Mark Rothko: No. 7 (or) No. 11, Ausschnitt

KATE ROTHKO PRIZEL/CHRIStOPHER ROTHKO

"Mark Rothko: No. 7 (or) No. 11" von Astrid Nischkauer

Astrid Nischkauer schreibt über ein Werk des 1970 in New York verstorbenen russischstämmigen Künstlers Mark Rothko, eines Wegbereiters der Farbfeldmalerei. Genauer gesagt, sie lässt das Bild selbst sprechen. Das Gemälde heißt "No. 7 (or) No. 11", und langweilt sich so ganz allein an der Museumswand. Denn es ist ein sehr lichtempfindliches Bild, und darf deshalb nicht zu den anderen Gemälden in der Ausstellung. Die Ö1 Erstveröffentlichungsreihe "Kunstgeschichten" widmet sich dem Kunstblick von Autorinnen und Autoren. Redaktion: Edith-Ulla Gasser.

Ich bin hier total abgeschnitten von der Außenwelt. Hänge hier einfach nur herum und kann nicht weg. Wie es da draußen wohl so ist? Die Luft hier drinnen ist stickig, schummriges Dämmerlicht ist schon das Höchste, und nur an der Kleidung der Menschen kann ich ablesen, wie das Wetter gerade ist.

Da über mir hängen sehr imposante zusätzliche Lampen, die sie aber nicht einschalten. Dabei wäre es so schön. Sich aufzulösen in Licht, wer möchte das nicht?

Wenn ein Kind mit Blinkschuhen vorbeigeht oder es so sonnig draußen ist, dass es trotz der Milchglasfenster und der Jalousien etwas lichter wird im Raum, dann werde ich ganz unruhig. In solchen Momenten wünsche ich mir sehnlichst, es möge doch jemand versehentlich den Lichtschalter berühren, wo immer der sich auch verstecken mag.

Astrid Nischkauer

PRIVAT

Astrid Nischkauer ist Jahrgang 1989 und lebt, wie sie selbst sagt, "zwischen Bücherbergen und in Wien". Sie schreibt Gedichte, Kurzprosa und dramatische Texte. Außerdem ist sie Rezensentin, Übersetzerin aus dem Englischen, Französischen und Spanischen sowie Herausgeberin der "Literarischen Selbstgespräche" beim Literaturportal fixpoetry.com. Mit bildender Kunst beschäftigte sich bereits ihr Gedichtband "Poesie passieren & passieren lassen", sowie der zuletzt erschienene Lyrikband "Satyr mit Thunfisch", der in die Museen der Stadt Wien entführt.

Könnte ich hier andere Bilder sehen, wäre alles gleich viel leichter zu ertragen. Die anderen hängen alle vergnügt in drei verschiedenen Sälen im Kreis herum und spielen ich-seh-ich-seh-was-du-nicht-siehst, aber wir vier aus der Übergangsphase unseres Erschaffers sind zu mehreren Monaten Einzelhaft verurteilt. Schuldlos. Und ohne Prozess. Ein jeder von uns hat eine eigene Koje für sich ganz alleine. Der Kollege links von mir hat es noch am besten von uns allen, er sieht zumindest ein Stück weit hinein in den Saal mit dem Frühwerk. Aber wir anderen sehen jeder nur das Milchglasfenster vor uns und die Besucher, die vorbeiziehen an uns wie Fische im Aquarium. Es sind zwar immer andere, aber sie sehen alle gleich aus, und es könnten auch nur einige wenige Besucherfische sein, die immer und immer wieder im Kreis herum und an uns vorbeischwimmen.

Dann denkt man halt nach, wenn man schon nichts anderes machen kann. Was so alles passieren könnte, würde sich doch mal etwas tun hier. Wir könnten beispielsweise geraubt werden. Kunstdiebstähle sind gerade en vogue. Jedes von uns wäre wertvoll genug, dass es sich auch lohnen würde. Einmal wurde hier auch schon mal was gestohlen. Die Saliera. Ein Salzfass. Da denkt man gleich an Weinfass, aber nein, nichts dergleichen, klitzeklein ist sie und leicht einzupacken. Kein Vergleich zu uns. Wir sind riesig. Man müsste schon sehr groß sein, oder zu mehreren. Einrollen wie die Mona Lisa kann man uns auch nicht, weil wir viel zu empfindlich sind, da wäre dann nicht mehr viel übrig von uns. Und es müsste nachts geschehen, weil Sonnenlicht, daran möchte ich erst gar nicht denken, das wäre... Das wäre noch um vieles stärker als diese Lampen hier, und die wären schon sehr, sehr hell, würde man sie nur einmal einschalten …

Ein Vandalenakt, das wäre das Zweitspannendste, was uns hier passieren könnte. Der Schock, als sie einen von uns mal besprayten, sitzt uns allen immer noch tief in den Holzlatten. Die Restauratoren waren ratlos, weil man bei uns im Notfall nicht einfach einmal schnell wie bei einem der alten Meister die oberste der rund dreißig Farbschichten abtragen kann um das ganze Bild zu retten. Nein. Das geht bei uns nicht. Manche von uns haben nur ganz wenige Farbschichten. Es sind auch keine gewöhnlichen Farbschichten, sondern Farbexperimente. Mark experimentierte wild, ging ans Limit, verwendete kaum Bindemittel um die einzelnen Farbpigmente zusammen zu halten. Deswegen sind wir auch gar so fragil. Einmal Licht an und wir wären nicht wiederzuerkennen, wären andere geworden, hätten unsere Farben auf immer verändert.

Katharina Knap

ORF/URSULA HUMMEL-BERGER

Katharina Knap wurde 1982 in Wien geboren. Nach Engagements in Graz, Mainz, Leipzig oder Stuttgart gastierte sie unter anderem mit dem Burgtheater-Ensemble bei den Salzburger Festspielen. Seit 2017 ist sie freie Schauspielerin. 2014 wurde sie von der Zeitschrift "Theater heute" zur "Nachwuchsschauspielerin des Jahres" gekürt.

Aber es sind schon sehr seltsame Besucherfische, die da so vorbeischwimmen an uns. Ich werde gern betrachtet und bewundert, sehr gern sogar. Aber manchmal kommen einzelne von ihnen ganz nahe. So nahe, dass ich jeden Moment fürchte, dass der furchtbare Alarm wieder losgeht. Ein langer lauter Ton, der nicht und nicht aufhört. Bis die Aufsicht nachgeschaut hat, ob auch alles in Ordnung ist. Den kann ich wirklich nicht mehr hören. Der macht einen fertig, geht durch und durch. Ich bin also ganz nervös, weil da schon wieder jemand näher und immer näher kommt. Und dann bleiben die einfach stehen und starren mich aus nächster Nähe an. Da würde ich mich dann am liebsten umdrehen können, um ihnen den Rücken zuzukehren und um diesem Blick nicht länger ausgesetzt zu sein.

Und es gibt auch ganz kleine Besucherfische, also Kinderfische. Die sind mir gar nicht geheuer, weil sie unberechenbar sind. Einen Moment dort, im nächsten schon hier und hinter der Absperrung. Hilfe. Das ist mein Alptraum: von einem Knirps versehentlich niedergerannt und beschädigt zu werden. Das wäre peinlich. Dann schon lieber der Lichtschalter. Oder ein absichtlicher Vandalenakt direkt ins Gesicht. Also genau ins Zentrum der quadratischen Fläche in diesen verwaschenen Weißtönen, die eine so unerklärliche Leuchtkraft und Tiefe besitzen, wie ich immer höre. Ich kann mich selbst ja nicht sehen. Aber ich mache mir ein Bild von mir aus dem, was sie so sagen über mich, während sie mich betrachten.

Manchmal sind die großen Fische aber auch unberechenbar. Wenn sie sich selbst fotografieren, dann vergessen sie alles andere und werden zu einer Gefahr für sich und alle rundum. Erst letztens nickte ich nachmittags wegen der Dunkelheit und dem Sauerstoffmangel kurz ein und träumte, da will sich eine mit mir fotografieren, schnell, schnell, mit verbotenem Selfie-Stick, bevor die Aufsicht gleich wieder vorbeigeht. Sie blickt nur auf ihr Handy, geht noch einen Schritt zurück und noch einen und stolpert rückwärts über die Absperrung, die ja keine richtige Absperrung ist, sondern nur die Andeutung einer Absperrung auf Knöchelhöhe, damit nichts den Blick auf uns verstellt. Und sie fällt, fällt nach hinten, direkt auf mich. Nicht auszudenken. So ein scheußlicher Alptraum. Da war ich dann aber hellwach für den Rest des Tages.

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No. 7 or 11, 1949 by #MarkRothko #Rothko

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Dass wir damals polarisierten, als unsere Farben noch frisch waren, das ist ja durchaus verständlich, aber auch noch mit siebzig Jahren? Das ist schon sehr erstaunlich. Blöde Kommentare kann ich noch einigermaßen gut wegstecken - "Die Farben sind schön, also auf ein Tuch gedruckt wäre das schon schön!". Aber wenn sie mich keines Blickes würdigen, das ist schlimm. Am meisten trifft es mich, wenn sie an mir vorbeieilen und dabei die ganze Zeit den Kopf abwenden, nur die Wand und die Milchglasfenster betrachten ohne mir einen einzigen Blick zuzuwerfen.

Und ich spalte selbst das Aufsichtspersonal. Die einen sind absolut begeistert, die anderen tauschen mit Kollegen, um nur ja nicht in unserer Ausstellung Dienst tun zu müssen. Es könnte natürlich auch an der Dunkelheit liegen, weil die macht einigen von ihnen schon merkbar zu schaffen. Die Tage hier sind sehr lang. Aber die Menschen halten auch nichts aus, sind schon nach einem Tag im Dunkeln ganz fertig - was soll da erst ich sagen?

Einmal belauschte ich ein Gespräch. Zwei vom Personal: eine aus der Kontra-Rothko-Gruppe, einer aus der Pro-Rothko-Gruppe. In der Früh, als noch niemand sonst da war, sprachen sie über uns: "Ich weiß nicht. Also das kann doch jedes Kind. Ist das nicht normalerweise umgekehrt? Zuerst malt man so Farben und dann langsam Objekte und Figuren. Die frühen Porträts sind gut, sowas könnte ich nicht." - "Also bei Picasso war das doch auch so. Picasso sagte ja selbst über sich, dass er als Kind wie ein Erwachsener gemalt habe und deswegen als Erwachsener wieder lernen hatte müssen, wie ein Kind zu malen."

Der Vergleich mit Picasso war gut. Mark hat ihn ja sehr verehrt, ihn, und auch die alten Meister. Deswegen waren wir auch alle so aufgeregt als wir hörten, man würde uns hier im Kunsthistorischen Museum Wien neben den alten Meistern ausstellen. Und dann sehe ich keinen einzigen der alten Meister und verbringe meine Tage in Einzelhaft mit Blick auf ein abgedunkeltes Milchglasfenster! Aber ich weiß zumindest, dass in diesem Kabinett schon viele von ihnen hingen. Sie hängen die Gemälde ja ständig um, damit den Bildern nicht langweilig wird, oder vielleicht vertragen sich manche der alten Herrschaften auch nicht so gut miteinander und streiten so heftig, bis sie wieder auseinander gehängt werden. Wir hier werden aber nicht umgehängt. Was soll ich ihnen denn sagen, wenn sie mich zuhause in Washington dann fragen, ob ich sie auch alle persönlich getroffen habe: all die Bilder von Vermeer, Rembrandt, Bruegel, Caravaggio, Velazquez, Tizian, Raffael, Parmigianino, Dürer, Cranach, Rubens, Bosch, van Dyck, Sofonisba Anguissola? Ich könnte ihnen zuhause dann aber auch einfach etwas erfinden, damit ich nicht zugeben muss, dass ich die ganze Zeit nichts als dieses Milchglasfenster gesehen habe.

Wie lang geht die Ausstellung denn noch? Bis Ende Juni, nur mehr so kurz, was werden sie wissen wollen? Ob das Blaugrau des Himmels der Winterlandschaft wirklich so schön ist und ob sich da nicht doch irgendwo eine zweite Elster versteckt? - Ja. Nein. - Und Rembrandts Brauntöne, sind sie wirklich so warm und weich, wie man sagt? - Ein Traum. - Und das blitzblaue Kleid der Malkunst, ist es tatsächlich länger als das unserer Mary? - Ja, viel länger. - Na also, geht doch.

Heute ist aber wieder viel los. An Tagen wie heute fühle ich mich nicht wohl. Viel zu viele Menschen. Sie schieben sich in langen Kolonnen an mir vorbei, oder stehen da wie aufgefädelt entlang des Fensters. Manchmal kommt es auch zu richtigen kleinen Staus und sie kommen nicht mehr durch. Das macht mich immer sehr nervös. Würde jetzt nämlich etwas passieren, dann wäre ich allein. Weil sie kämen nicht durch zu mir. Sie, die drei, die heute hier Aufsicht haben. Sehr sympathische junge Leute. Die vom Aufsichtspersonal mag ich alle, egal, ob sie uns mögen, oder nicht. Sie sind keine Besucher. Sie sind in jedem Fall auf meiner Seite. Dazu da, auf mich aufzupassen. Natürlich könnten sie mir auch nicht helfen, sie sind ja nur die Museumsaufsicht und keine Bildbodyguards. Aber es wäre trotzdem tröstlich zu wissen, dass man in diesem Augenblick nicht ganz alleine ist, dass man noch einen Freund hat, der zu einem hilft.

Was war denn das? Die Schlussdurchsage? So bald schon? Das ging aber schnell. Da schwimmen sie alle schon hinaus zum Ausgang, die Besucherfischlein. Ein paar bleiben immer bis ganz zum Schluss und wollen persönlich hinaus gebeten werden. Zweite Schlussdurchsage. Und da geht die Aufsicht auch schon vorbei. Und jetzt, was kommt jetzt? Noch mehr Dunkelheit. Natürlich. Also dann bis morgen früh. Ahoi.

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