Bücherstapel

ORF/URSULA HUMMEL-BERGER

Sachbücher und Themen

Von den Krisenherden dieser Welt über Entdeckungen der Neurowissenschaften bis zu den schönen Künsten. "Kontext" bietet Orientierungsservice im Sachbuch-Dschungel. Reportagen, Diskussionen, Rezensionen, Studiogespräche, Hintergrundberichte zu spannenden Büchern über Zeitgeschichte, Wirtschaft und Wissenschaft. Und ab und zu darf auch gelacht werden.

Nick Thorpe: "Die weinende Straße vor mir"

Die "Balkanroute" ist fast schon zu einem Mythos geworden: Straße der Hoffnung für die einen, Route des Scheiterns und der zerbrochenen Träume für die anderen. Und manch ein Politiker lukriert Wählerstimmen aus der Beteuerung, er habe die "Balkanroute" für Schutzsuchende und Hilfsbedürftige gesperrt. Nick Thorpe, Mitteleuropa-Korrespondent der BBC, bemüht sich in seinem Buch um einen differenzierten Blick auf die Dinge. Der 60-Jährige hat die Balkanroute immer wieder bereist, er hat mit Flüchtlingen und Schleppern, Polizisten, NGOs und Migrationsgegnerinnen und -gegnern gesprochen - und seine Erfahrungen in einem eindrucksvollen Band festgehalten.

Nick Thorpe, "Die weinende Straße vor mir - Entlang der Balkanroute", aus dem Englischen von Carsten Schmidt, danube books

Madeleine Amberger

Byung-Chul Han: "Palliativgesellschaft"

Wir leben im Zeitalter der "Algophobie", der panischen Angst vor Schmerzen. Das postuliert der in Berlin lehrende Philosoph Byung-Chul Han in einem Büchlein mit dem Titel "Palliativgesellschaft - Schmerz heute". Hans These: In den fortgeschrittenen Gesellschaften des 21. Jahrhunderts werden Schmerzen - nicht nur körperliche Schmerzen, auch Liebeskummer und andere Formen von seelischem Weh - vermieden, wo es nur geht. Einer der Gründe dafür: der Siegeszug des "Positiven Denkens", das alles, was nicht ins neoliberale Leistungs- und Fitness-Paradigma passt, so weit wie möglich eliminiert.

Byung-Chul Han, "Palliativgesellschaft - Schmerz heute", Matthes & Seitz

Holger Heimann

Mojib Latif: "Heißzeit"

"Heißzeit" ist ein suggestiver Titel für ein klimapolitisches Sachbuch. Der Titel weckt unangenehme Assoziationen an "Eiszeit" und andere unersprießliche Epochen in der Erdgeschichte - nur eben in die diametral andere klimatologische Richtung. Wie sich eine "Heißzeit" auf unseren Planeten auswirken würde und wie sich eine Klimakatastrophe vielleicht doch noch verhindern ließe, hat der renommierte deutsche Klimatologe und Ozeanograph Mojib Latif erforscht. "Es sind in erster Linie erneuerbare Energien, die uns aus der Klimakrise führen können", lautet Latifs Resümee: "Sonne, Wind, Erdwärme und andere saubere, nichtfossile Energiequellen sind im Überfluss auf dem Planeten vorhanden. Sie könnten den Energiehunger der Welt spielend stillen, ohne die Umwelt über Gebühr zu belasten."

Mojib Latif, "Heißzeit. Mit Vollgas in die Klimakatastrophe - und wie wir auf die Bremse treten", Herder-Verlag

"Kontext"-Gespräch mit Günter Kaindlstorfer

B. Bleisch/A. Büchler: "Kinder wollen"

Die Reproduktionsmedizin ist ein boomender Markt: Zwischen zwölf und 55 Milliarden Dollar werden jährlich mit dem Kinderwunsch von hunderttausenden Menschen umgesetzt - Tendenz steigend. Moralisch und rechtlich werfen die Möglichkeiten der modernen Reproduktionsmedizin allerdings eine Menge Fragen auf: Dürfen Paare - oder Einzelne - entscheiden, welche Kinder sie bekommen und welche nicht? Ist es für Kinder irgendwann zu spät? Und was für Technologien können, sollen und dürfen wir nutzen auf dem Weg zum Wunschkind? Die Schweizer Philosophin Barbara Bleisch und die Rechtswissenschaftlerin Andrea Büchler stellen in einem klugen Buch die Frage, was wir in Bezug auf unsere Kinderwünsche eigentlich wollen dürfen. Die Antworten der beiden Autorinnen fallen ausgesprochen liberal aus.

Barbara Bleisch und Andrea Büchler, "Kinder wollen - Über Autonomie und Verantwortung", Hanser-Verlag

Andrea Roedig

Im Meer treibendes Plastik, fotografiert von unten

APA/AFP/Boris HORVAT

Stefan Schweiger, "Plastik. Der große Irrtum"

Langlebig, leicht, elastisch und erschwinglich: Plastik ist ein wahres Multitalent. Trotz seiner vorteilhaften Eigenschaften verursacht Plastik gravierende Umweltschäden und ist zu einem der größten Probleme unserer Zeit geworden. Plastik vermüllt die Weltmeere und bedroht die Tierwelt, nicht zuletzt deshalb, weil es sich kaum zersetzt. Als Mikroplastik ist es längst im Essen und im menschlichen Organismus nachgewiesen. Was also tun gegen die Plastikflut? Mit dieser Frage beschäftigt sich Stefan Schweiger seit sechs Jahren an der Ruhr-Universität Bochum. Gemeinsam mit dem Fraunhofer-Institut Umsicht aus Oberhausen erforscht er in dem Projekt "Plastikbudget" im Auftrag der deutschen Bundesregierung, wie viel Plastik die Bevölkerung noch konsumieren darf und berichtet vom sagenhaften Aufstieg der Kunststoffe und dem Preis, den wir heute dafür bezahlen müssen.

Stefan Schweiger, "Plastik. Der große Irrtum - Vom sagenhaften Aufstieg der Kunststoffe und dem Preis, den wir heute dafür zahlen müssen, riva Verlag

Beitrag: Maicke Mackerodt

R. Heinisch, "Kritisches Handbuch der österreichischen Demokratie"

"Österreich ist eine demokratische Republik, ihr Recht geht vom Volk aus." So klar und einfach ist der erste Satz der österreichischen Bundesverfassung. Doch was, wenn unklar wird, wer dieses Volk eigentlich ist, oder wenn das Volk sich immer weniger dafür interessiert, sich in das Geschehen des Staates einzubringen? Seit Jahrzehnten ist in vielen Staaten zu beobachten, dass das Vertrauen in Parteien, Parlamente und Regierungen geringer wird. Antidemokratische und autoritäre Einstellungen haben auch in Österreich wieder deutlich zugenommen. Was ist also los mit der Demokratie in Österreich? Was macht sie aus, welche Stärken und Schwächen hat sie und wohin sollte sie sich entwickeln, um wieder an Stärke zu gewinnen? Diesen Fragen ist eine interdisziplinäre Forschungsgruppe um den an der Uni Salzburg lehrenden Politikwissenschaftler Reinhard Heinisch über mehrere Jahre nachgegangen.

Reinhard Heinisch, "Kritisches Handbuch der österreichischen Demokratie - BürgerInnen, Verfassung, Institutionen, Verbände", Böhlau Verlag

Sonja Prieth

Clemens Fuest: "Wie wir unsere Wirtschaft retten"

Der Lockdown aufgrund des Coronavirus beschert uns eine Wirtschaftskrise, deren volle Dimension sich wohl erst im nächsten Jahr offenbaren wird. Schon jetzt haben Staaten enorme Schulden gemacht, um die Wirtschaft wieder zum Laufen zu bringen. Doch welche Maßnahmen sind am effizientesten? Können wir die Krise nutzen, um auch gleich etwas gegen den Klimawandel zu tun? Und warum nimmt man die Schulschließungen auf die leichte Schulter, wo sie uns ein enormes Bildungsproblem bescheren werden? Clemens Fuest, der Präsident des deutschen ifo-Instituts, hat sich mit den Folgen der Corona-Krise auseinandersetzt.

Clemens Fuest, "Wie wir unsere Wirtschaft retten - Der Weg aus der Corona-Krise", Aufbau

"Kontext"-Gespräch mit Wolfgang Ritschl

Helen Scales: "Im Auge des Schwarms

Wie viele Fischarten können Sie aus dem Stand nennen und beschreiben? Haben alle Haiarten eine Rückenflosse, wie lang ist der Thunfisch und welchen Fisch erkennt man an seinen Barthaaren? Und das sind noch die einfacheren Fragen. Es gibt rund 30.000 Fischarten in unseren Meeren, von millimeterklein bis mehrere Meter lang. Die britische Meeresbiologin Helen Scales beschäftigt sich seit vielen Jahren mit diesen Tieren, und berichtet nun von ihren faszinierenden Tauchgängen.

Helen Scales, "Im Auge des Schwarms - Von Fischen, dem Meer und dem Leben", Übersetzung von Christine Amann, Folio

Uli Jürgens

Planet Neun

HO / CALTECH / AFP

Marcus Stöger: "Planet Neun"

Beinahe monatlich wird die Entdeckung eines neuen Planeten außerhalb unseres Sonnensystems verkündet. Mehr als 4000 davon sind inzwischen in zigtausend Sternsystemen bekannt. Da kann man dann leicht eine Sensationsmeldung übersehen: In unserem Sonnensystem soll es einen neuen, bisher unbekannten Planeten geben. Er ist vermutlich 225 Milliarden Kilometer von der Erde entfernt und kreist in einer weit abgelegenen Umlaufbahn um unsere Sonne. Er könnte aus der Anfangszeit des Universums stammen. Gesehen hat ihn zwar noch niemand, aber er ist da. Davon sind zumindest einige hochrangige Astronomen überzeugt. Der Neue läuft in der Wissenschaft unter dem Namen "Planet Neun". Als Namen für diesen neuen Planeten schlägt Marcus Stöger Proserpina vor, sie war Gattin des Pluto, Göttin der Unterwelt, damit könnte man nach dem Hinauswurf des Pluto den alten Merkspruch "Mein Vater erklärt mir am Sonntag die neun Planeten" wieder verwenden.

Marcus Stöger, "Planet Neun - Auf der Suche nach dem großen Unbekannten unseres Sonnensystems", Finanzbuch Verlag

Ulrike Schmitzer

Masha Gessen: "Autokratie überwinden"

Masha Gessen wurde 1967 in Moskau geboren und emigrierte mit ihrer Familie 1981 in die USA. Später kehrte sie als Journalistin nach Russland zurück. Die gegenwärtige US-Regierung charakterisiert Masha Gessen als Herrschaft des Schlechten gepaart mit einer Verachtung von Fachwissen. Sie diagnostiziert eine Neudefinition des Landes in nationalistischen Begriffen, weist aber auch darauf hin, dass sich Donald Trump Gefühle von Furcht und Hass zunutze gemacht hat, die schon zuvor die amerikanische Gesellschaft vergifteten. Dabei weist sie gern auf Parallelen zwischen dem amerikanischen und dem russischen Präsidenten hin; am eindrücklichsten sind dabei die Passagen, in denen sie zeigt, wie beide eine eigene Realität entwerfen und sich nicht darum kümmern, ob Tatsachen diesem Bild widersprechen. Gessens düsterer Essay legt nah, dass Donald Trump dabei ist, die US-Demokratie schrittweise in eine Autokratie zu verwandeln. Doch die engagierte Publizistin macht in dem lesenswerten Buch mit Nachdruck auch auf die anderen Möglichkeiten des Landes und die Widerstandskräfte der amerikanischen Zivilgesellschaft aufmerksam.

Masha Gessen, "Autokratie überwinden", Übersetzung von Henning Dedekind und Karlheinz Dürr, Aufbau Verlag

Holger Heimann

Marcel Grzanna: "Eine Gesellschaft in Unfreiheit"

Vor kurzem diktierte die chinesische ein nationales Sicherheitsgesetz für die Sonderwirtschaftszone Hongkong, das den chinesischen Behörden weitreichende Befugnisse einräumt, um die Vertreter der Demokratiebewegung in Hongkong unterdrücken und verfolgen zu können. Dass Zusagen der chinesischen Regierung wenig wert sind, wissen langjährige Beobachter des Riesenreichs. Der Umgang mit den Bewohnern der ehemals britischen Kolonie unterscheide sich nicht vom Umgang des kommunistischen Regimes mit den Bürgern am Festland. Polizeibehörden unterstehen keiner Kontrolle, Willkür und Korruption sind allgegenwärtig, dazu kommt ein immer dichter werdendes Netz an Überwachungsmaßnahmen. Marcel Grzanna hat neun Jahre als Korrespondent in China gearbeitet und fasst nun seine Erfahrungen mit dem Alltag im größten Überwachungsstaat der Welt zusammen.

Marcel Grzanna, "Eine Gesellschaft in Unfreiheit - Ein Insiderbericht aus China, dem größten Überwachungsstaat der Welt", Goldmann Verlag

"Kontext"-Gespräch mit Wolfgang Ritschl

J. Tautz/I. Arndt: "Honigbienen"

Der kürzlich emeritierte Verhaltensbiologe Jürgen Tautz hat sich mit dem Naturfotografen Ingo Arndt zusammengetan, um den im Wald lebenden Honigbienen auf die Spur zu kommen. Obwohl der preisgekrönte Fotograf Grizzlybären an der Pazifikküste Alaskas porträtierte oder Patagonien durchstreifte, um Pumas vor die Linse zu bekommen, war für Ingo Arndt das Fotografieren der wild lebenden Honigbienenvölker auf seinem Hof in Hessen sein bisher gefährlichstes Projekt. Gemeinsam zeigen Jürgen Tautz und Ingo Arndt, dass wildlebende Honigbienen so ganz anders leben als Bienen, die künstlich vom Imker gehalten werden.

Jürgen Tautz und Ingo Arndt, "Honigbienen - Geheimnisvolle Waldbewohner", Knesebeck Verlag

Maicke Mackerodt

Ein Mural in Belfast, Nord Irland.

AFP/PETER MUHLY

L. O Ruairc: "Nordirland zwischen Krieg und Frieden"

Die Nordirland-Frage war der größte Stolperstein während der Brexit-Verhandlungen. 1998 beendete das Karfreitagsabkommen offiziell den 30 Jahre währenden Nordirlandkonflikt, der mehr als 3.500 Menschen das Leben gekostet hatte. Die Grenzposten zwischen der Republik Irland und Nordirland wurden geräumt. Nach dem Brexit könnten sie wieder aufgestellt werden. Und der Konflikt zwischen republikanischen Katholiken und pro-britischen Protestanten könnte wieder aufflammen. Der Belfaster Politikwissenschaftler Liam O Ruairc widerspricht dieser weitverbreiteten Lesart. Er argumentiert, dass die Gründe für ein Wiedererstarken radikaler Kräfte, sowohl auf irisch-republikanischer als auch auf pro-britischer Seite, nicht im Brexit, sondern im Scheitern des Friedensvertrags von 1998 liegen.

Liam O Ruairc, "Nordirland zwischen Krieg und Frieden - Der gescheiterte Aufbau nach der Niederlage der IRA", Übersetzung von Melanie Janet Sindelar, Promedia Verlag

Rebecca Hillauer

Ernst Hofacker: "Die 70er"

Die 1970er Jahren waren ein gewalttätiges Jahrzehnt. London entsandte Truppen nach Nordirland, im Nahen Osten bekriegten einander Ägypten und Israel, Terror beherrschte Deutschland, und erstmals wurde der Menschheit klar, dass die Ressourcen beschränkt sind. Dazu kam eine Welle gesellschaftlicher Liberalisierung. Die Popmusik der siebziger Jahre spiegelte all das wider. Nicht immer konkret und in Songtexten, aber in der emotionalen Textur. Wer Pop hörte, bekam mit, was draußen los war. Pop war wie seine Zeit, und ein bisschen funktionierte er wie unsere sozialen Netzwerke heute, meint der Journalist Ernst Hofacker. Die Sixties hatten das kleine Einmal eins geschrieben, in den 70ern wurde auf dieser Grundlage ein großes Einmaleins entwickelt. Softrock, Progrock, Glamrock, Punk, Reggea, Disco, Hardrock, Funk und Rap.

Ernst Hofacker, "Die 70er - Der Sound eines Jahrzehnts", Reclam Verlag

"Kontext"-Gespräch mit Wolfgang Ritschl

Robert Boddice: "Die Geschichte der Gefühle"

Können wir die im mittelalterlichen Minnesang besungenen Emotionen nachvollziehen? Ist das Gefühl von Liebe im Mittelalter ein anderes als heute? Die wissenschaftliche Erforschung der Gefühle boomt jedenfalls seit einigen Jahren. Emotion insgesamt, vor allem auch „Glück“ beschäftigt nicht nur die Geistes- und Sozial- sondern auch die Naturwissenschaften. Heißt das, dass wir heute viel mehr über unsere Gefühle wissen als früher? Nicht unbedingt, meint der junge Emotionshistoriker Robert Boddice. Er ist der festen Überzeugung, dass jede Epoche andere Gefühle hat, dass sich Gefühle sich im Lauf der Geschichte wandeln und dass manche von ihnen wirklich verloren gehen können.

Robert Boddice: "Die Geschichte der Gefühle", wbg Theiss Verlag

Andrea Roedig

Service

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