Bücherstapel

ORF/URSULA HUMMEL-BERGER

Sachbücher und Themen

Von den Krisenherden dieser Welt über Entdeckungen der Neurowissenschaften bis zu den schönen Künsten. "Kontext" bietet Orientierungsservice im Sachbuch-Dschungel. Reportagen, Diskussionen, Rezensionen, Studiogespräche, Hintergrundberichte zu spannenden Büchern über Zeitgeschichte, Wirtschaft und Wissenschaft. Und ab und zu darf auch gelacht werden.

Nahlah Saimeh: "Grausame Frauen"

An die 800 Menschen, darunter Serienvergewaltiger, Mörderinnen und Pädophile, hat die forensische Psychiaterin Nahlah Saimeh in den letzten 20 Jahren als Leitern von Hochsicherheitskliniken zur Behandlung kranker Straftäterinnen und Straftäter begutachtet. Seit 2018 arbeitet sie als selbständige Gutachterin in Düsseldorf, hauptsächlich bei Gewalt- und Sexualdelikten. Acht reale Fälle stellt die Autorin vor. Sowohl Täterinnen als auch Opfer hat sie so verfremdet, dass keine Rückschlüsse möglich sind. Die Autorin bietet einen tiefen Einblick in die Psyche der Täterinnen und kommt zu dem Fazit: Alle "wurden als Kind nicht geliebt oder haben sich nicht geliebt gefühlt". Ohne zu verurteilen beschreibt die Psychotherapeutin die Rolle der Frauen, die nicht nur mitgeholfen, sondern die Taten an ihren Kindern stillschweigend geduldet haben. Oder selbst Kinder missbraucht, vergewaltigt, gequält haben. Wie emotionale Leerstellen im Leben bei den Täterinnen zu Selbstverachtung, ohnmächtiger Wut und dem Bedürfnis nach Rache führen.

Nahlah Saimeh, "Grausame Frauen - Schockierende Fälle einer forensischen Psychiaterin", Piper Verlag

Maicke Mackerodt

Jane Bennett: "Lebhafte Materie"

Könnte man sagen, dass ein "Virus" handelt? Die amerikanische Philosophin Jane Bennett plädiert dafür, dass wir über Dinge so reden sollten wie über Menschen. Nur wenn wir die Welt "anthropomorphistisch" anschauen, also wenn wir sie menschlich wahrnehmen, kommen wir aus dem "Anthropozentrismus" heraus, also der Vorstellung, alles drehe sich nur um uns. Wir werden uns nicht ökologisch verhalten, wenn wir nicht zuvor ökologisch denken, meint Bennett. Und hierzu brauchen wir neues Weltbild: eines, das nicht mehr hierarchisch von der Vorherrschaft des Menschen ausgeht, eines, das nicht kategorisch zwischen belebt und unbelebt unterscheidet und das nicht stur mechanistisch von feststehenden Ursache-Wirkungsketten ausgeht.

Jane Bennett, "Lebhafte Materie - Eine politische Ökologie der Dinge", Übersetzung von Max Henninger, Verlag Matthes&Seitz

Andrea Roedig

H. Lesch/Th. Schwartz: "Unberechenbar"

Welches Mindset muss eine Gesellschaft haben, damit man nachher behaupten kann, die Gesellschaft als Ganzes und möglichst viele ihrer Einzelteile seinen "gut" durch die Krise gekommen? Die Finanzkrise, die Klimakrise, die Coronakrise. Diese Frage beschäftigt den Astrophysiker Harald Lesch, der davor warnt, dass wir unsere Welt und unser Leben als berechenbar ansehen. Dem ist, trotz aller Technik und aller Berechnungen, nicht so. Die Gleichung "berechenbarer" ist "beherrschbarer" ist "besser" ist für ihn schlichtweg falsch. Wer die Mehrdeutigkeit des Lebens akzeptiert, hat mehr vom Leben. Versinnbildlicht in der Handwerkerweisheit "Sitze, passt, wackelt, hat Luft".

Harald Lesch/Thomas Schwartz, "Unberechenbar - Das Leben ist mehr als eine Gleichung", Herder Verlag

"Kontext"-Gespräch mit Harald Lesch

Wolfgang Ritschl

Bruce Lee: "Know yourself!"

Den Namen Bruce Lee verbindet man mit Kampfsport, Körperbeherrschung und Kassenschlager. Der in San Francisco geborene chinesisch-amerikanische Martial-Arts-Star und Darsteller in zahlreichen Hollywood-Filmen hat aber wesentlich mehr zu bieten als atemberaubende Kampfkunst. Der Grundpfeiler seines kometenhaften Aufstiegs in den 1960er Jahren ist seine Philosophie, die spirituelle und körperliche Aspekte zu einer besonderen Lebensweise verbindet. Dabei setzt er auf Biegsamkeit: Der Geist, die Einstellung und die Sinne sollen schön geschmeidig gehalten werden, denn nur so bleibe man empfänglich und gleichzeitig fähig, kritisch zu denken. Dieser Prozess des Forschens, Erörterns und Praktizierens solle nicht nur dazu führen, die eigenen Stärken und Schwächen zu erkunden, sondern auch persönliche Wahrheiten zu entdecken.

Bruce Lee, "Know yourself! - Die Geheimnisse meines Erfolgs", Übersetzung von Bernhard Kleinschmidt, O. W. Barth Verlag

Ivo Kaufmann

Passanten

ORF/JOSEPH SCHIMMER

Magnus Brechtken: "Der Wert der Geschichte"

Freiheit, Selbstbestimmung und Teilhabe, jene Werte, die unser heutiges Leben auszeichnen, sind den Menschen nicht in den Schoß gefallen, sie wurden erkämpft - von unseren Vorfahren. Wenn diese Errungenschaften nun durch Nationalisten und Populisten auf dem Spiel stehen, dann müssen wir sie verteidigen. Aber wie? Indem wir uns an der Geschichte ein Beispiel nehmen, meint der Historiker Magnus Brechtken. Für sein Buch "Der Wert der Geschichte" hat er zehn Lektionen für die Gegenwart zusammengestellt.

Magnus Brechtken, "Der Wert der Geschichte - Zehn Lektionen für die Gegenwart", Siedler Verlag

Wolfgang Seibel

Danielle Allen: "Politische Gleichheit"

Die coronabedingten Lockdowns haben uns deutlich vor Augen geführt, was es heißt, in politischen Rechten, etwa dem Recht auf Versammlungsfreiheit, eingeschränkt zu sein. Warum diese Rechte so grundlegend sind und warum sie von privaten Freiheitsrechten nicht zu trennen sind, erklärt ein Buch, das lange vor der Pandemie geschrieben wurde. Die Autorin, Danielle Allen, ist Professorin für politische Theorie an der Harvard University, ihr Buch "Politische Gleichheit" basiert auf Vorlesungen, die sie 2017 in Frankfurt gehalten hat, und es hat das ambitionierte Ziel, moderne politische Theorien der Gerechtigkeit radikal neu zu deuten.

Danielle Allen, "Politische Gleichheit", Übersetzung von Christine Pries, Suhrkamp

Andrea Roedig

Hassan/Sachez-Lambert: "Grauzonen gibt es nicht"

Dass es bei sexueller Belästigung um Sex geht, ist nur ein Mythos. Es geht dabei um Macht, genauer gesagt um Machtmissbrauch. Denn stets sind die Täter in Machtpositionen. Sexuelle Übergriffe wie die Hand am Knie oder am Gesäß passieren nicht spontan, ihnen geht eine systematische Aufbereitung des Feldes, ein stetiges Überschreiten von Grenzen voraus. Wie man Muster sexueller Übergriffe bereits in der Vorbereitungsphase erkennt und wie man damit umgehen kann, das beschreiben Sara Hassan und Juliette Sanchez-Lambert mithilfe des Red-Flag-Systems. Im Gespräch geht es um toxische Umgebungen, nette Kerle und Zweifel an der eigenen Wahrnehmung.

Sara Hassan und Juliette Sachez-Lambert, "Grauzonen gibt es nicht - Muster sexueller Belästigung mit dem Red-Flag-System erkennen", ÖGB Verlag. Das Buch kann man auch gratis als PDF herunterladen.

"Kontext"-Gespräch mit Wolfgang Ritschl

Thomas Hofmann: "Abenteuer Wissenschaft"

Wissenschaft ist ein Abenteuer - davon ist der Archivar Thomas Hofmann von der Geologischen Bundesanstalt überzeugt. Er hat bereits rund 50 Bücher geschrieben, über Essen, über Wien oder Paläontologie. Jetzt hat er all seine Kontakte, die er über Jahrzehnte an der Geologischen Bundesanstalt geknüpft hat, genutzt, um ein Stück Forschungsgeschichte zu schreiben. Was essen Forscher, wenn sie fernab der Heimat sind? Mit welchen Wehwehchen haben sie zu kämpfen und was denken sie über die lokale Bevölkerung?

Thomas Hofmann, "Abenteuer Wissenschaft - Forschungsreisende zwischen Alpen, Orient und Polarmeer", Böhlau Verlag

Ulrike Schmitzer

Schatten von Menschen und ihren Händen an der Wand.

APA/DPA/MAURRIZIO GAMBARINI

Elsa Dorlin, "Selbstverteidigung"

Elsa Dorlin, Professorin an der Pariser Universität von Vincennes-Saint-Denis, ist eine der prominentesten Philosophinnen Frankreichs. In ihrer Studie zur Selbstverteidigung untersucht sie die Rolle, die physische Gewalt in den Befreiungs- und Emanzipationsbewegungen der letzten Jahrhunderte gespielt hat. Dorlin macht sich keine Illusionen über die angebliche Friedfertigkeit des Menschen. Historische Prozesse seien immer auch Gewaltprozesse, lautet eine ihrer Prämissen. Und in der Regel ist diese Gewalt von Oben nach Unten gerichtet. Sie untersucht, wie, wo und mit welchen Intentionen unterdrückte Gruppen in der Geschichte der letzten zwei- bis dreihundert Jahre Gegengewalt ausgeübt haben. Die prinzipielle Legitimität physischer Selbstverteidigung steht für Elsa Dorlin dabei außer Frage.

Elsa Dorlin, "Selbstverteidigung - Eine Philosophie der Gewalt", Übersetzung von Andrea Hemminger, Suhrkamp

Günter Kaindlstorfer

Andreas Kossert: "Flucht"

Geschichten von Flucht und Vertreibung gibt es in vielen Sprachen, Kulturen und Religionen, nicht nur in der Bibel. Das 20. Jahrhundert mit den fundamentalen Erschütterungen durch die beiden Weltkriege markiert einen traurigen Höhepunkt dieser Erzählung von Gewalt und Leid. 60 Millionen Flüchtlinge wurden allein in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg gezählt. Unsere Gegenwart fügt der quälenden Geschichte des erzwungenen Exils ein weiteres Kapitel hinzu. Der Berliner Historiker Andreas Kossert stellt das Thema des erzwungenen Exils nun in einen großen historischen Zusammenhang.

Andreas Kossert, "Flucht - Eine Menschheitsgeschichte", Siedler Verlag

Holger Heimann

Anton Pelinka: "Der politische Aufstieg der Frauen"

Bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts hinein waren Frauen in Parlamenten eine kleine, exotisch anmutende Minderheit. Dieses Missverhältnis änderte sich mit auffallender Geschwindigkeit in den letzten Jahren des 20. Jahrhunderts. Heute gehört es zum guten Ton, wenn Parteien bei Wahlen nach dem Reißverschlussprinzip zur Hälfte Frauen aufstellen. Wenn Parlamente und Regierungen "verweiblichen", "verweiblichen" dann auch die politischen Inhalte, die Weichenstellungen, die für die Zukunft der Gesellschaft bestimmend sind? Diese Frage stellt der Politologe Anton Pelinka in einem Buch über den politischen Aufstieg der Frauen. Das Glas ist für Anton Pelinka nicht halb leer, sondern halb voll.

Anton Pelinka, "Der politische Aufstieg der Frauen - Am Beispiel von Eleanor Roosevelt, Indira Gandhi und Margaret Thatcher", Böhlau

"Kontext"-Gespräch mit Wolfgang Ritschl

Sylvia Roberts: "Sibiriens vergessene Klaviere"

Sibirien gilt als Gefängnis ohne Dach, charakterisiert durch unerbittliche Kälte und enorme Weite. Das Klavier und die entsprechende westeuropäische Musikkultur wurden ab der Zarin Katharina der Großen importiert. Nach Sibrien gelangt das Clavichord in der Folge mit Maria Wolkonski, die ihrem zu Zwangsarbeit verurteilten Dekabristen-Gatten folgte. Das Tasteninstrument zum Zeitvertreib während der Verbannung folgte auf dem Schlitten. Die siebzehn Kapitel von Sophy Roberts extravaganter Forschungsreise stellen sich bald als eine einfache russische Kulturgeschichte heraus: von der Eroberung Sibiriens im späten 16. Jahrhundert durch Pelztierjäger und Kosaken - bis in die Gegenwart. Die Klaviere sind nur ein Vorwand und Anlass für einen sympathischen Etikettenschwindel: um nach Irkutsk und Tomsk oder nach Sachalin zu reisen, nach Nowosibirsk, in den Ural und an die Kolyma.

Sylvia Roberts, "Sibiriens vergessene Klaviere", aus dem Englischen von Brigitte Hilzensauer, Zsolnay

Erich Klein

Das Netflix-Logo auf einem Laptop-Bildschirm

AFP/JONATHAN NACKSTRAND

Marcus Kleiner: "Streamland"

Endlich Zeit, auf Netflix-Serien ohne Ende zu schauen: Das war eine gar nicht so seltene Reaktion auf den ersten Lockdown im März. Vor wenigen Jahren noch Nischenprodukte, bestimmen Streamingdienste wie Netflix, Amazon Prime oder Disney Plus heute die Medienlandschaft. Nicht nur die Sehgewohnheiten haben sich durch das Streaming geändert, sondern auch das Unterhaltungsbedürfnis, meint Marus Kleiner. Für den Medienwissenschaftler der Hochschule der populären Künste in Berlin seien die Streamingdienste mit ihrer alternativen Krisen- und Angstunterhaltung, wie der Autor es nennt, dabei, die öffentlich-rechtlichen und die privaten TV-Sender als Leitmedien abzulösen. Kleiner ist kein Gegner der Streamingdienste. Im Gegenteil. Er klärt lesenswert und unangenehm deutlich darüber auf, wie gefährlich die intransparente Datenausbeutung der Streamingdienste ist, weil wir für den Autor alles verlieren, was uns zu freien, selbstbe¬stimmten und mündigen Bürgern macht. Um das zu ändern, müssten seiner Meinung nach vier Instanzen kooperieren: Streamingunternehmen, Politik, Abonnenten und Verbraucherschützer.

Marcus Kleiner, "Streamland - Wie Netflix, Amazon Prime und Co. unsere Demokratie bedrohen", Droemer

Maicke Mackerodt

M. Gabriel: "Moralischer Fortschritt in dunklen Zeiten"

Markus Gabriel gehört zu den prominentesten Vertretern der deutschen Gegenwartsphilosophie. In seinem aktuellen Buch schreitet der 40-Jährige zu einer Generalabrechnung mit der postmodernen Moralphilosophie, die die Existenz von universell gültigen Werten stets bestritten hat. "Ich werde dafür argumentieren, dass es moralische Leitplanken menschlichen Verhaltens gibt", schreibt Gabriel: "Diese Leitplanken sind kulturübergreifend, sie sind die Quelle für universale Werte im 21. Jahrhundert. Ihre Geltung ist nicht davon abhängig, dass die Mehrheit der Menschen sie anerkennt, sie sind in diesem Sinne also objektiv." Um die "moralischen Tatsachen", die der Bonner Philosoph in seinem Werk postuliert, verstehen zu können, muss man kein abgeschlossenes Philosophiestudium haben - sie sind denkbar einfach: "Dass man keine Kinder quälen soll; dass man die Umwelt schützen soll; dass man alle Menschen möglichst gleich behandeln soll ..."

Markus Gabriel, "Moralischer Fortschritt in dunklen Zeiten - Universale Werte für das 21. Jahrhundert", Ullstein

Günter Kaindlstorfer

V. Mayer-Schönberger/T. Ramge: "Machtmaschinen"

Der Zugang zu Informationen ist die wichtigste Grundlage demokratischer Willensbildung. Momentan ist dieser Zugang eingeschränkt. Google, Facebook und Netflix sammeln Daten und machen mit der Auswertung gute Geschäfte. Auf die gesammelten Daten hätten wir aber alle Anspruch. Denn nur wenn die Daten, selbstverständlich entpersonalisiert, fließen, kommt es zu Innovationen, sagt Viktor Mayer-Schönberger, der am Oxford Internet Institute lehrt. Der europäische Datenschutz ist gut und wichtig, ist Mayer-Schönberger überzeugt, aber er bedarf der Ergänzung um den Datennutz. Wenn es der europäischen Politik gelingt, den Datentenfluss von amerikanischen und chinesischen Unternehmen, die in Europa tätig sind, allen zugänglich zu machen, dann könnte Europa wieder zum Innovationsführer werden und nicht, so wie jetzt, digital hinterherhinken.

Viktor Mayer-Schönberger, Thomas Ramge, "Machtmaschinen - Warum Datenmonopole unsere Zukunft gefährden und wie wir sie brechen", Murmann

"Kontext"-Gespräch mit Viktor Mayer-Schönberger

A. Marcolongo: "Das Meer, die Liebe, der Mut aufzubrechen"

Corona-Krise, Wirtschaftskrise, Flüchtlingskrise und nun auch Terror in Wien: In einer krisengebeutelten Zeit, in der Angst, Hass und Hilflosigkeit allzu oft dominieren, braucht es wieder Mut, Liebe und Helden. Davon ist die junge italienische Autorin Andrea Marcolongo überzeugt. In der altgriechischen Argonauten-Sage findet sie Worte, die uns Mut zusprechen, um die aktuellen Herausforderungen zu meistern - sowohl auf gesellschaftlicher als auch auf persönlicher Ebene. Jason und seine Gefährten hatten den Mut zum Aufbruch, den Mut ihr Leben zu wagen, um ihr Leben zu leben. Durch die Erfahrungen des Aufbrechens und der Liebe konnten sie sich selbst finden und wurden erwachsen. Das macht sie zu Helden, von denen wir lernen können.

Andrea Marcolongo, "Das Meer, die Liebe, der Mut aufzubrechen - Was uns die Argonautensage erzählt ", Übersetzung von Karin Fleischanderl, Folio Verlag

Sophie Menasse

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