Von Magda Woitzuck
Hollywood - Teil 2
Er schlug die Augen auf. Die Uhr zeigte zwei nach sechs. Sein Kopf war vornüber gesunken. Was noch viel verbotener war, als die Aufsichtsräume zu verlassen, war während des Dienstes einzuschlafen. Er zwinkerte ein paar Mal, streckte die Arme von sich und stand auf. In seinen Schläfen pochte ein unangenehmer Schmerz im Rhythmus seines Herzschlags - zumindest fühlte es sich so an.
8. April 2017, 21:58
Ihm wurde schwindelig. Er holte sich ein Glas Wasser aus der Küche. Als er wieder auf seinem Stuhl saß, schüttelte er zwei Aspirin in seine linke Handfläche und schluckte sie mit dem Wasser. Erst als er das Glas neben der Tastatur abstellte und sein Blick wieder auf den Monitor vor ihm fiel, sah er sie. Sie stand auf dem zweiten L. Sie hatte dunkles Haar, das über ihre Schultern fiel. Das Gesicht konnte er nicht erkennen, geschweige denn den Ausdruck. Er hatte oft darüber nachgedacht, was er tun würde, wie er sich verhalten würde, wenn er einmal jemanden auf den Buchstaben sehen sollte - er hätte nicht gedacht, dass ihm der Schreck so in die Glieder fahren würde. Ihr Gesicht war sehr weiß, so weiß wie das L unter ihr. Seine linke Hand griff nach dem Telefonhörer, er wendete den Blick nicht von ihr ab. Er würde nie erklären können, warum er nicht sofort den Hörer abgehoben und die Kurzwahltaste zur zuständigen Polizeistation gedrückt hatte, abgesehen von der Tatsache, dass es ohnehin zu spät gewesen wäre. Er verharrte einfach in dieser Position - Hand auf dem Hörer, Augen auf dem Bildschirm. Er wusste im Nachhinein auch nicht, was er in diesen Sekunden gedacht hatte, die sie brauchte, um sich dazu zu entschließen. Sie zeigte keine Regung, streckte die Arme nicht aus, blickte nicht auf zum Himmel. In dem Moment, in dem sie sich bewegte, war sie auch schon verschwunden, war wie ein Stein diese fünfzehn Meter tief durch die Luft gefallen. Das einzige Detail, das er registrierten konnte war, dass sie keine Schuhe trug. Und dass ihre Haare wundersame Schatten auf das Weiß des Ls geworfen hatten.
Simon wartete vor dem Monitor. Er wechselte die Kamera nicht, er wartete nur. Ob sie vielleicht wieder oben auf dem L auftauchen würde. Vielleicht war sie eine Zirkuskünstlerin, dachte er kurz, oder eine Zauberin - er lachte laut bei dem Gedanken und zuckte im gleichen Moment über den hohen, hysterischen Laut zusammen.
Erst dann hob er den Hörer, drückte die Taste und wartete.
"Ja", sagte er. Er wartete die Antwort ab. "Ein Entwistle, richtig."
Er klemmte den Hörer zwischen Ohr und Schulter und blickte zur Digitaluhr: "Gerade eben."
Er seufzte, dann sagte er leise: "Ich war auf der Toilette, ich weiß es nicht genau."
Wieder eine Pause. "Wenn ich schätzen soll, dann etwa um acht nach sechs", sagte er schließlich leise. Er klang verstimmt. Das Gegenüber sagte wieder etwas. "Nein", unterbrach er, "nein, sie ist vom zweiten gesprungen, nicht vom ersten." Plötzlich fing er am ganzen Leib zu zittern an. Er wurde wütend: "Wie viele L hat das Wort Hollywood Ihrer Meinung nach?!", schrie er nach einer erneuten Unterbrechung.
Das Zittern wurde schlimmer, die Zähne klapperten aufeinander, ein befremdliches Geräusch. In seinen 39 Lebensjahren war ihm noch nie so kalt gewesen.
"Ja, gut, ich bestätige", sagte er zum Abschluss. "Um sechs Uhr acht Ortszeit ist eine unbekannte weibliche Person vom zweiten L des Hollywood-Schriftzuges gesprungen. Ich bitte um Überprüfung."
Er hatte das letzte Wort kaum zu Ende gesprochen, da knallte er den Hörer mit solch einer Wucht zurück auf den Apparat, dass Simon von sich selbst überrascht war. Abgesehen davon, dass die Kälte mit einem Mal durch ein unsägliches Hitzegefühl ausgetauscht worden war, verspürte Simon noch ein anderes Gefühl: die unfassbare Gier nach einem Schluck Scotch.
Er richtete sich auf, drehte den Wasserhahn zu und betrachtete sich im kleinen Spiegel der Toilette. Die Hände wanderten hoch und legten sich um die Wangen des Fremden, den er zum ersten Mal in seinem Leben zu sehen schien. Wassertropfen vermischten sich auf der Stirn mit dem Film des kalten Schweißes, der ihm ausgebrochen war, als er sich übergeben hatte. Er hatte das Gefühl, dass er stank; weit hinten in der Kehle schmeckte er die Galle. Der Scotch brannte nicht nur, wenn man ihn schluckte. Er hatte die Tür zur Toilette offen gelassen, um das Telefon zu hören. Er wollte nicht, dass sie anriefen. Er wollte kein Protokoll verfassen. Er wollte nicht wissen, wie sie hieß, warum sie es getan hatte. Versuchsweise zog er seine Haut auf dem Gesicht straff. Er versuchte sich zu erinnern, wie er früher einmal ausgesehen hatte.
Die Mädchen hatten ihn gut gefunden, zumindest hatte er diesen Eindruck gewonnen. Vor allem, als er mit dem Rodeo angefangen hatte. Er war gut gebaut gewesen, hoch gewachsen, breite Schultern, große Hände. Die Nase war schief geblieben nach einem Sturz, allerdings hatte ihm das etwas Verwegenes gegeben, das ihn noch attraktiver gemacht hatte. Er dachte an seine erste Frau, sie hatten mit 18 geheiratet. Mit 21 die Scheidung, mit 22 hatte er sein erstes Buch fertig gehabt und war nach Kalifornien aufgebrochen. Er hatte die Tiere satt gehabt, die Menschen und die Arbeit in dieser leeren Landschaft, nur dem Lauf der Jahreszeiten unterworfen. Er dachte an den Auftrieb der Herden, an die Pferde, er dachte an ihre Kraft und Stärke und Schreckhaftigkeit. Er erinnerte sich an das Gefühl der Macht, das ihn überkommen hatte, wenn er eines niedergerungen, es gebrochen hatte.
Erst Jahre später, eines Nachts auf der Party eines Fremden irgendwo in Malibu - als er betrunken auf der Terrasse in einer Liege gelegen war und auf den Pazifik hinaus geschaut hatte, mit einem beinahe bewusstlosen Mädchen auf dem Schoß, das nicht einmal mitbekam, dass er versuchte, ihr seinen Schwanz reinzustecken -, erst da war ihm der Gedanke gekommen, dass das mit dem Brechen der jungen Pferde einer Versklavung gleichkam. Er hatte das Mädchen angeekelt von sich gestoßen. Sie war einfach zur Seite gekippt und mit dem Kopf auf dem Boden aufgeschlagen. Als er es endlich geschafft hatte, sich die Hose zuzumachen, bemerkte er das Blut, das sich in einer Lache um ihren Kopf gesammelt hatte. Simon hatte sie dort liegen gelassen, vollkommen erfüllt von den Erinnerungen an die Pferde, die er dort, in dem kleinen Paddock vor den Ställen in Montana mit der nur jungen Männern eigenen Wut niedergerungen hatte.
Das Mädchen hatte sich bewegt, sie hatte versucht zu sprechen. Simon hatte sich umgedreht und den Gastgeber gesucht.
"Da liegt ein Mädchen draußen auf der Terrasse", hatte er gesagt, "sie blutet wie ein Schwein."
Er wusste bis heute nicht, was mit ihr passiert war.
Simon saß wieder auf dem Drehstuhl. In seiner Hand hielt er ein Notizbuch, zwei Sätze hatte er notiert. Es fühlte sich an, als wären drei Tage vergangen, dabei war es erst kurz nach sieben. Anna würde in einer Stunde kommen. Draußen musste es hell sein, er wagte sich nicht mehr vom Telefon weg. Er sehnte sich nach einem Drink, er überlegte, was er Anna sagen sollte. Er dachte über seine Wortwahl nach. Das Telefon blieb stumm. Er ersehnte und fürchtete den Anruf gleichermaßen.
Während der nächsten vierzig Minuten kamen zwei Notizen dazu: "Er erinnerte sich an den Geruch von Blut auf kalten Fliesen" und eine kurze Einkaufsliste. Neben zwei Sternen stand "Toastbrot" und "Milch". Das Katzenfutter würde ihm nicht mehr einfallen. Den Scotch und das Bier musste er nicht aufschreiben. Es war eher wahrscheinlich, dass er die anderen beiden Dinge vergaß, wenn er erst im Geschäft war.
Als er Annas Wagen auf den Parkplatz fahren hörte, klappte er das Notizbuch zu und verstaute es wieder in der Tasche. Er wollte ihr gerade entgegengehen, da läutete das Telefon. Er hielt in der Bewegung inne, drehte seinen Kopf nach dem Apparat. Dann hob er ab und nannte seinen Namen.
Anna trat durch die Tür. Ihr Gesicht war verquollen. Sie grüßte knapp, dann ließ sie sich in den Stuhl neben Simon fallen. Sie wollte gerade etwas sagen, da bemerkte sie, dass er telefonierte. Ihre Blicke trafen sich. Simon öffnete den Mund, dann schloss er ihn wieder. Er nickte, dann sah er wieder auf die Monitore.
"Wissen Sie schon, wer sie ist?", fragte er schließlich.
"Ich verstehe. Nein, nein, ich verstehe, dass Sie mir da nichts sagen können."
Er seufzte. "Soll ich noch aufs Revier kommen, meine Aussage machen?"
Annas Augen waren immer größer geworden. Sie sah plötzlich sehr wach aus und beugte sich vor.
Wieder nickte er seinem unsichtbaren Gesprächspartner zu.
"Sie brauchen mich also nicht mehr", sagte er. Er verabschiedete sich und legte auf. Dann rieb er sich mit beiden Händen das Gesicht.
"Was ist passiert?", fragte Anna, nachdem er lange nichts gesagt hatte. Sie streckte den Arm aus und legte ihn auf seine Schulter. Er antwortete nicht. "Simon?", fragte sie wieder.
"Ein Entwistle", sagte er schließlich in seine Hände. "Sie ist heute um sechs gesprungen."
"Wie konnte sie da rauf, ohne dass du es bemerkt hast?"
Simon zuckte die Schultern.
"Ich war draußen", sagte er. "Ich war auf dem Klo."
Ich war betrunken und bin eingeschlafen, dachte er.
"Keine Ahnung. Plötzlich war sie da."
"Scheiße", sagte Anna und stand auf. "Ich meine, hast du sie springen gesehen?"
Simon nickte.
Sie verschwand in der Küche und holte ein Glas mit Wasser, das sie vor Simon abstellte. Er ignorierte das Glas.
"Ich will jetzt nach Hause", sagte er und stand auf.
"Klar", sagte sie. "Natürlich."
Sie verabschiedeten sich leise von einander.
"Schlaf dich mal aus", sagte Anna zum Abschied, "du siehst fertig aus."
Er ging einkaufen, im Geschäft kam ihm alles unwirklich und viel zu bunt vor. Er besorgte die Milch, das Brot und das Katzenfutter - durch Zufall war er in die falsche Regalreihe abgebogen -, das Bier und drei Flaschen Scotch.
Nachdem er seine Einkäufe im Kofferraum des Wagens verstaut hatte, saß er lange auf dem Fahrersitz und trank in vorsichtigen Schlucken aus der Flasche. Der Scotch brannte noch mehr, wenn man sich gerade übergeben hatte. Zum ersten Mal seit langem dachte er nicht über seine Gründe für das Trinken nach. Er saß einfach nur da, die Flasche in der Papiertüte mal am Mund, mal zwischen die Beine geklemmt, er rauchte eine Zigarette und betrachtete die Leute, die der Ausgang des Supermarktes ausspuckte. Als er nach dem letzten Schluck den Verschluss auf die Flasche schraubte, fiel ihm Tracy wieder ein. Irgendwie war er von ihr immer unangenehm berührt gewesen, dachte er. Alles an ihr war ihm durchschaubar und banal erschienen. Die Katze war wie sie, anhänglich und nervend, ständig bedürftig. Als er den Schlüssel in die Zündung steckte, sah er die Narbe an seinem rechten Handgelenk. Sie war so dünn und weiß, dass er sie kaum jemals bewusst betrachtete. Diesmal aber hob er die Hand vor seine Augen und sah sie sich genau an. Er fuhr sie mit dem Zeigefinger der linken Hand nach. Er sah in den Himmel, die Sonne blendete ihn.
