Von Magda Woitzuk
Hollywood - Teil 3
Es ist vor so vielen Jahren gewesen, dass es schon gar nicht mehr wahr scheint, dachte Simon. Sie hatten sie in einem Trailer gebracht. Obwohl man sie darin verschnürt hatte wie ein Postpaket, hatte sie es geschafft, einige der Seile durchzureißen.
8. April 2017, 21:58
Sie fuhren den Anhänger in die Schleuse und ließen, je ein Mann links und rechts, die Klappe herunter. Er hatte von vorne versucht, die verbleibenden Stricke mit einem Jagdmesser zu durchtrennen. Dabei wäre das nicht nötig gewesen. Sobald sie das Tageslicht hinter sich wahrgenommen hatte, explodierte sie förmlich in dem beengten Raum. Mit allen vieren auf einmal sprang sie nach hinten aus dem Trailer. Als sie an der Sonne war, konnte er sie zum ersten Mal betrachten. Sie sah mies aus, gleichzeitig am Ende und so, als hätte sie gerade erst angefangen. Das Halfter war am Kinn durchgerissen und hing nur noch an einem Ohr. Ihre Nüstern waren weit offen, sie atmete stoßweise, hektisch hoben sich ihre Flanken. Dort wo die Seile ihr Fell berührt hatten, war durch die Reibung Schaum entstanden, der sich durch das Blut rosarot verfärbt hatte. Irgendwo musste sie, abgesehen von den Reibungswunden, eine zusätzliche, tiefere Verletzung haben, denn das Weiß der Fessel war rot und Blut tropfte schnell über Härchen an ihrem Huf in den hellen Sand. Weil sie von so einem unglaublichen Schwarz war, war es für Simon und die Männer schwer gewesen, zu unterscheiden, was Blut war und was Schweiß.
Für den Bruchteil einer Sekunden stand sie still wie eine Statue, den Kopf erhoben, und starrte die vier Männer hinter dem Zaun an. Dann schien sie sich wie in Zeitlupe mit allen vier Füßen gleichzeitig vom Boden weg zu bewegen - als wollte sie fliegen, hatte Simon gedacht. In der Luft vollführte sie die wildesten Verrenkungen. Minutenlang tobte sie in dem begrenzten Rund, auf der verzweifelten Suche nach einem Ausweg. Sie fing an, sich gegen die Umzäunung zu werfen, als sie schließlich begriff, dass sie zum Überspringen zu hoch war.
Simon hatte anerkennend gepfiffen und einem der Männer auf die Schulter geklopft.
"Wo habt ihr die her?", fragte er.
"Wir dachten, du solltest mal eine echte Herausforderung haben", sagte der, der am weitesten links stand. Er bot jedem eine Zigarette an. "Deshalb bleibt es ein Geheimnis, wo wir das Mädchen gefunden haben."
Das Feuerzeug machte die Runde, die Männer rauchten und betrachteten das Pferd, das noch immer mit der Luft in ein Gefecht verstrickt schien.
"Ihr hättet sie runter nach Cody bringen sollen und dort beim Rodeo verkaufen. Die suchen genau solche Pferde", sagte Simon.
"Ja", sagte der rechte nun gedehnt, "dachten wir zuerst auch. Aber die Kleine hat schon einen Anhänger gekillt und George zwei Finger gebrochen, als er ihr das Halfter rauf getan hat. Nie und nimmer hätten wir sie die 350 Meilen da runter gebracht."
Nachdem sie gefahren waren, stand Simon lange an der Umzäunung und betrachtete sie. Sie musste eine von den Mustangs sein, die oben in den Bergen lebten. Irgendwo hatte Simon gelesen, dass die Mustangs direkte Nachkommen der Pferde der spanischen Konquistadoren waren. "Altes Blut also", sagte er leise zu ihr. Sie war erschöpft am anderen Ende des Paddocks stehen geblieben, schnell und flach atmend. Sie blutete stärker als zuvor und zitterte am ganzen Leib. Ihre Suche nach einem Ausweg hatte Spiralen aus Blutstropfen auf den Sand gezeichnet.
Fünf Tage lang ließ er sie stehen. Er beachtete sie nicht, versuchte nicht, sie anzusprechen. Zweimal am Tag ging er hinaus, um ihr einen Kübel Wasser an den Zaun zu hängen und zwei Arme voll Heu hinzuwerfen. Sie aß nicht, erst am vierten Tag in der Früh konnte er sehen, dass sie getrunken hatte.
Am sechsten Tag sprach er sie mit ihrem neuen Namen an. "Altes Blut", sagte er, ihre Ohren bewegten sich. "Du musst essen."
Einer seiner Freunde rief ihn an, als er am Schreibtisch saß. Von dort, wo er saß, konnte er sie beobachten. Seit Tagen tat sie nur eines: Sie stand mit hochgerecktem Hals an der Umzäunung und blickte zu den Bergen.
"Und, wie macht sie sich?", fragte der Freund.
Sie hatte stark an Gewicht verloren, Simon konnte sehen, wie sich die Rippen unter dem Fell abzeichneten. Ihre Beine waren verschorft, sie hatten keine Zeit zu heilen, immer wieder riss sie sich die Wunden bei ihren Fluchtversuchen auf.
"Habt ihr sie aus den Bergen?"
Der Freund schwieg eine Sekunde lang, dann sagte er: "Scheiße, George hat geplaudert, oder?"
"George hat nichts damit zu tun", antwortete Simon. "Ich bin selbst drauf gekommen."
Simon blickte auf sein Notizheft. Er hatte soeben eine Geschichte zu Ende geschrieben.
"Nichts für ungut", sagte Simon schließlich, "die Kleine ist unbrauchbar."
"Du bist so ein Schisser", sagte der Freund. Er klang enttäuscht. "Du hast es doch probiert, oder?"
"Ja", log Simon.
"Wir kommen heute vorbei und probieren es noch einmal", sagte der Freund.
Simon protestierte, doch es half nichts. "Um fünf sind wir da, okay?" Dann legte er auf.
Simon heftete die Seiten zusammen, schob sie in ein Kuvert und beschriftete es. Als Absender gab er einen anderen Namen an. Niemand brauchte zu wissen, dass er in seinen wenigen freien Minuten Geschichten schrieb.
"Altes Blut", rief er. Sie reagierte nicht, starrte immer noch zu den Bergen. "Hör mal zu", sagte er. "Ich werde diese Geschichte erzählen, und ich bestimme, wie sie ausgeht. Hast du das verstanden?"
Er steckte die Hände in die Hosentaschen und kam sich mit einem Mal dumm vor. Er trat nach einem Stein. Dann hörte er den Pickup in den Hof fahren.
Er erinnerte sich an den Himmel, er war wolkenverhangen gewesen, irgendwie dunkel - im Nachhinein hatte er es als ein Vorzeichen interpretiert. Ein besonders gemustertes Stück hatte sich ihm ins Hirn gebrannt, vermutlich weil es das Letzte gewesen war, was er gesehen hatte.
Er erinnerte sich nicht mehr daran, wie sie versucht hatte, sich gegen den Sandsack auf ihrem Rücken, gegen das Halfter und den Strick zu wehren, auch nicht daran, wie sie ausgesehen hatte, nachdem man ihr das Bein mit der weißen Fessel unter den Bauch gebunden hatte. Er erinnerte sich nicht mehr an die Schläge, die sie eingefangen haben musste, die meisten davon durch seine Hand. Er hatte kein Bild von ihren Augen. Als es ihm wieder besser gegangen war, hatten seine Freunde von weißen Augen gesprochen. "Wie der Teufel", hatte George gesagt, "so etwas habe ich noch nicht gesehen. Die Augen waren nur weiß. Sie hat Blut ausgeatmet, die Luft um ihren Kopf war rot, Simon."
Er war im Krankenhaus aufgewacht, sein Schädel mit unzähligen Metern Mull umwickelt. Die rechte Hand war bis zum Ellbogen eingegipst gewesen.
Seine Mutter saß in einem Stuhl am Fußende, einen mehr als besorgten Ausdruck auf seinem vom Wetter und der Arbeit gezeichneten Gesicht.
"Simon", hatte sie gesagt. "Simon, du bist wach."
Dass er wahnsinniges Glück gehabt hatte, sagte der Arzt. Es war nur ein Knacks im Schädelknochen, sie hatten kein Blutgerinnsel feststellen können. Die Hand würde ein wenig länger brauchen, um zu heilen, aber das würde sie mit Sicherheit tun.
"Sie werden sehen, in ein paar Monaten sind Sie wieder im Sattel", sagte der Arzt.
Erst Tage später hatte er nach ihr gefragt.
George war gekommen, um ihn im Krankenhaus zu besuchen.
"Den anderen tut es echt leid", sagte er, drehte den Hut in seinen Händen. Irgendetwas schien ihm unangenehm zu sein.
"Das Ganze war eine blöde Idee."
Simon blickte ihm lange ins Gesicht.
"Was ist mit ihr passiert?", fragte er.
"Sie ist weg", hatte George geantwortet. Für "weg" gab es zwei Möglichkeiten. Entweder hatte jemand sie an Ort und Stelle erschossen, oder jemand hatte sie laufen lassen.
"Das Tor war noch nicht richtig zu gewesen", George zuckte mit den Schultern. Es klang entschuldigend. Simon wartete.
"Das Tor, weißt du, es war nicht richtig zu", wiederholte er.
"Und dann bist du da am Boden gelegen, alles voller Blut - Mann das hat ausgesehen wie bei 'Dawn of the Dead'."
Simon lächelte über den Gedanken, obwohl er wusste, dass George von seinem Blut sprach.
"Aber das Tor war nicht richtig zu, ich hätte es schließen sollen, ich weiß, aber es war uns wichtiger, zu dir hin zu können, ohne diesen Teufel, der da auf dich eingetrampelt hat. Also, um es kurz zu sagen, sie hat das Tor gesehen und keiner besonderen Aufforderung bedurft, um abzuhauen. Sie war schon weg, bevor wir überhaupt wussten, was da passiert war. Ich glaube, das war alles, was sie wollte. Abhauen."
"George?", fragte Simon nach einer Weile leise, "was ist denn passiert?"
"Manchmal geht es eben nicht gut aus. Auch bei dir", war alles, was George antwortete.
Simon wusste nicht, was er darauf sagen sollte.
"Weißt du, da hätte man gar nichts machen können. Nichts. Da stehen wir und schauen, wie die Katastrophe geschieht, und trotzdem - alles wäre zu langsam gewesen." George schüttelte den Kopf. Er setzte den Hut auf.
"Ich hau ab, okay?"
Simon nickte.
"Wirst sehen, in ein paar Wochen ist alles wieder in Ordnung."
"Sie hat uns das echt übel genommen", sagte Simon, als George in der Tür stand.
George drehte sich noch einmal zu ihm um: "Ich glaube nicht, dass einem Tiere etwas übel nehmen können, Simon. Wäre es so, dann würden all die anderen Pferde, die du schon eingebrochen hast, dir nach dem Leben trachten. Aber das tun sie nicht. Wir waren einfach nicht konzentriert genug, wir haben nicht aufgepasst, obwohl wir genau wussten, dass so etwas passieren kann. Das war der einzige Fehler."
Während er zu Hause gesund geworden war, hatte er geschrieben. Zunächst nur mit der linken Hand, dann, als der Gips herunten war, auch mit der rechten.
Als die Hand wieder heil war, brach er weiter Pferde ein. Überraschenderweise hatte er keine Angst; er war gut in dem, was er tat. Abends saß er über Büchern und studierte den Aufbau seines Drehbuchs. Er erzählte niemandem davon, dass er abhauen würde, wenn es fertig war. Er wollte nach Kalifornien, in den ewigen Sommer, und alles hinter sich lassen.
Im Auto sitzend, die Narbe betrachtend, wurde ihm plötzlich klar, dass er damals dieses Pferd aus einem einzigen Grund nicht hatte brechen können: Wille, dachte Simon, ich habe ihren Willen gesehen. Das muss es gewesen sein.
Die Kellnerin brachte ihm den Kaffee und das Omelette. Er hatte plötzlich Hunger bekommen. Die Sonne stand noch tief über der Stadt. Der Nebel war durch gelbstichigen Smog abgelöst worden - oder vielleicht hatte es niemals Nebel gegeben, sondern immer nur Smog, wer konnte das schon so genau sagen. Simon mit Sicherheit nicht. Er nahm einen Schluck Kaffee. Als er aufblickte, sah er den Schriftzug. HOLLYWOOD stand da, hoch über den Häusern der Stadt der Engel.
