"Occupy"-Bewegung in Moskau

In Moskau geht der Protest gegen den frisch angelobten Präsidenten Wladimir Putin weiter. Nach der Verhaftungswelle vom Wochenbeginn campieren seit Mittwoch mehrere hunderte Putin-Gegner in der Innenstadt, nach dem Vorbild der Occupy-Bewegung in den USA und Westeuropa.

Morgenjournal, 12.5.2012

Protest mit Bändchen und Liedern

Am Gartenring in Moskau campieren rund hundert Menschen unter dem Denkmal des Dichters Abaj Kunanbaew, der der Bewegung auch den Namen gegeben hat: "Occupy Abaj". Am Abend kommen mehrere tausend. Fast alle tragen weiße Bändchen, das Symbol des Protests, einige spielen Badminton, andere diskutieren, der Student Andrej singt ein Lied von Viktor Zoi, Kultfigur aus Zeiten der Perestroika. Von Zoi gibt es ein bekanntes Lied: "Wir warten auf Veränderung - und wir warten darauf eigentlich immer noch." Zoi singt über Probleme, der sowjetischen Gesellschaft: Einsamkeit, Mangel an Freiheit, und die gibt es in Russland bis heute.

Katz und Maus mit der Polizei

Vergangenen Sonntag, am 6. Mai, schlug die Polizei eine Großdemonstration mit mehreren zehntausend Demonstranten gewaltsam nieder, es gab Verletzte, hunderte Verhaftungen. Seither wird ständig protestiert. Kleine und größere Grüppchen von Demonstranten zogen durch die Stadt, lieferten sich ein Katz-und-Maus-Spiel mit der Einsatzpolizei. Bis Mittwoch früh gingen die Verhaftungen weiter, dann etablierte sich das Protestcamp am Gartenring.

Heftige Diskussionen

"Ich hätte mir nicht vorstellen können, dass es nach dem 6.Mai weitergeht, aber wir sehen: es geht weiter. Die Leute kommen her und diskutieren, Leute die unterschiedliche Meinungen haben, aber bereit sind, einander vor der Obrigkeit zu beschützen. Das ist die Geburt einer Bürgergesellschaft!", meint Olga, die als Computerprogrammiererin arbeitet. Es wird heftig diskutiert, eine ältere Frau kommt und will wissen, was hier los sei: "Ich sehe hier nur Leute die herumsitzen und nichts tun. Mit Politik sollen sich die jungen Leute beschäftigen, nicht ich, ich bin doch schon 80. Aber sie müssen klare Ideen und Forderungen haben, nicht einfach herumsitzen. Wir brauchen keine leeren Phrasen sonst geht es weiter wie bisher und es gibt keine Bewegung!"

Oppositionelle "schauen vorbei"

Manche sind gegen Putin, andere dagegen, dass man zu lange auf den Kindergartenplatz warten muss, andere wollen einfach ein Gratis-Mittagessen, das von den jungen Leuten mitgebracht wird. Etwa ein Dutzend Ordner mit Funkgeräten sorgen für Ordnung. Und immer wieder schauen prominente Unterstützer vorbei, etwa der Parlamentsabgeordnete der linken Partei "Gerechtes Russland" Ilja Ponomarew. "Wir wollen einen Machtwechsel im Land. Und wenn die Obrigkeit sieht, dass diese Aktion unbefristet ist, dass immer neue Leute kommen werden sie irgendwann damit anfangen müssen mit uns einen Dialog zu führen."

Wie lange schaut Polizei zu?

Polizei ist fast keine zu sehen, auch wenn sie immer wieder vorbekommt. Doch dass wieder die Einsatzpolizei eingreift und das Lager gewaltsam auflöst glaubt - und hofft - niemand: "Wenn der Pressesprecher Putins sagt, wir werden alle verhaftet, dann kommen nach uns einfach die nächsten Demonstranten. Aber ich fürchte, dass das dann keine friedlichen Proteste mehr sein werden. Und das wäre furchtbar", meint einer der Ordner. Wie lange werden er und die anderen Demonstranten am Gartenring bleiben? "So lange es nötig ist. Bis zum Sieg!"