Modernes Gemälde mit Menschen und Kamerateam davor

ORF/JOSEPH SCHIMMER

Ein Preis-Kampf der anderen Art

Einer, der kein Journalist sein will, hat der Medien-Branche den Spiegel vorgehalten. Der Blogger Markus Wilhelm hätte den Claus-Gatterer-Preis bekommen sollen, aber er hat die Auszeichnung abgelehnt und einen Blick hinter die Kulissen der Preisvergabe geworfen. Die Folge ist eine veritable Krise des Gatterer-Preises und eine Diskussion über Sinn und Unsinn von solchen Journalistenpreisen generell.

Es gibt zu viele Preise, die Vergabe ist intransparent, die Trennlinie zwischen Qualitätsförderung und Marketing ist unscharf, so die Kritik. Der Branchenkenner und Herausgeber der Monatszeitschrift "Datum", Sebastian Loudon, kann der Eskalation rund um den Gatterer-Preis - benannt nach dem Südtiroler Journalisten Claus Gatterer, der in den 1970er Jahren die legendäre sozialkritische ORF-Sendung "Teleobjektiv" gemacht hat - auch etwas Positives abgewinnen: "Das ist in gewisser Weise eine überfällige Selbstreinigung der Branche und erinnert mich ein bisschen an die Diskussion über Vergünstigungen für Journalisten."

Claus Gatterer

ORF/LANGBEIN & SKALNIK

Claus Gatterer

Wer kritisiert schon Preise, die er kriegt

Das Compliance-Bewusstsein in der Branche - also was mit journalistischer Unabhängigkeit und Ethos vereinbar ist und was nicht - ist heute ungleich höher als vor einigen Jahren. Das Thema Preise greift aber niemand gern an. Entweder hat man selber schon welche bekommen, oder man möchte noch welche kriegen. Markus Huber vom Magazin Fleisch drückt es so aus: "Blöd über Journalistenpreise reden kannst du nur, wenn du selber keinen hast und wenn keiner deiner Kollegen und Kolleginnen betroffen ist." Und das ist bei der Kleinheit der Branche sehr unwahrscheinlich.

Ein Geschäftsmodell steht am Pranger

Die Ablehnung des Gatterer-Preises durch Markus Wilhelm und seine nachfolgenden Recherchen zum Österreichischen Journalisten Club (ÖJC) - der den Preis vergibt und dafür bis zum Vorjahr auch Fördermittel des Landes Südtirol lukriert hat - haben in der Branche denn auch eingeschlagen wie eine Bombe. Wilhelm hat Kostenaufstellungen des ÖJC veröffentlicht, die beim Fünf- bis Neunfachen des Preisgelds lagen. Der Vorwurf: der ÖJC hätte die Sponsoren abzocken wollen, deshalb sei auch die jahrzehntelange Kooperation mit Südtirol geplatzt.

Aufstand ehemaliger Gatterer-Preisträger

Für den Südtiroler Journalisten und Gatterer-Preisträger Christoph Franceschini ist das ein Skandal: "Der Claus Gatterer wurde zu einem Geschäftsmodell, und das kann nicht sein. Hier ist sehr viel beschädigt worden." Zahlreiche ehemalige Preisträger – darunter Franceschini, aber auch die ORF-Journalisten Armin Wolf und Peter Resetarits – sowie frühere Mitarbeiter Gatterers fürchten um das Image des Preises. Fred Turnheim, der vor Jahrzehnten den Preis mitbegründet hat und ebenso lang Präsident des Journalisten Clubs ist, kontert: "Keiner von uns bekommt hier Geld und es gibt auch kein Geschäftsmodell. Das ist Schwachsinn." Turnheim bestätigt freilich, dass seine Frau seit Jahren vom Verein angestellt ist und für Büroarbeiten bezahlt wird.

Der heftige Lockruf der Sponsorengelder

Der ÖJC sieht sich als Service-Organisation und Alternative zur Gewerkschaft, Hauptattraktion ist der Presseausweis, den man als Mitglied bekommt. Der Verein hat laut Turnheim knapp 6000 Mitglieder und Einnahmen von mehr als einer halben Million Euro aus Mitgliedsbeiträgen. Wozu dann noch so hohe Forderungen an Sponsoren, fragen da die Kritiker wie Christoph Franceschini. "Die haben einfach versucht, möglichst viel Geld aus Südtirol zu bekommen und möglichst wenig Mitsprache zu gewähren." Fred Turnheim bestreitet, dem Land Südtirol überhöhte Rechnungen gestellt zu haben. Das seien Projekt-Abrechnungen mit anteiligen Büro- und IT-Kosten gewesen, wie sie bei jeder Subventionsvergabe üblich seien.

"Das Patentamt schützt den Preis"

Die Preisträger, die sich zu Wort gemeldet haben, wollen den Gatterer-Preis neu aufstellen und kritisieren in einem Offenen Brief die Finanzgebarung des Journalisten Clubs. "Wir halten im Licht dieser Informationen den ÖJC nicht mehr für geeignet, den Claus-Gatterer-Preis auszurichten", schreiben Armin Wolf & Co. Der entscheidende Punkt ist: den Preis hat der ÖJC markenrechtlich schützen lassen, schon 1989 und erst im September noch einmal zusätzlich die Kurzbezeichnung.

Das sei wasserdicht, sagt Fred Turnheim vom ÖJC. Ein Notariatsakt der Familie Gatterers sei dafür die Grundlage. "Gehen Sie davon aus, dass das österreichische Patentamt und das für Italien zuständige diese Akte geprüft haben. Das Patentamt schützt den Preis. Aus. Und der ÖJC hat nicht vor, den Preis herzugeben." Der Gatterer-Preis werde 2020 sicher wieder ausgeschrieben, im Einvernehmen mit den Nachkommen. Nur die Form sei noch offen, sagt Turnheim.

Streit hat mehrere Geldgeber vertrieben

Denn die Diskussion über den Preis hat viele Geldgeber vertrieben. Das Land Burgenland und die vermögende Esterhazy-Stiftung hatten heuer eine Drei-Jahres-Vereinbarung mit dem Journalisten Club über den Gatterer-Preis abgeschlossen. Dem Vernehmen nach hat Turnheim dort die 30.000 Euro pro Jahr bekommen, die ihm in Südtirol verwehrt geblieben sind. Nach dem Eklat um Markus Wilhelm und den Offenen Brief haben die neuen Sponsoren die Vereinbarung aber mit sofortiger Wirkung aufgekündigt. Man habe sich in den Streit nicht hineinziehen lassen wollen, heißt es dazu in Eisenstadt.

Ähnlich denken Firmen wie Siemens, Casinos Austria und Flughafen Wien, die bis vor kurzem noch als fördernde Mitglieder bis zu 1800 Euro im Jahr beim ÖJC eingezahlt haben. Die Unternehmen haben sich jetzt zurückgezogen.

Eine "Kampagne" mit offenem Ausgang

Fred Turnheim sieht dahinter eine Kampagne, und die treffe nicht nur den Gatterer-Preis. Der Österreichische Journalisten Club vergibt auch den Karl-Renner-Publizistikpreis - die Einladungen zur Verleihung im Dezember sind schon draußen. Solidaritätsaktionen mit den protestierenden Gatterer-Preisträgern kann man nicht ausschließen. Noch hat niemand vor, bis zum Äußersten zu gehen und seinen Preis zurückzugeben. Armin Wolf spricht den Punkt zumindest an. "Nach all dem was ich heute weiß, hätte ich den Gatterer-Preis nicht angenommen." Was müsste passieren, damit er den Preis vielleicht sogar zurückgibt? "Wenn auch die anderen 28 Preisträger, die den Brief unterschrieben haben, beschließen würden, sie geben kollektiv den Preis zurück, wäre ich dabei."

Transparenz versus gewachsene Strukturen

Eine heftige Auseinandersetzung, die die Preis-Szene insgesamt in ein diffuses Licht rückt. Transparenz und klare Regeln könnten helfen, meint Paul Vecsei. Der altgediente Journalist steht für den Kurt-Vorhofer-Preis und den Robert-Hochner-Preis, die von der Journalisten-Gewerkschaft getragen werden. Der Verbund stellt das Preisgeld zur Verfügung. Zwei renommierte Preise, die alljährlich vom Bundespräsidenten verliehen werden - aber auch sie haben sogenannte gewachsene Strukturen.

Das Hochner-Preis-"Archiv", analog.

Das Hochner-Preis-"Archiv", analog.

ORF/STEFAN KAPPACHER

Sekretär des Vorhofer- und Hochner-Preises

Vecsei betont, dass diese funktionieren und - abgesehen vom Preisgeld - nichts kosten würden. Dass er hinter vorgehaltener Hand gern als "Pate" dieser gewachsenen Strukturen bezeichnet wird, das kommentiert Vecsei so: "An sich ist Pate ja was Positives, aber wenn es um den Beiklang des Mafiotischen geht, dann würde mich das sehr betrüben. Es gibt nämlich weder Macht, noch Geld." Er sei letztlich nicht mehr und nicht weniger als der Sekretär dieser Preise, übt sich der Journalisten-Gewerkschafter im Understatement.

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