Zwei Männer im Anzug hintereinander

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Wenn Minister ins Blaue kommunizieren

Die Kommunikationsstrategie der Bundesregierung - Stichwort "Message Control" - wird von der ÖVP rund um Sebastian Kurz geprägt. Die FPÖ spielt mit, denn sie ist neu in der Regierung. Die Minister und Ministerinnen haben ihre Eingewöhnungsschwierigkeiten und daher andere Sorgen.

Außenministerin Karin Kneissl ist eine Ausnahme. Sie scheint sich mit und in ihrem Job wohl zu fühlen und hat zum Thema "Message Control" ihre eigenen Ansichten. In einer kurzen Aussendung hat die Außenministerin wissen lassen, dass sie weder mit Medien- noch mit Kommunikationsberatern zusammenarbeite. Kneissl sitzt auf einem FPÖ-Ticket in der Regierung, ist aber parteifrei.

Kneissl will keine Schattenmänner

"Ich verlasse mich auf die Expertise der Mitarbeiter im Haus. Öffentliche Aussagen basieren ausschließlich auf Inhalten, die mit den jeweiligen Sektionsleitern gemeinsam erarbeitet werden", wird Kneissl zitiert. In der Aussendung wird auch extra betont, dass jede nach außen kommunizierte Aussage allein über Kneissls Pressesprecherin laufe. Zitat: "Damit sollte mit der Mär der Schattenmänner, die im Hintergrund die Fäden ziehen, zumindest im Außenamt aufgeräumt sein."

Karin Kneissl

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Karin Kneissl

Regieren mit der medialen Parallelwelt

Die FPÖ-Spitzen verlassen sich auch in Regierungsverantwortung auf die mediale Parallelwelt, die sie sich in den Oppositionsjahren aufgebaut haben. Dazu zählen YouTube-Kanäle und die Facebook-Seiten von Heinz-Christian Strache und Norbert Hofer, wo nach wie vor eifrig Artikel der Boulevardpresse weiterverbreitet werden. Die "Kronen Zeitung" und das Gratisblatt "Österreich" spekulieren ganz bewusst damit, durch entsprechende Themenwahl und Tonalität von Strache gepostet zu werden und damit Klicks auf ihren Websites zu maximieren.

FPÖ-nahe Onlinemedien mit neuem Fokus

Zu der parallelen Medienwelt gehören aber auch Internet-Portale wie "Unzensuriert" und "Wochenblick", die einen starken Bezug zur FPÖ haben und früher gegen die Regierung, gegen Asylwerber und gegen sogenannte Mainstream-Medien wie den ORF geschrieben haben. Jetzt sind sie für die Regierung, aber dafür umso vehementer gegen alles andere. Dabei ist ein Mitbegründer von "Unzensuriert", Alexander Höferl, der Kommunikationsstratege der FPÖ in der Regierung und sitzt im Büro von Innenminister Herbert Kickl (FPÖ).

Mit dubiosen Klick-Hits erfolgreich

Die Autorin und Journalistin Ingrid Brodnig, die zu diesen Plattformen recherchiert hat, bescheinigt diesen Portalen durchaus Reichweitenerfolge. "Vor allem der 'Wochenblick' hat teilweise wirklich Klick-Hits. Zum Beispiel mit einer Meldung, dass Angela Merkel auf 12 Millionen Einwanderer hofft. Das hat Merkel nie gesagt."

Insgesamt habe das Portal sehr starke Zugriffszahlen bei einzelnen Texten und schaffe es immer wieder unter die Top 100. "Da findet man Medien wie den 'Standard', 'tagesschau.de' und diverse Sport-Portale. Das ist schon eine Auszeichnung." Das zeige, dass der "Wochenblick" eine Nische gefunden habe, so Brodnig.

Ingrid Brodnig

Ingrid Brodnig

APA/GEORG HOCHMUTH

Die Alternativmedien sprechen nicht

Der "Wochenblick" hat seinen Sitz in Linz. Neben dem Online-Portal gibt es auch ein wöchentliches Print-Produkt. #doublecheck hat mit dessen Chefredakteur Kurt Guggenbichler gesprochen und ihn um ein Interview gebeten, um herauszufinden, wie die Kollegen bei solchen selbsternannten Alternativmedien ticken. Sie produzieren zum Teil abstruse, zum Teil hetzerische Artikel. Dem Vorwurf, Fake News zu verbreiten, widersprechen sie aber entschieden.

FPÖ-Nähe und tief sitzendes Misstrauen

Chefredakteur Guggenbichler wäre zu einem Interview bereit gewesen, nach Rücksprache mit dem Geschäftsführer war dann alles wieder anders. "Wochenblick"-Geschäftsführer Norbert Geroldinger kommt aus der FPÖ, so wie andere Mitarbeiter seines Mediums. Die Nähe zur FPÖ erklärt wohl auch die Skepsis gegenüber traditionellen Medien. Das trifft nicht auf Guggenblichler zu; er war selbst einmal Journalist bei den "Oberösterreichischen Nachrichten".

Im freiheitlichen Schoß gewachsen

Geradezu medienscheu sind auch die Mitarbeiter von "Unzensuriert", ein Portal, das im Schoß der FPÖ gewachsen ist. FPÖ-Mediensprecher Hans-Jörg Jenewein lässt deshalb auch nichts über das Medium kommen, wenn man ihn zum Beispiel auf mögliche Förderungen anspricht. "Es wird Kriterien geben, und wer die erfüllt, wird Medienförderung bekommen", sagt Jenewein in der aktuellen #doublecheck-Folge. Auf die Frage, ob die Kriterien so sein werden, dass auch "Unzensuriert" sie erfüllen kann, sagt Jenewein: "Ich weiß nicht, warum Sie so auf 'Unzensuriert' herumhacken. Ich weiß schon, dass das einer dieser Stacheln ist, die den etablierten Medien wehtun. Aber wenn ich mir die Zugriffszahlen auf 'Unzensuriert' anschaue, dann sieht man, dass das Medium gelesen wird. Da sollten sich die anderen Medien, die das kritisieren, Gedanken machen, warum ihr Medium weniger angeklickt wird."

Medienscheuer Stachel der Etablierten

Der jetzige Innenminister Herbert Kickl hat als FPÖ-Generalsekretär in #doublecheck über die Verflechtungen zwischen der Partei und "Unzensuriert" gesagt, dass man sich verstehe, ohne miteinander kommunizieren zu müssen. Wobei Kommunizieren auch nicht schwer wäre. "Unzensuriert"-Geschäftsführer Walter Asperl arbeitet im FPÖ-Parlamentsklub. Ein Interview mit #doublecheck hat Asperl schon zum zweiten Mal abgelehnt. Man erkläre sich nicht, alles was zu sagen sei, könne man auf der Homepage nachlesen.

Das Kollektiv schreibt unkontrolliert

Asperl sagt nur so viel: Die Artikel auf "Unzensuriert" würden von ehrenamtlichen Mitarbeitern geschrieben, und zwar im Kollektiv. Jeder schreibe, was ihm einfalle. "Bei uns herrscht keine Zensur wie bei den Mainstream-Medien", sagt Asperl. Ein Lektorat und ein gewisses Content-Management gebe es schon - also eine Art Veröffentlichungsplan.

Dadurch wird auch erklärbar, was man in einer RTL-Reportage über "Unzensuriert" auf YouTube sehen kann: Einer der Ehrenamtlichen kann sich nicht mehr erinnern, wo genau er im Netz eine Geschichte gefunden hat, die sich dann als falsch herausgestellt hat. "Unzensuriert" hat den Artikel - es ging gegen Asylwerber - trotzdem veröffentlicht. "Entlarvend ist, dass in dem Video ganz klar gesagt wird, dass es dem Portal nicht um unabhängigen Journalismus gehe - sondern darum, gewisse politische Bewegungen wie die FPÖ oder die AfD in Deutschland voranzutreiben", sagt Ingrid Brodnig.

Durch Schweigen weniger angreifbar

Für diese RTL-Sendung hat sich letztes Jahr eine Journalistin undercover als Mitarbeiterin für den deutschen Ableger von "Unzensuriert" beworben. Das dürfte dem Vertrauen in die traditionellen Medien den Rest gegeben haben. Journalistin Ingrid Brodnig sieht auch ein Kalkül des FPÖ-nahen Portals dahinter: "Je weniger die mit normalen Medien reden, desto schwieriger ist es auch, Geschichten über sie zu machen. Denn etablierte Medien leben davon, dass jemand bereit ist, ein Interview zu geben. Wichtige Fragen werden einfach nicht beantwortet. Wir wissen nichts über die Finanzierung, wir wissen oft nicht einmal, wer dort schreibt."

Einzelkämpfer Unterberger spricht

Bei andreas-unterberger.at weiß man hingegen genau, wer schreibt. Nämlich Andreas Unterberger, früher Chefredakteur der "Presse" und der "Wiener Zeitung". Unterberger möchte zwar nicht in einen Topf mit - wie er sagt - Parteimedien wie "Unzensuriert" und "Wochenblick" geworfen werden, aber es macht ihm auch nichts aus, wie er im Interview mit #doublecheck versichert. "Was linke Journalisten in einen Topf werfen, ist mir völlig egal. Zum Glück lässt sich auch die ÖVP nicht mehr ins Bockshorn jagen, dass du ein für dich richtiges Argument nicht vertreten darfst, weil ein anderer, der angeblich igitt ist, auch diese Meinung hat."

"Flüchtlingskrise war meine Rakete"

Der Einzelkämpfer Unterberger sieht so wie die FPÖ-nahen Plattformen den ORF sehr kritisch und betreibt mit anderen den Blog "ORF-Watch", wo immer wieder auch sehr polemisch Sendungen des ORF-Fernsehen und Radio rezensiert werden. Seinen persönlichen Blog habe die Flüchtlingskrise 2015 erst richtig groß gemacht, erzählt Unterberger: "Das war die absolute Rakete nach oben, da haben die Zugriffe binnen zwei Jahren um 90 Prozent zugenommen." Rund fünf Millionen Page-Views im Jahr erreiche in Österreich mit einem Einzelblog sonst niemand. Das sei auch kommerziell ein Erfolg, durch Abos und Werbung. Unterberger ist in der Hinsicht ganz offen.

Finanzierung liegt völlig im Dunkeln

Die Finanzierung der FPÖ-nahen Seiten, speziell des "Wochenblick", liegt hingegen im Dunkeln. Klassische Werbemodelle seien jedenfalls nicht das Geschäftsmodell, sagt Ingrid Brodnig. "Es inserieren vor allem kleinere und lokale Unternehmen, durchaus auch aus einem rechten Umfeld." Die einzige bekannte Zahl stamme aus einem Gerichtsverfahren, wo der Geschäftsführer des "Wochenblick" die Summe von 850.000 Euro aus Sponsorengeldern genannt habe, so Brodnig. "Sie sagen aber nicht, wer die Sponsoren sind. Das ist ihr gutes Recht, aber es wirft die Frage auf, welche Akteure genau hinter diesem Medium stehen."

Schärfere Töne gegen Journalisten

Faktum ist, dass diese Plattformen eine neue Rolle haben. Die Regierung ist nicht mehr das Feindbild, sondern muss um fast jeden Preis unterstützt werden. "Das geht über den Umweg, dass gewisse Gruppen wie Asylwerber, aber auch etablierte Medien und deren Journalisten massiv kritisiert werden - um auch von dem abzulenken, was die Regierung macht", so Brodnig. Sie sei gespannt, ob diese Tonalität etwa gegenüber Journalisten zunimmt und man dadurch "den Blick weg von der Regierung und hin auf andere Feindbilder richten kann".

Und tatsächlich greift zum Beispiel "Wochenblick" in letzter Zeit vermehrt Journalistinnen und Journalisten an, etwa "Vice"-Redakteurin Hanna Herbst, aber auch ORF-Redakteure und den ORF-Generaldirektor.

"Größte demokratische Erneuerung"

Das Fazit des früheren Chefredakteurs zweier Qualitätszeitungen fällt nach all dem erstaunlich aus. Andreas Unterberger ist fast euphorisch: "Es ist wirklich die größte demokratische und pluralistische Erneuerung, dass die Rolle der Journalisten vorbei ist - wo ein paar hundert Leute als Gatekeeper entschieden haben, was die Leute erfahren dürfen und was nicht. Da gibt es jetzt eine Vielfalt."

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