Norbert Gstrein

OLIVER WOLF

Nobert Gstrein: "Als ich jung war"

Die Frage nach der Wahrheit - das ist ein Leitmotiv der literarischen Arbeit von Norbert Gstrein. Komplexe Fragen von Identität und Schuld hat der in Hamburg lebende Tiroler in seinen Romanen vor dem Hintergrund des Nahostkonflikts oder des Krieges in Ex-Jugoslawien abgehandelt. Ausgangspunkt seines neuen Romans, "Als ich jung war", ist seine alte Heimat Tirol.

Morgenjournal | 22 07 2019

Kristina Pfoser

"Als ich jung war" - das ist keine nostalgische Kindheitserzählung. "Als ich jung war, glaubte ich fast alles, und später an fast gar nichts mehr, und irgendwann in dieser Zeit dürfte mir der Glaube, dürfte mir das Glauben abhandengekommen sein", das sagt Franz, und wir erfahren nach und nach, was "in dieser Zeit" passiert ist.

Kulturjournal | 22 07 2019 | Gespräch mit Norbert Gstrein

Kristina Pfoser

"Franz ist keiner, der sich vor seiner Kindheit davonstiehlt, er nimmt sie sehr genau unter die Lupe und sieht sich - mit einem großen Wort gesprochen - als Mann in einem Unheilszusammenhang", sagt Nobert Gstrein.

Zwei Selbstmorde?

Franz war Anfang 20, als er ein sehr junges Mädchen gegen dessen Willen geküsst hat. Seine Schuldgefühle schwappen über auf zwei tragische Todesfälle, die in seiner nächsten Nähe passiert sind: Eine junge Frau stürzt in der Nacht nach ihrer Hochzeit in den Tiroler Bergen von einem Felsen und ein tschechisch-amerikanischer Raketenphysiker kommt bei einer Schiabfahrt in den Rocky Mountains ums Leben.

Dort, in den USA, lebt mittlerweile auch Franz, der Enge des Tiroler Gebirgsdorfs entflohen. "Er hat ein großes Problem, weil er sich im Grunde um Kopf und Kragen redet", meint der Norbert Gstrein, "er bringt sich immer wieder in die Nähe eines Verdachts."

A lot remained to be explained

"Als ich jung war" - das ist ein Buch über das Erzählen, das um zwei Sätze kreist: So ist es gewesen. Und: Ist es so gewesen? "A lot remained to be explained" (viel wäre noch zu erklären), diesen Satz hat Norbert Gstrein seinem Roman als Motto vorangestellt, er stammt von Louis L’Amour, einem Genre-Schriftsteller von Western, dem Lieblingsschriftsteller von Ronald Reagan.

"Dieses gang und gäbe von uns Autoren, dass wir uns immer auf die Schultern von den ganz Großen stellen, finde ich immer befremdlicher", erklärt Norbert Gstrein. "Statt eines Zitats von Wittgenstein oder Benjamin oder Roland Barthes habe ich einen Satz von Louis L’Amour gewählt, der an die 200 Wildwestromane geschrieben hat und für eine Männlichkeitswelt steht, gegen die mein Roman anschreibt."

Ein packender, überzeugender Roman

Und diese Männlichkeitswelt verortet Norbert Gstrein in den Weiten der Prärie ebenso wie in den Tiroler Bergen, raffiniert und virtuos verwebt er die beiden Handlungsstränge, beeindruckend, wie immer wieder, mit wenigen Strichen gezeichnet, eine Figur, eine Szene plastisch werden.

"A lot remained to be explained" - bis zuletzt bleibt vieles offen in diesem packenden und überzeugenden Roman mit einem überraschenden Ende. Ein starker Auftakt zum kommenden Bücherherbst.

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Norbert Gstrein, "Als ich jung war", Roman, Hanser

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