Junge Frau mit Handy

ORF/JOSEPH SCHIMMER

Von Löwinnen und Sponsoren

Unzählige Journalistenpreise in zahlreichen Kategorien werden jedes Jahr vergeben. Während es bei vielen um Ehre und Anerkennung geht, die der Karriere jedenfalls nicht schaden, steht bei anderen Preisen mehr der Gedanke dahinter, Journalistinnen und Journalisten dazu zu bringen, über bestimmte Themen zu berichten.

Wer freut sich nicht, wenn seine Arbeit gewürdigt wird, investigative Recherchen gelobt werden und sozialkritische Reportagen viel Aufmerksamkeit bekommen. In zahlreichen Kategorien gibt es für herausragende journalistische Arbeit allein in Deutschland mehr als 500 Journalisten-Preise. Wie viele es in Österreich sind, lässt sich nicht genau sagen, aber es sind auch hier viele.

Zu viele, wie etwa Daniela Kraus, Generalsekretärin vom Presseclub Concordia findet. Die Preise seien "inflationär und zu wenig begründet". Auch die Concordia vergibt Preise, in den Kategorien Pressefreiheit und Menschenrechte, beide sind mit jeweils 4000 Euro dotiert. Kraus spricht sich für mehr Transparenz aus und unterscheidet zwischen Preisen, die von Lobby-Gruppen vergeben werden, und jenen, bei denen die Vergabe nach journalistischen Kriterien geschieht.

Ein Preis nur für Journalistinnen

"Es gibt eine Fülle von Preisen, aber sehr oft müssen wir beobachten, dass Männer mehr Preise als Frauen bekommen", sagt Maria Rauch-Kallat. Die ehemalige ÖVP-Ministerin hat den Journalistinnen-Kongress und den Medienlöwin-Award initiiert - einen Preis, der Medienfrauen vor den Vorhang bitten will. Bei der großen Gala diese Woche hat auch Kanzlerin Brigitte Bierlein gesprochen, ein starkes Zeichen für die Veranstaltung, die heuer bereits in die 14. Runde gegangen ist.

Wenn Männer Männer empfehlen

Mit der "Goldenen Medienlöwin" ist Corinna Milborn, Infochefin beim Privatsender Puls4, ausgezeichnet worden. Auch sie kritisiert die Männer-dominierte Branche als einen "Old-Boys-Club", den es zu durchbrechen gelte: "Es gibt ein Netzwerk von männlichen Journalisten und Chefredakteuren, die sich gegenseitig wählen und denen es gar nicht auffällt, wenn auch eine Journalistin da ist." Das sei zwar besser geworden, nach wie vor sei es aber notwendig, Frauen mehr Sichtbarkeit zu verschaffen. Hinter der Medienlöwin und dem dazugehörigen Journalistinnen-Kongress stehen mehrere Sponsoren aus der Wirtschaft, dotiert ist die goldene Medienlöwin aber nicht.

Hochdotierter Preis für Soziales

Anders der Prälat-Leopold-Ungar-Preis. Mit einem Preisgeld von insgesamt 20.000 Euro ist er die bestdotierte Medien-Auszeichnung in Österreich. Verliehen von der Caritas, werden mit dem Preis Journalistinnen und Journalisten gewürdigt, die sich in ihrer Arbeit sozialpolitischen Themen wie Armut und Flucht widmen. Unter den PreisträgerInnen sind etwa Florian Klenk, Sibylle Hamann und Bernt Koschuh.

Wäre das hohe Preisgeld nicht besser woanders aufgehoben, etwa bei jenen, für die sich die Caritas täglich einsetzt? Klaus Schwertner, Generalsekretär der Caritas Wien: "Der Preis ist nicht statt etwas entstanden, sondern ist zusätzlich zu dem gekommen, was es alles an Unterstützung von Raiffeisen für Menschen in Not durch die Caritas-Hilfe gibt." Viele Journalisten würden ihr Preisgeld ohnehin zur Gänze spenden, erzählt Schwertner. Er betont, dass die externe Jury ein Garant für Unabhängigkeit sei. "Da reden weder Raiffeisen noch die Caritas mit."

Sponsor tut Gutes und redet darüber

Gestiftet wird der Leopold-Ungar-Preis von der Raiffeisenbank Wien-Niederösterreich. Deren Chef Erwin Hameseder sieht den Sponsor-Beitrag seiner Bank, der als Spende verbucht wird, als einen gesellschaftlichen Auftrag. Natürlich soll mit dem Preis auch das Image der Bank gestärkt werden, bestätigt Hameseder ganz offen. "Wir wollen erreichen, dass es andere uns gleichtun."

Wirtschaftspreis mit Bank im Rücken

Raiffeisen ist nicht die einzige Bank, die einen Medienpreis finanziert. Die Bank Austria sponsert nicht nur die Concordia-Preise, sondern auch den Horst-Knapp- Preis, eine sehr renommierte Auszeichnung für Wirtschaftsjournalisten. Aber soll ein Journalist von einer Bank 7000 Euro Preisgeld annehmen, über die er vielleicht schon am nächsten Tag berichten muss? Eine Frage, die sich die Bank Austria nicht stellt. Ein Sprecher sagte gegenüber #doublecheck: Aus Sicht der Bank gehe es darum, guten Journalismus zu fördern, um das Finanzwissen in der Bevölkerung zu stärken. Ob es einen Interessenskonflikt geben kann, muss also jeder Preisträger für sich beurteilen. Der Preis sei jedenfalls noch nie abgelehnt worden, sagt die Bank.

Ergiebiger Wiener Preis-Regen

Auch die Stadt Wien und ihre Unternehmen vergeben Medien-Preise - und zwar nicht nur einen. Der Krankenanstalten-Verbund zeichnet zum Beispiel mit dem Stephan-Rudas-Preis Berichte über psychische Erkrankungen aus, von der "Wiener Gesundheitsförderung" gibt es den Gesundheitspreis, und das Preisgeld für die Auszeichnung des Frauennetzwerkes Medien kommt von der Wien Holding.

Ermutigung zu „sperrigen“ Themen

Auch die Wiener Stadtwerke gönnen sich einen eigenen Preis. Beim WINFRA-Preis winken dieses Jahr in vier Kategorien jeweils 4000 Euro Preisgeld für Geschichten, die sich mit Infrastrukturprojekten auseinandersetzen. "Wir schaffen Aufmerksamkeit für Themen, die sonst vielleicht nicht aufgegriffen werden", sagt WINFRA-Projektleiterin Nicole Kassar. So wolle man die Journalisten ermutigen, sich an "sperrige" Themen zu wagen und ihnen danke sagen, so Kassar. Rund einhundert Einreichungen gibt es jährlich, die meisten Journalisten reichen ihre Arbeit selbst ein. Die Jury unter dem Vorsitz des Journalisten und Autors Oliver Lehmann arbeite ehrenamtlich und unabhängig, einen Einfluss auf die Entscheidung hätten die Stadtwerke nicht, wird betont.

Ärzte-Preis von der Kammerumlage

Auch mehreren Ärztekammern ist publizistische Arbeit offenbar ein Anliegen. Es gehe um Werke, die im Interesse des Gesundheitswesens stehen, heißt es dazu etwa von der Ärztekammer Wien auf #doublecheck-Anfrage. Finanziert werde der Preis aus der Kammerumlage, die die Ärzte zahlen müssen. Sponsoren gibt es keine. Der 4000-Euro-Preis sei keine PR-Maßnahme, wird versichert. Gleich direkt von einer PR-Agentur organisiert wird hingegen der "Silver-Living-Preis", gesponsert von der gleichnamigen Senioren-Immobilien-Firma: 9500 Euro in drei Kategorien für Geschichten, die sich dem Thema "Leben im Alter" widmen.

Der Anreiz der tausend Preise

Es stellt sich die Frage, ob Preise auch falsche Anreize setzen können. So munkelt man in der Branche hämisch, dass manche Journalisten genau wüssten, was sie bringen müssen, um Preise zu gewinnen. Eine Idee, die sich auf die Spitze treiben ließe, scherzt Markus Huber vom Fleischmagazin. Ein Running Gag der Redaktion laute: "Wenn es uns wirtschaftlich einmal wirklich schlecht geht und wir uns mit Anzeigen nicht mehr ernähren können, dann versuchen wir, ein Heft der tausend Preise zu machen, wo wir uns Anfang des Jahres überlegen: Welche der Preise, die vergeben werden, sind hoch dotiert? Und dann schreiben wir komplett sinnlose Geschichten, die nur auf diese Preise abgestellt sind." Wenn man sich anstrenge, könnte man so den Anzeigen-Umsatz einer Nummer locker hereinbekommen, so Huber.

Einen positiven Aspekt an den vielen Preisen erkennt Corinna Milborn. Die Auszeichnungen würden den regelmäßigen Anlass bieten, sich mit dem Werk der anderen auseinanderzusetzen. Und das könne ja nie schaden.

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