Bücherstapel

ORF/URSULA HUMMEL-BERGER

Kontext

Sachbücher und Themen

Von den Krisenherden dieser Welt über Entdeckungen der Neurowissenschaften bis zu den schönen Künsten. "Kontext" bietet Orientierungsservice im Sachbuch-Dschungel. Reportagen, Diskussionen, Rezensionen, Studiogespräche, Hintergrundberichte zu spannenden Büchern über Zeitgeschichte, Wirtschaft und Wissenschaft. Und ab und zu darf auch gelacht werden.

Christoph Bangert: "Rumors of War"

Seit 2005 fotografierte Christoph Bangert in Krisenländern wie Afghanistan, Nigeria und Palästina, im Libanon, in Pakistan und im Irak, und zwar für große Magazine wie "Stern", "Geo" und die "FAZ". 2014 sorgte er mit seinem Fotoband "War Porn" für Aufsehen. Darin zeigte der deutsche Fotograf Bilder aus einer Leichenhalle in Bagdad, Schockfotos von Folteropfern, die den meisten Redaktionen zu drastisch waren, um sie zu veröffentlichen. 2016 zeigte Christoph Bangert in dem Bildband "Hello camel" absurde und komische Momentaufnahmen aus den Kriegsgebieten der Krisenländer. Jetzt geht Christoph Bangert mit 43 Jahren als Kriegsfotograf in den Ruhestand, wie er es nennt. In "Rumors of war" , dem Abschluss seiner Buch-Trilogie, zeigt er seinen ganz und gar nicht alltäglichen Alltag bei seinem letzten Einsatz in Afghanistan.

Christoph Bangert, "Rumors Of War", Bildband, Kehrer Verlag

Maicke Mackerodt

Steffen Mau: "Sortiermaschinen"

Die Türkei errichtet gerade einen Betonwall an der Grenze zum Iran, um afghanische Flüchtlinge vom Grenzübertritt abzuhalten. Und auch an der Grenze zu Belarus wird ein Zaun errichtet. Trotz der Grenzöffnungen innerhalb der EU werden andernorts viele Grenzen wieder dicht gemacht. Immer mehr Reisefreiheiten für wenige, und immer mehr Hindernisse für die große Masse - so sieht Steffen Maus Bilanz der Globalisierung aus. Der Soziologieprofessor an der Berliner Humboldt-Universität nimmt mit "Sortiermaschinen" die Bedeutung von Grenzen im Zeitalter der Globalisierung in den Blick.

Steffen Mau, "Sortiermaschinen - Die Neuerfindung der Grenze im 21. Jahrhundert", C. H. Beck

Holger Heimann

W. Ötsch und N. Horaczek: "Wir wollen unsere Zukunft zurück"

Als 1989 der Eiserne Vorhang fiel und in der Folge auch die Sowjetunion implodierte, hatte für viele endgültig der Kapitalismus über den Sozialismus gesiegt. Francis Fukuyama prägte den Slogan vom Ende der Geschichte und meinte damit, dass es nun nur mehr ein einziges wirtschaftliches System gebe, an dem man auch nichts zu ändern brauche, womit sich weiters der Blick in die Geschichte erübrige. Dieses Diktum schloss nahtlos an "There is no alternative" von Margaret Thatcher an. Als in der Folge auch Sozialdemokraten eine Synthese mit dem Neoliberalismus eingingen, verschwand die Fantasie gänzlich aus der Politik, meinen die Politologin Nina Horaczek und der Ökonom Walter Ötsch. Sie fordern Alternativen zum aktuellen Wirtschaftssystem ein, indem sie für mehr Fantasie in der Politik plädieren. Und auch mehr als hundert Beispiele fantasievoller Politik präsentieren.

Walter Ötsch und Nina Horaczek, "Wir wollen unsere Zukunft zurück - Eine Streitschrift für mehr Phantasie in der Politik" Westend Verlag

Studiogespräch mit Wolfgang Ritschl

Balduin Möllhausen:"Tagebuch einer Reise"

Mitte des 19. Jahrhunderts trieb sich ein Jäger und Abenteurer aus Bonn namens Balduin Möllhausen gerade in Washington herum. Schon 24 Stunden nach seiner Ankunft bekommt er einen Job als "Naturaliensammler" und Zeichner. Er soll - als Mitglied einer Armee-Expedition auf der Suche nach der besten Route für eine neue Eisenbahntrasse - dokumentieren, was er erlebt. Heraus gekommen ist dabei 1858 ein 800 Seiten starker Reisebericht. Diesen nun - nach allen Regeln der Buchkunst - wieder veröffentlicht zu haben, ist das Verdienst des kleinen deutschen Verlags der Pioniere. Denn dieser Balduin Möllhausen schaut und hört genau hin im scheinbar unberührten amerikanischen Westen, wie sein "Tagebuch einer Reise vom Mississippi nach den Küsten der Südsee" zeigt. Da hat das Land gerade Mexiko erobert und zuvor Louisiana den Franzosen zum Spottpreis abgekauft.

Balduin Möllhausen,"Tagebuch einer Reise vom Mississippi nach den Küsten der Südsee", versehen mit erläuternden Kommentaren von Michael Uszinski, Verlag der Pioniere

Alexander Musik

Ein Orangutan im Wald

AFP/ROMEO GACAD

"Die bedrohte Schönheit der Regenwälder"

Buntschillernde Papageien und behende in Baumkronen herumturnende Orang Utans, Faultiere, Ameisenbären, Gorillas, Tiger, Tapire und prachtvolle Schmetterlinge: Das sind nur einige der staunenswerten Spezies, die die Regenwälder unserer Erde bevölkern. Der deutsche Illustrator Johann Brandstetter - ein Michelangelo der Natur-Illustration - setzt den tropischen Dschungeln nun in einem prachtvollen Band ein bibliophiles Denkmal. Zusammen mit dem prominenten Zoologen Josef H. Reichholf hat Brandstetter im Aufbau-Verlag die aufsehenerregende Neuerscheinung "Regenwälder - ihre bedrohte Schönheit und wie wir sie noch retten können" herausgebracht. So etwas wie ein buchgewordenes Gesamtkunstwerk.

Josef H. Reichholf und Johann Brandstätter: "Die bedrohte Schönheit der Regenwälder - Ihre bedrohte Schönheit und wie wir sie noch retten können ", Aufbau-Verlag

Wolfgang Seibel

P. Collier, J. Kay: "Das Ende der Gier"

Ich, ich, ich: Das war und ist - zugespitzt formuliert - die Parole unserer Zeit. Zuerst komme ich, dann kommt lange nichts - und dann kommt, vielleicht, ein bisschen etwas von dem, was man früher Gemeinwohl genannt hat. Das Zeitalter des galoppierenden Ichismus, wie man unsere Epoche nennen könnte, geht nun langsam zu Ende. Das finden zumindest die beiden britischen Ökonomen John Kay und Paul Collier - letzterer forscht als Wirtschaftswissenschaftler an der Universität Oxford. In einem neuen Buch proklamieren sie das "Ende der Gier".

Paul Collier und John Kay, "Das Ende der Gier - Wie der Individualismus unsere Gesellschaft zerreißt - und warum die Politik wieder dem Zusammenhalt dienen muss", aus dem Englischen von Thorsten Schmidt, Siedler-Verlag

Holger Heimann

P. Fritz, H. Veit: "Zeit des Zweifels"

Steuern wir auf einen bewaffneten Konflikt zwischen China und den USA? Wie wird die Klimakrise unseren Planeten verändern? Und warum ist die Demokratie vielerorts in Bedrängnis? Die renommierten ORF-Journalisten Peter Fritz und Hannelore Veit vermessen in ihrem Buch in einer lesenswerten Tour d’Horizon die neue Weltordnung

Peter Fritz und Hannelore Veit, "Zeit des Zweifels - Die USA und Europa 20 Jahre nach 9/11", Kremayr und Scheriau

"Kontext"-Studiogespräch mit Günter Kaindlstorfer

Rob Dunn: "Nie allein zu Haus"

Wussten Sie, dass in einem normalen europäischen Haushalt - also zum Beispiel bei Ihnen - bis zu 200.000 Arten tierischer Lebewesen wohnen? Das reicht von der ägyptischen Mehlmotte im Müslipackerl über die Kamelgrille im Keller bis zum rührigen Laktobazillus auf dem Schneidbrett in Ihrer Küche. Aber nicht erschrecken: Das ist ganz normal - und durchaus im Sinne der Evolution, die sich in unseren oft penibel geputzten Behausungen einen neuen Spielplatz erobert hat. In seinem Buch "Nie allein zu Haus" erforscht der US-amerikanische Ökologe Rob Dunn die atemberaubende "Naturgeschichte unserer Häuser".

Rob Dunn, "Nie allein zu Haus - Von Mikroben über Tausendfüßer und Höhlenschrecken bis zu Honigbienen - die Naturgeschichte unserer Häuser", aus dem Englischen von Kathrin Katic, Springer-Verlag

Ivo Kaufmann

Noreena Hertz: "Das Zeitalter der Einsamkeit"

Wer es sich leisten kann, sitzt daheim im Homeoffice und bezahlt den Schutz vor der Pandemie mit Einsamkeit. Noreena Hertz, renommierte Professorin für Ökonomie in London, geht den Ursachen des sich immer weiter ausbreitenden Gefühls von Einsamkeit nach, indem sie Einsamkeit nicht nur als persönlichen, sondern als politischen Zustand begreift. Wenn wir uns stets als Konkurrenten statt als Verbündete verstehen, als Verbraucher statt als Bürger, Sammler statt Teiler, Nehmer statt Geber, Geschäftemacher statt Helfer, dann macht das etwas mit uns.

Noreena Hertz, "Das Zeitalter der Einsamkeit - Über die Kraft der Verbindung in einer zerfaserten Welt", Übersetzung von Andrea Schmittmann und Sabrina Sandmann, Verlag Harper Collins

Madeleine Amberger

Gaston Dorren: "In 20 Sprachen um die Welt"

Es gibt etwa 6000 Sprachen. Aber mit vieren davon kommt man auf der ganzen Welt zurecht. Das sind Englisch, Mandarin, Spanisch und Hindi, das bei den Muslimen Pakistans und Bangladeshs Urdu heißt. Mandarin und Hindi-Urdu decken die Hälfte der Welt ab. Gaston Dorrens Buch über die zwanzig größten Sprachen der Welt versammelt interessante Details zu Eigenheiten und Entwicklung der Sprachen. Er beschreibt, wie diese Entwicklung politischer und wirtschaftlicher Macht folgt und der Bewahrung kultureller Identität dient. Sein Buch befriedigt Sprachtüftler und Grammatikfexe, die wissen wollen, was eine Anlautverhärtung im Vietnamesischen bedeutet ebenso wie Leser, die sich fragen, ob Mandarin die Sprache der Zukunft wird.

Gaston Dorren, "In 20 Sprachen um die Welt - Die größten Sprachen der Welt und was sie so besonders macht", Übersetzung von Juliane Cromme, C. H. Beck Verlag

Brigitte Neumann

Georg Friesenbichler: "Verdrängung"

Bei den ersten Nationalratswahlen nach Ende des Zweiten Weltkriegs erreichte die KPÖ gerade einmal 5,4 Prozent. Und das, obwohl die Kommunisten im Widerstand gegen den Nationalsozialismus sehr aktiv gewesen waren. Einen Teil wird dazu wohl das Verhalten der sowjetischen Befreier beigetragen haben, die als Besatzer blieben. Andererseits, so meint der Journalist Georg Friesenbichler, war die KPÖ ab den späten 1940er Jahren eine große Filterblase, in der Selbsttäuschung und Selbstenttäuschung produziert wurde. In seinem Buch "Verdrängung" über Österreichs Linke im Kalten Krieg vertritt Georg Friesenbichler die These, dass der Antikommunismus der gesellschaftliche Kitt der Nachkriegszeit war, und nicht das Lagererlebnis von Sozialisten und Vertretern der späteren Volkspartei.

Georg Friesenbichler, "Verdrängung - Österreichs Linke im Kalten Krieg 1945-1955", Studien Verlag

Studiogespräch mit Wolfgang Ritschl

Mark Miodownik: "Fabelhafte Flüssigkeiten"

Wir schütten sie in uns rein, füllen unsere Tanks damit oder baden darin. Wir haben täglich mit ihnen zu tun, wissen aber nur wenig über diese Flüssigkeiten. Flüssigkeiten haben eine Doppelnatur, sind weder Feststoff noch Gas, sondern irgendetwas dazwischen, sie sind undurchschaubar und geheimnisvoll. Mark Miodownik, britischer Professor für Materialwissenschaft, hat 2014 mit seinem Buch "Wunderstoffe" über wenig bekannte Besonderheiten fester Materialen bereits für Furore gesorgt. Nun liefert er "kuriose Fakten über alles, was sickert, tröpfelt, rinnt und fließt".

Mark Miodownik: "Fabelhafte Flüssigkeiten - Kuriose Fakten über alles, was sickert, tröpfelt, rinnt und fließt", Übersetzung von Jürgen Neubauer, Penguin Verlag

Ivo Kaufmann

Tiere in einem Menschengesicht (Ausschnitte eines Buchcovers)

BTB

Melanie Challenger: "Wir Tiere"

Wir sind neugierig, emotional, einfallsreich, empathisch, bösartig. Mehr als jedes andere Tier auf dieser Welt. Doch was ist es, das uns tatsächlich auszeichnet, dass uns heraushebt aus der Masse der Tiere? Die britische Umweltphilosophin Melanie Challenger geht der Frage nach, warum sich der Mensch als Quasi-Krone der Schöpfung begreift. Wie kommt es, dass er den Geist, den Intellekt, als von der Biologie getrennt betrachtet? Die Autorin bietet einen sorgfältig durchdachten philosophisch-wissenschaftlichen Überblick über die Geschichte dieser Haltung und die vielen Widersprüche, die sie in sich birgt.

Melanie Challenger, "Wir Tiere - Eine neue Geschichte der Menschheit", Übersetzung von Jürgen Neubauer, btb

Madeleine Amberger

Omer Bartov: "Anatomie eines Genozids"

Der israelische Historiker Omer Bartov beschreibt in zahlreichen Mikrogeschichten Fälle von unsagbarer Grausamkeit durch militärische und zivile Verwaltung der Deutschen, er diskutiert die Frage der so genannten "Kollaboration" des lokalen Judenrates und ist frappiert, "wie mühelos die Täter (und ihre Angehörigen) imstande waren, nach dem Krieg mit subjektiv völlig reinem Gewissen weiterzuleben". Insgesamt wurden auf dem Gebiet der heutigen Westukraine 1,5 Millionen Juden ermordet - die spätere Strafverfolgung der Täter durch bundesdeutsche Gerichte fällt gelinde gesagt "milde" aus. Der Historiker sarkastisch: "Rein statistisch gesehen hat es pro Mord nur zehn Minuten Haft gegeben." Die Tragödie der Region ist damit nicht zu Ende: dem sich über das Ende des Zweiten Weltkriegs hinaus fortsetzenden Konflikt zwischen Polen und Ukrainern fallen bis 1947 an die 100.000 Polen und bis zu 20.000 Ukrainer zum Opfer; eine halbe Million Polen wird aus der Westukraine vertrieben, ebenso viele Ukrainer mussten Polen verlassen.

Omer Bartov, "Anatomie eines Genozids - Vom Leben und Sterben einer Stadt namens Buczacz", aus dem amerikanischen Englisch von Anselm Bühling, Jüdischer Verlag Suhrkamp

Erich Klein

C. und Ch. Butterwegge, "Kinder der Ungleichheit"

Die Covid-19-Pandemie hat die ökonomische und soziale Zerklüftung der jungen Generation zwar nicht hervorgerufen, aber enorm verstärkt. Und vor allem hat sie sichtbar gemacht, dass sich die junge Generation in arme Kinder einerseits und reiche und wohlhabende Kinder andererseits aufspaltet. Wer mit flottem Laptop und aktuellem Tablet ausgestattet ist und daheim auch ausreichend Platz hat, um sich dem Home Schooling zu widmen, hat einen Startvorteil, der schwer bis gar nicht wettzumachen ist für Kinder aus armen Verhältnissen, meint der Politologe Christoph Butterwegge, der sich gemeinsam mit seiner Frau Carolin Butterwegge mit den systemischen Ursachen der Ungleichheit unter Kindern und Jugendlichen beschäftigt hat.

Carolin und Christoph Butterwegge, "Kinder der Ungleichheit - Wie sich die Gesellschaft ihrer Zukunft beraubt", Campus Verlag

Studiogespräch mit Wolfgang Ritschl

Angela Stöger: Wie Tiere kommunizieren

Sie bellen, miauen und zirpen, brüllen, röhren und zwitschern, trompeten, wiehern und quaken: Und wir verstehen meist nur Bahnhof. Dass Delfine erstaunlich komplexe Kommunikationsmuster haben, ist schon länger bekannt. Angela Stöger ist unter anderem Elefantenforscherin und berichtet von sprechenden Elefanten. Die Verhaltensforscherin Angela Stöger ist zudem auch Expertin für Bioakustik und Lautkommunikation, und eröffnet uns neue Welten mit den von ihr gesammelten und analysierten Tiergeräuschen.

Angela Stöger, "Von singenden Mäusen und quietschenden Elefanten - Wie Tiere kommunizieren und was wir lernen, wenn wir ihnen wirklich zuhören", Brandstätter Verlag

Birgit Dalheimer

Service

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