Bücherstapel

ORF/URSULA HUMMEL-BERGER

Kontext

Sachbücher und Themen

Von den Krisenherden dieser Welt über Entdeckungen der Neurowissenschaften bis zu den schönen Künsten. "Kontext" bietet Orientierungsservice im Sachbuch-Dschungel. Reportagen, Diskussionen, Rezensionen, Studiogespräche, Hintergrundberichte zu spannenden Büchern über Zeitgeschichte, Wirtschaft und Wissenschaft. Und ab und zu darf auch gelacht werden.

Carole Hooven: "T wie Testosteron"

Es ist ein vermintes Gelände, auf das sich die Harvard-Biologin Carole Hooven mit ihrer voluminösen Testosteron-Studie begibt. Wer sich wissenschaftlich mit dem "Männlichkeitshormon" beschäftigt, läuft einerseits Gefahr, biologistische Kurzschlüsse zu produzieren, andererseits gerät frau auch leicht zwischen die Fronten in den leidenschaftlich geführten LBGTQ-Debatten, die seit einiger Zeit die akademische Welt - und nicht nur sie - durchtosen. Carole Hooven umschifft diese Gefahren souverän. Die 56-Jährige nimmt ihre Leser:innenschaft mit auf spannende Expeditionen in die soziale Wirklichkeit der Menschen - und ins Tierreich.

Carole Hooven: "T wie Testosteron", aus dem Englischen von Sebastian Vogel, Ullstein-Verlag, Berlin

Madelaine Amberger

Greg Woolf: "Metropolis - Aufstieg und Niedergang antiker Städte"

Der Brite Greg Woolf zählt zu den renommiertesten Althistorikern unserer Tage. In seiner Publikation "Rom. Biographie eines Weltreichs", die auf Deutsch 2015 erschien, standen nicht große Persönlichkeiten wie Julius Caesar oder Augustus im Zentrum, sondern Rom selbst - als eine der Metropolen der antiken Welt. Jetzt hat Greg Woolf sein Thema erweitert: In seinem Buch "Metropolis" geht es nicht nur um das Leben in den großen Städten der Antike, sondern auch darum, wie und warum sie entstanden - und warum viele von ihnen im Laufe der Geschichte wieder verschwunden sind.

Greg Woolf: "Metropolis - Aufstieg und Niedergang antiker Städte", aus dem Englischen von Susanne Held, Klett-Cotta, Stuttgart

Andreas Puff-Trojan

Fritz Breithaupt: "Das narrative Gehirn"

Der Homo sapiens liebt Geschichten: Er ist das "erzählende Tier”. Märchen, Romane, Mythen und alle Arten von Tratsch und Klatsch faszinieren uns - weil sie uns mit Emotionen belohnen. Sie ermöglichen es uns, in fremde Identitäten zu schlüpfen und uns von den Erlebnissen anderer anrühren, erheitern, erschüttern und belehren zu lassen. UND: Geschichten stiften soziale Gemeinschaft. Diese Thesen stellt der deutsche Kognitionsforscher und Germanist Fritz Breithaupt in seinem aufsehenerregenden Buch zur Diskussion. Im August 2022 liegt der Band auf Platz eins der Sachbuchbestenliste von "Österreich 1", "Neuer Zürcher Zeitung", WDR und der Berliner Tageszeitung "Die Welt."

Fritz Breithaupt: "Das narrative Gehirn", Suhrkamp-Verlag, Berlin

Studiogespräch: Günter Kaindlstorfer

Laurence C. Smith: "Weltgeschichte der Flüsse"

Wien liegt an der Donau, einem der mächtigsten Ströme Europas. Köln liegt am Rhein, London an der Themse und Kiew am Dnepr/ Dnipro. Flüsse haben die menschlichen Zivilisationen geprägt. Nicht umsonst wurden die meisten Großstädte an den Gestaden großer Wasserläufe gegründet. An Flüssen wurde gesiedelt, über Flüsse wurden Waren transportiert, um Flüsse wurde gekämpft. Der US-amerikanische Geologe Laurence C. Smith hat nun im Siedler-Verlag eine "Weltgeschichte der Flüsse" vorgelegt.

Laurence C. Smith: "Weltgeschichte der Flüsse", aus dem Englischen von Jürgen Schröder, Siedler-Verlag, München

Uli Jürgens

Ausschnitt des Buchcovers

HARPER COLLINS

Sara Peschke: "Wie wir arbeiten wollen"

Flughafenpersonal, Kellner, Facharbeiter: überall Arbeitskräftemangel. Insbesondere im Gastgewerbe hört man immer wieder von offenen Stellen, für die sich niemand bewirbt. Sind wir so verwöhnt, dass wir uns richtige Arbeit nicht mehr antun wollen? Das ist eine weit verbreitete Sichtweise auf Arbeitgeberseite. Die der Arbeitnehmer:innen sieht anders aus. Immer mehr Menschen wollen in ihrem Erwerbsleben Sinnvolles anstellen - und anständig behandelt werden. Es könnte auch eine Generationenfrage sein. Oder es hat etwas mit der Corona-Pandemie zu tun. Von letzterem ist die 1985 geborene Journalistin Sara Peschke überzeugt.

Sara Peschke: "Wie wir arbeiten wollen - Über Selbstbestimmung und Selbstausbeutung", Verlag Harper Collins

Wolfgang Seibel

Georgina Ferry: "Max Perutz und das Geheimnis des Lebens"

"Viele nennen mich einen berühmten Wissenschaftler, doch die wenigsten wissen, wofür ich eigentlich berühmt sein soll." So brachte der österreichisch-britische Molekularbiologe Max Perutz, 1962 mit dem Nobelpreis für Chemie ausgezeichnet, die Begleitumstände seiner Prominenz einmal auf den Punkt. Max Perutz - entfernt mit dem Schriftsteller Leo Perutz verwandt - hat sich vor allem mit der Wirkungsweise des Hämoglobins beschäftigt, des roten Blutfarbstoffs, der für den Transport des Sauerstoffs im menschlichen Blutkreislauf zuständig ist. Die britische Wissenschaftsjournalistin Georgina Ferry hat schon vor einigen Jahren eine profunde Biographie des Jahrhundertwissenschaftlers herausgebracht. Im Wiener Braumüller-Verlag liegt dieses Buch nun auch in deutscher Übersetzung vor.

Georgina Ferry: "Max Perutz und das Geheimnis des Lebens" Braumüller Verlag (übersetzt von Alfred Goubran)

Günter Kaindlstorfer

Lebensmotor Bewegung

Bewegung macht glücklich, und sie lindert und verhindert viele Leiden, beugt sogar der Demenz vor. Warum also bewegen wir uns so selten? Weil es die Arbeit erfordert, dass wir sitzen. Weil wir mit Kindern lernen müssen, auch im Sitzen. Oder weil wir im Liegen Bücher lesen. Letztere könnten wir uns zum Teil vorlesen lassen, und sie beim Laufen anhören. Obwohl: Laufen ist ja mitunter schädlich für die Gelenke. Die gute Nachricht: Spazierengehen reicht. Wer zwei- bis drei Mal in der Woche spazieren geht, dessen Cholesterinwerte verbessern sich nach sechs Monaten, und zwar deutlich. Nach einem weiteren halben Jahr erhöht sich die Dichte an weißer Materie im Gehirn, und das steigert die Gedächtnisleistung. Regelmäßige moderate Bewegung wirkt sich weiters positiv auf Leber, Herz und Lunge aus.

Ernst Minar und Slaven Stekovic: "Lebensmotor Bewegung - Die Wissenschaft erklärt den Körper-Code des Menschen", Ueberreuter Verlag

Studiogespräch: Wolfgang Ritschl

Magnus Hirschfeld und das Institut für Sexualforschung

Über die Begriffe "queer", "transgender" oder auch "non-binary" - also keine Geschlechtszuordnung - wird heute viel diskutiert. Dass die Beschäftigung mit diesen Themen, mit der "Unordnung der Geschlechter", aber alt ist, viel älter, als wir glauben, zeigt ein Buch des Medizinhistorikers Rainer Herrn. Er hat sich das berühmte "Institut für Sexualforschung" vorgenommen. Es war 1919 von Magnus Hirschfeld in Berlin gegründet worden und bestand nur 14 Jahre, bevor es 1933 von den Nazis zerstört wurde.

Rainer Herrn: "Der Liebe und dem Leid - Das Institut für Sexualwissenschaft 1919-1933", Suhrkamp Verlag

Andrea Roedig

Tupoka Ogette

Tupoka Ogette

ALINA SCHESSLER

Tupoka Ogette: "Und jetzt Du: Rassismuskritisch leben"

Seit 2012 erklärt Tuopka Ogette in Workshops und Vorträgen, wie und wo sich Rassismus in unserer Gesellschaft versteckt. Tupoka Ogette, 1980 in Leipzig als Tochter eines tansanischen Werkstudenten und einer deutschen Mathematikstudentin geboren, lebt nun in Berlin. Im März 2017 erschien ihr Handbuch »exit RACISM. Rassismuskritisch denken lernen« und wurde zum Bestseller. Seitdem macht sie in Kindergärten, Schulen, Unternehmen, Kultureinrichtungen oder Adoptionsagenturen deutlich, welche Folgen ein unkritischer Umgang mit dem Thema Rassismus haben kann. In ihrem zweiten Buch gibt sie nun konkrete Anregungen, wie man rassismuskritisches Verhalten unter Freunden, in der Familie, in Schule, Freizeit und Beruf umsetzen kann.

Tupoka Ogette: „Und jetzt Du: Rassismuskritisch leben“, Penguin Verlag

Maicke Mackerodt

Franziska Davies und Katja Makhotina: „Offene Wunden Osteuropas"

Vor mehr als drei Jahrzehnten fiel der Eisernen Vorhang. Der Osterweiterung der EU folgte auch eine Art „Osterweiterung“ der Erinnerung an die Verbrechen der Nazis. Wenig bekannt ist aber nach wie vor, dass die Hälfte der von den Nazis ermordeten sechs Millionen europäischen Juden Sowjetbürger waren oder sich – wie Litauer, Polen oder Westukrainer - im Einflussbereich der Sowjets befanden. Die Erinnerung an diese Opfer wurde nicht nur in ihren Herkunftsländern aus ideologischen Gründen durch die Sowjetmacht verzerrt und tabuisiert, auch im Westen verstellten der Kalte Krieg und der damit einhergehende Antikommunismus den Blick auf die Verbrechen des deutschen Vernichtungskriegs.

Franziska Davies und Katja Makhotina „Offene Wunden Osteuropas - Reisen an Erinnerungsorte des Zweiten Weltkriegs“, wbg Theiss Verlag

Erich Klein

Christian Uhle: „Wozu das alles?"

„Dem Universum ist es völlig egal, was wir Menschen tun oder nicht tun. Und dann noch der unausweichliche Tod, angesichts dessen ohnehin alles egal ist. Wir durchschauen dieses Schauspiel, nichts hat einen Sinn.“ Jeder Mensch wird irgendwann einmal in seinem Leben von diesen Gedanken heimgesucht. Meist reißen wir uns zusammen. Was aber, wenn dieser Riss im Lebensfilm nicht zu kitten ist, wenn die Frage nach dem Sinn des Lebens die Lebenslust raubt? Eine einfache Antwort auf komplizierte Frage nach dem Sinn des Lebens kann der 34jährige Philosoph Christian Uhle auch nicht bieten, aber so viel sei vorweg verraten: Sinn kann unser Handeln nur für andere Lebewesen haben. Konzepte wie Karriere, Vaterland, Fortschritt oder Weisheit können allenfalls uns Menschen dienen, nicht umgekehrt.

Christian Uhle: „Wozu das alles? Eine philosophische Reise zum Sinn des Lebens“, S. Fischer Verlag

Studiogespräch: Wolfgang Ritschl

Nadia Durrani und Brian Fagan: „Was im Bett geschah"

Eigentlich ist es verwunderlich: Worüber Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen aus den Bereichen Geschichte, Soziologie, Ethnologie und verwandtes nicht schon geschrieben haben. Nur eine umfassende Studie über das Bett ist bisher noch niemand angegangen. Dabei ist ein Leben – und Sterben – ohne Bett gar nicht vorstellbar. Das Archäologen-Duo Nadia Durrani und Brian Fagan haben sich die Arbeit nun angetan.

Nadia Durrani und Brian Fagan: „Was im Bett geschah -Eine horizontale Geschichte der Menschheit“, Reclam Verlag (übersetzt von Holger Hanowell)

Andreas Puff-Trojan

Ceasars Büste wird von Besuchern in einem Museum betrachtet.

AFP/ERIC FEFERBERG

Mary Beard: "12 Cäsaren"

Wie reagieren wir auf Statuen von Politikern, die wir fürchten oder gar hassen? Als Bagdad fiel, wurde sogleich am Firdos Platz eine überlebenshohe Saddam Hussein Statue gestürzt. In Wien wird immer noch diskutiert, wie man mit dem Denkmal des Antisemiten Lueger umgehen soll. In Russland werden einige der gestürzten Stalin-Denkmäler nun wieder hervorgeholt, auch das ist möglich. Wie man mit Denkmälern von Diktatoren umgeht, das beschäftigt uns seit der Antike. Denn die Büsten von mehreren Cäsaren haben es oft auf eine lange Lebensdauer gebracht - im Gegensatz zu den meist gewaltsam ins Reich der Toten übergetretenen Herrscher.

Mary Beard, "12 Cäsaren - Gesichter der Macht von der Antike bis in die Moderne", übersetzt von Ulrike Bischoff, Propyläen

Madeleine Amberger

Jill Lepore: "Wonder Woman"

Wonder Woman, die Amazone und Weltretterin, bekannt aus Comic und Kino, wird dieses Jahr 81. Jill Lepore, Harvard-Historikerin und ständige Autorin bei der renommierten Zeitschrift "The New Yorker", hat ein Buch über ihren Erfinder geschrieben, den US-amerikanischen Psychologen William Moulton Marston. Ein Buch auch über feministische Selbstermächtigung und die Kunst des Fesselns.

Jill Lepore, "Die geheime Geschichte von Wonder Woman", übersetzt von Werner Roller, C. H. Beck

Brigitte Neumann

Manfred Quiring, "Russland"

Seit dem 24. Februar rätseln wir im Westen, was Wladimir Putin dazu bewogen hat, die Ukraine anzugreifen. Ein Land, von dem keine Gefahr für Russland ausging. Auch die behauptete Bedrohung durch die NATO gab es nicht. Der Journalist Manfred Quiring gehört zu jenen, die schon lange erkennbare Anzeichen einer zunehmenden Aggressivität Putins ausgemacht haben, mit dem Ziel der Wiederrichtung eines Imperiums. Womit Putin auch die Mehrheit der Bevölkerung hinter sich weiß. Russland will wieder Weltmacht sein, um jeden Preis. Davon wissen auch Georgier und Syrer einiges zu berichten. Kenntnisreich beschreibt der jahrelange Russland-Korrespondent Moskaus Abwendung vom Westen.

Manfred Quiring, "Russland - Auferstehung einer Weltmacht?", Ch. Links

Studiogespräch: Wolfgang Ritschl

Sally Coulthard: "Das Buch des Regenwurms"

Der Regenwurm: ein kleines, unauffälliges Tier, das bei vielen Menschen Ekel auslöst und andere zu Mutproben herausfordert. Haben Sie als Kind vielleicht einen Regenwurm geschluckt? Falls nein und Sie das nachholen wollen: Es ist keine gute Idee, denn im Wurm können sich Parasiten aufhalten, die krank machen. So unscheinbar sie sind: ohne Regenwürmer müssten wir verhungern. Regenwürmer gehören wie die Bienen zu den sogenannten Schlüsselspezies.

Sally Coulthard, "Das Buch des Regenwurms - Eine Entdeckungsreise durch unsere Erde", übersetzt von Andrea Kunstmann, Harper Collins

Uli Jürgens

Service

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