Zeitungsstapel

ORF/URSULA HUMMEL-BERGER

Die neuen Inseraten-Lieblinge

Regierungskritische Medien bekommen unter der ÖVP-FPÖ-Regierung weniger Geld aus den Inseratentöpfen. Erstmals Steuergeld erhalten haben indessen rechte Medien.

"Message Control" ist das Schlagwort zur Öffentlichkeitsarbeit der schwarz-blauen Bundesregierung. Kaum ein Statement von Regierungsvertretern, das nicht penibel durchgetaktet und akkordiert ist. Die PR-Maschinerie läuft, und dazu zählen in alter österreichischer Manier auch massive Inseraten-Schaltungen.

Anders als etwa in Deutschland sind Werbeinserate öffentlicher Stellen für österreichische Medien ein wichtiges finanzielles Standbein. Die Rechercheplattform Dossier hat herausgefunden, dass Österreich neun Mal so viel für Inserate ausgibt wie die deutsche Regierung.

Diese Tendenz dürfte sich auch unter der ÖVP-FPÖ-Koalition nicht ändern, wie die neuen Daten der Kommunikationsbehörde KommAustria vermuten lassen. Demnach hat die Bundesregierung 2018 24,5 Millionen Euro für Inserate in Medien ausgegeben und damit neun Prozent mehr Ausgaben in diesem Bereich. Zum Vergleich: Die gesamte Presseförderung hat im selben Jahr 8,7 Millionen Euro betragen.

Boulevard profitiert noch stärker

Nach welchen Kriterien Inserate vergeben werden, ist meist unklar. Die Reichweite der Medien dürfte aber jedenfalls ein Maßstab sein. Wenig verwunderlich, dass die großen Boulevard-Blätter daher nach wie vor mit vielen Inseraten versorgt werden. So hat die "Kronen Zeitung" 2018 4,7 Millionen Euro erhalten, das sind um sechs Prozent mehr als unter der alten Regierung im Jahr davor. Ebenfalls mehr erhalten haben die Gratiszeitungen. In Wolfgang Fellners "Oe24" sind Inserate um mindestens 3,6 Millionen Euro erschienen. 2017 waren es 3,1 Millionen Euro. Das besonders in Wien starke "Heute" erhielt vergangenes Jahr 3,5 Millionen Euro. Auch bei "Heute" waren es 2017 noch 3,1 Millionen Euro.

Wo die Bundesregierung inseriert

Ein paar Tausender für rechte Medien

Unter der schwarz-blauen Bundesregierung haben erstmals auch rechte Medien von den Inseraten der Ministerien ein Stück abbekommen. Laut den KommAustria-Daten hat die Wochenzeitung "Wochenblick" 2018 rund 30.000 Euro für Regierungsinserate von den blauen Ministern Herbert Kickl und Norbert Hofer gesehen. Das Monatsmagazin "alles roger" hat 6.000 Euro aus dem Sportressort von Vizekanzler Heinz-Christian Strache erhalten.

Weniger Geld bei Regierungskritik

Es gibt aber auch Verlierer. Dazu zählt einerseits der "Kurier". Die Tageszeitung hat 2018 – noch unter Chefredakteur Helmut Brandstätter, der im Herbst abgelöst worden ist - um fast ein Drittel weniger Werbeeinschaltungen der Regierung bekommen.

Den Regierungswechsel besonders zu spüren bekommen hat aber auch die Wiener Wochenzeitung "Falter". 2018 hat der "Falter" nur noch 75.000 Euro für Regierungsinserate kassiert und damit um fast 80 Prozent weniger als im Vorjahr, als es noch rund 350.000 Euro waren. "Falter"-Chefredakteur Florian Klenk zieht auf Twitter eindeutige Schlüsse: Grund für die empfindlichen Kürzungen sei die regierungskritische Linie seines Blattes.



Ein wenig wettmachen dürfte das kräftige Inseraten-Minus aber das Reichweiten-Wachstum laut neuester Media-Analyse. Der "Falter" konnte seine Reichweite 2018 um immerhin 0,7 Prozent auf nunmehr 2,6 Prozent ausbauen.

Regionale Blätter im Aufwind

Mehr Arbeit hatten hingegen die Anzeigenverkäufer bei der "Kleinen Zeitung" und den "Vorarlberger Nachrichten". Die Kleine konnte sich über ein leichtes Plus von 80.000 auf insgesamt 1,4 Millionen Euro freuen, in den "VN" wurden im Vorjahr Regierungsinserate um 550.000 Euro geschaltet, das waren 250.000 Euro mehr als noch 2017. Ein Plus von mehr als 80 Prozent.

Großer VN-Bahnhof für den Kanzler

Dabei ist Gerold Riedmann, Chefredakteur der "Vorarlberger Nachrichten", einer der schärfsten Kritiker des Innenministers, dessen Rücktritt er schon mehrfach gefordert hat. "Kick Kickl" lautete einer von Riedmanns Kommentartiteln. Der Kanzler hingegen wird von den VN manchmal auf Händen getragen, besonders wenn Sebastian Kurz zu Besuch im Ländle ist – das Refugium der "Vorarlberger Nachrichten" in Schwarzach ist da für Bundespolitiker jeder Couleur Pflichtstation.

Russmedia in ÖVP-Wahlkampf involviert

Aber nicht jeder kriegt fast ein Dutzend Fotos plus Berichte gleich auf mehreren Seiten, wie der ÖVP-Obmann bei seinem jüngsten Besuch im März. Spannend ist in dem Zusammenhang, dass die Digitalagentur TOWA den Onlinewahlkampf der Vorarlberger Volkspartei für die Landtagswahl im September macht. Russmedia Digital ist mit 30 Prozent größter Einzel-Gesellschafter der TOWA und VN-Chefredakteur Gerold Riedmann ist auch Geschäftsführer von Russmedia Digital.

Riedmann sieht auf Anfrage von #doublecheck keine Unvereinbarkeit: Das sei eine reine Finanzbeteiligung der Russmedia, man habe mit den TOWA-Leuten alle sechs Monate ein Abstimmungs-Meeting und tausche sich nicht über Kunden und Kampagnen aus. "Wir sind keine Denkschmiede für politische Parteien", so Riedmann wörtlich. Laut Vorarlberger Volkspartei arbeitet man dort schon länger mit der Russmedia-nahen Agentur zusammen. TOWA betreue seit zwei Jahren auch die Auftritte von Landeshauptmann und ÖVP-Chef Markus Wallner auf Facebook und Instagram, sagt Landesgeschäftsführer Dietmar Wetz.

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