Filmstill, zwei Buben auf der Straße

VIENNALE

American Neorealism - Roberto Minervini bei der Viennale

Bei der Viennale ist in den kommenden Tagen Roberto Minervini ein Spezialprogramm gewidmet. Seit 18 Jahren lebt der italienische Filmemacher in den USA. In bislang fünf Langfilmen, die alle bei der Viennale zu sehen sind, hat sich Minervini mit der Alltagsrealität der unteren sozialen Schichten und den widersprüchlichen Realitäten des Landes auseinandergesetzt. Von teils rechtskonservativen weißen Gruppierungen in seinen ersten Produktionen, bis hin zum Alltag einer afroamerikanischen Gemeinschaft in seinem jüngsten Film.

Mittagsjournal | 31 10 2018
Benno Feichter

Bei Protesten der "New Black Panther"-Bewegung eröffnet die Polizei plötzlich das Feuer. Es ist die letzte Szene des Films "What you gonna do, when the world is on fire", dem Porträt einer afroamerikanischen Community in New Orleans. "Das Erschreckende ist, wie kurz heute in den USA der Weg zur Eskalation ist", so Roberto Minervini - vom verbalen Protest, hin zur Waffengewalt.

Er müsse lernen zu kämpfen, um sich zu verteidigen, erklärt ein 14-Jähriger seinem Neunjährigen Halbbruder im Film. Oft komme es aber gar nicht mehr zum Kampf, denn die Leute würden heute lieber schießen.

"Gleichberechtigung ist heute in den USA kein Ziel mehr"
Roberto Minervini

Institutioneller, historisch gewachsener Rassismus ist in den Alltag dieser Gemeinschaft eingeschrieben, den Minervini in klaren Schwarz-Weiß-Bildern erzählt. Es ist kein aufwühlendes Stochern in offenen Wunden, stattdessen filmt er die Wut seiner Protagonisten in intimen wie ruhigen Bildern.

Mit "What you gonna do" hat Minervini die Perspektive gewechselt, vom weißen hin zum schwarzen Amerika: "Ich habe schon vor der Wahl Trumps die Dringlichkeit gespürt, diese Welt zu zeigen. Dieser systematische Rassismus war schon da, aber es ist schlimmer geworden. Gleichberechtigung ist heute in den USA kein Ziel mehr."

Zwischen Realität und der Poesie des Kinos

Was alle Protagonisten Minervinis eint, ist ihr Misstrauen in das System. In einem Alltag der oft ein Überlebenskampf unterhalb der öffentlichen Wahrnehmungsgrenze ist. Das gilt für die krebskranke Frau im Endstadion und den eben entlassenen Häftling, die Minervini in "The passenger" begleitet ebenso, wie für den drogenabhängigen Mann oder die kampfbereiten Veteranen in "The other side", die sich für den von ihnen befürchteten Einmarsch der UNO in die USA und die Revolution gegen das System rüsten.

Minervini schaut dahin, wo es wehtut, wenn etwa einer schwangeren Frau geholfen wird, die Drogenspritze zu setzen. Aber er zeigt seine Protagonisten dann auch in stillen und schönen Momenten: schwimmend in der Natur, beim Heiratsantrag im Wald, am Morgen im Bett.

Roberto Minervini

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Roberto Minervini

Übersetzer des Alltags

In seinen ersten Filmen hat er noch Schauspieler unter die Protagonisten gemischt, die Realität also künstlich verdichtet. Mittlerweile greift er nicht mehr in das Geschehen vor der Kamera ein. Die Verdichtung passiert im Schnittprozess. Für seinen letzten Film hat Minervini 180 Stunden Material auf letztlich 120 intensive Kinominuten komprimiert - eine Essenz der Realität, die nicht manipuliert wird, gefiltert durch die Handschrift des Filmautors: "Manchmal fühle ich mich wie ein Übersetzer, der die Sprache des Alltags in eine Sprache des Kinos übersetzt."

Minervinis Arbeiten gleichen durchkomponierten filmischen Gemälden, die mit viel Würde und teils erstaunlicher Leichtigkeit eine amerikanische Realität abbilden, in der sich die aktuelle US-Politik spiegelt und zugleich schonungslos niederschlägt.

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