Szene aus "Orest in Mossul"

STEFAN BLÄSKE

"Orest in Mossul" von Milo Rau

Für sein neues Stück ist Milo Rau in die zerbombte irakische Stadt Mossul gereist - die ehemalige Hochburg des IS - und hat mit dort lebenden Menschen und Schauspielern seine Version der "Orestie" nach Aischylos erarbeitet. Bei den Wiener Festwochen hat das Stück Premiere.

Morgenjournal | 06 06 2019

Katharina Menhofer

Der Schweizer Regisseur Milo Rau, der seit dem Vorjahr das Nationaltheater Gent (NT Gent) leitet und dort immer wieder mit hochpolitischen und dokumentarischen Aufführungen wie etwa "Kongo-Tribunal" für Aufsehen sorgt, wurde letztes Jahr mit dem Europäischen Theaterpreis ausgezeichnet.

"Theater soll die Welt nicht darstellen, sondern verändern"
Genter Theatermanifest

Theater muss dort stattfinden wo das Drama ist, sagt Milo Rau, und in Mossul ist Drama pur. "Als ich das erste Mal nach Mossul kam, hat mich das total deprimiert", so der Regisseur Falter-Radio-Gespräch. "Es ist die älteste Stadt der Menschheit und jetzt sind dort nur noch Ruinen von Ruinen."

Fremder Orest

Ein Monat lang waren Rau und sein Ensemble in der ehemaligen Hochburg des IS. Mit im Gepäck - die "Orestie" des Aischylos - die 2.500 Jahre alte Trilogie über Rache und Gewalt im Hause der Atriden. Für die irakischen Schauspieler, mit denen man dort zusammenarbeitete, eine fremde Geschichte. Fremd und doch vertraut - weil am eigenen Leib erlebt.

Für Milo Rau war die Arbeit in Mossul ein Hilfsmittel, um die "Orestie" zu verstehen, ein Werk, das wir heute nicht mehr fähig seien ganz zu durchdringen, weil es auch uns sehr fern sei. Aber in Mossul, stelle sich die zentrale Frage, wie man mit Gewalt umgeht, ganz real und konkret.

Opfer als Richter

Wenn im dritten Teil der "Orestie", in den Eumeniden, über Orest Gericht gehalten wird und die Göttin Pallas Athene das Bürgergericht einberuft, dann tut das in Milo Raus Produktion die junge Schauspielerin Khitam Idress, deren Ehemann vom IS umgebracht worden ist. "Wie umgehen mit den Tätern?" - das sei die zentrale Frage des Stückes, die sich hier nicht so elegant wie bei Aischylos lösen ließe, so Milo Rau.

"In Mossul da leben 2.000 bis 3.000 Unterstützer und Schläfer des IS in der Stadt. Ihre Familien sind in Camps. Und da ist die Frage des Verzeihens wirklich gegeben. Es gibt keinen irakischen Staat, der diese Menschen vertrauenswürdig verurteilen würde. Die Frage, was man mit denen macht, bleibt also, lässt man sie gehen oder bringt man sie um? Und für jemanden, der seine Familie durch den IS verloren hat, ist diese Frage fast unmöglich zu beantworten.

Homosexualität als Akt der Freiheit

Wie Folien werden die Biografien, der hier lebenden Menschen über die "Orestie" gelegt, und an aufgeladenen Schauplätzen Szenen gedreht, die später in der Produktion zu sehen sind, etwa das ehemalige Luxuskaufhaus der Stadt, von dessen Dach der IS Homosexuelle geschossen hat. Als nicht ungefährliche Provokation lässt Milo Rau Orest und Pylades als schwules Paar auftreten, eine Entscheidung, die auch die Darsteller in Bedrängnis brachte.

Er habe dort gewisse identitätspolitische Lehren gezogen und zum ersten Mal die Homosexualität, die Individualisierung, die Liebe als Akt der Freiheit gesehen, so Rau. Ein gefährlicher und tödlicher Akt der Freiheit, in einer Stadt, wo Schwule bestraft werden. Auch für die Schauspieler sei die Kuss-Szene zwischen Männern schwierig und kaum darstellbar gewesen.

Es sei krass, in einem Land Theater zu machen, wo Leute Angst haben, wo es fast täglich Anschläge gibt, wo man nicht weiß, ob der IS zurückkommen wird. In dieser unsicheren Atmosphäre werde jeder künstlerische Akt zu einem Akt der Revolte und des Mutes.

Die Welt verändern

Mit diesem Stück hält sich Milo Rau streng an die von ihm selbst aufgestellten Punkte seines Genter Theatermanifests - eine Art Regelwerk für sein Stadttheater der Zukunft. Das zehn Punkte umfassende Manifest fordert unter anderem, dass die wörtliche Adaption von Klassikern auf der Bühne auf 20 Prozent beschränkt sein müsse, dass in jeder Produktion mindestens zwei verschiedene Sprachen gesprochen werden müssen und dass eine Produktion pro Saison in einem Krisen- oder Kriegsgebiet erarbeitet werden muss.

Das erste Gesetz lautet: Das Theater soll die Welt nicht darstellen, sondern verändern. Doch in Mossul hat Milo Rau, wie er sagt, vergebens auf den brechtianischen Moment gewartet.

"Dieser Moment hat nicht stattgefunden", so Rau, "ich hätte auch gern gehabt, dass alle am Ende gesagt hätten: Ja, Frieden und wir werden jetzt alle Anwälte und wir schaffen dieses Rechtssystem, so ähnlich wie das beim 'Kongo Tribunal' der Fall war, aber das ist hier einfach nicht passiert. Denn niemand weiß, was in Mossul in einem Jahr passieren wird, es gibt keinen großartigen Anlass zur Hoffnung."

Service

"Orest in Mossul" ist im Rahmen der Wiener Festwochen in Halle E im Museumsquartier am 6., 7. und 8. Juni zu sehen. Beginn ist jeweils um 19.30 Uhr.
ORF.at - Interview mit Milo Rau
Falter Radio - Orest in Mossul. Regisseur Milo Rau im Gespräch mit Raimund Löw

Gestaltung

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