung des Mitteleuropa-Gedankens deutlich konservativ konnotiert. Das stört Sie nicht?
Nein, so wie auch Henry Kissinger das egal ist, ob seine Gedanken konservativ oder verändernd sind. Ich habe nach 1991 sehr daran gedacht, dass es für die G.U.S.-Staaten und Europa auch eine nicht-nationalistische Administration geben könnte. Ich will nicht den Kaiser Franz Joseph wieder einführen, da dürfen Sie mich nicht missverstehen, aber ich bedauere, dass eine Struktur verloren ging, die über Ländergrenzen übergreifen konnte.

Das Hinausgehen über Strukturgrenzen liefert auch die Begründung für den Kreisky-Preis. Der wurde Ihnen "für ein ganzheitliches Konzept von Politik und Kultur" zugesprochen. Woran liegt es, dass diese Ganzheitlichkeit sonst mehrheitlich verloren gegangen ist?
Das kann ich Ihnen nicht sagen, ich kann aber sagen, wie eine Gegenproduktion ganz praktisch funktioniert: Wir haben 1972 das Buch "Öffentlichkeit und Erfahrung" geschrieben. Ich habe danach diese Grundgedanken im Kino der Autoren mit Fassbinder, Herzog, Reitz, Schlöndorff und anderen betrieben und für 20 Jahre am Leben erhalten können. Und noch heute sind Michael Haneke, der nun in Cannes die Goldene Palme gewonnen hat, genauso wie Quentin Tarantino, der den absoluten Gegenfilm dazu gemacht hat, in diesem Sinn Autorenfilmer. Sie gehorchen niemandem, den Produzenten und den Verleih möchte ich sehen, der die knechtet! Mit Haneke habe ich gerade ein schönes, langes Gespräch gemacht, das auch in meinem neuen Film vorkommt - ein Acht-Stunden-Film über die Finanzkrise mit dem Titel "Früchte des Vertrauens". Der erscheint als DVD im Suhrkamp Verlag, wird aber gekürzt auch im Kino vorgeführt. Online ist er sowieso präsent, denn die Sachen werden ja sofort abgekupfert.

Ihre Filme werden stark über die DVD-Schiene vertrieben. Werden sich Fernsehen und Kino als Medien mittelfristig ohnedies verabschieden?
Sagen wir mal so: Für extensive Landwirtschaft ist die DVD richtig, für intensive Landwirtschaft Kino und Fernsehen, und das Schönste ist aber das Internet, denn da treffen wir auf alle Formen, die es in der frühen Filmgeschichte gegeben hat. Zum Beispiel Minutenfilme. Der Zwang, alles, was es gibt, in Längen von ein bis drei Minuten zu formulieren, schafft Kleinode. Ein Diamant ist ja auch ein Konzentrat von Kohle! Damit beschäftigen wir uns sehr intensiv, dass man denselben Stoff, oder sagen wir: dasselbe Problem - etwa Liebe, Finanzen, oder Arbeitskraft - gleichzeitig in Form von ganz kurzen Beiträgen im Internet entwickelt, dann für die DVD viele Baumstämme zu Flößen zusammenträgt, für das Kino aus acht Stunden wieder eineinhalb Stunden Kino macht. Und außerdem machen Sie eine Gegenprogrammierung bei VOX am Samstag gegen "Wetten, dass..." und Raab und was es so gibt!

Und dann ist außerdem auch gerade wieder ein Buch von Ihnen erschienen...
Ja, "Das Labyrinth der zärtlichen Kraft", eine Sammlung von Liebesgeschichten. Das ist die Gegenthematik. Wirtschaftskrise - da hat man ja schon genug davon. Aber auch da sind auf einer beigelegten DVD 160 Minuten Film drinnen.

Sie haben offenbar den unendlich ausdehnbaren Arbeitstag erfunden?
Kluge: Nein, ich hab aber gute Mitarbeiter.

Bei der Wirtschaftskrise hat man den Eindruck, dass nach den ersten apokalyptischen Ängsten rasch Entwarnung gegeben wurde. Jetzt heißt es: Wir sind noch einmal davongekommen. Wir können uns also gravierende Einschnitte ersparen und weitermachen wie bisher.
Ich halte das für eine groteske Fehleinschätzung, aber ich hatte das erwartet. Die Experten, die ich in meinem Film dazu befragt habe, sagen etwas sehr Ernsthaftes. Sie sagen, nicht der Crash von 1929 oder die Wiener Krise von 1873, der wir die "Fledermaus" verdanken, ist damit vergleichbar, sondern Tschernobyl und Harrisburg. Sie haben die gleiche Ursache, den sogenannten Ausgrenzungsmechanismus. Dass man nur einen Teil der Realität wahrnimmt und anderes ausgrenzt, das war schon im Märchen von Dornröschen so. Da hat man zwölf Gedecke, und die dreizehnte Fee wird ausgeladen. Die rächt sich dann und legt das Ganze in Schlaf. Das ist genau das, was hier passiert: Jeder wird in den Schlaf gewogen. Auch die jetzige Obama-Rede an der Wall Street war eine Einschlafrede. Es geschieht ja nichts. Sie besagt nur: Wir werden euch den Pelz waschen, euch aber nicht nass machen. Wenn man aber Faktoren außer Acht lässt, müsste man sofort Scouts haben und Aufmerksamkeiten organisieren außerhalb des Systems. Eine Kontrolle über das System zu setzen, ist verrückt, weil sie nur das System nach oben erweitert und dem System Autorität gibt. Richtig wäre, ein zweites, sehr viel kleineres System danebenzusetzen. Ein Haifisch hat eine gute Navigation, weil ihn Pilotfischchen auf seinem Weg begleiten. Die vermisse ich.

Was muss also passieren, damit ein Umdenken bei den politisch Verantwortlichen einsetzt?
Es müssen Wahlen schiefgehen. (lacht) Nein, das wird nichts nutzen. Wir brauchen im Grunde neue politische Strukturen.

Service

Buch Alexander Kluge, "Das Labyrinth der zärtlichen Kraft - 166 Liebesgeschichten", mit Abbildungen und einer DVD, Suhrkamp Verlag

DVD Alexander Kluge, "Früchte des Vertrauens. Finanzkrise, Adam Smith, Keynes, Marx und wir selbst: Auf wen kann man sich verlassen?", Suhrkamp Verlag

Alexander Kluge
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