Bücherstapel

ORF/URSULA HUMMEL-BERGER

Sachbücher und Themen

Von den Krisenherden dieser Welt über Entdeckungen der Neurowissenschaften bis zu den schönen Künsten. "Kontext" bietet Orientierungsservice im Sachbuch-Dschungel. Reportagen, Diskussionen, Rezensionen, Studiogespräche, Hintergrundberichte zu spannenden Büchern über Zeitgeschichte, Wirtschaft und Wissenschaft. Und ab und zu darf auch gelacht werden.

Verena Friederike Hasel: "Der tanzende Direktor"

Neuseeland ist ein Land mit starker sozialdemokratischer Tradition. 1856 gegründet, galt die Inselrepublik im Pazifik schon bald als Musterbeispiel eines Wohlfahrtsstaats. Neuseeland führte als erstes Land der Welt das Frauenwahlrecht ein, schuf eine gesetzliche Altersversorgung und legte Mindestlöhne fest. Heute ist Neuseeland eines der reichsten Länder der Erde. Die Berliner Autorin Verena Friederike Hasel hat mit ihren drei Kindern und ihrem Mann ein halbes Jahr in Neuseeland gelebt. Die Psychologin und Journalistin wollte wissen: Wie geht Schule in einem Land, dass in internationalen Bildungsrankings regelmäßig ganz weit vorn liegt?

Verena Friederike Hasel, "Der tanzende Direktor - Lernen in der besten Schule der Welt", Kein & Aber

Maicke Mackerodt

Ivan Jablonka: "Laetitia oder das Ende der Mannheit"

In der Nacht vom 18. auf den 19. Januar 2011 wird die junge Französin Laetitia Perrais 50 Meter von ihrem Haus entfernt entführt, dann erstochen, erwürgt und zerstückelt. Die Gewalttat in der französischen Provinz weitet sich zu einer Staatsaffäre aus: Der damalige Präsident Nicolas Sarkozy benutzt den Fall, um seine Law-and-Order-Politik durchzusetzen. Aber wer war Laetitia Perrais? Und was hat der Mord an ihr mit den gesellschaftlichen Verhältnissen zu tun, in denen wir leben? Diese Fragen hat sich der renommierte Pariser Historiker Ivan Jablonka gestellt.

Ivan Jablonka, "Laetitia oder das Ende der Mannheit", Matthes & Seitz

Peter Zimmermann

Emilia Smechowski: "Rückkehr nach Polen"

Am 13. Oktober werden die Polinnen und Polen ein neues Parlament wählen. In den letzten Jahren hat die rechtspopulistische PiS das Land mit absoluter Mehrheit regiert - und grundlegend umgebaut. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk wurde von kritischen Mitarbeitern gesäubert, die Unabhängigkeit der Justiz attackiert und das Bildungssystem auf einen nationalistisch-patriotischen Kurs getrimmt. Emilia Smechowski, in Danzig/Gdansk geboren, ist im Alter von sechs Jahren mit ihren Eltern nach Westberlin übersiedelt. Heute ist sie eine angesehene Journalistin, die für die "Zeit" und die "Süddeutsche Zeitung" schreibt. Vor einiger Zeit ist Smechowski mit ihrer kleinen Tochter für ein Jahr nach Danzig zurück übersiedelt. Über ihre Erfahrungen in ihrem PiS-regierten Geburtsland hat sie ein spannendes Buch geschrieben.

Emilia Smechowski: "Rückkehr nach Polen – Expedotionen in mein Heimatland", Hanser Berlin

"Kontext"-Studiogespräch mit Günter Kaindlstorfer

Friederike Hausmann: "Lucrezia Borgia"

Der Ruf der Renaissancefürstin Lucrezia Borgia war in der Geschichtsschreibung lange Zeit nicht der beste: Über Jahrhunderte hinweg stand die schöne Römerin im Ruch, eine skrupellose Ehebrecherin, Blutschänderin und Giftmischerin gewesen zu sein: Victor Hugo und Alexandre Dumas haben diesen Mythos durch ihre dichterischen Fiktionen noch verstärkt. Heute sieht man die Gestalt Lucrezia Borgias differenzierter. Die Münchner Historikerin Friederike Hausmann zum Beispiel hat nun eine faktenorientierte Biografie der Renaissancefürstin vorgelegt.

Friederike Hausmann, " Lucrezia Borgia - Glanz und Gewalt", C. H. Beck

Wolfgang Seibel

Reinhold Messner: "Der Eispapst"

Wilhelm "Willo" Welzenbach, Beamtensohn aus München, war einer der bekanntesten Bergsteiger seiner Zeit. 1899 geboren, war Welzenbach ein exzellenter Steileistechniker, er war auch der Erste in der Geschichte des Alpinismus, der einen Eishaken verwendete - 1924 bei der Erstbegehung der Nordwestwand des Großen Wiesbachhorns in der Glocknergruppe. Insgesamt gehen fünfzig Erstbegehungen auf das Konto Welzenbachs. 1934 kam der berühmte Alpinist beim Versuch einer Erstbesteigung des Nanga Parbat mit mehreren Bergsteiger-Kameraden ums Leben. Reinhold Messner zählt zu den Bewunderern Willo Welzenbachs. In einem Buch mit dem Titel "Der Eispapst" setzt sich die Südtiroler Alpinisten-Legende nun mit Welzenbach und seiner faszinierenden Biographie auseinander.

Reinhold Messner, "Der Eispapst - Die Akte Welzenbach", S. Fischer

Wolfgang Seibel

Paul Morland: "Die Macht der Demografie"

Zu Zeiten Julius Cäsars bevölkerten 250 Millionen Menschen die Erde - heute sind es etwa sieben Milliarden - das 28-Fache. Ein Ende der globalen Bevölkerungsexplosion ist einstweilen nicht in Sicht. Die Demografie ist unser Schicksal, das weiß auch der britische Bevölkerungswissenschaftler Paul Morland, Forscher am Birkbeck College der Universität London. In seinem Buch "Die Macht der Demografie" bietet der prominente Wissenschaftler interessante Einsichten.

Paul Morland, "Die Macht der Demografie - und wie die die moderne Welt erklärt", Ecowin-Verlag

Peter Zimmermann

Julia Ebner

Julia Ebner

ORF/URSULA HUMMEL-BERGER

Julia Ebner: "Radikalisierungsmaschinen"

Im März 2016 fingen Drucker überall in den USA plötzlich an, Neonazi-Flyer auszudrucken. Bei den deutschen Bundestagswahlen im September 2017 verdankte sich der Erfolg der rechtsradikalen AfD nicht zuletzt den Aktivitäten der Troll-Armee "Reconquista Germanica". Und ein Jahr später lancierte die Hamas eine gefakte Liebes-App und attackierte Hunderte Soldaten der israelischen Armee mit einer Schadsoftware, die sich hinter den gestohlenen Profilen junger Frauen verbarg. Das sind nur drei Beispiele von vielen: Das Internet wird mehr und mehr zum Kampfplatz und Aufmarschgebiet terroristischer und extremistischer Gruppierungen. Die österreichische Wissenschaftlerin Julia Ebner hat sich undercover in ein Dutzend solcher Gruppen eingeschleust und ihre Mechanismen erforscht. Resultat: das Buch "Radikalisierungsmaschinen", es erscheint dieser Tage bei Suhrkamp.

Julia Ebner, "Radikalisierungsmaschinen - Wie Extremisten die neuen Technologien nutzen und uns manipulieren", aus dem Englischen von Kirsten Riesselmann, Suhrkamp-Berlin

"Kontext"-Studiogespräch mit Günter Kaindlstorfer

S. Weingarten, M. Deggerich: "Die Eltern im Alter begleiten"

Sind Sie weiblich? Über 40 Jahre alt? Haben Sie Geschwister? Gehören Sie der Mittelklasse an? Und vor allem - wohnen Sie in der Nähe ihrer Eltern? Alles mit Ja beantwortet? Dann halten Sie sich fest: Dann werden Sie in absehbarer Zeit Pflegerin, Putzfrau und Organisatorin sein. Ihre Geschwister werden Sie in die Pflicht nehmen, glaubt man den Autoren des Buches "Die Eltern im Alter begleiten. Planen, helfen, pflegen - und sich vor Überforderung schützen", Susanne Weingarten und Markus Deggerich. Die beiden Autor geben in ihrem Buch viele praktische Tipps, was man tun kann, damit man nicht ausbrennt.

Susanne Weingarten und Markus Deggerich, "Die Eltern im Alter begleiten. Planen, helfen, pflegen - und sich selbst vor Überforderung schützen", DVA

Ulrike Schmitzer

Thomas Schmidinger: "Die Welt hat uns vergessen"

Der Vernichtungsfeldzug begann in den frühen Morgenstunden des 3. August 2014: in der Region Sinjar im Nordirak, lange das Hauptsiedlungsgebiet der Jesiden, werden Bewohner zusammengetrieben. Männer und Burschen - von etwa 15.000 ist die Rede - erschossen und in Massengräbern verscharrt, die Frauen und Kinder verschleppt und wie Vieh verkauft. Die Terrormiliz des selbsternannten "Islamischen Staates" hatte erst kurz zuvor im irakischen Mossul das Kalifat ausgerufen. Jetzt galt ihr Kampf der religiösen Minderheit der Jesiden. Es war ein Genozid, darin sind sich Experten einig. Wenn sie nicht getötet wurden, wurden die Glaubensangehörigen versklavt oder sie mussten flüchten. Noch heute leben Zehntausende Jesiden als Vertriebene. Fünf Jahre nach dem Völkermord hoffen Geflüchtete und Rückkehrer auf den Schutz internationaler Organisationen, sagt Thomas Schmidinger. In seinem Buch zeichnet der Politikwissenschaftler detailreich die jüngere Geschichte der Region und ihrer Bewohner nach. Er reiste mehrmals nach Sinjar und in die Flüchtlingscamps, um Informationen aus erster Hand zu bekommen.

Thomas Schmidinger, "Die Welt hat uns vergessen - Der Genozid des 'Islamischen Staats' an den Jesiden und Jesidinnen", Mandelbaum Verlag

Bea Sommersguter

Ursula Prutsch: "Populismus in den USA und Lateinamerika"

Ausgehend vom frühen 19. Jahrhundert untersucht die Historikerin Ursula Prutsch unterschiedliche Populismen und wirft einen vergleichenden Blick auf den Norden und Süden Amerikas. Ihr erster Populist ist Andrew Jackson, der Mann auf dem 20-Dollar-Schein, der im frühen 19. Jahrhundert in den USA regierte. Er war der erste, der nicht von der Ostküste kam und der für die einfachen Leute gegen die herrschende Elite auftrat. Er übergoss seine Gegner verbal mit Schmutz und versorgte seine Anhänger mit Posten. Er war ein Rassist und Sklavenhalter, ebenso ein "Indianerhasser", der bei der Vertreibung zehntausender Indigener mitmachte. Als Held wird Jackson trotzdem gefeiert. Sein größter Anhänger ist der gegenwärtige Präsident, Donald Trump. Er versprach, Jacksons Erbe weiterzuführen. In den USA wurde bereits 1891 eine "Populist Party" gegründet. Sie wollte die Interessen von kleinen Farmern und von Industriearbeitern vertreten. Sie nahm auch Frauen auf und nominierte Afroamerikaner für höhere Parteiposten. Doch als einige von Rassisten gelyncht wurden, so schreibt Prutsch, "ging man im Süden rasch zur gewohnten Apartheidpolitik über".

In den 1930 Jahren versprachen Populisten in den USA jeder Familie ein komfortables Heim, ein Radio und ein Auto; Millionäre wollten sie enteignen. Trotz enorm vieler Anhänger schafften sie es nicht an die Spitze. Mit der Kombination, Anhängern das Blaue vom Himmel zu versprechen und die anderen zu verdammen, nahmen sie den klassischen Populismus vorweg, für den Juan und Evita Peron stehen. Argentiniens Präsident verschaffte den Armen und „Hemdlosen“ tatsächlich Jobs und sogar bezahlten Urlaub. Er attackierte Oligarchen, Intellektuelle und ausländische "Feinde". Als der US-Botschafter Spruille Braden ihm Nähe zu Nazis vorwarf, ließ Peron vor den Wahlen 1946 mit Erfolg plakatieren: „Braden oder Peron“. Die Kampagne des ungarischen Premiers Viktor Orbán gegen George Soros ist eine heutige Variante dieses Tricks. Ursula Prutsch beendet ihr Buch mit einer pessimistischen Prognose: "Solange die Finanzmärkte jubeln, wenn ein Jair Bolsonaro oder Donald Trump trotz diffamierender Äußerungen und Hasspropaganda, trotz antidemokratischer Gelüste an die Macht kommen, solange werden die einfachen Botschaften des Populismus erfolgreich sein."

Ursula Prutsch, "Populismus in den USA und Lateinamerika", VSA Verlag

Erhard Stackl

Ein Thermometer zeigt 40 Grad an

AFP/ANP/VINCENT JANNINK

Hanns-Christian Gunnga: "Am Tag zu heiß und nachts zu hell"

Der Sommer 2003 war der heißeste seit Beginn der Temperaturmessungen Mitte des 18. Jahrhunderts. Er war eine der schwersten Naturkatastrophen der Neuzeit in Europa. Heute weiß man, dass damals alleine in Frankreich 70.000 Menschen an den folgen der Hitze gestorben sind. 2019 war fast ebenso heiß, aber mittlerweile hat die Politik reagiert. Es gibt allgemein zugängliche klimatisierte Räume, mehr Wasserspender und in Wien etwa auch Sprühnebelduschen. Die ÖBB haben ihre Klimanagen dieser Tage von Mitteleuropastandard auf Südeuropastandard upgegradet. Denn die Hitze wird uns erhalten bleiben. Ob wir uns an die geänderten Bedingungen anpassen werden? Der Weltraummediziner Hanns-Christian Gunnga ist da skeptisch. Hitze wird uns immer zu schaffen machen. Nicht umsonst lautet der Untertitel seines Buchs "Was unser Körper kann und warum er heute überfordert ist". Auch Höhen ab 2.500 Meter überfordern uns, Schafentzug, Hunger, Isolation oder Schwerelosigkeit. Eine Weltraumstation am Mond uns eine am Mars hält der Weltraummediziner schon für machbar, für ein paar wenige Durchtrainierte. Für die breite Masse heißt es aber: Wir müssen mit unseren Ressourcen auskommen, denn realistisch betrachtet haben wir keine Alternative zum Leben auf der Erde.

Hanns-Christian Gunnga, "Am Tag zu heiß und nachts zu hell - Was unser Körper kann und warum er heute überfordert ist", Rowohlt Verlag.

"Kontext"-Studiogespräch mit Wolfgang Ritschl

Andrew Roberts: "Feuersturm"

Der Zweite Weltkrieg begann am 1. September 1939 mit dem Überfall auf Polen. 2174 Tage sollte er dauern und – je nach Quelle – 46 oder gar mehr als 50 Millionen Tote fordern. Das sind 23 000 Tote pro Tag, und das über sechs lange Jahre hinweg. Den größten Anteil am Blutzoll trug die Sowjetunion. Daran erinnerte etwa der amerikanische Historiker Timothy Snyder in seiner aufrüttelnden Studie „Bloodlands“. Der britische Historiker Andrew Roberts geht es konventioneller an und widmet sich in seiner fast 800 Seiten umfassenden Studie vor allem der Frage, aufgrund welcher strategischer Fehlentscheidungen Deutschland und die Achsenmächte den Zweiten Weltkrieg verloren haben. Kurz gefasst lauten seine Hauptthesen: der Krieg wäre drei bis vier Jahre zu früh begonnen worden, die Luftwaffen-Produktionsbetriebe hätten unter die Erde verlegt und die U-Boot Produktion vorangetrieben werden sollen, um in der Lage zu sein, den Alliierten die Versorgungswege abzuschneiden. Doch wäre der 'Blitzkrieg' im Westen zu gut für die deutschen Streitkräfte verlaufen, dies hätte zu einer Selbstüberschätzung geführt: Das Deutsche Reich, das damals tatsächlich die beste Armee besaß, hielt sich für unbesiegbar. Gegen alle Warnungen seiner Generäle träumte Hitler von einem weiteren Blitzkrieg gegen die Sowjetunion, eröffnete eine Front von 4300 km, blutete die Armee aus und unterschätzte das Potential und die Leidensfähigkeit der sowjetischen Bevölkerung, die nur Zwangsherrschaften kannte.

Andrew Roberts, "Feuersturm - Eine Geschichte des Zweiten Weltkriegs", Übersetzung: Werner Roller, C. H. Beck Verlag

Irene Etzersdorfer

S. Grasl-Akkilic u.a.: "Aspekte der österreichischen Migrationsgeschichte"

Oft wird versucht, Migration als neues Phänomen zu verkaufen, dem man strikt entgegentreten müsse. Dabei haben seit jeher Menschen ihren Geburtsort verlassen, um anderswo ein besseres Leben zu führen. Die Romane Karl Mays waren auch deswegen so erfolgreich, weil die daheimgebliebenen Deutschen wissen wollten, wie die vielen Auswanderer in diesem Amerika so leben. Aber auch innerhalb Europas wechselten Menschen oft ihren Wohnort, wenn es daheim nichts zu essen gab oder Kriege tobten. Welche Chancen und Konflikte durch Migration entstehen, das beleuchtet dieser Sammelband, der sich dezidiert der reichen österreichischen Migrationsgeschichte widmet. Von der Binnenmigration während der Habsburger-Monarchie, der Flucht vor dem NS-Regime, der Arbeitsmigration während in den 1960er Jahren bis zu den aktuellen Entwicklungen reichen die Themen.

Senol Grasl-Akkilic, Marus Schober und Regina Wonisch (Herausgeber), "Aspekte der österreichischen Migrationsgeschichte", edition atelier

Madeleine Amberger

Karl Schlögel: "Das russische Berlin“

Seit fünf Jahrzehnten beschäftigt sich Karl Schlögel mit Geschichte und Kultur der Sowjetunion und Russlands. 1998 veröffentlichte er erstmals das Werk "Das russische Berlin", das sich vor allem mit der Zeit der russischen Revolution von 1917 und danach befasste. Angesichts der politischen und sozialen Entwicklungen der vergangenen Jahre und wohl auch der medialen Aufmerksamkeit um die Fernsehserie "Babylon Berlin" hat Karl Schlögel dieses Buch nun in einer erweiterten und aktualisierten Fassung herausgebracht. Das heutige russische Berlin, das sich seit dem Fall der Mauer vor 30 Jahren und der Auflösung der Sowjetunion 1991 herausgebildet hat, ist mit dem der 1920er Jahre nicht vergleichbar, warnt Karl Schlögel. Das heutige russische Berlin steht nicht für Exil, Bruch mit der Heimat, sondern eher für Immigration, für eine Art Zweitwohnsitz. Wie in anderen Werken auch spürt Karl Schlögel der großen Geschichte im Kleinen nach. Ihn interessiert, wie die gesellschaftspolitischen Veränderungen sich topographisch auswirken - in der urbanen kommerziellen, kulturellen und sozialen Infrastruktur, in neuen Netzwerken sowie im Leben einzelner Personen und Gruppen. Der russischsprachige Mikrokosmos ist inzwischen so vielfältig und umfassend, dass man darin gut leben kann und ihn gar nie verlassen muss, wenn man es nicht will.

Karl Schlögel, "Das russische Berlin“, erweiterte Neufassung, Suhrkamp Verlag

Brigitte Voykowitsch

Eine Frau mit übboger Haarpracht

APA/AFP/Angela Weiss

Gerhard Staguhn: "Und ewig lockt das Haar"

Das Haar des Mannes ist einfach - Haar. Schön, wenn es da ist, aber so wirklich interessiert sich niemand dafür. Das Haar der Frau aber ist ungemein wichtig, verkörpert es doch die weibliche Erosmacht schlechthin. Die weibliche Haarpracht steht für die Sinnlichkeit und die Fülle des Daseins. Im Idealfall ist es blond, weil das die Männer an Gold erinnert und auch weil es weniger bedrohlich wirkt als schwarzes Haar. Böse Frauen sind nie blond, zumindest nicht im Hollywood-Film. Mit dem Restfell des Menschen hat sich der Germanist und Religionswissenschaftler Gerhard Staguhn intensiv auseinandergesetzt. So führt er den Kampf des Islam gegen das Frauenhaar auf eine unantastbare rabbibinische Weisheit des frühen Judentums zurück, wonach bei der Frau alle Haare Schamhaare sind. Die Frau wird mit dieser zwanghaften patriarchalischen Konstruktion, schreibt der Autor, zugleich auf ihre Sexualität reduziert. Gerhard Staguhn geht es in diesem Buch weniger um Frisuren im Wandel der Zeit, obwohl er auch diese behandelt, sondern mehr um die Mythen, die sich um das Haar ranken.

Gerhard Staguhn, "Und ewig lockt das Haar", zu Klampen Verlag

"Kontext"-Studiogespräch mit Wolfgang Ritschl

Simone Paganini: "Fake News in der Bibel"

Fake News, also manipulativ veränderte, absichtlich falsche Nachrichten gibt es nicht erst seit Donald Trump & Co. Schon lange vor dem postfaktischen Zeitalter wurden bewusst Falschmeldungen und erfundene Geschichten lanciert. Immer öfter befassen sich auch Sachbuchautoren mit diesem brisanten Thema. Der in Deutschland lehrende italienische Theologe Simone Paganini hat sich der "Fake News in der Bibel" angenommen. Mit profunden Recherchen in der Sprach- und Literaturwissenschaft, Archäologie und Bibelwissenschaft erklärt er erfundene Gegenstände, Orte, Tiere, Handlungen und Personen der Bibel. So erfährt man auch, dass sie nichts über das Mordwerkzeug Kains aussagt; dass die Erzählung der Arche Noah von alten Schriften der Assyrer übernommen wurde; oder dass Moses Teilung des Roten Meeres tatsächlich nur die Teilung eines nicht näher benannten "Schilfgewässers" war. Ein Übersetzungsfehler. Auch wenn er viele "Fakes" auf vergnügliche, aber niemals leichtfertige Weise entlarvt, legt der Theologe Wert darauf, die Texte der Bibel deswegen keinesfalls schlecht machen zu wollen, denn "dabei kommen auch ihr Reichtum und ihre Schönheit zum Vorschein, was wohl der Hauptgrund dafür sein dürfte, dass diese Texte - Fakes hin oder her – auch heute noch gelesen und als Inspiration wahrgenommen werden".

Simone Paganini, "Von Evas Apfel bis Noahs Stechmücken - Fake News in der Bibel", Herder Verlag

Ivo Kaufmann

Felix Hütten: "Sterben lernen"

Es ist ein schwieriges Thema, das der junge deutsche Wissenschaftsjournalist Felix Hütten für sein Buch "Sterben lernen" gewählt hat. Der 32-Jährige nähert sich dem Thema Tod und Sterben allerdings in unkonventionellem, leichtfüßigem Stil. Felix Hütten hat sein Buch seinem Vater gewidmet, der wenige Tage vor Abgabe des Manuskripts gestorben ist, wie der Autor in einer Danksagung am Ende des Buches erklärt. Insgesamt geht es Hütten darum, den Tod vom Nimbus des Abstoßend-Schrecklichen zu befreien, der ihm auch in angeblich aufgeklärten Zeiten wie den unseren immer noch anhaftet. Eine angenehme Lektion wird es nie sein, die einem da erteilt wird. Wahrscheinlich ist es fraglich, ob man die Kunst des würdigen Abgangs im Vorhinein überhaupt je erlernen kann. Aber wenn man es kann, wenn so etwas wie eine Vorbereitung auf den Tod möglich ist, dann ist Felix Hüttens Buch eine ebenso nützliche wie wertvolle Anleitung dazu.

Felix Hütten: "Sterben lernen. Das Buch für den Abschied", Hanser Verlag

Günter Kaindlstorfer

Carolin Emcke: "Ja heißt ja und ..."

Eigentlich wollte sich Carolin Emcke gar nicht zur #MeToo-Debatte äußern. Als der metoo Hashtag vor knapp zwei Jahren um die Welt ging, meldeten sich so viele zu Wort, dass die bisher größte öffentliche Diskussion um sexualisierte Gewalt, Macht und Geschlechterrollen entstand. Für die Friedenspreisträgerin des Deutschen Buchhandels ist zu diesem Thema aber längst noch nicht alles gesagt. Viele Fragen sind für die renommierte Autorin noch unbeantwortet. Voriges Jahr formulierte Carolin Emcke ihre Zweifel und Ideen zur MeToo- Debatte in einem Monolog, zu dem auch Musik und Videos gehören. Mitte Dezember war Premiere an der Berliner Schaubühne, fünf Monate später erscheint nun das passende Buch. Die studierte Philosophin kombiniert ihre gesellschaftliche Analyse mit eigenen Erfahrungen und sozialen Gewohnheiten. Sie lässt ihre eigenen Empfindungen einfließen, was das erfreulich unaufgeregte Büchlein "Ja heißt Ja und…" sehr menschlich macht. Carolin Emcke erzählt, wie sie als junge Journalistin vom Herausgeber gelobt wurde. Der Ressortleiter versprach ihr anschließend, sie zu begleiten, falls der Verleger sie nach Hause einladen würde. Es gab zwar keine Einladung, aber offenbar wusste die überwiegend männlich besetzte Redaktion von solchen Übergriffen, ohne es dezidiert anzusprechen. Genau diese Leerstellen versucht Carolin Emcke aufzuspüren, wahrzunehmen und bewusst zu machen. Dass es eben nicht normal ist, wenn Harvey Weinstein oder Dieter Wedel zu Meetings im Hotelzimmer ihren Bademantel tragen. Dass Frauen keineswegs naiv sind, wenn sie darauf im beruflichen Kontext nicht vorbereitet sind. Carolin Emcke formuliert unaufgeregt und sehr präzise, was oft ungesagt bleibt. Sie beschäftigt sich mit häuslicher Gewalt und mit der eigenen Sprachlosigkeit als wortgewaltige Philosophin. Carolin Emcke zeigt nicht nur, wie kompliziert das Verhältnis von Sexualität und Wahrheit immer noch ist. Sie zeigt auch, dass Gewalt nur dann unantastbar ist, wenn sie nicht laut beim Namen genannt wird.

Carolin Emcke: "Ja heißt ja und…" , S. Fischer Verlag

Maicke Mackerodt

Mark Pieth: "Goldwäsche"

Die Schweiz ist weltberühmt für ihre schönen Landschaften, für ihren Käse und die Schokolade. Und für ihr vertrauliches Finanzwesen. Und es ist eine Weltmacht im Goldhandel und insbesondere in der Goldraffinerie. 70 Prozent der jährlichen Weltgoldproduktion importiert die Schweiz, um es raffiniert und poliert wieder zu exportieren. An diesem Gold haftet allerdings viel Blut. Wie übel es um die Goldproduktion bestellt ist, recherchierte der auf Geldwäsche und Korruption spezialisierte Schweizer Strafrechtsprofessor Mark Pieth. Er setzt sich für verbindliche Standards in der Goldproduktion und Goldverarbeitung ein und hofft mit seinem Buch "Goldwäsche" ein Bewusstsein zu schaffen für die Zustände in dieser hochprofitablen Branche. Das erste Kapitel Ihres Buchs ist dem dreckigsten Ort der Welt gewidmet, der peruanischen Goldmine La Rinconada, unweit des Titicacasees, auf über 5.000 Metern Seehöhe. Auf 60.000 Menschen kommen in la Rinconada gerade einmal 10 Polizisten, die Mordrate ist erschreckend hoch, immer wieder kommt es zu Lynchjustiz, und Zwangsprostitution ist an der Tagesordnung. Mark Pieth hat diesen Ort selbst besucht, im Buch finden auch auch viele Fotos des Autors. In vielen Minen erhalten die Mineure keinen Lohn und sind auch nicht kranken- oder unfallversichert. Sie arbeiten 28 Tage für die Mine, und dann zwei Tage für sich, an denen sie so viel Material aus der Mine mitnehmen dürfen, wie sie tragen können. Und das aus freiem Willen, in La Rinconada haben sich die Mineure sogar gegen die Einführung eines Sozialversicherungsobligatoriums zur Wehr gesetzt. Nun gibt es Bemühungen, die Goldproduktion und die Goldverarbeitung sauberer zu machen, allerdings sind die meisten Standards freiwillig und die Umsetzung ist, so schreibt der Autor, wenig konsequent. Er plädiert mit Nachdruck für eine Regulierung, die auch kontrolliert wird.

Mark Pieth, "Goldwäsche. Die schmutzigen Geheimnisse des Goldhandels", Verlag Elster und Salis

"Kontext"-Studiogespräch mit Wolfgang Ritschl

Blick auf die Stadt La Rinconada

Der Goldgräberort La Rinconada ist die höchstgelegenste Stadt der Welt - und auch die schmutzigste.

APA/AFP/INSERM/Axel PITTET

Susanne Thiele: "Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihre Türklinke"

Wir leben eng mit ihnen zusammen, aber wir bemerken sie kaum. Und wenn wir an sie denken, dann ist das meist mit Ekel verbunden. Dabei sind wir ständig umgeben von Milliarden Bakterien, Viren, Pilzen & Co. Also ist es ist höchste Zeit, zu untersuchen, welchen Nutzen und Schaden sie für uns haben. Die deutsche Mikrobiologin Susanne Thiele beruhigt erst einmal: Nur die allerwenigsten im Haushalt vorkommenden Keime führen zu Infektionen, denn nur 0,1 Prozent aller Mikrobenarten auf der Erde können überhaupt Ansteckungen beim Menschen verursachen. Einzeller sind uns deshalb so unheimlich, weil sie so klein sind. Ihre Entdeckung ist noch gar nicht so lange her und einem Zufall geschuldet. 1676 schaute der niederländische Tuchhändler Anthoni van Leeuwenhoek durch seine selbst gebastelte Linsenkonstruktion, um die Qualität seiner Stoffe zu kontrollieren. Was er sah, war eine gänzlich unglaubliche Welt im Kleinen. Mikroorganismen sind zwar winzig, aber dafür überaus zahlreich. Allein die geschätzte Anzahl der Bakterien auf der ganzen Erde beträgt eine Nonmillion, das ist eine 10 gefolgt von 30 Nullen - mehr, als es Sterne in der Galaxie gibt. Die Mikrobiologin weiß, warum zu viel Sauberkeit schadet und ab wann man dann doch beherzt eingreifen sollte: Salmonellen auf der Küchen-Arbeitsplatte; über 20.000 Bakterien pro Quadratzentimeter auf Spülschwämmen; kälteresistente Keime in der Tiefkühltruhe; Grippeviren auf der Fernbedienung; das Hausstaubmilben-Paradies Teppich; die Schimmelpilzfalle Pflanzenerde oder die allnächtliche Mikroben-Party im Schlafzimmer - um unseren Alltag mit den kleinen Untermietern auf den Grund zu gehen, arbeitet sie sich von Zimmer zu Zimmer vor und erklärt anschaulich welche Mitbewohner dort bevorzugt leben und wie man sie sinnvoll in Zaum halten kann. Schließlich rät sie ihren Lesern, zum Freund der Mikroben zu werden, einen vernünftigen Umgang mit ihnen zu pflegen und sich vor den wenigen "schwarzen Schafen" zu schützen. Das Buch eignet sich hervorragend, die unsichtbare Welt zu verstehen, zu respektieren und zu akzeptieren und offeriert handfeste Tipps für den Alltag. Unsere winzigen Begleiter bringen schließlich wesentlich mehr Vor- als Nachteile mit sich.

Susanne Thiele: "Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihre Türklinke", Heyne Verlag

Ivo Kaufmann

Michaela Brohm-Badry: "Das gute Glück"

Es war wie ein Schuss ins Gehirn. Rückwärtstaumeln, Zusammensacken im Sessel. Der Hund schleudert immer wieder einen Arm hoch und verhindert so, dass Michaela Brohm-Badry ins Koma fällt. Sie ist Motivationsforscherin und Expertin für Positive Psychologie. An dem Tag, an dem ein Aneurysma platzte und eine Gehirnblutung verursachte, hatte sie das Manuskript zu einem Fachbuch abgeschlossen. Wie man sich nach so einem Schicksalsschlag wieder motivieren kann, erfuhr sie nun am eigenen Leib. Ihre Geschichte hat sie nun eingebettet in ein Buch über den aktuellen Stand der Hirnforschung in Bezug auf Motivation und Lernen. Glück beschreibt sie als erlenbare Fähigkeit.

Michaela Brohm-Badry: "Das gute Glück - Wie wir es finden und behalten können", ecowin Verlag

Wolfgang Ritschl

Christoph Wagner: "Jodelmania"

Wie das Jodeln entstanden ist, ist ungewiss, den Vermutungen nach soll es vom Jauchzen, Kuhreihen, Viehlockruf, Rufen der Holzfäller und Salzflößer, vom Echo, von der Imitation von Blasinstrumenten oder von schamanischen Praktiken abgeleitet sein. Im Heimatfilm der 50er Jahre wurde viel gejodelt. Von diesem Imageschaden hat es sich lange nicht erholt. Heute wird das Jodeln wieder neutraler gesehen. Wer in den Alpen Urlaub macht, dem wird auch schon mal ein Jodelkurs angeboten. Mit der internationalen Verbreitung des Jodelns hat sich der Musikjournalist Christoph Wagner beschäftigt, denn mit am schönsten gejodelt wurde in den 1930er und’40er Jahren in den USA, wie etwa die „DeZurik Sisters“ beweisen. Er hat eine Fülle von Material zusammengetragen, die zeigt, woher dieses „unartikulierte Singen aus der Gurgel“, wie Jodeln auch bezeichnet wird, kam und wohin es gelangte, wie populär es war und wie originell es sein kann: kuriose, abenteuerliche und auch unvollendete Geschichten vom Jodeln und von Jodlern, ihren Karrieren, ihrer Musik und ihrer Zeit.

Christoph Wagner: "Jodelmania. Von den Alpen nach Amerika und darüber hinaus", Verlag Antje Kunstmann

Ivo Kaufmann

Jessica Bruder: "Nomaden der Arbeit"

Kontext-Rezension von Madeleine Amberger

Ines Geipel: "Umkämpfte Zone"

Kontext-Rezension von Andrea Roedig

Niklas Perzi u.a.: "Nachbarn"

Kontext-Studiogespräch mit Wolfgang Ritschl

Peter Köhler: "Leonardos Fahrrad"

Kontext-Rezension von Ivo Kaufmann

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