Beckermanns Hommage an Celan & Bachmann

Der Briefwechsel zwischen Paul Celan und Ingeborg Bachmann gehört zu den intensivsten der Literaturgeschichte. Deren Sprache setzt Ruth Beckermann mit "Die Geträumten" ein filmisches Denkmal.

Frau und Mann mit Kopfhörern, im Hintergrund fliegende Ente (Wandmalerei)

Anja Plaschg, Laurence Rupp beim Dreh im Wiener Funkhaus

Ruth Beckermann Filmproduktion

Morgenjournal, 12.12.2016

Unter dem Titel "Herzzeit" sind die Briefe zwischen Celan und Bachmann vor einigen Jahren als Buch erschienen. Die österreichische Filmemacherin Ruth Beckermann hat sich an das Wagnis gemacht, diesen Briefwechsel zu verfilmen. Im Februar hatten "Die Geträumten" ihre Welturaufführung bei der Berlinale, seit damals ist der Film weltweit auf mehr als dreißig Festivals gelaufen. Ende der Woche kommt er in die Kinos.

Gefühle von Passion, Eifersucht und Neid

Die 22-jährige Ingeborg Bachmann und der 28-jährige Paul Celan lernten sich im Mai 1948 kennen. Wie sich den Briefen entnehmen lässt, war es Liebe auf den ersten Blick. Die Beziehung zwischen den beiden hielt zwar zwanzig Jahre an, meist liebten sich die beiden aber aus der Ferne und auf dem Briefpapier. Der emotionalen Achterbahnfahrt ihrer Liebe tat das aber keinen Abbruch.

"Es sind so starke Gefühle, die die beiden mit den Worten auszudrücken versuchen ", sagt Regisseurin Ruth Beckermann: "Gefühle von Passion, erster Verliebtheit, Eifersucht, sein Neid auf ihren Erfolg, Misstrauen."

In "Die Geträumten" setzt Beckermann aber nicht Bachmann und Celan ein Denkmal, sondern deren Sprache. Und wählt für ihre Inszenierung ein ganz puristisches Setting: das Studio 3 im Wiener Funkhaus.

Wirkung der Briefe

Sängerin Anja Plaschg, besser bekannt unter ihrem Künstlernamen Soap & Skin, und Schauspieler Laurence Rupp lesen die Briefe vom Blatt. Den Plan, währenddessen auf die Schauplätze der Bachmann-Celanschen Liebe zu schwenken - nach Wien, München oder Paris -, gab Beckermann bald auf. Stattdessen bleibt sie bei ihren jungen Darstellern und fängt deren Reaktionen ein.

"Sehr wichtig war mir die Ebene, wie sich zwei Menschen verändern, wenn sie wochenlang mit diesen Briefen konfrontiert werden", so Beckermann.

Was sich nach einem schwer verdaulichen Arthouse-Film anhört, entwickelt eine erstaunliche Dynamik. Gerade weil sich die Schauspieler den Briefen nicht mit falschem Respekt und Pathos nähern, sondern unverkrampft und unverfroren, verleihen sie der lyrischen Sprache, ohne sie zu verraten, eine unerwartete Gegenwärtigkeit.

Retrospektive im Filmmuseum

"Die Geträumten" kommen am Freitag ins Kino, bereits heute beginnt im Österreichischen Filmmuseum eine Gesamtretrospektive zu Ruth Beckermann. Bis einschließlich 5. Jänner sind all ihre Filme zu sehen, ihre erste noch im Kollektiv entstandene aktionistische Arbeit zur Arenabesetzung in den 70er-Jahren genauso wie ihr großer Essayfilm "American Passages", der sie vor acht Jahren in die USA geführt hat. Jetzt eine Fortsetzung über die Ära Trump zu drehen, gehört zu den vielen angedachten Plänen der nimmermüden Ruth Beckermann. Man hofft, dass sie ihn bald in die Tat umsetzt.

Service

Filmmuseum - Ruth Beckermann. Das Gesamtwerk
12. Dezember 2016 bis 5. Jänner 2017

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