Bernhard Pörksen

PETER ANDREAS HASSIEPEN

"Journalismus muss sich erklären"

Journalistische Fehler zuzugeben und dafür geradezustehen sei essenziell für die Glaubwürdigkeit. Traditionelle Medien müssten in diesem Punkt umdenken: Schluss mit "Gate-Keeping", jetzt sei "Gate-Reporting" angesagt, so der deutsche Medienwissenschafter Bernhard Pörksen im #doublecheck-Interview.

Früher haben Journalisten allein entschieden, was, wie und wann an die Öffentlichkeit gelangt. Sie waren in der Rolle, die von der Wissenschaft als "Gate-Keeper" bezeichnet wird – nämlich darüber zu bestimmen, was durch die Pforten der Redaktionen nach draußen geht und was nicht. Potenziell ist heute jeder Mensch mit Smartphone ein "Gate-Keeper". Die Digitalisierung ermöglicht es praktisch jedem, auf Themen aufmerksam zu machen und Skandale aufzuzeigen, sagt Bernhard Pörksen. Er lehrt an der Universität Tübingen. "Das ist eine ungeheure Öffnung des kommunikativen Raumes", so Pörksen.

Fehler bleiben nicht mehr unentdeckt

Und in diesem kommunikativen Raum werden auch die Fehler der etablierten Medien schneller sichtbar und verbreitet. Denn das Publikum ist nicht mehr stumm und schreibt vielleicht hie und da einen Leserbrief. Das Publikum spricht zurück, reagiert und agiert. "Das erlebt ein amerikanischer Präsident genauso, wie eine Institution wie Wikileaks. Das erlebt ein Medium genauso wie ein einzelner Politiker, der mit Hängebauch in der Badehose an einem Strand gefilmt wird und sich dann auf YouTube verewigt sieht."

Bernhard Pörksen im Interview mit Stefan Kappacher

"Gate-Reporting" als Gebot der Stunde

Für Pörksen kann es auf die geänderten Rahmenbedingungen nur eine Antwort geben: "Die Aufgabe des guten Journalismus ist gerade jetzt, zu einer Fehlertransparenz zu kommen - etwas zu betreiben, was man vielleicht ganz generell gesprochen "Gate Reporting" nennen könnte." Sprich: Journalismus müsse sich und seine Spielregeln erklären – auch und vor allem dann, wenn etwas schief gelaufen ist: "Ein offener, transparenter Umgang mit Fehlern ist das Gebot der Stunde." Journalisten müssten dem Publikum die Möglichkeit geben, Qualität und Güte der vermittelten Information einzuschätzen.

Fehlerkultur stärkt das Vertrauen

Denn das Vertrauen schwinde, wenn das Publikum immer kritischer werde und gleichzeitig vor immer mehr Informationsquellen mit teils fragwürdiger Qualität stehe. Guter Journalismus müsse sich daher zu erkennen geben, sagt Bernhard Pörksen: "Transparenz, Offenheit, Nahbarkeit, die Bereitschaft zum Dialog und zum Austausch auf Augenhöhe. Auch das Sichtbar-Machen von dem, was man weiß, und von dem, was man nicht weiß. Die Schwierigkeiten bei der Recherche – all das sind Mittel um Vertrauen zu stärken."

Bernhard Pörksen

Selbstkritik als Gratwanderung

Fehlleistungen würden bereits vorhandene Einstellungen eklatant bestätigen, sagt Pörksen: "Wir beobachten, dass Fehler in massiver Weise attackiert werden. Nach dem Motto: Da seht ihr ja, die Lügen doch alle." Selbstkritik sei daher immer auch ein Balanceakt, eine Gratwanderung. Zwar gelte es, die Fehlerkultur zu forcieren, aber: "Das Problem sind die Leute, die es nicht verstehen, mit einer transparenten Fehlerkultur umzugehen, und die diese Transparenz dann wieder ausnützen und sagen: Seht her, dieser einzelne Fehler ist ein Symptom, der gleichsam die Korruptheit des ganzen Systems zeigt." Das Ziel müsse es sein, zu einer differenzierten Medienkritik zu kommen, weg von den pauschalen Attacken auf Medien.

Message Control auf verlorenem Posten

Der Medienwissenschafter Pörksen sieht auch Rückwirkungen dieser Debatte auf die Politik. Die unternehme unter den Bedingungen des überquellenden kommunikativen Raumes die größten Anstrengungen, um ihre Botschaften gezielt zu platzieren. Diese sogenannte "Message Control", die auch die österreichische Bundesregierung versucht, werde aber auf Dauer nicht funktionieren, glaubt Pörksen.

Pörksen über Message Control

Dann kommt die Empörung zweiter Ordnung

Pörksen beobachtet ein Muster: "Wer versucht, Information zu zensieren, wer versucht zu unterdrücken, wer versucht, extrem zu kontrollieren, der macht womöglich missliebige Nachrichten eben gerade dadurch bekannt. Dann gibt es eine Empörung zweiter Ordnung. Man empört sich nicht mehr darüber, was da verborgen werden soll, sondern man empört sich auch über den Umgang mit dem Fehler selbst."

Medium sein, nicht nur mit Medien umgehen

In seinem neuen Buch "Die große Gereiztheit" mahnt Pörksen eine mediale Gesamtverantwortung ein - und ruft die "redaktionelle Gesellschaft" aus. Die Freiheit, die jeden zum Sender macht, brauche auch das nötige Verantwortungsbewusstsein. Jeder sollte lernen, als sein eigener Redakteur zu handeln, die Ideale des guten Journalismus - "die Frage nach Glaubwürdigkeit, nach Relevanz, das Bemühen nach Quellenprüfung, die gesunde und gute Skepsis, das Bemühen um Transparenz, das Bemühen, auch die andere Seite zu hören" – diese Ideale müssten ein Element der Allgemeinbildung werden.

Bernhard Pörksen zur Fehlerkultur

Die alte Forderung nach Medienkompetenz greife da zu kurz, sagt Pörksen. Es gehe nicht mehr nur darum zu lernen, mit Medien umzugehen, sondern selbst journalistisch zu denken.

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