Bücherstapel

ORF/URSULA HUMMEL-BERGER

Kontext

Sachbücher und Themen

Von den Krisenherden dieser Welt über Entdeckungen der Neurowissenschaften bis zu den schönen Künsten. "Kontext" bietet Orientierungsservice im Sachbuch-Dschungel. Reportagen, Diskussionen, Rezensionen, Studiogespräche, Hintergrundberichte zu spannenden Büchern über Zeitgeschichte, Wirtschaft und Wissenschaft. Und ab und zu darf auch gelacht werden.

Michael Ignatieff, "Über den Trost"

Der Kanadier Michael Ignatieff ist ein außergewöhnlich vielseitiger Mensch und Autor. Er war Professor an der Harvard University, dann Chef der Liberalen in Kanada, bis Ende Juli war er Präsident und Rektor der Central European University in Budapest und Wien. Und er ist Philosoph, Buchautor und kritischer Kommentator des Weltgeschehens. Nun überrascht er mit einem Buch über den Trost in dunklen Zeiten. Ein Buch, in dem er der Frage nachgeht, wie es uns über Jahrtausende gelungen ist, Traditionen des Trosts zu erschaffen. Vom Buch Hiob bis zu Primo Levi.

Michael Ignatieff, "Über den Trost in dunklen Zeiten", Übersetzung von Stephan Gebauer, Ullstein

Ulrike Schmitzer

Buchinger/Böhm/Groszmann: "Kämpferinnen"

Gender Budgeting, Frauenhäuser, den Paragrafen gegen Vergewaltigung in der Ehe, den Frauenreport, das Aufzeigen des Gender Pay Gap oder auch das Wissen um eine gendergerechte Sprache: all das sind Themen, die Hierarchien hinterfragen. Und dieses Hinterfragen kam und kommt von Frauen wie Christina von Braun, Erica Fischer, Susanne Feigl oder Christina Thürmer-Rohr.

Birgit Buchinger, Renate Böhm und Ela Groszmann (Herausgeberinnen), "Kämpferinnen", Mandelbaum Verlag

Ute Maurnböck

Tobias Hürter: "Das Zeitalter der Unschärfe"

Als Marie Curie radioaktive Strahlung entdeckte und behauptet hat, dass der Prozess, in dem die Strahlung entsteht, von selbst beginnt, also spontan, ohne nachweisbare Ursache, da geriet das Weltbild der klassischen Physik erstmals ins Wanken. In der atomaren Welt, erkannten immer mehr Physiker in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts, gibt es keine Kausalität. Ja mehr noch: diese Welt ist unscharf und in unseren Worten nicht zu beschreiben. Wie die klügsten Köpfe ihrer Zeit ihre Ideen entwickelten, sie im Streit verteidigten und schließlich in Formeln gossen, das beschreibt Tobias Hürter ungemein anschaulich. Doch auf die glänzenden Jahre der Physik folgten sogleich sehr dunkle, die neuesten Erkenntnisse wurden zur Entwicklung der Atombombe genutzt.

Tobias Hürter, "Das Zeitalter der Unschärfe. Die glänzenden und die dunklen Jahre der Physik 1895-1945", Klett-Cotta

Studiogespräch mit Wolfgang Ritschl

Jens Bergmann: "Business Bullshit"

Eine Menge seltsamer Begriffe und Redewendungen aus dem Wirtschaftsbereich haben in unseren allgemeinen Sprachgebrauch Einzug gehalten. Wie kam es dazu? Wer erfindet Wörter wie "Work-Life-Balance", "Human Resources" oder "Minuswachstum"? Und warum werden so viele davon unreflektiert übernommen? Das hat sich auch Jens Bergmann gefragt. Als Wirtschaftsjournalist ist er seit vielen Jahren tagtäglich mit dem Imponier-Vokabular aus der Business Welt konfrontiert und versucht es in allgemein verständliche Sprache zu übersetzen.

Jens Bergmann, "Business Bullshit - Managerdeutsch in 100 Blasen und Phrasen", Duden

Eine Mutter mit ihrem Kind auf einer Schaukel.

DPA/CHRISTIAN CHARISIUS

Abigail Tucker: "Superkräfte von Müttern"

Seltsame Essensgelüste, schlaflose Nächte und Schwangerschaftsstreifen sind die eine Seite der Medaille. Die andere sind physische und psychische Superkräfte, die Frauen durch eine Schwangerschaft erlangen. Das mütterliche Gehirn wird nämlich während Schwangerschaft und Stillzeit so neu strukturiert, wie es vorher nur in der Pubertät passiert. So lauten die neusten wissenschaftlichen Erkenntnisse. Wie also Mütter entstehen, dieser Frage ist die Journalistin Abigail Tucker nachgegangen.

Abigail Tucker, "Was es bedeutet, eine Mutter zu werden - Die Superkräfte von Müttern und was die Wissenschaft heute darüber weiß", Übersetzung von Susanne Reincker, Ullstein

Madeleine Amberger

Margaret MacMillan: "Krieg"

Kaum etwas hat die Geschichte der Menschheit, ihre Institutionen, Werte und Ideen so geprägt wie die gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Staaten und Völkern. Wann und wie begann der erste Krieg? Ist es von der Natur vorgegeben, dass Menschen gegeneinander kämpfen? Und wieso sind Kriegsmaschinerien perfekt organisiert und fast alle Soldaten Männer? Diesen Fragen geht die kanadische Historikerin Margaret MacMillan in einer umfangreichen Kulturgeschichte des Krieges nach.

Margaret MacMillan, "Krieg - Wie Konflikte die Menschheit prägten", Übersetzung von Klaus-Dieter Schmidt, Propyläen Verlag

Irene Etzersdorfer

Daniela Angetter-Pfeiffer: "Pandemie sei Dank!"

So neu das alles mit den Seuchenbekämpfungsmaßnahmen ist: ein Blick in die Geschichte zeigt, dass bereits bei zahlreichen Epidemien Masken, Quarantäne und Social Distancing angeordnet wurden. Pest, Pocken, Cholera, Tuberkulose, Syphilis, Ruhr, Fleckfieber oder die Spanische Grippe rafften unzählige Menschen dahin. Welchen Lehren man aus diesen Seuchen in Österreich gezogen hat, das beschreibt die Historikerin Daniela Angetter-Pfeiffer. Die erste Wiener Hochquellwasserleitung war etwa eine Maßnahme zur Eindämmung der Cholera.

Daniela Angetter-Pfeiffer, "Pandemie sei Dank! - Was Seuchen in Österreich bewegten", mit einem Vorwort von Christoph Wenisch, Amalthea Verlag

Studiogespräch mit Wolfgang Ritschl

Dennis Freischlad: "60 Tage liegen"

60 Tage im Bett liegen und dafür 16.500 Euro bezahlt bekommen? Dennis Freischlad fand das ein hervorragendes Angebot und meldete sich freiwillig für eine Bettruhestudie der Weltraumagentur ESA und der NASA in der Nähe von Köln. Für den Weltenbummler tat sich damit eine neue Welt auf - er wurde zum Marsreisenden. Denn im Bett zu liegen ist derzeit die einzige Möglichkeit, Schwerkraft zu simulieren und herauszufinden, wie man eine Marsreise überstehen kann.

Dennis Freischlad, "60 Tage liegen - Meine Reise zum Mars", Rowohlt

Ulrike Schmitzer

Moos und Schwammerl im Wald

APA/AFP/WOJTEK RADWANSKI

Dirk Brockmann: "Im Wald vor lauter Bäumen"

Dirk Brockmann ist ein Mann der Zahlen und der komplexen Netzwerke. Der Physik-Professor der Berliner Humboldt-Universität berechnet für das Robert-Koch-Institut in Berlin die möglichen Verläufe der Corona-Pandemie und entwickelt dazu Computermodelle. Nach dem Physik- und Mathematik-Studium wurde Dirk Brockmann an die Northwestern University in Chicago berufen - und prognostizierte 2009 die Ausbreitung der Grippepandemie in den USA. 2014 entwickelt er daraus ein Vorhersagesystem für die Ausbreitung von Epidemien wie Ebola auf der Grundlage des globalen Luftverkehrs. In seinem Buch erläutert Dirk Brockmann nun, wie man die jeweils verborgenen Muster von Natur und Gesellschaft erkennen kann.

Dirk Brockmann, "Im Wald vor lauter Bäumen - Unsere komplexe Welt besser verstehen", dtv

Maicke Mackerodt

Yildiz/Meixner: "Nach der Heimat"

Der heute vielfältig besetzte und je nach Bedarf vor allem von rechts vereinnahmte Begriff "Heimat" war ursprünglich ein juristisches Konstrukt, bei dem es um die Zuständigkeit für die Versorgung von Armen und Kranken ging. Ab der Romantik begann die Verklärung. Heimat steht seitdem für das Urtümliche, das Idyllische, das Ideale. Die Nationalsozialisten mussten den Heimatbegriff später nicht neu erfinden, sie griffen auf alte Konzepte zurück und deuteten sie für ihre Zwecke neu. Und wie ist das heute mit der Heimat? Die Autoren Erol Yildiz und Wolfgang Meixner wollen den Begriff nicht verwerfen, sondern neu aufladen, und zwar mit neuen Ideen für eine "mehrheimische Gesellschaft".

Erol Yildiz und Wolfgang Meixner, "Nach der Heimat - Neue Ideen für eine mehrheimische Gesellschaft", Reclam

Sonja Prieth

Evke Rulffes: "Die Erfindung der Hausfrau"

Das Idealbild der guten Mutter lässt sich, vor allem neben Job und Haushalt, kaum erreichen und sorgt für Schuldgefühle, Frustration und Minderwertigkeitskomplexe. Denn wie frau es auch anstellt, es ist verkehrt. Als Soccer-Mum ebenso wie als karrierebewusste Frau, die die Kindererziehung delegiert. Die Kulturwissenschaftlerin Evke Rulffes hat nun untersucht, woher der gesellschaftliche Anspruch an die Perfektion der Mutter kommt und wie er mit dem Modell der Hausfrau zusammenhängt. Sie beschreibt anhand der Analyse von Haushaltsratgebern aus dem 18. und 19. Jahrhundert die Entwicklung von der Hausmutter, der Chefin eines landwirtschaftlichen Betriebs, zur entwerteten Hausfrau als Dienerin ihres Ehegatten.

Evke Rulffes, "Die Erfindung der Hausfrau - Geschichte einer Entwertung", Verlag Harper Collins

Studiogespräch mit Wolfgang Ritschl

Harald Walser: "Ein Engel in der Hölle von Auschwitz"

Auch Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg erscheinen Bücher, die sich mit Lebensgeschichten von Menschen beschäftigen, die in dieser Zeit mutig und widerständig agiert haben. Die Krankenschwester Maria Stromberger, die sich freiwillig nach Auschwitz versetzen ließ, ist so ein Mensch. Der Historiker Harald Walser forscht bereits seit den 1980er Jahren über diese außergewöhnliche Frau. Nun hat er die Ergebnisse seiner Recherche in einer umfangreichen Biografie mit zusammengefasst.

Harald Walser, "Ein Engel in der Hölle von Auschwitz - Das Leben der Krankenschwester Maria Stromberger", Falter Verlag

Uli Jürgens

Schmutzige Maske

AP/MICHAEL PROBST

Gilles Kepel: "Chaos und Covid"

Der Arabische Frühling musste längst wieder neuen Autokraten weichen, für die wenigsten Menschen der Region hat sich die Lage in den letzten Jahren verbessert. Dann kam vor eineinhalb Jahren noch die Corona-Pandemie dazu. Während der türkische Präsident versucht, Istanbul wieder zum Weltzentrum des Islam zu machen, schlägt der Dschihadismus in seiner mittlerweile vierten Generation in Form eines »Stimmungsterrorismus« zu, vor knapp einem Jahr auch in Wien. Der französische Soziologe und Arabist Gilles Kepel analysiert die aktuelle Lage.

Gilles Kepel, "Chaos und Covid - Wie die Pandemie Afrika und den Nahen Osten verändert", übersetzung von Jörn Pinnow, Kunstmann Verlag

Madeleine Amberger

Nadia Wassef: Buchhändlerin in Kairo

Soziale Konflikte, Streiks, politische Krisen, Terroranschläge und dann der vermeintliche arabische Frühling, der bald in einen kühlen Herbst und frostigen Winter überging: Das waren die Nachrichten, mit denen Ägypten in den vergangenen zwei Jahrzehnten in die Schlagzeilen der internationalen Medien kam. Politische Turbulenzen, bürokratische Schikanen, Zensurgesetze und eine insgesamt äußerst patriarchale Gesellschaft: Das war und ist die Welt, in der sich ägyptische Frauen tagtäglich bewegen - und manche von ihnen trotzdem reüssieren. Zum Beispiel als Unternehmerinnen, wie Nadia Wassef und ihre Mitstreiterinnen: 2002 eröffneten sie eine Buchhandlung der anderen Art in Kairo. Wie alles möglich war und sich entwickelt hat, erzählt Nadia Wassef nun in einem sehr persönlich und selbstkritisch gehaltenen Rückblick.

Nadia Wassef, "Jeden Tag blättert das Schicksal eine Seite um: Mein abenteuerliches Leben als Buchhändlerin in Kairo“, übersetzung von Claudia Amor, Johanna Ott und Albrecht Schreiber, Goldmann Verlag

Brigitte Voykowitsch

Florian Illies: "Liebe in Zeiten des Hasses"

Lange Zeit erschienen uns die Zwanziger Jahre des Zwanzigsten Jahrhunderts fremd und weit entfernt. Doch nun bewegen wir uns gedanklich in die späten 20er, frühen 30er Jahre hinein. Das zeigt sich nicht nur am Erfolg von Fernsehserien wie Babylon Berlin, sondern auch an aktuellen Literaturverfilmungen wie Fabian, Felix Krull oder der Schachnovelle. Es ist der Hass im Netz und die durch die Covid-Pandemie noch verstärkte Polarisierung der Gesellschaft, die unseren Blick auf die historische Konfrontationszeit lenkt. Der Feuilletonist Florian Illies hat sich angesehen, wie das Künstlermilieu den Aufstieg des Faschismus miterlebt hat, und zwar anhand des Liebes- und Balzverhaltens. 1929, so schreibt Illies, hofft niemand auf die Zukunft. Und niemand will an die Vergangenheit erinnert werden. Darum sind alle so hemmungslos der Gegenwart verfallen. Erich Mühsam etwa vergisst oft, dass er verheiratet ist. Für Kurt Tucholsky ist das Urlaubmachen mit einer Frau in erster Linie Materialbeschaffung für das nächste Buch. Man hat sehr gerne Sex, aber am liebsten ohne Intimitäten. Dass die 30er Jahre Unheil bringen werden, das ist 1929 schon zu spüren.

Florian Illies, "Liebe in Zeiten des Hasses - Chronologie eines Gefühls 1929-1939", S. Fischer Verlag

Studioespräch mit Wolfgang Ritschl

Jürgen Pettinger: "Franz - Schwul unterm Hakenkreu"

Ein bis fünf Jahre schweren Kerkers - das sah das österreichische Strafgesetz bis 1971 für jegliche homosexuelle Handlung vor. Ein Paragraf, der unter Kaiser Franz Joseph verschärft worden war und in Folge fast 120 Jahre lang unverändert galt. Ein Opfer dieser Gesetzgebung und der rigiden Verfolgung Homosexueller durch die Nationalsozialisten war Franz Doms. Mehrmals verurteilt, wurde er 1944 schließlich hingerichtet, im Alter von 21 Jahren. Der Journalist Jürgen Pettinger stieß vor einigen Jahren zufällig im Wiener Stadt- und Landesarchiv auf dessen Strafakt und arbeitete den Fall Franz Doms anhand der Ermittlungsprotokolle, Zeugenaussagen und Gestapo-Dokumente auf. Daraus entstand ein Ö1-Feature, eine Art biografische Spurensuche. Nun hat sich Jürgen Pettinger dazu entschlossen, Franz Doms selbst eine Stimme zu geben.

Jürgen Pettinger: "Franz. Schwul unterm Hakenkreuz", Verlag Kremayr und Scheriau

Roboterarm

AP/BAI KELIN

Service

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