Albert Hosp

ORF/URSULA HUMMEL-BERGER

Tremolo, Applaus, Prosit

Neujahrskonzert - das berühmteste Konzert der Welt aus der Kammerlperspektive

Im Wiener Musikverein gibt es einen - ganz mit Holz ausgekleideten sowie mit Spiegeln versehenen - Durchgang. Er führt von den Künstlergarderoben direkt zum rechten Bühneneingang des Goldenen Saales. Er ist gleichsam der Transit der Superstars.

Ort der Ö1 Stimmen

Durch ihn schreitet oder eilt, je nach Uhrzeit und Temperament, auch der Dirigent des Neujahrskonzertes. Die Spiegel ermöglichen einen letzten Blick, ob auch alles gut sitzt. Wenige Meter davon entfernt befindet sich das "Kammerl". Es ist weder mit Holz ausgekleidet noch hat es einen Spiegel. Aber es hat ein Mikrofon.

Das Kammerl ist der Ort, von dem aus die Ö1 Stimmen der Liveübertragungen zu Ihnen dringen, fachgerecht vom Technikraum im selben Haus gesteuert. Die am 1. Jänner diensthabenden Kollegen von der Technik sind wahrhaft neujahrserprobt: Musikaufnahmeleiter Florian Rosensteiner sowie die Tonmeister Martin Leitner und Robert Pavlecka. Erfahrene Kollegen, das beruhigt mich. Denn ich sitze dann zum ersten Mal im Kammerl. Es ist ja nicht so, als wäre das meine erste Livemoderation. Aber trotzdem, beim bloßen Gedanken an den 1. Jänner 2019 beschleunigt sich der Pulsschlag.

Zwei Debütanten

Ich bin allerdings nicht der einzige Debütant: Christian Thielemann ist auch zum ersten Mal dran. Er wird keine Zeit haben, mit mir dazwischen schnell mal auf unsere gemeinsame Premiere anzustoßen, aber dafür habe ich Verständnis. Das Neujahrskonzert gilt schließlich als das berühmteste und in mancher Hinsicht herausforderndste Klassikereignis der Welt.

Ein Weltklasseorchester ist gleichzeitig Präzisionswerkzeug und lebendiges Riesenwesen, feinmechanisch bis ins kleinste Detail ausgefeilt, aber mit der Fähigkeit zur spontanen Aushebelung aller Gesetze ausgestattet, damit Musik zur Musik wird. Wenn Thielemann am Pult steht, spüren wir die ungeheure Spannkraft dieser Gegensätze; er führt mit straffen Zügeln und lässt die Bestie doch so weit los, dass wir ihren heißen Atem spüren, auch bei Walzer, Marsch und Polka.

Üben vor dem Livemoment

Große Aufregung also im Kammerl. Immerhin gibt es Gelegenheit zu üben, vor dem großen Livemoment, und noch "off air": Am 30. und 31. Dezember wird dasselbe Programm gespielt. Wenn Sie nun glauben, dafür gebe es noch Karten: leider nein. Aber im Februar "können sich Interessenten zur Verlosung von Karten für die Voraufführung (30.12.2019, 11.00 Uhr), das Silvesterkonzert (31.12.2019, 19.30 Uhr) und das Neujahrskonzert (1.1.2020, 11.15 Uhr) anmelden", heißt es auf der Website der Wiener Philharmoniker.

Gut also, dass ich am Abend davor schon einmal so tun kann, als wär’s der 1. Jänner. Kaum ein anderes Orchesterkonzert hat so viele kurze Stücke im Programm. Wie lange lässt sich der Dirigent dazwischen Zeit? Wie viel Platz ist für Information, Einbegleitung, Appetizer auf das kommende Stück? Wen interessiert überhaupt die Moderation an einem solchen Tag?

Wenn Sie diese Zeilen lesen, wäre noch Zeit, mir ein beruhigendes E-Mail zu schicken. Quasi: "Wird schon schiefgehen!" Bis dann also, am 1. Jänner. Leider kann ich Ihnen auch fürs Kammerl keine Karte mehr verschaffen.

Dieser Artikel enstammt der aktuellen Ausgabe des Ö1 Magazins "gehört".

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