Wiederentdeckung des Gegenständlichen

"Hyper Real" heißt eine Ausstellung im Museum Moderner Kunst (MUMOK) in Wien, die ab Freitag, 22. Oktober 2010 zu sehen ist und sich realistischen Kunstströmungen seit den 1960er Jahren widmet.

Kulturjournal, 21.10.2010

In den 1950er Jahren dominierten Vertreter des Abstrakten Expressionismus - allen voran Jackson Pollock und Willem de Kooning - die US-amerikanische Kunstszene. Aus dem Schatten der abstrakt malenden Väter trat in den 1960er Jahren eine neue Künstlergeneration hervor. Sie machte die Wiederentdeckung des Gegenständlichen zu ihrem Programm und revolutionierte damit die Kunstwelt.

Die Wirklichkeit als Kopie

Auf einem Bild sieht man einen Wohnwagen der Marke Airstream. Eine Verkörperung des amerikanischen Mobilitätsversprechens, Sehnsuchtsvehikel und Fetisch der amerikanischen Mittelklasse. Die chromblitzende Karosserie des Fahrzeugs reflektiert das sanfte Licht der Abendsonne, die umliegende Landschaft spiegelt sich in der glatt polierten Oberfläche. Doch was der Betrachter sieht, ist eine perfekte Illusion. Denn erst aus nächster Nähe bemerkt man, dass man nicht vor einer Fotografie, sondern vor einem Ölgemälde steht.

"Airstream" ist eines der bekanntesten Bilder des amerikanischen Fotorealisten Ralph Goings. Zu sehen ist es dieser Tage im Museum Moderner Kunst in Wien, das sich in der Ausstellung "Hyper Real" dem Fotorealismus widmet, also jener Kunstrichtung, die Motive des amerikanischen Alltagslebens mit penibler Akribie in Öl und Acryl festgehalten hat.

Kultur aktuell, 21.10.2010

Kunst und Illusion

Kuratorin Susanne Neuburger über die Bildsprache der Fotorealisten: "Es geht ihnen nicht darum, große Themen zu finden. Sie schauen sich in ihrer Umgebung um und es gibt nichts, das ihnen zu banal ist, nichts, das für sie nicht bildwürdig wäre. Die Vorstadt ist ein wichtiges Thema, das Auto ist ein Thema. Die aufstrebende Mittelklasse Amerikas und ihr Lebensstil ist ein Thema."

In den 60er Jahren erlebt die gegenständliche Kunst ein Comeback. Die Pop-Art entdeckt die Konsumgüter der amerikanischen Massenkultur als künstlerisches Sujet, während die Fotorealisten zu Chronisten des "American way of life" avancieren. Chronisten, die sich der Wirklichkeit über den Umweg des fotografischen Bildes nähern. Denn es sind meist Schnappschüsse von Schnellrestaurants, Trucks, Autos, Straßenzügen, Neonreklame, oder Familienfotos aus Suburbia, die die Fotorealisten als Vorlage ihrer Gemälde verwenden.

Fotorealismus und Medienkritik

Sieht der Fotorealist die Welt durch die Linse der Kamera? "Es wir in der Zeit immer wieder betont - nicht nur von Fotorealisten, sondern von vielen Künstlern, nicht zuletzt auch von Fotografen -, wie stark die Welt fotografisch geprägt ist. Das mag auch mit der großen Auflage von Zeitungen und Magazinen zusammenhängen. Die Fotorealisten und auch andere Künstler sagen, dass der Blick auf die Welt fotografisch ist.", sagt Susanne Neuburger.

Ist es die medial zirkulierende Bilderwelt, die unser Sehgewohnheiten prägt? Und wollten die Fotorealisten mit ihren Bildern darauf aufmerksam machen? Als langweilig, oder schlimmer noch als banal brandmarkten frühe Kritiker den Fotorealismus. Denn was war von einer Kunst zu erwarten, die sich auf die Abbildung der Oberflächen beschränkte? Doch wie Ralph Goings Gemälde des Airstream-Wohnwagens zeigt, hält die fotorealistische Kunst auf den zweiten Blick so manche Überraschung bereit. Bis 13. Februar 2011 kann man sich davon im Museum Moderner in Wien überzeugen.

Service

"Hyper Real", 22. Oktober 2010 bis 13. Februar 2011, MUMOK,
Ö1 Club-Mitglieder bekommen ermäßigten Eintritt (20 Prozent).

MUMOK