Bücherstapel

ORF/URSULA HUMMEL-BERGER

Kontext

Sachbücher und Themen

Von den Krisenherden dieser Welt über Entdeckungen der Neurowissenschaften bis zu den schönen Künsten. "Kontext" bietet Orientierungsservice im Sachbuch-Dschungel. Reportagen, Diskussionen, Rezensionen, Studiogespräche, Hintergrundberichte zu spannenden Büchern über Zeitgeschichte, Wirtschaft und Wissenschaft. Und ab und zu darf auch gelacht werden.

Georg Grund-Groiss: "Das halbe Grundeinkommen"

Die globalisierungskritische Organisation Attac fordert es ebenso wie der Gründer der Drogeriemarktkette dm, Götz Werner. Der Philosoph Richard David Precht spricht sich ebenso für seine Einführung aus wie der Facebook-Gründer Mark Zuckerberg. Alle diese prominenten Persönlichkeiten treten für ein bedingungsloses Grundeinkommen ein, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen und mit unterschiedlichen Stoßrichtungen. Bis jetzt allerdings scheint ein "bedingungsloses Grundeinkommen", noch dazu in existenzsichernder Höhe, nichts anderes zu sein als ein schöner Traum - denn realpolitisch gesehen gibt es nirgendwo auf der Welt mehr als nur zarte Ansätze zu seiner Einführung. Zwei Wiener Autoren preschen nun mit einem innovativen Vorschlag vor und fordern "ein halbes Grundeinkommen": 500 Euro monatlich für jeden und jede.

Georg Grund-Groiss, "Das halbe Grundeinkommen - Der erste Schritt zu einer gerechteren Arbeitsgesellschaft", Braumüller Verlag

Günter Kaindlstofer

D. Joel: "Das Gehirn hat kein Geschlecht"

Bücher darüber, dass sich Frauen und Männer in Eigenschaften und Verhaltensweisen grundlegend unterscheiden, gibt es zuhauf. Frauen könnten demnach nicht einparken, Männer würden nie nach dem Weg fragen. Geht es nach der Neurowissenschafterin Daphna Joel ist das alles Pipifax. Männliche und weibliche Gehirne ticken von Natur aus nicht unterschiedlich. "Das Gehirn hat kein Geschlecht" lautet der Titel ihres Buchs. Lisa Mosconi ist ebenfalls Neurowissenschafterin und hat ein Buch mit dem Titel "Das weibliche Gehirn" vorgelegt. Natürlich geht es Daphna Joel auch um Geschlechtergerechtigkeit. Vor allem aber geht es ihr um die Feststellung, dass Frauen und Männer nicht gleich oder verschieden sind: Sie sind weder noch, alle Menschen sind unterschiedlich. Das einzige, worin sich die allermeisten eindeutig in eine der beiden Gruppen einordnen lassen, ist das biologische Geschlecht. Aber, so die Autorin, "wenn wir weiter hartnäckig auf Gehirne dieselbe Terminologie wie auf Genitalien anwenden, müssen wir zu dem Schluss kommen, dass die meisten Gehirne weder männlich noch weiblich sind, sondern intersexuell".

Daphna Joel, "Das Gehirn hat kein Geschlecht - Wie die Neurowissenschaft die Genderdebatte revolutioniert", dtv
Lisa Mosconi, "Das weibliche Gehirn: Länger leben, besser schlafen, Demenz vorbeugen - wie Frauen gesund bleiben", Übersetzung von Jorun Wissmann und Monika Niehaus, Rowohlt Verlag

Birgit Dalheimer

Wolfgang Kos: "Der Semmering"

In Wien und Budapest war der fast hochalpin anmutende Semmering ebenso legendär wie in Lemberg oder Temesvar, ja sogar aus Warschau und Thessaloniki kamen um 1900 die Schönen und Reichen in die hermetische Welt der exklusiven Grandhotels an der Südbahnstrecke. Zu den treuesten Stammgästen in diesem vermutlich allerersten künstlich angelegten Tourismusort in den Alpen zählte das jüdische Großbürgertum, auch, weil es hier keine vorgegebenen hierarchischen Strukturen gab. Der Balkon der Wiener Gesellschaft verlor nach 1918 an Anziehungskraft, nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs schritt der Verfall gnadenlos voran. Doch nun gibt es wieder Hoffnung. Ein Grand-Hotel wurde von einem Grazer Hotelier übernommen und soll frischen Schwung in die Gegend bringen, die nach Inbetriebnahme des Semmering-Basistunnels im Jahr 2028 noch etwas ruhiger sein wird als heute.

Wolfgang Kos, "Der Semmering - Eine exzentrische Landschaft", Residenz Verlag

"Kontext"-Studiogespräch mit Wolfgang Ritschl

Anna Haas: "Die Happiness-Lüge"

Egal ob Corona-Krise, Klima-Krise oder persönliche Krisen aller Art, es gibt Menschen, die bleiben dennoch immer positiv! Sie verstrahlen ihren professionellen Optimismus in den Sozialen Medien, sie schwitzen ihren Frust beim Sport aus ihren gestählten Körpern oder atmen sich den Ärger beim Meditationstraining von der Seele. Doch ist es wirklich gut, alles Schlechte zu verdrängen oder zu leugnen? Die deutsche Journalistin Anna Maas meint: nein, ist es nicht! Sie geht dem Phänomen der "Toxic Positivity" auf den Grund und untersucht, warum der allgegenwärtige Drang zum Glücklichsein bei vielen Menschen noch mehr Druck und damit noch mehr Unglück erzeugt.

Anna Haas, "Die Happiness-Lüge", Verlag Eden Books

Ivo Kaufmann

Ausschnitt des Buchumschlags, Joseph II.

PINGUIN VERLAG

Monika Czernin: "Der Kaiser reist inkognito"

"Wenn das Reisen für jeden denkenden Menschen nützlich ist", schrieb Kaiser Joseph II. einmal, "so ist es das umso mehr für einen Souverän, der, alle Vergnügungen zurückweisend, sich nur auf die Nützlichkeit seines Tuns konzentriert." Diese Erkenntnis Josephs II. vom Ende des 18. Jahrhunderts zitiert Monika Czernin in ihrem Buch "Der Kaiser reist inkognito", das zum ersten Mal ausführlich auf die Reisen des Monarchen eingeht, die man nicht länger als Zeitvertreib oder Flucht vor Konflikten mit seiner Mutter Maria Theresia marginalisieren kann. Am Ende hat Joseph II. ein Viertel seiner Regierungszeit unterwegs verbracht. Monika Czernin sieht in dem Sohn Maria Theresias einen außergewöhnlichen Herrscher, der seiner Zeit in vielem voraus war.

Monika Czernin, "Der Kaiser reist inkognito - Joseph II. und das Europa der Aufklärung", Penguin Verlag

Wolfgang Seibel

M. Graf/Ch. Sonvilla: "Das wilde Herz Europas"

Seit mehr als zehn Jahren sind Marc Graf und Christine Sonvilla, die beide Biologie studiert haben, mit Fotoapparat und Kamera weltweit in der wilden Natur unterwegs. Sie fotografieren und filmen für Zeitschriften und Filmproduktionen, schreiben Bücher, halten Vorträge und veranstalten Fotoreisen. Bei ihren Vorträgen werden sie immer wieder gefragt, ob das nicht gefährlich sei. Wenn man sich in die Natur begebe, dann lerne man mit der Zeit, auf ihre Signale zu achten und Gefahren einzuschätzen, sagt Marc Graf aus Erfahrung. Dann gehe man eben nicht bei Sturm in den Wald oder bei drohendem Unwetter in die Berge. Wie schön und wichtig natürliche Prozesse sind und wie sich Menschen in Europa für deren Erhaltung einsetzen, kann man nun nachlesen.

Marc Graf und Christine Sonvilla, "Das wilde Herz Europas - Die Rückkehr von Luchs, Wolf und Bär", Knesebeck Verlag
Christine Sonvilla, "Europas kleine Tiger - Das geheime Leben der Wildkatzen", Residenz Verlag

Sonja Bettel

Claudia Traidl-Hoffmann: "Überhitzt"

Hitzekollaps, Ambrosia-Asthma, Tigermücken und Corona - die Auswirkungen der globalen Klima- und Umweltkrise betreffen immer deutlicher nicht nur unser Wetter oder unsere Wälder, sondern ganz unmittelbar auch unsere Gesundheit. Allergien nehmen zu, neue Erreger breiten sich aus, immer mehr Menschen entwickeln Ängste angesichts der Veränderungen ihrer Umwelt. Die Umweltmedizinerin Claudia Traidl-Hoffmann plädiert dafür, die Auswirkungen der Erderwärmung auf die Gesundheit endlich ernst zu nehmen und präsentiert auch Best-Practice-Beispiele aus Frankreich und England.

Claudia Traidl-Hoffmann, "Überhitzt - Die Folgen des Klimawandels für unsere Gesundheit", Dudenverlag

"Kontext"-Studiogespräch mit Wolfgang Ritschl

C. Misselhorn: "Künstliche Intelligenz und Empathie"

Philosophen gibt es viele - Philosophinnen schon weniger. Und dass eine Frau das männlich dominierte Feld der Künstlichen Intelligenz zu ihrem Forschungsschwerpunkt wählt, ist eher selten. Catrin Misselhorn, Professorin für Technikphilosophie, beschäftigt sich vor allem mit dem Thema Maschinen- und Roboterethik. Künstliche Intelligenz könnte und das Leben leichter machen, hat aber auch das Potential, unser Leben zu bedrohen.

Catrin Misselhorn, "Künstliche Intelligenz und Empathie - Künstliche Intelligenz und Empathie. Vom Leben mit Emotionserkennung, Sexrobotern & Co", Reclam Verlag

Andreas Puff-Trojan

Tiere und ein Mensch (Buchcover-Ausschnitt)

ROWOHLT

Lothar Frenz: "Wer wird überleben?"

Der Journalist und Biologe Lothar Frenz besuchte Länder wie Tasmanien, Papua-Neuguinea, die Mongolei oder Uganda, also Orte, an denen Arten um ihr Überleben kämpfen. Er berichtete in zahlreichen Büchern über Natur- den Artenschutz, entdeckte sogar selbst in Amazonien eine bis dahin unbekannte Großtierart, das größte Schwein Südamerikas, das Riesenpekari. Vor 20 Jahren schrieb Frenz ein Buch über Kryptozoologie, in dem er sich mit unbekannten, noch nicht entdeckten Arten beschäftigte. Im zweiten Buch über das Verschwinden der Arten erzählte er von Lonesome George, der letzten, inzwischen verstorbenen Riesenschildkröte auf den Galapagos-Inseln. Im nun erschienenen dritten Teil dieser Reihe widmet sich der Autor der Zukunft von Mensch und Natur. Für Lothar Frenz sind wir an einem entscheidenden Wendepunkt angelangt. Unsere eigene Art wird durch nie dagewesene Infektionskrankheiten bedroht, auch uns Menschen ist längst die Überlebensfrage gestellt, schreibt der Biologe. Es geht um unser Verhältnis zur Natur und um die Beziehung zu unseren Mitbewohnern, der anderen Spezies, wie der Autor es nennt.

Lothar Frenz, "Wer wird überleben? -Die Zukunft von Natur und Mensch", Rowohlt Berlin

Maicke Mackerodt

Dan Diner: "Ein anderer Krieg"

Der deutsch-israelische Historiker Dan Diner ändert den Blickwinkel auf die Geschichte des Zweiten Weltkriegs, indem er vor allem den britisch-kolonialen Nord-Süd Bewegungen und nicht dem kontinentalen West-Ost Verlauf mit Deutschland als Kriegsentfacher und Vollstrecker des Holocaust folgt. Er verortet einen Schnittpunkt dieser beiden Kriegsverläufe in Palästina, wo der letzte Akt britischer Kolonialgeschichte und der von Europa ausgehende Zweite Weltkrieg auch räumlich aufeinander trafen. Die Kernzeit dieser raumgeschichtlich angelegten Erzählung liegt zwischen dem Abessinien-Krieg 1935 und den Schlachten von El Alamein in Ägypten und Stalingrad 1942.

Dan Diner, "Ein anderer Krieg: Das jüdische Palästina und der Zweite Weltkrieg - 1935 bis 1942", Deutsche Verlags-Anstalt

Irene Etzersdorfer

Bernhard Kegel: "Die Natur der Zukunft "

2004 wurde in den Niederlanden erstmals eine 18 Zentimeter Spannweite umfassende Riesenspinne entdeckt. Diese tritt selten allein auf hält sich gerne in verfallenden Gebäuden auf. Wenn sich diese Tiere bedroht fühlen, beginnt ein solcher tausendköpfiger Riesenweberknechthaufen kollektiv auf und ab zu wippen, als wolle er Schwung holen oder sich aufblähen. Die Tiere sind aus Südeuropa eingewandert, dank der Erderwärmung wurden sie nun auch schon in Österreich gesichtet. Mehr als 12.000 gebietsfremde Organismenarten wurden in Europa nachgewiesen, an die 400 haben sich mittlerweile hier etabliert. Im weltweiten Trend werden Tiere aber immer weniger, Wissenschaftler warnen bereits vor einer drohenden Defaunation. Das Artensterben ist in erster Linie menschengemacht, wird aber vom Klimawandel beschleunigt.

Bernhard Kegel, "Die Natur der Zukunft - Tier- und Pflanzenwelt in Zeiten des Klimawandels", DuMont

Studiogespräch mit Wolfgang Ritschl

Elisabeth Lechner: "Riot, don't diet"

Wird nach dem aktuellen Schönheitsideal gefragt, würden viele Menschen sicher "schlank" sagen. Aber die gegenwärtigen Ideale und Normen beziehen sich längst nicht nur auf den Körperfettanteil, gerade bei Frauen. Wer als Frau heute zu unförmig, zu dunkel, zu behaart ist, muss sich immer öfter mit "Body Shaming" auseinandersetzen. Das ist nicht nur psychisch belastend, die Ausgrenzung und Abwertung von Körpern, die nicht der Norm entsprechen, hat auch soziale und gesundheitliche Folgen. Die Kulturwissenschaftlerin Elisabeth Lechner untersucht das Phänomen Body Shaming in ihrer Forschung und fordert nun einen Aufstand gegen rigide Schönheitsnormen.

Elisabeth Lechner, "Riot, don't diet - Aufstand der widerspenstigen Körper", Kremayr&Scheriau

Marlene Nowotny

Glockenblumen im Wald

JOHN THYS / AFP

Helen Macdonald: "Abendflüge"

Mit ihrem Buch "H wie Habicht" gelang der Wissenschaftshistorikerin und Illustratorin Helen Macdonald ein Bestseller. Als Aufforderung, die Natur und das Leben mit neuen Augen zu sehen, versteht sich auch ihr aktuelles Buch, das in weiten Teilen den Mauerseglern gewidmet ist. Es erzählt aber auch von wilden Tieren, Mythen und Märchen, und führt in versteckte Lebensräume, die heute im Verschwinden begriffen sind.

Helen Macdonald: "Abendflüge", Hanser Verlag (Übersetzung von Ulrike Kretschmer)

Madeleine Amberger

Michio Kaku: "Die Gottesformel"

Er gilt als der Vater der Stringtheorie und ist wie Albert Einstein auf der Suche nach der sogenannten Gottesformel: Michio Kaku, einer der berühmtesten Physiker Amerikas. Genauso wie Einstein weiß Kaku die Medien zu nutzen - er ist gern gesehener Gast in amerikanischen Talkshows, denn selbst die Stringtheorie, die das Standardmodell der Elementarteilchenphysik und die Gravitation miteinander verbindet, kann er in ein paar Sätzen erklären. Seit Jahrzehnten ist er nun schon auf der Suche nach der Theorie von Allem.

Michio Kaku: "Die Gottesformel - Die Suche nach der Theorie von Allem", Rowohlt Verlag (Übersetzung von Monika Niehaus und Bernd Schuh)

Ulrike Schmitzer

Volker M. Heins: "Offene Grenzen für alle"

In Marokko versehen ein paar Grenzbeamte nicht ihren Dienst – und schon herrscht Chaos in der EU. Weil ein paar tausend Afrikaner Zuflucht in Europa suchen, oder einfach nur ein besseres Leben. Dass man mit Zäunen, Mauern und biometrischen Daten eine Gesellschaft aufrechterhalten kann, die sich von der übrigen Menschheit abschottet, erscheint dem Politologen Volker Heins unrealistisch. Ob es uns passt oder nicht, dass Europa ein bunter, ein multiethnischer Kontinent wird, spielt keine Rolle, zitiert Heins den Schriftsteller Umberto Eco: „Wenn es uns gefällt, umso besser; wenn nicht, wird es trotzdem so kommen“. Es ist nicht die Öffnung, so der deutsche Politologe, die unrealistisch erscheint, sondern die dauerhafte Schließung der Grenzen

Volker M. Heins, "Offene Grenzen für alle - Eine notwendige Utopie", Verlag Hoffmann&Campe

Heimstudiogespräch: Wolfgang Ritschl

James Hill: "Marvel"

Sie waren die Comic-Helden unserer Kindheit und herrschen heute mehr denn je über Glück und Unglück der Filmindustrie: Die Marvel-Helden Spider-Man, Hulk, Thor, Black Panther, The Avengers oder Doctor Strange sorgen mit ihren actionreichen Abenteuern für volle Kassen in Hollywood. Doch wie hat dieser unvergleichliche Erfolgslauf eigentlich begonnen und welche Mythologien liegen dem vielschichtigen Comic-Universum eigentlich zugrunde? Der Marvel-Experte James Hill hat sich auf die Suche der wenig bekannten Ursprünge der omnipräsenten Superhelden begeben.

James Hill, "Marvel - Mythen und Legenden", Verlag Dorling Kindersley (Übersetzung von Christian Heiß)

Ivo Kaufmann

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