Stufen in Lissabon

AP/BETH J. HARPAZ

Du holde Kunst

Lyrische Städteporträts: Das Lissabon des Fernando Pessoa

Teil zwei der Sommerserie von "Du holde Kunst" widmet sich Lissabon. Der Porträtist: Fernando Pessoa. Mit dem städtischen Raum verhält es sich bei seiner Poetisierung nicht anders als mit anderen Räumen auch, das Örtliche ist nur ein Ausgangspunkt, von dem es in die Tiefe oder Weite des Gedanklichen geht.

In den drei Sendungen ist bzw. war (die erste Sendung lief am 4. Juni) keine Großstadtlyrik, wie sie im Expressionismus so wichtig wird, zu hören, schon gar nicht fungieren die Dichterinnen und Dichter hier als Touristiker. Vielmehr geht es um inneres Terrain.

In der ersten Ausgabe las Philipp Hauß Gedichte des jungen Jorge Luis Borges, die er nach seiner Rückkehr nach Buenos Aires - nach siebenjährigem Aufenthalt in Genf - in den frühen 1920er-Jahren schrieb. Sie zeichnen Suchbewegungen zwischen Wiederannäherung und Erinnerung nach und sprechen mit Glut von einer Stadt, deren Vertrautheit erst wieder hergestellt werden muss.

Das Lissabon des Fernando Pessoa

Das zweite lyrische Stadtporträt führt nach Lissabon. Der 1888 geborene Fernando Pessoa führte dort ein unauffälliges Leben als Handelskorrespondent. Er begründete die portugiesische Moderne mit einer in verschiedene Philosophien und Stile aufgesplitterten Literatur, deren Autorenschaft er zahlreichen Heteronymen andichtete. Die berühmtesten sind der Schiffsbauingenieur und Futurist Álvaro de Campos, der elegische Bukoliker Alberto Caiero und der agnostische Klassizist Ricardo Reis.

Pessoas orthonymes - also mit seinem echten Namen gezeichnetes - Werk steht seinem heteronymen allerdings in Sachen Vielstimmigkeit um nichts nach. Aus ihm stammen vorwiegend die Gedichte dieser Sendung, nur drei von ihnen sind dem Heteronym Álvaro de Campos zugeschrieben.

Die alte Stadt am Tejo selbst ist selten Thema, meist nicht einmal Ort, in diesen Gedichten. Aber sie grundiert sie, schwingt als ein Außen ins Lyrische Ich hinein. Ein Außen, das den Dichter, der sich zum Einschlafen etwas vorstellen möchte, mit seiner bunten Monotonie bedrängt …

… Doch sehe ich,
Auf einer Art Innenseite meiner Lider,
Nur Lissabon mit seinen Häusern,
Ihrer Farbenvielfalt …

Ein Außen aber auch, das in "dunklen Momenten" vom Ich befreien kann …

… Dieses Außen, in dem ich mich vergesse,
Ich will und erbitte nichts mehr:
Ich übergebe ihm mein Herz …

Katze auf Fensterbrett in Lissabon

APA/AFP/PATRICIA DE MELO MOREIRA

Die Stadt Lissabon liefert Details - eine auf der Straße dösende Katze, im Wind wehende Wäsche, ein trüber Himmel oder die nächtlichen Geräusche eines dicht bewohnten Stadthauses -, an denen sich das Denken eines Dichters entzündet, der "nicht nur ein einziger Dichter" ist, und der "… indem er jeden seelischen Zustand analytisch erlebt, aus ihm den Ausdruck einer anderen Person gewinnt …".

"Existieren ist reisen genug" lässt Pessoa, der 17-jährig aus Südafrika, wohin es ihn durch die Wiederverheiratung seiner Mutter verschlagen hatte, allein nach Lissabon zurückkehrte (um es nie wieder zu verlassen), den Hilfsbuchhalter Soares in seinem berühmten "Buch der Unruhe" sagen. Ein Satz, der auch als Motto über den Gedichten stehen kann, die Burgschauspieler Roland Koch für die Sendung eingelesen hat. Die Musik dazu hat Stefanie Maderthaner zusammengestellt.

Träum weiter das Märchen Venedig

Die dritte Sendung der Reihe ist - mit Lyrik unterschiedlicher Autoren und Autorinnen - Venedig gewidmet, einer Stadt, die geradezu als ein Sinnbild für Schönheit und Vergänglichkeit bzw. für die Schönheit der Vergänglichkeit gelten kann. Miguel Herz-Kestranek liest in einer Aufnahme aus dem Jahr 2010 von Edith Vukan ausgesuchte deutsche und österreichische Venedig-Gedichte aus dem 19. und 20. Jahrhundert. Dazwischen erklingt italienische Kammermusik, zusammengestellt von Barbara Denscher.

Service

Fernando Pessoa, "Álvaro de Campos - Poesie und Prosa", übersetzt und herausgegeben von Inés Koebel, Fischer Taschenbuch
Fernando Pessoa, "Er selbst. Poesia - Poesie", übersetzt und herausgegeben von Inés Koebel. S. Fischer Verlag

Gestaltung