Die Brücke von Mostar

AP Photo/Amel Emric

Auf den Spuren des Islam in Bosnien

In Bosnien-Herzegowina leben Islam, Judentum, katholisches und orthodoxes Christentum Seite an Seite. Ein multikulturelles Land, das die unterschiedlichen Lebensweisen absorbiert. Menschen verschiedener Religionen können gute Freunde sein

Aber wie überall gibt es auch in Bosnien unterschiedliche Strömungen, strenggläubige und liberale, und es gibt ein Spektrum, das von mystischen Sufi-Orden auf der einen Seite bis zu radikalen Salafisten auf der anderen Seite reicht. In der Mitte liegt der breite “Mainstream”, der traditionelle, gemäßigte Islam Bosniens. Die theologische Basis dafür wird an der Fakultät für islamische Studien der Universität Sarajevo gelehrt.

Eine bosnische Muslima

AP Photo/Amel Emric

Der "bosnische Islam"

Auf diese eigene Tradition ist man an der islamisch-theologischen Fakultät stolz. Sie ging aus der “Islamischen Hochschule für Theologie und Scharia-Recht” hervor, die 1887 von der österreichisch-ungarischen Verwaltung errichtet wurde. Es folgte eine Bildungsreform, die islamische und europäische Elemente verband und Eigenständigkeit vom osmanischen System brachte. Dazu gehörte auch die Institutionalisierung der islamischen Glaubensgemeinschaft mit einem Groß-Mufti als religiösem Oberhaupt.

Die Moscheen des Landes sind Teil der islamischen Gemeinschaft in Bosnien-Herzegowina, diese Organisation ist kirchlich organisiert. In den Moscheen herrscht die hanafitische Denkschule des sunnitischen Islam vor, sie gilt als anpassungsfähig und ermöglicht zeitgemäße Auslegungen des Korans und überlieferter Texte. So ist auch die Stellung der Frau im sogenannten "bosnischen Islam" eine andere als im "arabischen Islam". Das sieht man zum Beispiel daran, dass die offizielle Islamische Glaubensgemeinschaft Bosnien-Herzegowinas Schritte gesetzt hat, um Frauen in den Entscheidungsgremien eine stärkere Rolle zu geben. In allen Moschee-Räten muss es nun einen Frauenanteil geben.

Die Organisationsform der offiziellen Glaubensgemeinschaft sei auch Schutz gegen eine puristische Intoleranz, wie etwa die des saudischen Wahabismus, oder gegen den salafistischen Extremismus, meint der Theologe Orhan Jasic. Doch der Anspruch der hanafitischen Schule scheint nicht unangefochten. So gibt es ca. 50 Moscheen im Land, die klar wahhabitisch und radikal ausgerichtet sind.

Betende Muslime vor einer Moschee

AP Photo/Amel Emric

Religion ist wieder wichtig geworden

Seit dem Krieg in Bosnien ist auf jeden Fall die Bedeutung der Religion stark gestiegen – bei allen Gruppierungen ist eine neue Gläubigkeit entstanden. Die Verfolgung auf Grund der Religion oder Nationalität hat zu einem Wiedererwachen religiöser Ideen geführt. Diese Mischung aus nationaler und religiöser Identität ist auch einer der Gründe für die Probleme des Landes.

Der Vertrag von Dayton hat zwar den Bosnienkrieg beendet, aber, so die Expertin für internationale Beziehungen Marijana Grandits, auch das Ergebnis der ethnischen Säuberungen fest gehalten. "Dayton hat in Wirklichkeit ein ethnisch geteiltes Bosnien geschaffen. Und das hat auch den Nationalismus geschärft."

Die Schaffung einer gemeinsamen Verfassung scheiterte bisher an den nationalistischen Kräften der verschiedenen Seiten.

Arabische Einflüsse in Bosnien

Im Balkankrieg der 1990er Jahre kämpften arabische Salafisten an der Seite bosnischer Muslime. Manche sind geblieben und haben in Bosnien Familien gegründet. Daher gibt es in Zentral- und Nordbosnien kleinere Dörfer, in denen der Wahhabismus bestimmend ist. Diese Dörfer sind eine Welt für sich; bosnische Polizeieinheiten schauen immer wieder vorbei, wie weit sie in die Vorgänge dort Einblick haben, lässt sich kaum abschätzen.

In den Jahren nach dem Bosnienkrieg wurden immer wieder arabische Extremisten aus Bosnien ausgewiesen. Rund 300 Dschihadisten sind nach Syrien ausgereist - im Verhältnis zur Bevölkerung eine hohe Zahl.

Interreligiöse Kontakte werden vor allem von zahlreichen, sozial engagierten Nichtregierungsorganisationen gepflegt, die um die Mitte der 1990er Jahre entstanden, um der kriegsgeschädigten Bevölkerung Hilfe zu leisten. Sie spielen im Friedensprozess nach wie vor eine große Rolle. Einige bosnische NGOs werden von westlichen Institutionen, wie der Konrad-Adenauer-Stiftung oder den Open Society Foundations von George Soros gefördert. Andere wiederum erhalten Unterstützung aus arabischen Ländern.

Obwohl viele Moscheen mit Geld aus der Golfregion errichte werden, macht sich der arabische Einfluss in Bosnien-Herzegowina vor allem wirtschaftlich bemerkbar. Denn durch die komplexe innere Struktur des Landes wird die wirtschaftliche Entwicklung massiv behindert, Investoren aus dem Westen halten sich zurück. Einige arabische Investoren hingegen waren in den Bereichen Immobilien, Tourismus, Shopping Malls und kleine Privatunternehmen tätig und haben so Jobs geschaffen. Eine Perspektive, die die heimische Bevölkerung angesichts einer hohen Arbeitslosenrate natürlich gerne sieht.

Eine Seitenstraße in Sarajevo

AP Photo/Amel Emric

Nimmt die Radikalisierung in Bosnien zu?

"Nach dem Krieg sind natürlich die Wunden sehr groß, wenn jemand Familienangehörige verloren hat, kann man das nicht vergessen, oder wenn der Nachbar gegen dich gekämpft hat, das kann man nicht vergessen. Man sollte das auch nicht vergessen, man kann mit der Zeit wahrscheinlich verzeihen, ja, und das Leben zwingt einen auch dann wieder, sich zu öffnen und mit anderen Religionen zu kommunizieren, zu arbeiten, zu kooperieren – also das ist unumgänglich", Azra Pobric, islamische Religionslehrerin.