Deutscher Bundespräsident Wulff zurückgetreten

Zum zweiten Mal innerhalb von zwei Jahren ist ein deutscher Bundespräsident zurückgetreten. Am Freitag hat Christian Wulff in Berlin den Verzicht auf sein Amt bekanntgegeben. Wulff reagiert damit auf ein Ersuchen der Staatsanwaltschaft Hannover, die zuvor mitgeteilt hatte, dass sie gegen Wulff wegen Vorteilsannahme und Vorteilsgewährung vorgehen will.

Mittagsjournal, 17.2.2012

Aus Berlin,

Kurze Rede zum Abschied

Mit schleppendem Schritt und tief herabhängenden Schultern tritt er an Rednerpult im Berliner Schloss Bellevue, seine Frau Bettina ist an Wulffs Seite. In etwas mehr als dreieinhalb Minuten kommt der Bundespräsidenten noch einmal auf das Thema zu sprechen, das er als Leitmotiv seiner Präsidentschaft gesehen hat - die Integration. Und dann das bittere Eingeständnis, es mangelt am dafür nötigen Vertrauen.

Die Entwicklung der vergangenen Tage und Wochen habe gezeigt, dass dieses Vertrauen und damit seine Wirkungsmöglichkeiten nachhaltig beeinträchtigt seien, stellt Wulff in seiner Ansprache fest. "Aus diesem Grund wird es mir nicht mehr möglich, das Amt des Bundespräsidenten nach innen und nach außen so wahrzunehmen wie es notwendig ist", sagte Wulff.

Reihe von peinlichen Enthüllungen

Wulffs Rücktritt ist der Schlussstrich unter eine Reihe peinlicher, aufregender und manchmal nur lächerlicher Enthüllungen, die in Summe ein unvorteilhaftes Bild vom obersten Mann im Staat gezeichnet haben.

Begonnen hatte die "Bild"-Zeitung, die darüber berichtete, dass Wulff einen ausgesprochen günstigen Kredit für den Kauf eines Einfamilienhauses bekommen hatte, zuerst von der Gattin eines befreundeten Unternehmers und danach von einer Staatsbank aus Baden-Württemberg, die wiederum Verbindungen in Wulffs alte Arbeitssphäre, das Bundesland Niedersachsen, unterhielt.

Mittagsjournal, 17.2.2012

Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel zum Rücktritt von Wulff.

Wütende Anrufe bei "Bild"-Zeitung

Mit wütenden Anrufen auf Handy-Mailbox-Speichern festgehalten, versuchte Wulff, die Berichterstattung der "Bild"-Zeitung zu beeinflussen, auch das trug ihm schwere Vorwürfe ein und wurde bald von ihm selbst als großer Fehler gesehen.

Dann kamen Enthüllungen über das Nahverhältnis Wulffs und seines alten Mitarbeiterstabs zu einem Partyveranstalter und Kontaktevermittler, bei denen es um sehr viel Sponsorengeld ging und um Gratisurlaube, die kurz vor Weihnachten schon seinen Pressesprecher das Amt kosteten.

Aufmerksamkeit der Staatsanwaltschaft geweckt

Endgültig dürfte die Staatsanwaltschaft aber jetzt beim langjährigen Kontakt zwischen Wulff und dem Filmfinanzier David Groenewold fündig geworden sein. Groenewold hatte in Niedersachsen eine Zweigfirma gegründet mit finanzieller Bürgschaft des Landes, dessen Ministerpräsident Wulff war.

Wenig später zeigte sich Groenewold über alle Maßen großzügig, sponserte etwa ein Buchprojekt über Wulff, lud ihn und seine Familie zum Oktoberfest ein, verbrachte Ferientage mit ihm auf der Insel Sylt.

Die Rechnung für den letztgenannten Aufenthalt hätte Groenewold per Kreditkarte bezahlt. Wulff hätte ihm danach die vorgestreckte Summe in bar zurückerstattet, sagen seine Anwälte. Die Staatsanwaltschaft dürfte, wie weite Teile der Öffentlichkeit, an dieser Version grobe Zweifel hegen.

"Habe Fehler gemacht"

Wulff kommt in seiner kurzen Rücktrittserklärung auch auf die Ermittlungen zu sprechen. Er sei davon überzeugt, dass die anstehende rechtliche Klärung zur vollständigen Entlastung seiner Person führen werde. "Ich habe mich in meinen Ämtern stets rechtlich korrekt verhalten. Ich habe Fehler gemacht, aber ich war immer aufrichtig", betonte Wulff.

Es ist auch nach Ansicht von Rechtsexperten gut möglich dass die Ermittlungen gegen Wulff letztendlich nicht zu einer Anklage führen. Die Beweislage scheint noch dürftig zu sein.

Aber Christian Wulff muss eingesehen haben, dass er es darauf nicht mehr ankommen lassen kann. Er nimmt sich aus der Schusslinie, löst ein Problem und schafft das nächste. Denn bei der Suche nach einem Nachfolger oder einer Nachfolgerin wird die Frage nach möglichen wunden Punkten in der Biographie jetzt notgedrungen eine hervorgehobene Rolle spielen müssen.

Abendjournal, 17.02.2012

Aus Berlin,