Marikana: Wider die Ausbeutung

In Marikana, einem südafrikanischen Ort, wurden im August 2012 34 streikende Minenarbeiter von der Polizei ermordet - heute ein Symbol für Ausbeutung, unmenschliche Arbeitsbedingungen und nicht zuletzt auch die Konsequenzen europäischer Rohstoffpolitik. All das wird jetzt in einem Ausstellungsprojekt im ÖGB-Haus Catamaran im zweiten Wiener Gemeindebezirk thematisiert.

Gezeigt werden künstlerische Arbeiten der Witwen. "Plough Back the Fruits" wird heute eröffnet.

  • Frau mit verschränkten Händen, Zeichnung

    Ntombizolile Mosebetsane: Ohne Titel, (Bildausschnitt)
    Ölpastelkreide & Lebensmittelfarbe auf Papier, 80 x 100cm, Mai 2013

    Ntombizolile Mosebetsane

  • Die Witwen von Marikana, Zeichnung

    Witwen von Marikana, "Plough Back the Fruits", (Bildausschnitt)
    Ölpastelkreide & Lebensmittelfarbe auf Papier, 150 x 280cm, Februar 2016

    basflonmin

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Morgenjournal, 20.4.2016

Service

basflonmine - Plough Back the Fruits
Ort: Foyer des ÖGB Catamaran, Johann Böhm Platz 1, A-1020 Wien, U2 Station Donaumarina
21. April – 25. Mai 2016

Vernissage & Diskussionsveranstaltung
20. April 2016, 18:00: Zur Eröffnung der Ausstellung sind zwei der Hinterbliebenen von Marikana, Ntombizolile Mosebetsane und Agnes Makopano Thelejane, Bischof Jo Seoka und die Künstlerin Judy Seidman anwesend.

Führung & Film-Screening am 3. Mai 2016
17:30: Kurator/innenführung
18:30: Filmscreening mit anschließender Diskussion: "Miners Shot Down" (Rehad Desai, RSA 2013, 84 min. OmdtU)

eNCA - Full Documentary. The Marikana Massacre: Through the Lens

Dokument, Intervention, Kunst

"Bodymaps" heißen die lebensgroßen, ausdrucksstarken Selbstporträts, flächig ausgemalte Körperumrisse. In ihrer bunten Farbigkeit erinnern sie an Pop-Art. Ein Herz, von einem Pfeil durchbohrt, im Hintergrund kleine, bunte Häuser, ein Baum, ein Auto und immer wieder: Uniformierte mit Maschinenpistolen, Erschossene in Blutlachen.

"Angeleitet von der Künstlerin Judy Seidman habe ich erstmals in meinem Leben ein Bild gemalt", sagt Makopano Agnes Thelejane. "So konnte ich das Schweigen beenden und meine Würde wiederherstellen. Weil mein Herz war gebrochen."

Damit die Geschäfte weitergehen

Die Vorgeschichte: Es war am 16. August 2012. Polizisten eröffnen das Feuer auf streikende Kumpel der Platinmine Lonmin im südafrikanischen Marikana, 112 Minenarbeiter werden niedergeschossen. 34 sterben. Erinnerungen an die Apartheit-Massaker werden wieder wach - Sharpeville 1960, Soweto 1976.

"Aber diese Minenarbeiter wurden von unserer neuen Regierung erschossen, damit die Geschäfte weitergehen können", sagt Jo Seoka, "Menschenleben wurden dem Geld geopfert." Jo Seoka ist der anglikanische Bischof von Pretoria, er leitet eine südafrikanische Organisation, die sich mit Menschenrechtsverletzungen im Bergbau auseinandersetzt.

Der Kampf um Gerechtigkeit

"Jahrelang haben wird auf die Ergebnisse der Untersuchungskommission gewartet", erklärt der Bischof. "Jetzt gibt es den Bericht und der weist Lonmin, dem Eigentümer der Mine, eine Mitschuld zu. Und wir warten weiter - auf die Umsetzung. " Bis heute kämpfen die Angehörigen der Opfer des Massakers um Entschädigungsleistungen. Nach wie vor leben jene, die das derzeit wertvollste Metall der Welt schürfen, unter unmenschlichen Bedingungen - in Wellblechhüttenslums ohne fließendes Wasser und Strom, ohne Kanalisation und Müllabfuhr.

Als Kontrast dazu hat Ntombizolile Mosebetsane auf ihre Bodymap ein großes, grünes Haus gezeichnet mit Vorgarten und Hühnern - ihren Traum von einer besseren Zukunft. "Nachdem sie meinen Mann erschossen haben, sind wir in die totale Armut abgestürzt", berichtet sie. Meine Kinder und ich, wir hatten nichts zu essen. Jetzt arbeite ich als Putzfrau für Lonmin und warte noch immer auf die Versprechungen: Auf die neuen Häuser, die sie bauen wollten usw. Aber nichts ist passiert und für meine Arbeit geben sie mir noch weniger als den Hungerlohn, wegen dem gestreikt wurde. Das ist ein zusätzlicher Schmerz. Mein Mann ist umsonst gestorben."

Und was hat das mit uns zu tun?

Nicht zuletzt sind diese Bilder auch an Europa adressiert, weiß der Kurator der Schau, der Historiker Jakob Krameritsch. "Bei meinen Recherchen habe ich durch Zufall entdeckt, dass BASF, der weltweit größte Chemiekonzern, Hauptkunde von Lonmin ist, des Minenbetreibers in Marikana. BASF gibt in all den Mission Statements vor, dass der Konzern führend sei, was die Standards innerhalb seiner Lieferkette anlangt: Alle Lieferanten garantieren die Einhaltung von Arbeitsrechten und Menschenrechten und eine akzeptable Infrastruktur für die Arbeiter/innen. Davon kann in Marikana keine Rede sein."

Bischof Jo Seoka wird Ende April bei BASF Aktionärsversammlung in Mannheim auftreten und den Konzern an seine Verantwortung erinnern. Die Bilder der Witwen von Marikana sind jedenfalls starke, direkte und eindrucksvolle Gegenpositionen zu den glatten Fassaden der Geschäftsberichte. Ab heute Abend kann man sie in Wien sehen - im ÖGB-Haus Catamaran bei der U2-Station Donaumarina.