Bücherstapel

ORF/URSULA HUMMEL-BERGER

Sachbücher und Themen

Von den Krisenherden dieser Welt über Entdeckungen der Neurowissenschaften bis zu den schönen Künsten. "Kontext" bietet Orientierungsservice im Sachbuch-Dschungel. Reportagen, Diskussionen, Rezensionen, Studiogespräche, Hintergrundberichte zu spannenden Büchern über Zeitgeschichte, Wirtschaft und Wissenschaft. Und ab und zu darf auch gelacht werden.

Johannes Sachslehner: "Hitlers Mann im Vatikan"

Walther Rauff war für den Bau mobiler Gaswagen verantwortlich, in denen eine halbe Million Menschen ermordet wurden. Franz Stangl war Kommandant der Vernichtungslager Sobibor und Treblinka. Eduard Roschmann war Kommandant des Ghettos in Riga, seine Schreckensherrschaft brachte ihm den Beinamen "Der Schlächter von Riga" ein. Diesen und weiteren NS-Kriegsverbrechern verhalf der Grazer Bischof Alois Hudal in der unmittelbaren Nachkriegszeit über ein von ihm im Vatikan geleitetes Institut zur Flucht nach Argentinien oder Syrien. Mit einem Zynismus sondergleichen rechtfertigte er seine Fluchthilfetätigkeit als Caritas an armen Opfern einer rachgierigen Siegerjustiz. Was diesen Alois Hudal antrieb, wie er sein Netzwerk aufbaute und warum er nie zur Rechenschaft gezogen wurde, das schildert Johannes Sachslehner in diesem Buch über ein dunkles Kapitel in der Geschichte der Kirche.

Johannes Sachslehner, "Hitlers Mann im Vatikan - Bischof Alois Hudal", Molden Verlag

"Kontext"-Studiogespräch mit Wolfgang Ritschl

Bildband "Havanna"

Ursprünglich wurde Havanna im Jahr 1514 oder 1515 gegründet, am 16. November 1519 aber wurde Havanna aufgrund der überaus günstigen Lage in die Bucht Puerto de Carenas verlegt. Und weil man da ein genaues Datum hat, werden eben jetzt 500 Jahre Havanna gefeiert. La Habana - übersetzt die Schöne, ist eine Metropole, an der die fünf Jahrhunderte nicht spurlos vorübergegangen sind. Nachdem die UNESCO den historischen Stadtkern zum Weltkulturerbe erklärte, wurden erste Sanierungsmaßnahmen eingeleitet, die aber Anfang der 1990er Jahre abrupt versandeten. Seitdem stehen verfallende Gebäude neben restaurierter Pracht. Der Lateinamerika-Experte und Professor für Politikwissenschaften Bert Hoffmann und der Fotograf Sven Creutzmann haben sich zusammengetan, um zum Jubiläum ein vielschichtiges Porträt der karibischen Weltstadt zu zeichnen.

"Havanna - Im Herzen Kubas", Bildband, Verlag Frederking & Thaler

Maicke Mackerodt

Jan Werner Müller: "Furcht und Freiheit"

Vor drei Jahren landete er mit seinem Essay "Was ist Populismus?" einen Bestseller. Schließlich hatte nicht nur Europa einen Aufstieg von Populisten zu verzeichnen, es hatte auch die Wahl Donald Trumps zum Präsidenten der USA Erklärungsbedarf geschaffen. Als zentrales Kennzeichen des Populismus macht Müller dessen Alleinvertretungsanspruch aus, einen Antipluralismus, der seiner Tendenz nach antidemokratisch sei. Populismus, sagt Müller, beruhe letztlich immer auf einer Unwahrheit, nämlich der Idee, es gebe ein homogenes Volk mit einem singulären authentischen Willen, den nur die Populisten kennen würden. Nun hat der seit 2005 Politische Theorie und Ideengeschichte an der Princeton University lehrende Jan Werner Müller ein Plädoyer für einen anderen Liberalismus veröffentlicht. Er wolle keine detaillierten Lösungsvorschläge ausbreiten, erklärt Müller dezidiert, sondern strebe eine Orientierungshilfe für politische Urteile an.

Jan Werner Müller; "Furcht und Freiheit - Für einen anderen Liberalismus", Suhrkamp Verlag

Kirstin Breitenfellner

Josef H. Reichholf: "Das Leben der Eichhörnchen"

Hansi nennt man in Wien, Graz und weiteren Teilen Österreichs die Eichhörnchen. Als anpassungsfähiger Waldbewohner fühlen sich die quirligen Kletterer auch in Parks und Gärten des urbanen Raums wohl. Auch weil sie wenig scheu und tagaktiv sind, zählen sie zu den Sympathieträgern unter den Tieren. Der Evolutionsbiologe klärt die Leserinnen und Leser nicht nur über die Zusammenhänge von Physiologie, Ernährungsgewohnheiten, Fortpflanzung und Verbreitung des Eichhörnchens auf, sondern zeigt auch keinerlei Scheu, auf Erlebnisse und Erfahrungen aus der eigenen Kindheit zurückzugreifen. Dabei geht es dem erfolgreichen Sachbuchautor, der davor unter anderem über Schmetterlinge, Vögel oder die Sesshaftwerdung des Menschen geschrieben hat, keineswegs darum, mit wohlfeilen Anekdoten zu punkten. Vielmehr übt der Ökologe auch Kritik an einigen Mythen, die von selbst ernannten Natur- und Tierschützern verbreitet und aufrechterhalten werden - etwa dem, dass Fauna und Flora immer dann am besten gedeihen, wenn sich der Mensch heraushält.

Josef H. Reichholf, "Das Leben der Eichhörnchen", Hanser Verlag

Klaus Nüchtern

Ein Trabant im Gebüsch

AP/MICHAEL PROBST

Steffen Mau: "Lütten Klein"

Ein Jahr nach dem Fall der Berliner Mauer ging die realsozialistische Diktatur mit dem euphemistischen Namen "Deutsche Demokratische Republik" 1990 in der BRD auf. Die von den meisten nicht mehr für möglich gehaltene "deutsche Einheit" konnte in einem günstigen historischen Zeitfenster realisiert werden. In West und Ost war der Jubel enorm. Und heute? Da sind trotz Freiheit, Demokratie und wirtschaftlichem Aufschwung viele Ostdeutsche unzufrieden, empfinden sich als Bürger zweiter Klasse, haben wenig Vertrauen in Demokratie und Marktwirtschaft, und wählen zu einem guten Teil rechts. Der Diskrepanz zwischen anfänglicher Euphorie und heutiger Ernüchterung spürt der deutsche Sozialwissenschaftler Steffen Mau nach - indem sich der Soziologe auf eine Reise in die eigene Kindheit und Jugend im Rostocker Stadtviertel Lütten Klein begibt.

Steffen Mau, "Lütten Klein - Leben in der ostdeutschen Transformationsgesellschaft", Suhrkamp Verlag

Marlene Nowotny

Deniz Yücel: "Agentterrorist"

In der Türkei sitzen zahlreiche Journalisten aufgrund dubioser Anklagen im Gefängnis. Doch kaum ein Fall hat für so viel Aufmerksamkeit gesorgt wie der des Deutsch-Türken Deniz Yücel, der als Korrespondent der Berliner Tageszeitung "Die Welt" in der Türkei tätig war und unter dem Vorwand des Terrorismusverdachts inhaftiert wurde. Deniz Yücel kam nach einjähriger Haft im Vorjahr frei und hat nun ein Buch über seine Zeit im Gefängnis veröffentlicht. Für eine Beschwerde vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte verfasst Yücel auf Empfehlung seines Anwalts im Gefängnis einen detaillierten Bericht, kurz und genau soll er sein: "Es werden 58 Seiten, noch nie habe ich so viel mit der Hand geschrieben. Aber nicht allein deshalb tue ich mich schwer. Dreimal beginne ich den ganzen Text von vorn. Als ich endlich fertig bin, habe ich Schwielen im Handballen und am Mittelfinger. Im Gefängnis werde ich diese Schwielen nie loswerden, es werden sogar welche hinzukommen. Und ich werde sie mit demselben Stolz präsentieren, mit dem Kriegsveteranen ihre Schussverletzungen vorzeigen."

Deniz Yücel, "Agentterroris -: Eine Geschichte über Freiheit und Freundschaft, Demokratie und Nichtsodemokratie", Verlag Kiepenheuer und Witsch

Holger Heimann

Oliver Tanzer: "Animal Spirits"

2008 stürzten die Finanzmärkte ab, es folgte eine langanhaltende Weltwirtschaftskrise. Heute wird bereits vor der nächsten Krise gewarnt, die dann noch schlimmer ausfallen werde. Weil sich am System der Finanzmärkte nämlich nichts geändert habe. Wir würden bei der Kritik an den Verhältnissen nur auf Teilbereiche achten, ohne das große Ganze im Auge zu haben, meint der Wirtschaftsjournalist Oliver Tanzer. Er hat sein Augenmerk auf die Tierwelt gelegt, von der wir seiner Meinung nach viel lernen könnten: Transparente Kommunikation von den Bienen, Beziehungsfähigkeit via Nudging von den Fledermäusen, Fehlerkorrektur von den Wölfen und Krisenbewältigung von den Pantoffeltierchen. Wobei uns nicht alle Tiere als Vorbild dienen können, eine Spezies führt der Autor sogar als besonders abschreckendes Beispiel an: die Wasserflöhe. Diese vermehren sich in einem Aquarium ohne Frischwasserzufuhr bei genügender Nahrung prächtig, sterben aber in der 32. Population aus, und zwar aufgrund einer von ihnen verursachten Umweltverschmutzung.

Oliver Tanzer, "Animal Spirits - Wie uns Fledermäuse, Pantoffeltierchen und Bonobos aus der Krise helfen", Molden Verlag

"Kontext"-Studiogespräch mit Wolfgang Ritschl

Carlo Rovelli: "Die Geburt der Wissenschaft"

Anaximander von Milet hat, beruhend auf Experiment und Beobachtung, die moderne Naturwissenschaft begründet. Er gilt als Schüler des Thales und lebte wahrscheinlich 610 bis 547 v. Chr. Warum aber kennt heute kaum jemand seinen Namen? Der Physiker Carlo Rovelli hat die Geisteswissenschaften im Verdacht. Rovelli nimmt die Person des Anaximander, um naturwissenschaftliches Denken und Forschen in ihren Ursprüngen zu erklären. Diesem Denken steht ein anderes diametral gegenüber: Es ist das der Geisteswissenschaft, der Philosophie, der Kulturmenschen und - in besonderem Maße - das der religiösen Anschauungen. Diese behindern wo es nur geht den wissenschaftlichen Fortschritt. Das ist natürlich nicht falsch, wenn man etwa an Galileo Galilei und seine heftige Auseinandersetzung mit der Amtskirche denkt.

Carlo Rovelli, "Die Geburt der Wissenschaft - Anaximander und sein Erbe", Übersetzung: Monika Niehaus, Rowohlt Verlag

Andreas Puff-Trojan

Sehr viele Kugelschreiber hängen in einem Raum

ORF/JOSEPH SCHIMMER

Armin Nassehi: "Muster"

Man möge doch bitte das Handy abschalten und sich altmodisch unterhalten, hier in diesem Restaurant. Das Digitale gilt als böse, zumindest als bedrohlicher Zeitfresser, der unsere Kommunikation zerstört. Das Digitale ist schon lange da, behauptet der Soziologe Armin Nassehi. Und zwar seit dem 19. Jahrhundert, als statistische Mustererkennungstechnologien angewendet wurden, um menschliche Verhaltensweisen zu erkennen, zu regulieren und zu kontrollieren. Die Digitalisierung ist für ihn keine Kolonialmacht, sondern eine Lösung für das Problem "Mustererkennung". Die Mustererkennung ist auch das Verfahren der Sozialwissenschaften. War die Struktur der Gesellschaft früher über soziale Hierarchien und klare Rollenzuweisungen relativ einfach zu erkennen, so gilt dies für die moderne Gesellschaft nicht mehr: Sie ist komplexer, intransparenter, folgt unsichtbaren Mustern, die es zu "entbergen" gilt. "Muster" ist ein Buch, das nicht leicht zu verstehen ist, das für nicht mit dem Soziologendeutsch vertraute Leser eine echte Herausforderung ist, das mit seinen sehr selbstbewusst formulierten Thesen aber eine Menge Denkanstöße liefert.

Armin Nassehi, "Muster - Theorie der digitalen Gesellschaft", C. H. Beck Verlag

Wolfgang Seibel

Stuart Jeffries: "Grand Hotel Abgrund"

95 Jahre ist es her, dass das Institut für Sozialforschung in Frankfurt am Main begründet wurde. Es war der Ursprungsort der sogenannten Frankfurter Schule, die sich selbst aber nie als solche bezeichnet hat. Seine führenden Köpfe, Theodor Adorno, Max Horkheimer, Herbert Marcuse, Erich Fromm und Jürgen Habermas kritisierten virtuos die Schändlichkeit des Faschismus und den sozial vernichtenden, geistig erdrückenden Einfluss des Kapitalismus auf die Gesellschaften des Westens. Weil sie aber nur theoretisierten und nichts verändern wollten, unterstellte ihnen der Philosoph Georg Lukacs ein perverses Vergnügen am Leiden, wie die Gäste eines Grand Hotel Abgrund. Stuart Jeffries, der als Journalist unter anderem für den "Guardian" und die "Financial Times" gearbeitet hat, gibt darin einen Überblick von der Gründung des Instituts für Sozialforschung im Jahr 1924, über die Zeit im amerikanischen Exil, die Rückkehr ins geteilte Deutschland, die Zeit des Kalten Kriegs und der Studentenrevolte.

Stuart Jeffries, "Grand Hotel Abgrund - Die Frankfurter Schule und ihre Zeit", Übersetzung: Susanne Held, Klett-Cotta Verlag

Klaus Nüchtern

Ernst Bruckmüller: "Österreichische Geschichte"

Eruler, Gepiden, Awaren, Slawen, Baiern: Nicht alle Stämme, die Frühmittelalter auf dem Gebiet des heutigen Österreich kämpften und herrschten, kennt man heute noch. Gleichzeitig mit der Rodung der Wälder, der Gründung von Dörfern, Städten, Klöstern und Burgen war im Hochmittelalter Gewaltausübung an der Tagesordnung. Noch in der Mitte des 13. Jahrhunderts hatten bayrische Klöster bis zu einigen hundert Sklaven auf ihren Höfen. "Ostarrichi" wurde diese Gegend im Osten von Bayern im 9. Jahrhundert bezeichnet. Von der Urgeschichte bis zur späten Nationsbildung nach 1945 reicht der Bogen, den der Historiker Ernst Bruckmüller in seiner umfassenden "Österreichischen Geschichte" spannt. Diese ist für ihn zuvorderst eine europäische Geschichte, erstreckten sich die Besitzungen der Habsburger doch weit nach Ost und West und umfassten etwa auch die Niederlande. Vereinfachende Geschichtsbilder in Frage zu stellen, hat sich der Autor in seinem Lebenswerk zum Ziel gesetzt, folglich weist er darauf hin, dass "österreichische" Bezüge aus der deutschen Geschichte ebenso entfernt wurden wie die überaus zahlreichen "deutschen" Bezüge in der österreichischen.

Ernst Bruckmüller, "Österreichische Geschichte", Böhlau Verlag

"Kontext"-Studiogespräch mit Wolfgang Ritschl

Joachim Kalka: "Staub"

"Der Staub ist typisch für die winzigen Spuren im Kriminalroman, für all die abgebrannten Streichhölzer, Gewebefäden, Hundehaare, die noch unterhalb des menschlich-dramatischen Registers der Fingerabdrücke und DNA-Spuren eine schweigend beredte Welt der trivialen und doch verräterischen Materie bilden." Leicht und behände bahnt sich Joachim Kalka seinen Weg durch allerlei Staubschichten. Die Spuren führen in verschiedenste, auch immer wieder überraschende Disziplinen und Bereiche. Aus allzu zugemüllten, labyrinthischen Sackgassen findet er meist bald wieder zurück, um seinen eleganten und eloquent beschriebenen Weg fortzusetzen. Von Blütenstaub und Staubwolken geht die Tour etwa über den "Staub der Juristerei" oder den "Staub des Südens" in Steppen, Savannen und Wüsten bis hin zum Sternenstaub. Dabei begleiten uns Figuren wie der "dust collector" von Charles Dickens oder allerlei Helden, "die in den Staub gestreckt werden". Unzählige Passagen, Zitate und Verweise aus Texten, Filmen und Bildern säumen die staubigen Pfade eines Essays, der in der Bibliothek wohl nicht allzu schnell verstauben wird.

Joachim Kalka, "Staub", Berenberg Verlag

Ivo Kaufmann

Service

Sendungsseite - Kontext