"Alles ist Kunst und alles ist Politik!"

Er ist Chinas bekanntester Künstler und gehört zu den großen Zeitgenossen der Gegenwartskunst. Für seine unbeugsame Haltung bezahlte Ai Weiwei mit Hausarrest und Reiseverbot. Jetzt zeigt das Belvedere und das 21er Arbeiten Ai Weiweis.

Belvedere-Direktorin Agnes Husslein, der Künstler Aiweiwei und Kurator Alfred Weidinger

Belvedere-Direktorin Agnes Husslein, der Künstler Aiweiwei und Kurator Alfred Weidinger

APA/HERBERT NEUBAUER

Das Gedränge ist groß, wenn der berühmte chinesische Künstler Ai Weiwei Österreich beehrt. Fotografen rittern um das beste Bild. Ai Weiwei ist den Rummel gewohnt, posiert vor der Kulisse des Barocken Belvedere, hin und wieder zückt er sein Smartphone und knipst die Fotografen und Journalisten genauso unverhohlen wie sie ihn.

Ö1 Kulturredakteurin Christine Scheucher (links)

Ein von Ai Weiwei (@aiww) gepostetes Foto am


Später wird er manche der Bilder auf Instagram posten. Die sozialen Medien sind für Ai Weiwei Leinwand und Sprachrohr. Mehr noch Ai Weiwei, der Entwurzelte, der mittlerweile hauptsächlich in Berlin lebt, bezeichnet Twitter und Instagram als Heimat und Zuhause. "Wir haben uns lange nur im Spiegel, oder auf einer reflektierenden Wasseroberfläche betrachtet können. Jetzt kann sich jeder jederzeit selbst betrachten und diesen Eindruck mit seinen Freunden und seiner Familie teilen. Wir leben in einer magischen Welt!“, so Ai Weiwei.

Ai Weiwei

APA/HANS KLAUS TECHT

"Die sozialen Medien sind meine Heimat und meine Nation!"

Abseits der sozialen Netzwerke hat Chinas bekanntester Künstler eine Vorliebe für Projekte im ganz großen Maßstab. 2007 ließ er 1001 Chinesen zur documenta nach Kassel einfliegen. 2011 füllte er die Turbinenhalle der Tate Modern in London mit 100 Millionen Sonnenblumenkernen aus Porzellan. Jetzt gestaltete Ai Weiwei eine Installation aus 1005 Schwimmwesten im Barocken Bassin des Oberen Belvedere.

Die Schwimmwesten sind so arrangiert, dass sie ein kalligrafisches F ergeben. Aus der Ferne wirken sie wie knallig bunte Seerosen. Mit seiner Installation will Ai Weiwei auf das Flüchtlingselend aufmerksam machen. Alleine in diesem Jahr sind tausende Menschen im Mittelmeer ertrunken.

"Die Schwimmwesten sind aus Lesbos. Sie wurden alle verwendet. Großteils von Flüchtlingen aus Syrien. Sie wurden an der Küste der Insel zurückgelassen. Die Menschen müssen ihren Kindern diese schmutzigen Schwimmwesten umschnallen. Sie besteigen dann ein altes Boot, das sie nach Europa bringen soll. Eine gefährliche Reise. Und sie brechen auf, in ein fremdes Land. Auf der Suche nach Sicherheit und einem besseren Leben", sagt Ai Weiwei.

Bereits in Berlin setzte Ai Weiwei ein sichtbares Zeichen, machte das tragische Schicksal tausender Flüchtlinge sichtbar. Auch der Schauplatz seiner Berliner Installation ist prestigeträchtig. Am schicken Gendarmenmarkt umhüllte Ai Weiwei die klassizistischen Säulen des Konzerthauses mit Schwimmwesten. Nachdem sich auf einem Society-Event im Konzert Prominente in Wärmeschutzdecken hüllten und die entsprechenden Bilder in den Sozialen Medien publizierten, wurde Kritik laut. Profiliert sich der Künstler Ai Weiwei auf Kosten des Leids anderer?

Der Vorwurf wiegt schwer und ist ungerecht. Die Themen Migration und Flucht haben den Künstler schon beschäftigt, lange bevor die großen Migrationsströme Europa erreicht haben.

F Lotus

F Lotus

APA/HANS KLAUS TECHT

"Ich bin einer von ihnen!"

"Ich bin als Flüchtling geboren. Mein Vater war ein regimekritischer Dichter, der ins Exil geschickt worden ist. Ich habe meine ersten 18 Jahre im Exil verbracht. In der Wüste Chinas. 5 Jahre haben wir in einer Art Erdloch gehaust. Mein Vater musste öffentliche Toiletten putzen. Ich weiß, wie es sich anfühlt, auf der Flucht zu sein. Ich weiß, wie es ist diskriminiert zu werden, weil die anderen glauben, dass du anderes bist als sie. Sie halten dich für ihren Feind. Sie glauben, dass du gefährlich bist. In diesem Sinne bin ich ein Flüchtling. Ja", Ai Weiwei solidarisiert sich mit den Schutzsuchenden.

Der Künstler selbst fiel bei den Mächtigen in Ungnade. In seinem berühmten Blog kritisierte er Chinas ungezügeltes Wachstum. Als 2008 bei einem verheerenden Erdbeben in Sichuan fast 70.000 Menschen ums Leben kamen, darunter auffallend viele Schulkinder, stellte Ai Weiwei unbequeme Fragen.

Ai Wiewei ist mehr als ein Künstler. Im medial gleichgeschalteten China wird sein Blog zu einer wichtigen Plattform des oppositionellen Chinas. 2009 drehen die Behörden Ai Weiweis Blog ab. Doch der Künstler mischt sich weiter ein, kommentiert, hinterfragt. 2011 wird Ai Weiwei mehrere Monate inhaftiert. Bis 2015 verhängt die chinesische Regierung ein Reiseverbot über ihn.

Heute lebt Ai Weiwei hauptsächlich in Berlin. Er wolle aber grundsätzlich nach China zurückkehren, sagt er: "Wenn mein Leben nicht bedroht ist, würde ich gerne zurückkehren. Ich habe viele Flüchtlinge interviewt. Sie wollen alle zurück. Alle sagen. 'Europa ist nicht unser Ziel. Wir sind gekommen, um Schutz zu finden. Wenn unsere Heimatländer befreit werden, wollen wir zurückkehren.'"

Ai Weiwei über das Leben im Exil. Im Zuge seines Wiener Gastspiels wirbelte vor allem die Installation, mit der der Künstler auf die Flüchtlingstragödie reagiert, viel Staub auf. Im 21er Haus hat der Künstler darüber hinaus eine Installation gestaltet, die durch formale und konzeptionelle Strenge und Klarheit besticht.

Im Zentrum von Karl Schwanzers lichtdurchflutetem Pavillon steht eine 400 Jahre alte Ahnenhalle aus der Ming Dynastie. Ai Weiwei ließ das Bauwerk, das nach der chinesischen Kulturrevolution dem Verfall preisgegeben worden war, in Wien wieder aufbauen.

"Es geht um Transformation, um die geographische Verschiebung von Objekten, es geht um Dekontextualisierung. Bei der documenta 2007 habe ich 1001 Chinesen nach Kassel gebracht. Das Konzept, das dahintersteckte, ist ähnlich. Ich provoziere mit dieser Verschiebung und Dekontextualisierung, einen Dialog zwischen verschiedenen Kulturen. Ich beschäftige mich mit unserem Blick auf die Vergangenheit und unserem Blick auf das kulturell Andere“, so der Künstler.

Kulturelles Erbe und brachiale Modernisierung

Die hölzerne Ahnenhalle, die nun im 21er Haus zu sehen ist, und sich fast nahtlos in die transparente Architektur des Schwanzer-Baus einfügt, gehörte einst der Familie Wang. Auch hier spielen die Themen Verfolgung und Flucht eine zentrale Rolle. Die Teehändlerfamilie Wang wurde während der chinesischen Kulturrevolution vertrieben, ihre Ahnenhalle verfiel, bis Ai Weiwei sie von einem Investor erwarb und daraus ein Kunstobjekt machte.

Für seine Arbeiten eignet sich Ai Weiwie immer wieder Objekte der Vergangenheit an. Er bemalte antike Vasen mit Industriefarbe, zersägte chinesische Antiquitäten und zimmerte daraus Skulpturen. Die chinesische Tradition ist der Humus von Ai Weiweis Schaffen. Dass die brachiale Modernisierung, die Chinas Machthaber seit der wirtschaftlichen Öffnung des Landes vorantreiben, keinerlei Respekt vor den Traditionen kennt, ist sicherlich ein zentrales Thema im vielschichtigen Ouevre Ai Weiweis.

Ai Weiwei versteht sich als Chronist einer Kultur, die dem Kahlschlag einer beschleunigten Modernisierung zum Opfer zu fallen droht. Seine Kunst hat eine Botschaft. Doch wie kaum ein anderer versteht sich Ai Weiwei darauf, diese Botschaft in Kunstwerken zu kondensieren, denen nichts Plakatives anheftet. Sie überzeugen mit ihrer formalen Strenge und Schönheit.

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