Von Magda Woitzuck
Hollywood - Teil 1
Als Simon, ein junger Cowboy aus Montana, nach Kalifornien kam, hatte er noch Träume. Er hatte Geschichten und Drehbücher im Handgepäck, doch die Filmmetropole Los Angeles brauchte ihn nicht, spie ihn aus und drängte ihn an den Rand. Seither starrt Simon nachts auf seine Monitore, die den Schriftzug HOLLYWOOD zeigen.
8. April 2017, 21:58
Simon schlug den Jackenkragen hoch, als er aus der Tür trat. Es war kühl geworden.
Er warf sich die Tasche über die Schulter und zog die Tür hinter sich zu, die Katze maunzte protestierend, sie steckte den Kopf aus dem Spalt. Um ein Haar hätte er sie erschlagen. Er trat nach ihr, sie verschwand stumm ins Innere der Wohnung. Er hasste das Vieh. Ein Überbleibsel von seiner letzten Freundin. Vor drei Wochen war er nach Hause gekommen und hatte den Inhalt aller Kästen auf dem Boden verstreut gefunden. Dass es kein Einbruch gewesen war, wurde ihm erst klar, als er ins Bad kam und die Regale, die Tracy gleich beim Einzug für sich beansprucht hatte, ihm mit gähnender Leere entgegen starrten.
Er war nicht zum ersten Mal in seinem Leben verlassen worden. Aber dieses Mal fühlte es sich anders an. Es mochte an der Katze liegen, die ihn beständig daran erinnerte, dass Tracy weg war.
Simon stieg in dunkelblauen Saab, drehte den Zündschlüssel, drehte die Heizung auf und rieb sich die Hände, bevor er losfuhr.
Als er auf den Parkplatz einbog, sah er einen roten Volvo, die Stoßstange war eingebeult, der Motor lief. Drin saß eine Blondine. Sie beobachtete ihn, als er aus dem Wagen stieg und zur Tür ging. Als er ein letztes Mal zu ihr hinsah, blickte sie gerade auf die Uhr.
Jimmy hob den Kopf, als er den Schlüssel im Schloss hörte.
23:52 sagte die Digitalanzeige über den Monitoren.
"Du bist früh dran", sagte Jimmy, ohne sich zu Simon umzudrehen. Er schlug das Manuskript zu, in dem er gelesen hatte. Über und neben der Tastatur verteilt waren rosarote Karteikarten, die er nun anfing zusammenzuschieben.
"Deine Mitfahrgelegenheit auch", antwortete Simon und stellte seine Tasche neben der Tür ab. Er hängte seine Jacke an den Haken und trat neben Jimmy.
"Wie ist es gelaufen?", fragte er und setzte sich auf den freien Drehstuhl.
"Gut", antwortete Jimmy, er schob das Manuskript in den Rucksack, warf die Karteikarten achtlos hinterher. "Sehr gut. Diesmal wird es was."
Simon wusste nicht mehr, wie oft er diesen Satz schon gehört hatte. Insgeheim hielt er ihn für einen Code für Los Angeles. In den eineinhalb Jahren, in denen Jimmy hier arbeitete, war er auf unzähligen Castings gewesen, einmal hatte er den Wasserträger in einem Football-Film gespielt, der es nicht einmal in die Kinos geschafft hatte, ein anderes Mal war sein Part nach dem Dreh aus dem Film geschnitten worden, weil seine Figur verzichtbar gewesen war.
"Und wofür ist das hier jetzt?" Simon deutete auf den Rucksack.
"Vierter Teil 'Bourne Identity'", antwortete Jimmy. Er blickte auf. "Ich will schließlich nicht ewig hier sitzen und das Zeichen anglotzen." Dann lachte er. "Entschuldigung", sagte er, "du weißt, wie ich das meine."
Simon nickte. Er wusste, wie Jimmy das meinte. Er hatte es auch einmal so gemeint, vor zwölf Jahren, als er hier angefangen hatte. Er war auch mit anderen Träumen nach L. A. gekommen.
Jimmy stand auf. "Sie ist heiß, was?", sagte er.
Simon nickte. "Wo hast du sie kennen gelernt?"
"Auf so einer Party vor ein paar Wochen."
Jimmy schulterte den Rucksack. "Ich werd sie nicht länger warten lassen, okay?"
"Zisch ab." Simon lächelte und drehte sich zu den Monitoren hin. Er hörte den Abschiedsgruß kaum mehr, so schnell war Jimmy verschwunden. Die Autotür fiel zu. Erst nach langen Minuten hörte er die beiden vom Parkplatz fahren.
Simon lehnte sich zurück. Betrachtete in Ruhe die Monitore. Die weißen, mächtigen Buchstaben, die aus den Hügeln wuchsen, als wären sie Bäume. Man hatte sie gerade erst restauriert, sie sahen klasse aus, ganz weiß und rein.
Er drückte ein paar Knöpfe, ein neues Bild erschien auf den Schirmen: die Buchstaben von hinten, nur Gerüst und verschalte Kabel. Der Lichtteppich dahinter war Los Angeles.
Er rollte auf seinem Stuhl zu seiner Tasche, nahm sie auf den Schoß, rollte weiter zur linken Tür: die Küche. Jimmy hatte Kaffee aufgesetzt. Dafür seine Tasse nicht abgewaschen. Er hatte nichts gegen Jimmy. Irgendwie erinnerte er ihn an James Dean, das Gesicht war es, oder die Art wie er die Haare trug - was auch immer, jedenfalls war da die Patina des Scheiterns, die Jimmy umgab, die Tragik. Jimmy war sich dessen nicht bewusst. Simon war seit 17 Jahren in L. A., seit zwölf Jahren wachte er über den Schriftzug. Die fünf Jahre davor hatte er - zunächst voller Tatendrang, später immer verzweifelter - versucht, seine Drehbücher zu verkaufen. Weder der Vampir-Film noch die Familiensaga aus dem 19. Jahrhundert - "Familie Beers Reise nach Amerika", das war der Titel gewesen - hatten Interessenten gefunden. Nicht einmal sein Treatment für einen Porno wollten sie haben, mit der Begründung, "dass es das alles schon einmal gegeben hat, langweilig, mein Freund". Langweilig? Zwei Frauen und ein Mann mit einem Schwanz wie ein Elefant und seinem Hund Lickit in einem Pool - langweilig?
Dann wurde die Miete wieder fällig. Diesmal war er schon über vier Monate drüber. Die Vermieterin wurde wütend. "Ich will mein Geld, Cowboy", rief sie immer, wenn sie ihn sah. Laut und deutlich, für jede Partei im Haus verständlich. Simon McDougall aus Montana, Mr. Rinderzüchter, Mr. Drehbuchautor, Mr. Künstler war zahlungsunfähig. Simon hatte angefangen, die Zeitungen nach Arbeit zu durchsuchen. Und dann hatte er es gefunden: Wächter gesucht. Schichtdienst. Klang gut, klang so, als könnte man dabei schreiben. Deshalb hatte er sich beworben. Genommen wurde er, weil er der Cowboy aus Montana war. Aus irgendeinem Grund glaubten die Leute, man sei ehrlich, bescheiden und verlässlich, wenn man vom Land war.
"Kannst du reiten?", hatte Robert ihn als erstes gefragt. Robert hatte ihn in den Job eingewiesen. Drei Schichten hatte er mit ihm gemacht, dann hatte Simon seine Schichten selbstständig übernommen. Robert war vor drei Jahren an Hodenkrebs gestorben.
Simon hatte gelächelt und "Klar" geantwortet, "klar kann ich reiten."
Er war sich sicher gewesen, dass es eine Übergangslösung war. Genauso wie sich Anna, Maskenbildnerin aus New York, Jimmy, der Schauspieler aus Wisconsin, und der neue, Dennis oder Desmond - der wollte Cutter werden, das war alles, was Simon von ihm wusste - sicher waren, dass es auch für sie nur eine Übergangslösung war.
Nur Derrick, einst angehender Regisseur aus Texas, hatte schon verstanden, dass es das jetzt, nach zehn Jahren Wächterdasein, wohl war. Dass es an der Zeit war, die Träume ad acta zu legen und sich dem wirklichen Leben zu widmen. Seine Frau hatte ihm vor einigen Monaten einen Sohn geboren, einen besseren Grund gab es nicht.
Die anderen waren zu jung und zu kurz dabei. Keiner von ihnen über dreißig, da fühlte sich das Leben noch so an, als läge alles in einer Zukunft, die man selber bestimmen konnte. Simon nahm es ihnen nicht übel. Er war selbst mit solchen Träumen gekommen, und er wusste, wie schwer es war, sich an einem Ort wie L. A. von dem Gedanken zu trennen, dass Glanz und Glamour nicht auch für einen selbst reserviert waren. Dass man einfach nicht gut genug für das Filmbusiness war. Versagt hatte. Aufgeben musste. Oder zumindest in der Realität aufwachen.
Simon stand auf, holte eine Tasse aus dem Schrank über dem Herd und füllte sie mit Kaffee. Er betrachtete zögerlich seine Tasche. Dann griff er danach und zog entschlossen den Zipp auf. "Scheiß drauf", sagte er leise und fing an zu wühlen.
Erst als der Flaschenhals beinahe waagrecht über der Tasse hing, hielt er inne. Er dachte nach. Worüber er nachdachte, waren alle Fürs und Widers das Trinken an diesem speziellen Arbeitsplatz betreffend. Er tat es nicht zum ersten Mal. Er kannte sich. Er wusste, was er tun würde. Er stellte die Flasche zurück auf die Anrichte. Der Geruch strömte ihm in die Nase, vermischt mit dem Aroma des erkalteten, wieder einmal zu starken Kaffees. Schnell schraubte er sie zu, legte sie wieder in die Tasche, nahm die Tasse und ging zurück in den Monitorraum, den Sessel an der Lehne hinter sich herziehend. Da war das H, die drei Os, die beiden Ls, das Y und das W und das D, alles vertraute Freunde. Simon kannte jede ihrer Ecken und Kanten, er kannte sie von vorne und von hinten, wenn sie einen schlechten Tag hatten oder einen guten. Er kannte ihren Blickwinkel: über die Stadt der Engel hinweg.
Sein Blick fiel auf die Anzeige der Digitaluhr: 02:31. Dann wanderte er zurück zur Flasche, die neben der Tasse mit frischem, dampfendem Kaffee stand. Er war genau so, wie Simon ihn gerne hatte. In 30 Jahren Kaffeetrinken hatte er seine Kaffeebrauerei zur Perfektion gebracht. "Dein Trinken auch", flüsterte er bitter. Dann schraubte er den Verschluss vom Scotch, die goldene Flüssigkeit gluckerte freundlich klingend aus dem Flaschenhals. Er füllte die Tasse bis zum Rand.
Er beugte sich weit vor, trank den ersten Schluck herunter. Er liebte und hasste den Geschmack des Alkohols gleichzeitig. Als er die Tasse nun vorsichtig anhob und noch zwei Schlucke nahm, tauchte Tracys Gesicht vor seinem inneren Auge auf. Tracy, wie sie sich die Nägel pink lackierte und sagte: "Du solltest aufhören, so viel zu trinken, Simon". Nicht, dass sie jemals so etwas gesagt hätte. Meistens hatte sie "Schatz, ich brauche Geld" gesagt. Oder: "Simon, ich kann so nicht mehr." Gegen Ende hin hatte sie meist geschwiegen. War der Katze mit wütenden, festen Bewegungen über Kopf und Rücken gefahren, als ob sie das Tier zu Tode streicheln wollte. Nur "Ich verlasse Dich", das hatte sie nie gesagt. Das hatte sie einfach getan. Simon und die Katze verlassen. Die leidet vermutlich mehr daran als ich, dachte Simon.
Er stand in der kleinen Küche, an nichts denkend. Nur den Geschmack des Alkohols und des Kaffees im Mund. Dann ging er, die Tasse vorsichtig in beiden Händen haltend, zurück in den Monitorraum.
Nach der dritten Tasse ging er vor die Tür. Es war kurz nach vier Uhr morgens, die Luft war feucht und es war kühl. Der weiße Rauch der Zigarette hob sich vom leichten Nebel ab, der aufgezogen war. Während er rauchte, ging er vor der Tür auf und ab. Einige Insekten umschwirrten die Neonröhre, die über der Tür mit dem Schild "Aufsicht" hing. Es war eigentlich verboten, während der Schicht nach draußen zu gehen. Das hatte sicherheitstechnische Gründe. Er konnte von draußen - anders als in den meisten Räumen drinnen, mit Ausnahme der Toilette - die Monitore nicht im Auge behalten. Das musste nämlich at all times geschehen, wie mehrere eingerahmte Verhaltensvorschriften an den Wänden verkündeten.
In den zwölf Jahren, in denen Simon nun schon dieser Arbeit nachging, war nie etwas Gröberes passiert. Zwei Mal hatte er Vandalen melden müssen. Öfters einen Komplettausfall der Scheinwerfer oder ein sonstiges technisches Problem. Auch waren dann und wann Schatten durchs Bild gelaufen, die nicht zu identifizieren waren. Die Polizei hatte später angerufen und Entwarnung gegeben, es gab große Tiere dort oben, vielleicht hatte sich ein Berglöwe zu den weißen Lettern verirrt.
Während seiner Schicht rauchte Simon immer eine Zigarette. Alle gingen früher oder später vor die Tür, vor allem im Sommer, in der Nacht, wenn die Gefahr, dass man dabei erwischt wurde, minimal war. Die Hitze in den Räumen konnte unerträglich werden, wenn alle Geräte liefen. Sie hatten keine Pause, also nahmen sie sich eine.
Als Simon zurückkam, setzte er sich in seinen Stuhl und betrachtete abwechselnd die Tasse und die Monitore. Er holte sich die Rückansicht der letzten drei Buchstaben auf einen der Bildschirme, dann die vorletzten und dann die ersten, bevor er zurück zur Frontalansicht wechselte. Er stützte sein Kinn in seinen Händen auf und starrte auf die Dunkelheit hinter dem H. Er starrte darauf, bis das Bild vor seinen Augen verschwamm. Simon unterdrückte ein Gähnen. Er nahm den halbleeren Becher, der neben der Tastatur stand, und trank ihn mit zwei Schlucken aus. Er verzog den Mund, nachdem er geschluckt hatte, stand leicht wankend auf und ging zur Toilette.
Eine Zeitlang saß er, die Hose um die Knöchel, auf dem Klo, er starrte die Wand neben sich an. Dort hing ein aktueller Kalender, die einzelnen Schichten waren farbig und mit schöner Schrift markiert. Er stellte fest, dass er das Wochenende frei hatte, was ihm entfallen war. An der Toilettentür hing ein Filmposter von "L. A. Confidential". Kim Basinger sah ins Nichts, Kevin Spacey guckte einem beim Pinkeln zu. Das Poster war ein Überbleibsel von einem Mädchen, das vor acht oder neun Jahren für einige Zeit hier gearbeitet hatte. Sie hatte bei der Produktion mitgewirkt, Set-Assistant, Catering, Kabelträgerin - er wusste nicht mehr, was es gewesen war. Nur an diesen Satz konnte er sich erinnern: "Sie ist wirklich so schön", hatte das Mädchen über Basinger gesagt.
Simon betrachtete lange ihren Mund.
Er betätigte die Spülung und knöpfte sich die Hose zu.
Bevor er wieder auf seinem Stuhl Platz nahm, machte er einen Umweg über die Küche. Dort stand die Flasche. Sie war noch zu etwa einem Fünftel gefüllt. Diesmal überlegte er nicht. Er schraubte den Verschluss ab, setzte die Flasche an und trank sie aus. Der Alkohol brannte in der Kehle. Er unterdrückte einen Würgreflex, während er die leere Flasche verschloss. Dann steckte er sie in seine Tasche und zog den Zipp wieder zu. Diesmal tat er das langsam und bedächtig. Er setzte noch einmal Kaffee auf.
