Graffiti mit Sittichen und Flugzeugen

ORF/INES MITTERER-GUITART

Diagonal

Die Stadt und das Medium. Bogota und die Straßenkunst

Bogotas Graffiti-Künstler gehören zu den aktivsten der Welt. Die Stadt ist ein Freilichtmuseum, alle Anliegen der Gesellschaft finden ihren Niederschlag, kunstvoll ausgeführt, auf Hauswänden: ob es um den Protest gegen Korruption geht, das Ringen um den Frieden nach Jahrzehnten des Bürgerkrieges, die Wertschätzung für die Kulturen der indigenen Völker, die Vielfalt der Natur im Land mit der zweitgrößten Biodiversität der Welt, oder das ewige Narco-Thema.

"Diese kolumbianischen Sittiche, das ist die Arbeit eines Künstlers, der sich Lesivo nennt", erzählt Carlos Vargas Castro. Er führt Besucher/innen durch das Zentrum von Bogotá. "Es ist kein Zufall, dass Lesivo Sittiche gemalt hat - auf Spanisch heißt Sittich: períco und so nennt man in Kolumbien auch Kokain; auf dieser Wand geht es also um kolumbianisches Kokain. Aber es sei keine Glorifizierung von Kokain. Denn über den Vögeln gäbe es Flugzeuge und diese Flugzeuge verweisen auf den Drogenhandel. "Auch wenn Kolumbien das Land Nummer 1 ist, was die Produktion von Koka betrifft," will Carlos unbedingt festhalten, "sind wir nicht das Land Nummer 1, was den Kokainkonsum betrifft."

Protestbewegung der 1970er Jahre

Die "Graffititour" gehört in Bogotá zum Touristenprogramm wie bei uns eine Runde durchs Schloss Schönbrunn. Bemalte Wände gibt es hier überall und das Niveau ist hoch. Angefangen hatte alles in den 1970er Jahren - Studierende der öffentlichen Universitäten - bekannterweise ziemlich links – malen und schreiben heimlich und illegal gegen die Regierung an.

ORF/INES MITTERER-GUITART

Graffiti von DJ LU

Zeit der Gewalt

"In den Städten sind wir in einer Kultur des Krieges aufgewachsen; die Guerrilla hatte hier zwar nicht Fuß gefasst, aber es herrschte trotzdem die nackte Gewalt. So bin ich aufgewachsen", erklärt Vogel – ein Straßenkünstler der ersten Stunde, der sich das deutsche Wort Vogel zum Künstlernamen gewählt hat. "Jeden Tag hast du in den Nachrichten von Gewalttaten gehört. Es gab keinen Tag ohne Berichte vom Krieg."

Gewalt sieht man auch auf den Graffiti. Nicht immer auf den ersten Blick - wie bei den harmlosen Sittichen von Lesivo, die für Drogenhandel stehen, und den hübschen Ananas von DJ LU, die sich erst beim genauen Hinschauen als Handgranaten entpuppen.

Graffiti als Sprachrohr

Vogel begründet das massive Interesse an Graffiti in Bogotá mit der Kultur. Man habe keine anderen Möglichkeiten gehabt, zu sagen, was man zu sagen hatte. Die Medien waren gleichgeschaltet. In Museen oder Galerien ging man nicht. Man sah höchstens fern. Aber da hätte es kein öffentliches Nachdenken über die Gesellschaft und ihre Anliegen gegeben. Also konnten sich die Menschen im Graffti wiederfinden.

Die Bilder erzählten andere Geschichten, als die, die man in den Nachrichten sehen konnte. Offen politisch sein konnte man natürlich nicht, denn Graffiti waren zu der Zeit noch verboten und kolumbianische Gefängnisse gehören bis heute nicht zu den empfehlenswerten Aufenthaltsorten der Stadt.

Die Kunst der Codes

Um sich zu schützen, wurde mit versteckten Botschaften gearbeitet. Vogel etwa hat zum Beispiel einen Affen im Tutu gemalt. Die Affenart, die da zu sehen war, heißt "mico" und auch ein Vorgehen, Gesetze durchs Parlament zu schleusen, um private Unternehmungen auf Kosten der Allgemeinheit möglich zu machen, heißt in Kolumbien "meter un mico"...

Als Tourist versteht man möglicherweise nicht alles, was man da auf Bogotás Wänden sieht. Zumal man in der Innenstadt ohnehin vor allzu krassen politischen Darstellungen bewahrt wird.

  • Eine Frau beim Anfertigen eines Graffitis

    ORF/INES MITTERER_GUITART

  • ORF/INES MITTERER-GUITART

  • ORF/INES MITTERER-GUITART

  • Graffiti mit Katzen

    ORF/INES MITTERER-GUITART

  • Bild eines Tigers auf einer Hauswand

    APA/AFP/RAUL ARBOLEDA

|

Legalisierung erst 2011

Seit dem Tod eines jugendlichen Graffitikünstlers, der durch Schüsse der Polizei 2011 gestorben ist, ist das professionelle Bemalen von Wänden in der Stadt erlaubt und wird teilweise sogar gefördert. Man hat allgemein das identitätsstiftende und tourismusfördernde Potential der Straßenkunst erkannt.

Vom Untergrund ins internationale Rampenlicht - geheime Botschaften inklusive.

Text: Ines Mitterer-Guitart