Hundertausend demonstrieren

In Moskau sind wieder bis zu 100.000 Menschen auf die Straße gegangen, um ihre politische Meinung zum Ausdruck zu bringen. Die meisten Demonstranten protestieren gegen die Politik von Wladimir Putin, einige zehntausend aber auch für Putin. Das politische Leben in Russland ist aufgetaut, trotz der Temperaturen weit unter null Grad.

Mittagsjournal, 4.2.2012

Markus Müller berichtet aus Moskau

Aufruf der Opposition

"Putin hau ab" - dieser Slogan schallt immer und immer wieder über die Jakimanka-Straße im Moskauer Zentrum: Trotz minus 17 Grad sind hier mehrere zehntausend Menschen dem Aufruf der größten Oppositionsparteien gefolgt und fordern die Wiederholung der gefälschten Parlamentswahl vom Dezember. Wie schon bei den letzten Demonstrationen marschieren vor allem junge Leute, die gebildete Mittelschicht. Dazwischen sind die Aktivisten der verschiedenen politischen Gruppen, die sich einen akustischen Wettstreit liefern. So schallt ein altes sowjetisches Arbeiterlied über die Jakimanka-Straße, gesungen von den Aktivisten der Linken Front. Keine 20 Meter weiter die Marschkolonne der Nationalisten mit ihren schwarz-gelb-weißen Fahnen. Ihr Schlachtruf: "Heil Russland, Moskau ist eine russische Stadt".

Sprüche und Scherze

Dazwischen die vielen nicht Organisierten, mit bunten Plakaten verspotten sie Wladimir Putin, den Vorsitzenden der Wahlkommission Tschurow, die politische Führung. "49 Prozent für 'Einiges Russland' Warum nicht gleich 149! ", steht auf einem Plakat. Einige Männer tragen ein meterlanges Kondom über die Straße: "Anti-Putin-Präservativ" steht darauf. Auffallend: Präsident Dmitrij Medwedew taucht in den Parolen nie auf - offenbar ist er sogar den Demonstranten schon zu unwichtig. "Ich bin gratis hier" steht auf einem Plakat - eine Anspielung auf die Gerüchte, dass die Teilnehmer auf der Pro-Putin-Kundgebung am Stadtrand für ihre Kommen bezahlt werden. Und überall die weißen Bänder, die Symbole des Protestes: "Ich protestiere, weil die Führung mich einfach nicht wie einen Menschen behandelt!" - "Sie sitzen jetzt nicht mehr so ruhig im Kreml wie vorher." - "Wir erinnern sie daran, dass es in Russland eine Öffentlichkeit gibt, die nicht nur Steuern zahlen muss sondern die auch ihre Rechte einfordert!"

Weitere Demos, auch pro Putin

Es ist nicht die einzige Demonstration: Im Stadtzentrum gehen noch die Liberaldemokraten von Wladimir Schirinowski und eine zweite Oppositionsgruppe auf die Straße, die sich vom großen oppositionellen Organisationskomitee abgespalten hat. Für Liberale sei es unmöglich, gemeinsam mit Nationalisten und Kommunisten zu demonstrieren, lautet ihr Argument. Und etwas außerhalb im Park des Sieges versammeln sich die Pro-Putin-Demonstranten, laut Polizeiangaben ebenfalls mehrere zehntausend Menschen, unterlegt von russischen Pop und Hymnen auf die Regierungspartei. "Reformen ja, Revolution nein" steht hier auf den Plakaten und: "Bei den Präsidentschaftswahlen am 4. März sind wir für Putin!"