Bücherstapel

ORF/URSULA HUMMEL-BERGER

Sachbücher und Themen

Von den Krisenherden dieser Welt über Entdeckungen der Neurowissenschaften bis zu den schönen Künsten. "Kontext" bietet Orientierungsservice im Sachbuch-Dschungel. Reportagen, Diskussionen, Rezensionen, Studiogespräche, Hintergrundberichte zu spannenden Büchern über Zeitgeschichte, Wirtschaft und Wissenschaft. Und ab und zu darf auch gelacht werden.

David A. Sinclair: "Das Ende des Alterns"

Gesunde Ernährung, viel Bewegung und nicht rauchen: So lauteten für lange Zeit die Rezepte für ein langes Leben. Doch es könnte sein, dass all dies nur zusätzliche Voraussetzungen sind, zusätzlich zu einer Beeinflussung jener Gene, die für das Altern verantwortlich sind. Bei Mäusen ist es bereits gelungen, das Altern nicht nur zu stoppen, sondern über Beeinflussung bestimmter Gene das Alter umzudrehen, die Tiere also zu verjüngen. Bei Menschen könnte dies funktionieren, wenn er drei Tabletten täglich einnimmt, ist David Sinclair überzeugt. Der gebürtige Australier ist seit 20 Jahren an der Harvard Medical School in Boston tätig und ist dort Professor am Department of Genetics tätig. Bei Mäusen ist man in David Sinclairs Labor schon einen Schritt weiter und experimentiert mit Zell-Umprogrammierung. Wenn die Nager altern, nimmt ihr Sehvermögen dramatisch ab. Durch Gentherapie gelang es nun, die für die Sehkraft relevanten Zellen so umzuprogrammieren, dass sie sich wie jene in einer jungen Maus verhielten. Die alten Mäuse erlangten also wieder ihre Sehkraft. Dies beweist, so der Genetiker, dass es prinzipiell möglich ist, das Rad der Zeit zurückzudrehen. Die einzige Frage sei dann, wie oft das gelingt. Einmal, zweimal - vielleicht sogar hundertmal.

David A. Sinclair, "Das Ende des Alterns - Die revolutionäre Medizin von morgen", Übersetzung: Sebastian Vogel, DuMont

Madeleine Amberger

Gregoire Chamayou: "Die unregierbare Gesellschaft"

Die 70er Jahre begannen im Geist von Woodstock, Willy Brandt und Bruno Kreisky - und endeten in einem massiven Wirtschaftsabschwung. In dieser Epoche des Umbruchs setzte der Aufstieg dessen ein, was wir heute mehr oder weniger treffsicher "Neoliberalismus" nennen. Der durch den Wirtschaftsabschwung in Misskredit gebrachten Keynesianismus machte in den 70ern den Weg frei für ein neues politisches Paradigma, das der der französische Philosoph Grégoire Chamayou auf einen in sich widersprüchlichen Begriff bringt: "Autoritärer Liberalismus". Er zeigt in seinem Buch, wie die unternehmerfreundlichen Kräfte in den 70er Jahren in den Offensive gingen. Das war zunächst eine intellektuelle und mediale Offensive. Es galt, der Linken die Diskursherrschaft, die "kulturelle Hegemonie", zu entreißen. Zu Beginn des Jahrzehnts schossen überall in den USA neue, konservative Thinktanks aus dem Boden. Stark gegenüber den Schwachen und schwach gegenüber den Starken, das ist das Credo neoliberaler Politik - bis heute. Grégoire Chamayou zeigt in seinem spannenden Buch, wie alles begann.

Gregoire Chamayou, "Die unregierbare Gesellschaft - Eine Genealogie des autoritären Liberalismus", Übersetzung Michael Halfbrodt, Suhrkamp

Günter Kaindlstorfer

Bernd Ulrich: "Alles wird anders"

Das Zukunftswort 2020 lautet "Green Pressure". Zumindest hat es deutsche Zukunftsinstitut zum solchen gewählt. Klimaschutz ist nicht mehr nur ein Thema von Umweltaktivisten, sondern wird zum Mainstream-Thema, heißt es in der Begründung. Schade, dass es erst eine ganze Reihe von extrem heißen Jahren gebraucht hat, um den Menschen klar zu machen, dass der Klimawandel real und die Prognosen keineswegs überzogen sind. Dass es immer heißer werden würde, ist schließlich seit den 80er Jahren bekannt. Warum es aber gerade in Bezug auf Klimafragen zu einer massiven Verdrängung der Bedrohung kam, damit setzt sich Bernd Ulrich, der stellvertretende Chefredakteur der Hamburger Wochenzeitung "Die Zeit" auseinander. Er sieht im Verdrängen der Erderwärmung die Zentralneurose unserer Tage. Angesichts der immer knapper werdenden Zeit, die Erderwärmung zu stoppen, brauche es nun radikale Lösungen, der goldene Mittelweg, das Erfolgsrezept der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, habe ausgedient.

Bernd Ulrich, "Alles wird anders: Das Zeitalter der Ökologie", Kiepenheuer und Witsch

"Kontext"-Studiogespräch mit Wolfgang Ritschl

Volker Reinhardt: "Die Macht der Schönheit"

Italiensehnsucht: dieser Begriff wurde spätestens seit Goethes Italienischer Reise zum Leitmotiv für unzählige Trips in den Süden. Antrieb für die Reisenden war und ist dabei die Kultur. Tausend Jahre italienischer Kulturgeschichte hat sich Volker Reinhardt vorgenommen. Er ist Universitätsprofessor für Geschichte der Neuzeit im Schweizer Fribourg/Freiburg und einer der führenden Italien-Historiker. Reinhardt widmet sich Bildern, Bauwerken und Gärten, Dichtungen, Opern und Filmen, Staatstheoretikern und Naturforschern. Von den sizilianischen Baronen bis zum Kult des Alltäglichen bei Fellini reicht die Darstellung. Ein Buch, das zeigen will, wie die Schönheit eine Landschaft und ihre Bewohner prägt.

Volker Reinhardt: "Die Macht der Schönheit: Kulturgeschichte Italiens", C.H. Beck

Christina Höfferer

Luftbläschen in vereistem See

FREDERIC J. BROWN / AFP

Madelaine Böhme: "Wie wir Menschen wurden"

Die bisher ältesten Belege für den aufrechten Gang sind sechs Millionen Jahre alt und stammen von der Insel Kreta und aus Kenia. Dass die Wiege der Menschheit in Ostafrika liegt, galt bislang als unumstößliche Erkenntnis. Vor über drei Jahren entdeckte die renommierte Paläontologin Madelaine Böhme von der Universität Tübingen in einer Tongrube im schwäbischen Ost-Allgäu fast zwölf Millionen Jahre alte Knochen. 37 vollständig erhaltene Arm- und Schienbeinknochen, Wirbel oder Zehenknochen, die alle zu einer bisher unbekannten Primatenart gehören. Davon wurden 21 Knochen einem männlichen Fossil zugeordnet. Den Unterkiefer dieses Primaten entdeckte die Geowissenschaftlerin am 17. Mai 2017, genau am 70. Geburtstag des deutschen Sängers Udo Lindenbergs. Das Forscherteam gab dem Danuvius-Menschenaffen daraufhin den Beinamen Udo. Für die Wissenschaft ist es eine Sensation. Die Knochen aus Bayern könnten ein Beleg dafür sein, dass sich der aufrechte Gang nicht - wie bisher angenommen - in Afrika entwickelt hat, sondern in Eurasien und Europa.

Madelaine Böhme, "Wie wir Menschen wurden - Eine kriminalistische Spurensuche nach den Ursprüngen der Menschheit", Heyne Verlag

Maicke Mackerodt

Wassili Golowanow: "Das Buch vom Kaspischen Meer"

Gleich vorweg: Das Kaspische Meer ist kein Meer, sondern ein See, der größte See der Welt. Er erstreckt sich vom nördlichsten Punkt in Kasachstan über 1.200 Kilometer bis zum Iran im Süden; an der schmalsten Stelle zwischen dem aserbeidschanischen Baku und dem turkmenischen Kranowodsk, dem heutigen Turkmenbaschy, ist der Kaspisee keine 300 Kilometer breit. Umgeben ist er von Steppen, Wüsten und dem Kaukasus; Mütterchen Russland mündet als Wolga ins Kaspische Meer. Der russische Reiseschriftsteller Wassili Golowanow hat sich als Ziel seiner geopolitischen Reise in die Kaspisregion eine vollständige Geografie des Kaspischen Meeres und seiner Anrainerstaaten gesetzt. Es ist ihm - fast vollständig - gelungen.

Wassili Golowanow, "Das Buch vom Kaspischen Meer", Übersetzung: Valerie Engler und Eveline Passet, Matthes&Seitz

Erich Klein

Matthias Glaubrecht: "Das Ende der Evolution"

Der Klimawandel ist nur ein Nebenschauplatz, so die zentrale These von Matthias Glaubrecht. Denn auch ohne Erderwärmung arbeiten wir uns derzeit in eine Krise des Lebens. Wenn wir weiterhin sämtliche Lebensräume der Erde übernutzen, den Regenwald abholzen und die Meere plündern, dann wird der Klimawandel kaum noch etwas zur ökologischen Apokalypse beitragen können, was die Artenkrise nicht schon mit sich gebracht hätte. Bereits bis Ende des 21. Jahrhunderts könnte die Hälfte aller Tier- und Pflanzenarten verloren sein. Dieser größte Artenschwund seit dem Aussterben der Dinosaurier könnte zu einem Ende der Evolution führen, der Mensch damit sein Überleben gefährden. Der Evolutionsbiologe Mattias Glaubrecht wählt plastische und drastische Bilder, um auf das rasante Aussterben unzähliger Arten hinzuweisen. Das Artensterben, so Glaubrecht, ist der neue Klimawandel. Auch hier sind die nächsten Jahrzehnte entscheidend, wenn man die drohende Katastrophe noch abwenden will.

Matthias Glaubrecht, "Das Ende der Evolution - Der Mensch und die Vernichtung der Arten", C. Bertelsmann Verlag

"Kontext"-Studiogespräch mit Wolfgang Ritschl

Didier Eribon: "Betrachtungen zur Schwulenfrage"

In dieser groß angelegten Studie zeigt der französische Soziologe Didier Eribon, was Beleidigung mit Menschen macht, wie sich historisch eine Sprache der Homosexualität entwickelte, und wie eine gute homosexuelle Kultur aussehen könnte. Mit seinem Buch schreibt Eribon gegen die einflussreiche Behauptung Michel Foucaults an, derzufolge Homosexualität ein rein historisches Konstrukt sei, eine Erfindung der Psychiatrie des 19. Jahrhunderts. Vorher habe es zwar homosexuelle Handlungen gegeben, aber keine homosexuelle Identität. Diese Aussage Foucaults sei in ihrer Radikalität von vielen Interpreten missverstanden worden, und sie sei sachlich falsch. Eribons Studie ist an manchen Stellen vielleicht etwas zu langatmig geraten, aber sie liest sich auch heute noch, 20 Jahre nach Erscheinen, überraschend aktuell. Das liegt auch daran, dass es hier um Grundsätzliches geht: die Logik der Ausgrenzung und was sie aus Menschen macht, bleibt ja bestehen und lässt sich auf andere gesellschaftliche Gruppen ebenso anwenden.

Didier Eribon, "Betrachtungen zur Schwulenfrage - Betrachtungen zur Schwulenfrage", aus dem Französischen von Achim Russer und Bernd Schwibs, Suhrkamp Verlag

Andrea Roedig

Blick von der Geisterstadt Pripyat aus auf den vierten Reaktorblock des Atomkraftwerkes Tschernobyl

APA/HELMUT FOHRINGER

Adam Higginbotham: "Mitternacht in Tschernobyl"

Ganz ohne einen runden Jahrestag als Anlass erregte heuer die TV-Miniserie "Chernobyl" großes Aufsehen. Mit einem Riesenaufwand wurde da die bisher größte Reaktor-Katastrophe der Geschichte nachgestellt, die sich im April 1986 ereignet hatte. Die Serie beeindruckt, weil sie auch weniger bekannte Geschichten rund um die Katastrophe erzählt, und weil sie sehr authentisch rüberkommt. Die Drehbuchautoren haben in weiten Teilen auf die von der Literaturnobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch zusammengestellte Chronik der Ereignisse zurückgegriffen. Interviews mit Bewohnern von Pripyat, der am meisten betroffenen Stadt, hat auch der Journalist Adam Higginbotham geführt. Aus einer ursprünglich auf ein paar Monate angelegten Recherche wurden schließlich zwölf Jahre Arbeit. In einem blieb er seiner ursprünglichen Absicht treu: Das Buch "Mitternacht in Tschernobyl" ist eine minutiöse Darstellung, wie ein technologisch ohnehin bedenklicher Reaktor gebaut, und wie von der ersten Stunde an mit beschädigten oder inadäquaten Materialien die Sicherheit der Anlage hintangestellt wurde; wie die mangelhafte Ausrüstung der Einsatzkräfte vielen das Leben kostete; wie die Behörden den Unfall international und auch innerhalb der UdSSR vertuschten; und wie in einem typisch sowjetischen Schauprozess Sündenböcke für systemisches Versagen gefunden und verurteilt wurden. Die Mängel des Reaktors sowohl im Design als auch im Bau wurden öffentlich nie zumindest als Mitursache der Explosion genannt.

Adam Higginbotham, "Mitternacht in Tschernobyl - Die geheime Geschichte der größten Atomkatastrophe aller Zeiten", Übersetzung: Irmengard Gabler, S. Fischer Verlag

Madeleine Amberger

M. Dewey, N. Engwicht u.a. (Hg.): "Schattenwirtschaft"

Steuervermeidung ist in den Ländern des globalen Nordens ein großes Problem, nicht so groß allerdings, dass ganze Staaten durch den Einnahmenentfall erodieren würden. Dort allerdings, wo staatliche Strukturen gar nicht erst funktionieren oder im Zuge von Wirtschaftskrisen, Misswirtschaft und Korruption stark beschädigt sind, sind informelle Märkte und damit der Ausfall von staatlichen Einnahmen die Regel. Informelle Märkte sind Märkte, die es nicht geben dürfte, weil sie auf keiner rechtlichen Grundlage basieren, und die es dennoch gibt, weil niemand das Recht exekutiert. Darum geht es in diesem Buch. Nicht um illegale Märkte, die von kriminellen Organisationen betrieben werden, also um Drogen, Waffen oder Menschenhandel. Sondern um Märkte außerhalb des legalen Rahmens, die sich aber nur zum Teil durch die kriminelle Energie der Akteure gebildet haben. Konkret beschreiben die Autoren dieses Phänomen am Beispiel der Markenpiraterie in Argentinien, des Diamantenabbaus in Sierra Leone und des
Rhinozeroshornschmuggels in Südafrika. Gemeinsam ist diesen drei Schattenmärkten die Illegalität, aber auch die einzige Möglichkeit für viele Menschen, überhaupt zu Arbeit und Geld zu kommen.

Matthias Dewey, Caspar Dohmen, Nina Engwicht und Annette Hübschle (Herausgeber), "Schattenwirtschaft", Wagenbach Verlag

Peter Zimmermann

Jürgen Martschukat: "Das Zeitalter der Fitness"

1.239 Fitnesstudios gibt es in Österreich, über eine Million Menschen trainieren hierzulande. Im ersten Monat des neuen Jahres werden traditionell viele neue Verträge abgeschlossen, wollen die Vannillekipferlgerundeten den Feiertagsspeck doch rasch wieder los werden. Spätestens in der Badesaison will man wieder schlank und muskulös erscheinen. Das war nicht immer so. Der Fitnessboom setzte erst in den 1970er Jahren ein, zeitgleich mit dem Aufstieg des Neoliberalismus, wie der Historiker Jürgen Martschukat in seinem Buch "Das Zeitalter der Fitness" feststellt. Für seine Geschichte des Körpers als Gesellschaftsgeschichte blickt er aber auch mitunter noch weiter zurück, etwa zur ersten Hochphase der Fitness um 1900. Aber auch mit Charles Darwins "Survival of The Fittest" hat unser heutiger Bewegungsdrang zu tun. Ob sie nach einem Studiogespräch mit dem Autor immer noch aufs Laufband wollen? Entscheiden Sie selbst.

Jürgen Martschukat, "Das Zeitalter der Fitness - Wie der Körper zum Zeichen für Erfolg und Leistung wurde", S. Fischer Verlag

"Kontext"-Studiogespräch mit Wolfgang Ritschl

Gernot Grömer: "Unterwegs im Weltraum"

Es ist bei der Fülle der Weltraumbücher mittlerweile schwierig, einen neuen Zugang zu finden. Gernot Grömer ist das mit seinem Reiseführer ins Weltall gelungen. Sein Gedankenexperiment fußt auf den Daten von Raumsonden, die an die Grenzen des Sonnensystems geflogen sind. Grömer will den aktuellen Forschungsstand der Planetenwissenschaften mit einer Prise Science-Fiction verbinden. Das ist gut gelungen. Wer wusste vor der Lektüre schon, dass es einen Uranus-Mond namens Miranda gibt? Und dass dort die steilste Klippe des Sonnensystems ist - 20 km könnte man da in die Tiefe springen. Und dann geht das Abenteuer noch weiter: Paragleiten-Sturmfliegen auf Neptun, bei Windgeschwindigkeiten bis zu 2000 km/h - das ultimative Windsurfen. Oder in die dunkle Unterwasser-Welt vom Saturn Mond Enceladus eintauchen - unter der strahlend weißen Eisplatte, die 20 Kilometer dick ist. Gernot Grömer ist ein ambitionierter Reisebegleiter, der seiner Kundschaft Abenteuer für alle Sinne bietet: Wie fühlt es sich an, auf einem Planeten zu stehen oder einen Gasriesen zu riechen?

__Gernot Grömer, "Unterwegs im Weltraum. Ein Reiseführer durch das Sonnensystem", Ueberreuter Verlag

Ulrike Schmitzer

Mohnblumen auf einer Wiese

ORF/KREPELKA

Naomi Klein: "Green New Deal"

Berühmt wurde die kanadische Umweltaktivistin Naomi Klein vor zwanzig Jahren mit ihrem globalisierungskritischen Buch "No Logo", in dem sie den Kampf der Global Players um Marktmacht beschrieb und sich selbst als konsumversessen outete. Sieben Jahre später prangerte sie in ihrem Werk "Die Schock-Strategie" den Neoliberalismus an. Zuletzt beschäftigte sie sich mit dem Klimaschutz und weshalb er bisher am Kapitalismus scheitert. In ihrem neuen Buch bezieht sich auf einen Plan der demokratischen Partei in den USA. Die Umweltaktivistin, die sich selbst als demokratische Sozialistin bezeichnet, weiß: Eine politische Kehrtwende im Stil eines Green New Deal lässt sich ausschließlich mit harten Kämpfen erreichen und kann nur von einem breiten gesellschaftlichen Bündnis durchgesetzt werden. Aktuell richtet sich ihrer Meinung nach die gesellschaftliche Debatte um den Klimaschutz weder gegen die großen Unternehmen noch gegen die zügellose Prekarisierung und die daraus entstehende Ungleichheit, wie die Journalistin es nennt. Stattdessen stehen die Nachteile für die sogenannten kleinen Leute wegen steigender Sprit- und Heizölpreise im Vordergrund. Der Planet lässt sich für Naomi Klein aber nur zielgerichtet und kompromisslos retten.

Naomi Klein, "Warum nur ein Green New Deal unseren Planeten retten kann", Übersetzung: Barbara Steckhan, Sonja Schuhmacher und Gabriele Gockel, Verlag Hoffmann&Campe

Maicke Mackerodt

Nadja Sarwat: "Medien Frauen Macht"

Seit Juni 2019 hat Österreich erstmals eine Bundeskanzlerin und in der Übergangsregierung von Brigitte Bierlein besteht zum ersten Mal Geschlechterparität - als einen frauenpolitischen Paukenschlag mit weitreichenden Folgen bezeichnet das die österreichische Journalistin Nadja Sarwat in ihrem Buch "Medien Frauen Macht". Sie wünscht sich einen ähnlichen Emanzipationsschub für die Medienwelt. Frauen, so die Autorin, müssen präsenter werden - in den Nachrichten und in den Redaktionen. Die ehemalige "News"-Journalistin möchte mit ihrem Buch Munition für einen Diskurs liefern. Laut dem EIGE-Report 2013 sind in Europa nur 40 Prozent Frauen in der Medienbranche beschäftigt, die Zahl sinkt, je höher der Machtfaktor steigt, nur 16 Prozent Frauen finden sich in den obersten Chefetagen. Für ihr Buch hat Sarwat auch Interviews mit österreichischen und deutschen Medienfrauen geführt, unter anderem mit Susanne Beyer, Corinna Millborn, Nana Siebert und Conny Bischofsberger. Die deutsche Journalistin Anne Will hat die Kampagne "Pro Quote" mitinitiiert, die 50 Prozent Frauen in Führungspositionen in deutschen Redaktionen fordert, sie meint: "Keiner mag die Quote. Aber ohne sie ändert sich gar nichts."

Nadja Sarwat, "Medien Frauen Macht - Erfolgreiche Frauen in der Medienwelt", Böhlau Verlag

Julia Gindl

Dieter Thomä: "Warum Demokratien Helden brauchen"

Nach 1945 und dann noch einmal nach dem Ende des Vietnamkriegs haben viele Intellektuelle ein post-heroisches Zeitalter ausgerufen. Doch damit, so der Philosoph Dieter Thomä, haben sie der Gesellschaft keinen guten Dienst erwiesen. Wir brauchen Helden, gerade jetzt. Demokratische Helden. Die Demokratie befindet sich in ihrer tiefsten Krise seit 1945 und Helden können helfen, die politische Krise zu überwinden. Und zwar richtige Helden, die sich nicht nur einer Gefahr stellen, sondern sich auch einer Sache widmen, die größer ist als sie. Edward Snowden wäre so ein Held, die Kapitänin Carola Rackete oder auch Bürgermeisterinnen, die sich trotz Drohungen weiterhin für Asylwerber einsetzen. Die Demokratie, so die Überzeugung des Philosophen, ist im Wettlauf der Systeme nicht der haushohe Favorit, sie muss mit Mut gegen diktatorische, autoritäre und populistische Regime verteidigt werden. Am besten von demokratischen Helden.

Dieter Thomä, "Warum Demokratien Helden brauchen", Ullstein Verlag

"Kontext"-Studiogespräch mit Wolfgang Ritschl

William Henry Hudson: "Müßige Tage in Patagonien"

Der nicht ganze unbegabte Schriftsteller Joseph Conrad schrieb einst über Hudson, dass man von ihm immerfort lernen könne, wie man Wirkungen erzielt. "Er schreibt seine Worte nieder, wie der liebe Gott das Gras wachsen lässt", war Joseph Conrad überzeugt. Und in gewisser Weise hat Hudson ja dem Gras bei Wachsen zugehört, was einem Missgeschick gleich zu Beginn seiner Patagonien-Reise geschuldet war. Als sich William Henry Hudson als junger Mann im Jahr 1870 den lang gehegten Wunsch erfüllt, nach Patagonien zu gehen, läuft zuerst das Schiff auf Grund, an dessen Bord sich der in Argentinien geborene Sohn nordamerikanischer Einwanderer mit englischen respektive irischen Wurzeln befindet; beim anschließenden Marsch ins Landesinnere quält ihn fürchterlicher Durst, und schließlich schießt er sich auch noch buchstäblich ins eigene Knie - mit einem Revolver, dessen Kugel auch der Arzt, den er erst nach langer schmerzvoller Wartezeit konsultieren kann, nicht zu entfernen vermag und von der im Rest des Buches nie wieder die Rede ist. Tatsächlich aber erweist sich der tragikomische Unfall als Glücksfall, denn anstatt die patagonischen Vogelwelt zu erforschen, ist Hudson ans Bett gefesselt und folgt mit seinen Blicken dem sinn- und bedeutungslosen Geschwirre der Fliegen um ihn oder liegt auf dem Rasen und starrt in den Himmel, oder er grübelt über alle erdenklichen Dinge nach, bis ihm diese Form der Trägheit sehr schnell zur Gewohnheit wird.

__William Henry Hudson, "Müßige Tage in Patagonien", Übersetzung: Rainer Schmidt, Verlag Matthes und Seitz

Klaus Nüchtern

Oliver Scheiber: "Mut zum Recht!"

An einem Bezirksgericht werden zum Großteil Bagatellen verhandelt. Die Beschädigung von Glücksspielautomaten, der Diebstahl von Parfums, Raufereien. Für viele der betroffenen Personen ist das Wort "Strafverfolgung" unpassend, meint der Strafjurist Oliver Scheiber. Er weiß, wovon er spricht, leitet er doch ein Wiener Bezirksgericht. Er findet, dass die Justiz zu viel Energie in die Aufklärung und Verfolgung kleinster Regelverstöße steckt, und viel zu wenig in die Verfolgung von Verbrechen, die den Staat bedrohen, etwa in die Vorgänge rund um die Hypo Alpe Adria oder in Umweltverbrechen. Im internationalen Vergleich verdient das österreichische Justizsystem ein gutes Zeugnis, findet der Richter. Dennoch gibt es offene Wunden, wie etwa die Tendenz in Richtung Klassenjustiz.

Oliver Scheiber: "Mut zum Recht! - Plädoyer für einen modernen Rechtsstaat", Falter Verlag

"Kontext"-Studiogespräch mit Wolfgang Ritschl

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