Damaskus im Belagerungszustand

Rund um die Hauptstadt Damaskus wird um jeden Häuserblock erbittert gekämpft. Mittendrinnen ist die Bevölkerung, die von Politik oder religiösen Auseinandersetzungen nichts wissen will. Vielen ist es auch egal, ob sie von Assad oder wem anderen regiert werden. Sie wollen ein halbwegs normales Leben führen. Doch das wird in der belagerten Stadt von Tag zu Tag schwieriger.

Mittagsjournal, 11.12.2012

Aus Damaskus,

Schüsse auf der Autobahn

Die Kampfjets der Assad-Truppen, die im Tiefflug über die Stadt donnern, gehören hier in Damaskus mittlerweile zum Alltag. Und auch, dass sie wenige Sekunden später ihre Bomben über den umkämpften Vororten abwerfen. Der Bürgerkrieg hat sich bis auf wenige Kilometer dem Präsidentenpalast genähert. Das riesige Gebäude thront auf einem Hügel über der Stadt. Doch zwischen den Rebellen und dem Präsidenten stehen Panzer und schwer bewaffnete Truppen an jeder Straßenecke. Zur libanesischen Grenze ist die Straße noch offen. Die Stadt in eine andere Richtung verlassen zu wollen, gleicht einem Himmelfahrtskommando. Vor allem auf der Autobahn Richtung Flughafen wird man sofort aus den umgebenden Wohnblöcken beschossen – diese Erfahrung mussten wir selbst machen.

Preise explodieren

Der Belagerungszustand ist natürlich der Grund, warum die Einwohner von Damaskus immer mehr vom zusehends wertlosen Geld für Grundnahrungsmittel bezahlen müssen. Wie in jedem Krieg, wie bei jeder Naturkatastrophe ist es auch hier auf dem Markt: Die Verkäufer preisen ihre Waren an, denn es gibt zwar fast alles – aber die Preise haben sich in den vergangenen Wochen verdoppelt, zum Beispiel für Zucker und Mehl. Ein Mann ruft seinen Unmut laut hinaus, obwohl auch hier überall Geheimpolizisten sind und einen solche Worte, mögen sie auch stimmen, schnell ins Gefängnis bringen können: "Das Gemüse lassen sie nicht mehr in diesen Bezirk hier her. Auch Wassertanklaster dürfen nicht passieren. Frag alle die hier stehen. Jeder, der das verneint, ist ein Lügner." Er macht nicht nur die aufständischen Kämpfer für die Not verantwortlich, sondern auch Günstlinge des Regimes und die Händler, die mit künstlicher Verknappung Geld verdienen würden. Der Mann ruft: "Es ist eine Schande, es ist eine Schande. Was ist das für ein Theater."

Kaum Strom

Das Hauptproblem ist aber die Stromknappheit. Pro Bezirk wird die Elektrizität jeden Tag nur kurz aufgedreht, beklagt ein anderer Mann. Und das heißt natürlich auch, dass die Wasserpumpen nicht funktionieren: "Der Strom zum Beispiel kommt bei uns nur zwei drei Stunden am Tag. Je nach Bezirk, manchmal mehr manchmal weniger. Einmal in der Woche wird bei uns sogar den ganzen Tag der Strom abgedreht. Wie Ihnen gerade danach ist."

Keine Arbeit

Die meisten hier sind mittlerweile arbeitslos. Die Baustellen, viele Geschäfte sind alle verwaist. Wie soll man da an Geld kommen, geschweige denn an die notwendigen Dollars? Denn der Dollar ist mittlerweile die wahre Währung hier. "Wer nichts hat, der borgt sich etwas aus von seinem Vater oder seinem Bruder oder anderen Verwandten um durchzukommen. 90 Prozent sind arbeitslos, die Menschen die ich kenne, die am Bau arbeiten, sind alle ohne Job jetzt."

Widerstand gegen Islamisten

Doch es wäre völlig falsch zu glauben, dass hier alle gegen Assad und seine Regime sind. Denn vor allem den Christen, aber auch den Aleviten, jener Volksgruppe, der auch der Präsident angehört, graut bei der Vorstellung, dass in den Palast über der Stadt bald die Islamisten einziehen könnten. Denn "wir werden alle zusammen halten. Die syrischen Muslime und Christen. Zusammen mit dem Herrn Präsidenten, für den wir uns mit unserer Seele uns unserem Blut opfern. Damit wir der Welt zeigen, dass aus Syrien nicht das wird, was sie sich erhoffen und dass Gott Syrien beschützt."

Dass Gott Syrien beschützen möge – egal wie er in den verschiedenen Religionen hier genannt wird, das kann man den Menschen nur wünschen. Denn nach einer aktuellen Studie der UNO kommen bei Kriegen wie dem hier in Syrien auf einen toten Soldaten acht tote Zivilisten.

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