Ilija Trojanow

THOMAS DORN

"Nach der Flucht" von Ilija Trojanow

Er ist durch afrikanische Wüsten gewandert und über antarktische Gletscher, er hat den Ganges vom Ursprung bis zur Mündung befahren, ist nach Mekka gepilgert und hat aus all dem Literatur gemacht - Ilija Trojanow. "Die Welt ist groß und Rettung lauert überall" hieß anno 1996 sein Debütroman, in dem er - autobiografisch geprägt - von einer Flucht aus dem kommunistischen Bulgarien und dem Leben im Exil erzählt. Über frühe Prägungen, über Fremdheitserfahrung und Ankommen denkt Trojanow in seinem Buch "Nach der Flucht" nach.

Kulturjournal, 22.5.2017

"Wir haben eine völlig unehrliche Diskussion über die Belastungen von Flucht. Die vielen Vorteile traut sich kein Politiker mehr zu erwähnen … Mauern, Einigeln ist von der Grundhaltung fatal. Wer sich einigelt bereitet sich vor zum Winterschlaf - und noch schlimmer, eigentlich zum Tod." Ilija Trojanow im Gespräch mit Ö1

Morgenjournal, 22.5.2017

"Ein schmales, kluges Buch gegen eingefahrene Denkmuster." Kristina Pfoser

Drei Frauen schreiben auf eine Tafel, Buchcover

Ilija Trojanow, "Nach der Flucht", S. Fischer

"Die Flucht wirkt fort, ein Leben lang"

Ilija Trojanow war sechs, als seine Eltern anno 1971 mit ihm aus Bulgarien geflohen sind. "Die Flucht wirkt fort, ein Leben lang", schreibt er jetzt in seinem Buch "Nach der Flucht", einem Band mit Autobiografischem, Reflexionen, kurzen Szenen, Dramoletten und poetischen Betrachtungen, gewidmet "Meinen Eltern, die mich mit der Flucht beschenkten".

"Ich wurde ja nicht gefragt, ob ich fliehen möchte, meine Eltern haben mich einfach mitgenommen", sagt Ilija Trojanow. "Als Erwachsener habe ich mich dann selbst gefragt: Hätte ich das auch getan? Diese Flucht hat schließlich mein Leben völlig verändert." Es war nicht zuletzt die Arbeit an diesem Text, die ihn zu dem Ergebnis geführt habe, er stehe voll und ganz hinter der Entscheidung seiner Eltern.

Wie haben Sie denn so gut Deutsch gelernt?

Jugoslawien - Italien - Deutschland - Kenia, später dann Paris, Mumbai und Kapstadt - Ilija Trojanow hat eine ganze Reihe von Sprachwechseln hinter sich und das Thema Sprache spielt denn auch in diesem Buch eine zentrale Rolle. Immer wieder, sagt Ilija Trojanow, höre er höchst zweifelhafte Komplimente wie: Sie haben ja gar keinen Akzent. Oder: Wie haben Sie denn so gut Deutsch gelernt?

"Als mir diese Frage zuletzt gestellt wurde, hat derjenige kurz darauf die Formulierung 'in keinster Weise' gebraucht", erzählt Ilija Trojanow. "Ich habe ihn dann korrigiert und gemeint: 'Die Frage ist nicht, warum ich so gut Deutsch kann, sondern warum sie es so schlecht können.' Manchmal muss man eben ein bisschen provozieren, um klar zu machen, welche Zuschreibungen die Menschen im Kopf haben."

Verstörungen und Errettungen

"Von den Verstörungen" berichtet Ilija Trojanow im ersten Teil des Bandes. "Von den Errettungen" heißt Teil zwei. Und am Ende steht ein Lob der Fremde. Schließlich, meint Ilija Trojanow, kann die Menschheit nur kosmopolitisch über-leben. "Die Menschen sagen oft: Das ist mir fremd, und meinen etwas ganz Schreckliches. Man könnt aber auch sagen: Das ist mir fremd, ach wie schön!" - "Nach der Flucht" - ein schmales, kluges Buch gegen eingefahrene Denkmuster.

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