Bücherstapel

ORF/URSULA HUMMEL-BERGER

Kontext

Sachbücher und Themen

Von den Krisenherden dieser Welt über Entdeckungen der Neurowissenschaften bis zu den schönen Künsten. "Kontext" bietet Orientierungsservice im Sachbuch-Dschungel. Reportagen, Diskussionen, Rezensionen, Studiogespräche, Hintergrundberichte zu spannenden Büchern über Zeitgeschichte, Wirtschaft und Wissenschaft. Und ab und zu darf auch gelacht werden.

Paul Mason: "Faschismus"

Im 21. Jahrhundert tragen Faschisten nur selten Uniform und sie ziehen nicht unbedingt marodierend durch die Städte. Aber es gibt sie wieder. Wenn man etwa den Hindunationalismus eines Narendra Modi, den queerfeindlichen Kurs bestimmter osteuropäischer Regierungen oder die Lügen eines Donald Trump in den Blick nimmt, sind Übereinstimmungen unverkennbar. Das Unbehagen wächst und damit das Bedürfnis eine Antwort auf die Frage zu finden, wie man diesen modernisierten Faschismus aufhalten kann. Der britische Journalist Paul Mason will diese Antwort nun gefunden haben.

Paul Mason, "Faschismus - Und wie man ihn stoppt", aus dem Englischen von Stephan Gebauer, Suhrkamp

Madeleine Amberger

Richard David Precht: "Freiheit für alle"

Mal lehnt Precht die Impfpflicht ab, mal fordert der Philosoph das Verbot von Massentierhaltung oder von SUVs in Innenstädten. Im ZDF moderiert er zudem eine Talkshow, die seinen Namen trägt: "Precht". Zuletzt zog Precht viel Unmut auf sich, als er propagierte, dass die Ukraine den Krieg militärisch nicht gewinnen könne und es deshalb klug wäre, sich zu ergeben und ein neutrales Land zu werden. Trotz des Krieges setzt der Philosoph in Freiheit für alle auf eine bessere Zukunft: Mit einer Arbeitswelt, die nicht durch "Plackerei, Mühsal und Geldverdienen" geprägt sei, sondern durch Sinn. Freiheit bedeutet für den Autor die Möglichkeit, ein erfülltes Leben zu leben, ohne dabei in unzulässiger Art und Weise eingeschränkt zu werden. Die Menschen in den Industriestaaten arbeiten somit künftig nicht mehr vorrangig, um ihre Existenz zu sichern, sondern um sich selbst zu verwirklichen.

Richard David Precht, "Freiheit für alle - Das Ende der Arbeit, wie wir sie kannten", Goldmann

Maicke Mackerodt

Blasl/Geiger: "Bauer to the People"

Um 1950 hat ein österreichischer Bauer vier Menschen mit Essen versorgt, heute versorgt eine Bäuerin 117 Menschen. Die Zahl der Bauern ist drastisch zurückgegangen, die Mechanisierung der Landwirtschaft hat zugenommen, und die Betriebe wurden immer größer. Abgenommen hat hingegen unser Wissen über die Bedingungen der Landwirtschaft. Die Wienerin Bianca Blasl hat Agrarökonomie studiert, ein altes Feuerwehrauto gekauft und dann mehrere Praktika bei Bauern absolviert. Denn erst beim Reden kommen d'Leut z'samm, ist sie überzeugt, und nur vor Ort lässt sich das theoretische Wissen in sinnliche Praxis umsetzen. Für alle, die genau wissen wollen, wo unser Essen herkommt, hat sie gemeinsam mit dem gelernten Koch Wilhelm Geiger den Podcast "Bauer to the People" gestartet, nun gibt es auch ein gleichnamiges Buch.

Bianca Blasl und Wilhelm Geiger, "Bauer to the People - Hinter den Ku(h)lissen von Essen, Menschen und Landwirtschaft", Braumüller

Studiogespräch mit Wolfgang Ritschl

Cumhaill/Wiseman, "The Quartet"

Wenn wir über europäische Philosophie sprechen, dann so gut wie immer über Ideen und Weltanschauungen von Männern. Während die Namen großer Philosophen - von Aristoteles über Kant bis Wittgenstein - weithin geläufig sind, haben nur wenige Philosophinnen einen auch nur annähernd vergleichbaren Bekanntheitsgrad erreicht. Und das, obwohl auch sie Großes geleistet haben. Die Autorinnen Clare Mac Cumhaill und Rachael Wiseman wollen vier bedeutende - und zu Unrecht in Vergessenheit geratene - Philosophinnen wieder ins Rampenlicht rücken

Clare Mac Cumhaill und Rachel Wiseman, "The Quartet - Wie vier Frauen die Philosophie zurück ins Leben brachten", Übersetzung von Jens Hagestedt, Frank Lachmann und Andreas Thomsen, C.H. Beck

Sophie Menasse

Biene im Gegenlicht

DPA/FRANK RUMPENHORST

Dave Goulson: "Stumme Erde"

Wer im Sommer von Gelsen gestochen und von Wespen beim Grillen belästigt wird, der wird nur schwer glauben können, dass die Zahl der Insekten rapide zurückgegangen ist. Wer aber in den 1970er Jahren schon auf der Autobahn unterwegs war, wird sich hingegen noch an Windschutzscheiben erinnern, die von Insektenleichen übersät waren. Heute wird der Durchblick des Autofahrers kaum mehr gestört, zumindest nicht von Insekten. Der Biologe Dave Goulson bemüht sich um ein positives Bild der für uns lebensnotwendigen Insektenwelt.

Dave Goulson, "Stumme Erde - Warum wir die Insekten retten müssen", Übersetzung von Sabine Hübner, Hanser

Madeleine Amberger

Karin Harrasser: "Surazo"

Es ist die Geschichte eines deutschen Vaters und seiner Tochter, die nach Bolivien ausgewandert sind. Der Vater, Hans Ertl, war als Kameramann, der auch für Leni Riefenstahl gearbeitet hat, tief eingebettet im nationalsozialistischen System. Seine Tochter Monika hingegen radikalisierte sich in Bolivien, schloss sich einer linken Untergrundbewegung an und wurde von den Schergen des Diktators Hugo Banzer erschossen. Die an der Linzer Kunstuniversität lehrende Kulturwissenschaftlerin Karin Harrasser hat die Spur der beiden verfolgt und in Südamerika für ihr Porträt von Vater und Tochter recherchiert.

Karin Harrasser, "Surazo - Monika und Hans Ertl: Eine deutsche Geschichte in Bolivien", Matthes&Seitz

Stefan May

Michael Paul: "Der Kampf um den Nordpol"

In der Arktis stiegen die Temperaturen zuletzt zwei- bis dreimal so stark wie im globalen Durchschnitt. Im Juni des Vorjahres wurden in Werchojansk 48 Grad gemessen, im Westen Kanadas gar 49,5 Grad. Eine eisfreie Arktis, befürchten neueste Forschungen, könnte schon 2035 möglich sein und nicht erst gegen Ende des Jahrhunderts. Neue Schifffahrtsrouten durch die Arktis könnten die Weltwirtschaft umkrempeln, Rohstoffe könnten aus der Tiefe des Meeres geborgen werden - und dank der zunehmenden Aufrüstung Russlands könnte die Arktis auch zu einem Kriegsschauplatz werden. Es sind ganz und gar beunruhigende Nachrichten, die der Sicherheitspolitik-Experte Michael Paul da aus dem hohen Norden zusammengetragen hat.

Michael Paul, "Der Kampf um den Nordpol - Die Arktis, der Klimawandel und die Rivalität der Großmächte", Herder

Studiogespräch: Wolfgang Ritschl

Antonia Bruha: "Ich war keine Heldin"

Was wird sein, wenn der letzte Zeitzeuge des nationalsozialistischen Terrors gestorben ist? Die Aufarbeitung der Verbrechen wird in die Literatur wandern, wurde prophezeit. Dabei gibt es Bücher von Zeitzeugen wiederzuentdecken, wie das der Widerstandskämpferin Antonia Bruha. Sie wurde 1941 von der Gestapo verhaftet und später in das Konzentrationslager Ravensbrück deportiert.

Antonia Bruha, "Ich war keine Heldin", Europa Verlag

Ulrike Schmitzer

Läufer

AP

Patrick Kaczmarczyk: "Kampf der Nationen"

Die Wettbewerbsfähigkeit zu erhöhen ist ein wirtschaftspolitisches Mantra, schließlich ist der Wettbewerb das Kernelement unseres Wirtschaftssystems. Und ebendieses hat klar über die Planwirtschaft gesiegt. Drei Jahrzehnte später knistert es aber recht deutlich im Gebälk der wettbewerbsorientierten Weltwirtschaft. Und so wird nun die ketzerische Frage, ob der vollständige Wettbewerb wirklich vorteilhaft für alle Beteiligten ist, erneut gestellt. Könnte es nämlich nicht sogar so sein, dass der Wettbewerb Innovation und wirtschaftliche Entwicklung behindert bis verhindert?

Patrick Kaczmarczyk, "Kampf der Nationen - Wie der wirtschaftliche Wettbewerb unsere Zukunft zerstört", Westend

Juliane Nagiller

Olaf Bernau: "Brennpunkt Westafrika"

2015 war ein Jahr, das sehr viel an Hilfsbereitschaft in Europa mobilisiert, aber auch die Frage ins Zentrum gerückt hat, wie wir in Hinkunft mit Fluchtbewegungen umgehen können und sollen. Der Soziologe Olaf Bernau, Jahrgang 1969, ist seit 35 Jahren durchgehend in sozialen Bewegungen und internationalen Netzwerken aktiv. Ein Schwerpunkt seiner Arbeit ist das Engagement für Migranten aus Westafrika. Migration. Er analysiert Fluchtursachen und überlegt, welche europäischen Hilfen sinnvoll sind und welche nicht.

Olaf Bernau, "Brennpunkt Westafrika - Die Fluchtursachen und was Europa tun sollte", C. H. Beck

Holger Heimann

Maria Kapeller: "Lovely Planet"

Wer viel reist, gilt als weltoffen und ist hoch angesehen. Doch warum eigentlich? Hat jemand, der hundert Länder bereist hat, sich wirklich auf Land und Leute eingelassen oder nur seine Bucketlist abgehakt, seine Reisen wie im Supermarkt in den Einkaufswagen gelegt und an der Kasse bezahlt? Dazu kommen die immens hohen CO2-Emissionen, die das Fliegen hervorruft. Auch wenn nach den Einschränkungen durch die Pandemie nun allerorts das Reisefieber um sich greift, sollten wir innehalten und nachdenken, was wir mit unserem Reiseverhalten bewirken.

Maria Kapeller, "Lovely Planet - Mit dem Herzen reisen und die Welt bewahren", Kremayr&Scheriau

Studiogespräch: Wolfgang Ritschl

Walter Isaacson: "Der Codebreaker"

Der Amerikanerin Jennifer Doudna und der Französin Emmanuelle Charpentier sind bahnbrechende Erkenntnisse im Bereich der Biochemie gelungen: Die beiden Forscherinnen konnten die Verteidigungsstrategien der Natur auf grundlegender Ebene, auf jener der Zelle, entdecken und nachbauen. Das Ergebnis heißt "CRISPR". Diese Genschere kann den genetischen Bauplan punktgenau ändern. Was zunächst wie Science-Fiction klang, hat die die Welt der Wissenschaft verändert.

Walter Isaacson, "Der Codebreaker - Wie die Erfindung der Genschere die Zukunft der Menschheit für immer verändert", Übersetzung von Michael Müller, ecowin

Birgit Dalheimer

Kopfsteinpflaster

AP/CTK/VLADIMIR PRYCEK

Steffen Greiner: "Die Diktatur der Wahrheit"

Nach dem Ersten Weltkrieg machten einige "Inflationsheilige" Deutschland und Österreich unsicher. Ludwig Christian Haeusser etwa zog mit Mönchskutte, langem Haar und wallendem Bart durch die Lande und rief zu Selbstreinigung und innerer Umkehr auf. In seinen Predigten mischte Haeusser urchristliche und taoistische Vorstellungen mit Versatzstücken der anarchistischen Philosophie und nietzscheanischen Übermenschen-Fantasien. Steffen Greiner heftete sich nun auf die Spuren dieser frühen "Querdenker-Bewegung", die, ausgehend von der "Lebensreform"-Bewegung der Jahrhundertwende, linkes und rechtes Denken auf wundersame Weise miteinander vermischte.

Steffen Greiner, "Die Diktatur der Wahrheit - Eine Zeitreise zu den ersten Querdenkern", Tropen Verlag

Günter Kaindlsdorfer

Papin/Tertrais: "Atlas der Unordnung"

Menschen sind höchst soziale Wesen. Sie brauchen Gruppen oder Kollektive, über die sie sich definieren können - stets in Abgrenzung zu anderen. Familie, Vereine, Nationen tun dies. Grenzziehungen scheinen demnach ein elementarer Faktor zu sein im sozialen Zusammenleben. Zugleich sind Grenzen allerdings auch Anlass für blutige Kriege, wie man aktuell in Europa wieder erfahren muss. Die Geschichte der Grenze, ihre vielfältigen Formen und wie die Grenzen der Zukunft neu gesteckt werden könnten, das erklären der französische Politikwissenschaftler Bruno Tertrais und die Geopolitikwissenschaftlerin und Kartografin Delphine Papin.

Delphine Papin und Bruno Tertrais, "Atlas der Unordnung - 60 Karten über sichtbare, unsichtbare und sonderbare Grenzen", Übersetzung von Birgit Lamerz-Beckschäfer, wbg Theiss

Hanna Ronzheimer

Johannes Müller-Salo: "Offene Rechnungen"

Mit den Stimmen der Jungen kann man keine Wahlen gewinnen. Bei Wahlen sind die Älteren in der Mehrheit, und sie entscheiden in ihrem Sinne. Und bestimmen damit auch über die Zukunft der momentan Jüngeren. Für den Philosophen Johannes Müller-Salo knarzt es ordentlich im Verhältnis der Generationen zueinander. Die Jüngeren, sagt er, würden systematisch benachteiligt und oft auch ausgebeutet. So sollten die Älteren als Ausgleich mehr für die Bewältigung der Klimakrise zahlen als die Jüngeren, schließlich haben Sie bis jetzt massenhaft CO2 zum Nulltarif verbraucht. Der kalte Konflikt der Generationen sollte endlich heiß, also im Streit, ausgetragen werden.

Johannes Müller-Salo, "Offene Rechnungen - Der kalte Konflikt der Generationen, Reclam"

Studiogespräch: Wolfgang Ritschl

Esther Paniagua: "Error 404"

Das Internet ist zu einem derart wichtigen Teil unseres Lebens geworden, dass wir seine Existenz für selbstverständlich halten - und das nicht erst seit der Turbodigitalisierung in der Pandemie. Doch was wäre, wenn das Internet weltweit komplett ausfallen würde? Die spanische Wissenschaftsjournalistin Esther Paniagua hält einen Totalausfall des Internets nicht nur für möglich, sondern für wahrscheinlich.

Esther Paniagua, "Error 404 - Der Ausfall des Internets und seine Folgen für die Welt", Übersetzung von Marlene Fleißig und Thomas Stauder, Hoffmann & Campe

Anna Masoner

Lars Svendsen: "Philosophie der Lüge"

Manipulieren, Schmeicheln, Täuschen - 200 Mal am Tag soll der Mensch im Schnitt lügen. Die Lüge ist also ein zutiefst menschliches Phänomen. Wir merken es oft nicht einmal mehr, weil es zum Beispiel höflicher ist, die Unwahrheit als die Wahrheit zu sagen. Dabei werden Ehrlichkeit und Wahrhaftigkeit stets als große Tugenden hochgehalten. Warum wir Menschen nicht nur andere, sondern auch uns selbst mit großer Leidenschaft belügen, steht in einem neuen Buch des norwegischen Philosophen Lars Svendsen.

Lars Svendsen, "Philosophie der Lüge", S. Marix Verlag

Philipp Mattheis: "Ein Volk verschwindet"

Am 4. Februar beginnen in Peking die 24. Olympischen Winterspiele. Im Vorfeld wollten die USA über einen Boykott sprechen, zu dem es nun wohl nicht kommen wird. Der Grund für die Boykottüberlegungen sind Menschenrechtsverletzungen in der Provinz Xinjiag an den Uiguren, einem mehrheitlich muslimischen Turkvolk. Peking hat Arbeits- und Umerziehungslager eingerichtet, aber auch außerhalb der Lager ist die Region ein gigantisches Freiluftgefängnis, in dem die 15 Millionen Uiguren auf Schritt und Tritt überwacht, kontrolliert, gescannt, registriert und diskriminiert werden.

Philipp Mattheis, "Ein Volk verschwindet - Wie wir China beim Völkermord an den Uiguren zuschauen", Ch. Links Verlag

Studiogespräch mit Wolfgang Ritschl

Service

Sendungsseite - Kontext