ÖBB-Chef Kern rechnet ab

Bei den ÖBB funktioniere so gut wie nichts: Unzufriedene Kunden, der Güterverkehr vor dem Zusammenbruch, viel zu komplizierte Strukturen - so stellt der neue ÖBB-Chef Christian Kern die Lage der Bahn dar. Seit 100 Tagen ist Kern Chef der Österreichischen Bundesbahnen. Er hat nun eine vernichtende erste Bilanz gezogen und ein umfangreiches Arbeitspensum vor sich.

Mittagsjournal, 10.09.2010

"Wir wissen nicht, wo wir Geld verdienen"

Es ist eine Abrechnung mit früheren ÖBB-Managern. Nach 100 Tagen an der Spitze der Bahn geht Christian Kern mit seinen Vorgängern hart ins Gericht und nimmt dabei nur seinen unmittelbaren Vorgänger Peter Klugar aus. Kern sagt, er habe ja mit einem schwierigen Job gerechnet. Die Wirklichkeit habe seine Befürchtungen aber noch übertroffen. "Wir haben die Basics nicht im Griff - die Buchhaltung, das Rechnungswesen. Wir wissen heute nicht, womit wir wirklich Geld verdienen." Es gebe kein Kennzahlen-Management, so Kern. Das werde man ändern müssen, "damit aus den ÖBB endlich ein ordentliches und normales Unternehmen wird".

Sparprogramm als "Papiertiger"

Dass das heute nicht so sei, daran seien nicht in erster Linie die Politiker schuld, meint Kern. Das sei von früheren ÖBB-Managern oft als Ausrede verwendet worden. Die ÖBB stehe schlecht da, weil seine Vorgänger die Lage falsch eingeschätzt hätten - auf der Marktseite und bei den Einnahmen zu optimistisch. Und Kostensenkungsprogramme seien "Papiertiger" geblieben.

IT-Aufträge an 240 Firmen

Einen Hauptgrund für die Probleme der Bahn sieht er in der ÖBB-Reform des Jahres 2003, damals unter der schwarz-blauen Regierung. Damals habe man Kompetenzen und Verantwortungen so lange zerteilt, bis die rechte Hand nicht mehr wusste, was die linke Hand tut. Außerdem sei seit damals auch eingerissen, unzählige Aufträge an externe Firmen zu vergeben - in den vergangenen zwei Jahren an 77 verschiedene Rechtsanwaltskanzleien. IT-Aufträge im Gesamtausmaß von 231 Millionen Euro seien im Jahr 2009 an 240 verschiedene Firmen vergeben worden, rechnet Kern vor.

Beispiel Rasenpflege

Kerns Lieblingsbeispiel für die verfehlten Bahnstrukturen ist aber der Rasen eines Güterterminals: Tausend Quadratmeter Rasenfläche werden von drei verschiedenen Organisationen bewirtschaftet: "Am Montag kommt der erste und mäht die Wiese rund um das Betriebsgebäude, am Dienstag kommt der Nächste, von der Infrastruktur-AG, entfernt die Disteln am Gleis, und am Mittwoch mäht die Rail Cargo ihre eigene kleine Rasenfläche, die überbleibt." Die Folge solcher Absurditäten liegt für den neuen ÖBB-Chef auf der Hand: "Permanente Selbstbeschäftigung hat dazu geführt, dass wir das Wesentliche aus den Augen verloren haben: unsere Kunden."

Gütersparte muss schrunpfen

Das größte wirtschaftliche Problem sieht Kern aber im Güterverkehr. Die Rail-Cargo-Austria habe in den vergangenen Jahren 650 Millionen Euro an Eigenkapital vernichtet und stehe am Abgrund. Kern sieht nur eine Möglichkeit: Man werde das Angebot in dieser Form nicht fortsetzen können: "Wenn die öffentliche Hand dafür kein Geld mehr dafür hat - wir können das nicht mehr finanzieren." Damit wäre das politische Prinzip - Güterverkehr von der Straße auf die Schiene - nicht einzuhalten.

Stichwort Politik

Die seit Monaten wiederholte Kritik von ÖVP-Finanzstaatssekretär Feinhold Lopatka an den ÖBB kommentiert er so: "Kategorie 'gut gemeint', aber weiterbringen tut uns das nicht." Generell fürchte er sich nicht vor politischen Zurufen, sagt Kern. Lieber wäre es ihm aber, sie würden in den nächsten drei Jahren ausbleiben.

500 Mio. Euro einsparen

Wenn sein Konzept aufgehen soll, wird der neue ÖBB-Chef die Eisenbahnergewerkschaft auf seine Seite ziehen müssen. Denn die Personalkosten seien der größte Brocken. Die ÖBB brauchten einen "wesentlich flexibleren Personaleinsatz", das erfordere aber ein Entgegenkommen des Betriebsrats, "das wir heftig einfordern werden." Bis zum Jahr 2015 will Kern 500 Millionen Euro einsparen. Nur so sei es möglich, die ÖBB in ihrer derzeitigen Substanz zu erhalten.

Abendjournal, 10.09.2010

Kern könnte unpopuläre Maßnahmen planen

Christian Kern, der neue ÖBB-Chef will also im Unternehmen Bahn kräftig aufräumen und hat gleich bei seiner ersten Pressekonferenz zahlreiche Mängel angeprangert. Wie stehen denn nun die Chancen für Kern die ÖBB tatsächlich auf neue Schienen zu stellen? Die Bahn ist tatsächlich in einer bedrohlichen finanziellen Schieflage. Das kann Kern aber auch nutzen, um unpopuläre Maßnahmen bei der Bahn durchzusetzen. Kern hat es in seiner ersten Pressekonferenz zwar vermieden gleich mit der starken Eisenbahnergewerkschaft einen offenen Konflikt auszutragen, indem er etwa eine Null-Lohnrunde fordert, aber ohne Einsparungen beim Personal wird es nicht gehen. Die Chancen für Kern stehen also ganz gut, weil das Unternehmen derzeit eben auch auf sehr schwachen Beinen steht. Die Frage wird sein, ob es Kern gelingt die verkrusteten Strukturen bei den ÖBB, auch gegen zu erwartende Widerstände aufzubrechen.

Drei Jahre um zu sanieren

Kern hat die Lage der ÖBB dramatisch dargestellt. Ist das auch eine Strategie um dann jeden kleinen Erfolg verkaufen zu können?
Sicherlich, denn große Erfolge wird es bei der Bahn so schnell nicht geben, jede Maßnahme braucht Zeit, egal ob es ums Bahnbudget, die Pünktlichkeit der Züge oder die Kundenzufriedenheit geht. Kern fordert drei Jahre von der Politik um den "turn-around" zu schaffen. Dabei soll, so Kern, sich die Politik auch raushalten. Genau das darf aber angezweifelt werden.