Markus Wilhelm

APA/EXPA/JOHANN GRODER

Der Preis der Geradlinigkeit

Der Tiroler Blogger Markus Wilhelm hat den renommierten und hoch dotierten Claus-Gatterer-Preis zuerkannt bekommen. Für seine Veröffentlichungen zu den Fällen sexueller Übergriffe gegen Künstlerinnen in Erl ist Wilhelm mit Klagen eingedeckt worden - von Festspielpräsident Hans Peter Haselsteiner und Dirigent Gustav Kuhn, gegen den sich die Vorwürfe richten. Eine späte Anerkennung. Allein, Wilhelm nahm sie nicht an. Mit einer bemerkenswerten Begründung und einem ebenso bemerkenswerten weiteren Verlauf der Geschichte.

Mit seinem Blog "dietiwag.org" ist er der Stachel im Fleisch der Mächtigen in Tirol. Ob es die Landespolitik ist oder stellvertretend der Landesenergieversorger, der seinem seit fünfzehn Jahren aktiven Blog den Namen gibt, oder die Landeszeitung, die "Tiroler Tageszeitung": Markus Wilhelm hat mit seinen Enthüllungen alle das Fürchten gelehrt. Für die "TT" war Wilhelm über viele Jahre nur der "Blogger", sein Name durfte in der Berichterstattung nicht genannt werden. Lebte er im Burgenland, wäre er der Stachel der Esterhazys und Doskozils, sagt Wilhelm.

Stachel der Esterhazys und der Doskozils

Die Esterhazy-Stiftung und das Land Burgenland finanzieren den mit 10.000 Euro dotierten Gatterer-Preis heuer erstmals, der Österreichische Journalistenclub (ÖJC) vergibt den Preis und hat sich mit dem Land Südtirol – das den Preis nach dem Tod Claus Gatterers gestiftet hat – nicht mehr einigen können. Von den Mächtigen in Eisenstadt wollte sich der Einzelkämpfer Wilhelm nicht auszeichnen lassen. Mag sein, dass er zunächst von der Nachricht über die Auszeichnung beeindruckt war und deshalb nicht in der Sekunde abgelehnt hat. Ein öffentliches Hickhack mit ÖJC-Präsident Fred Turnheim über die Umstände der Absage war die Folge.

"Jemand muss das einmal durchbrechen"

Die Begründung, die Wilhelm Ende August auf seinem Blog veröffentlichte, war dann aber unmissverständlich. Der Kernsatz: "Ich schreibe nicht ein Leben lang gegen diese Zustände, um mich dann mit ihnen gemein zu machen. Jemand muss das einmal durchbrechen. Man ist ja nicht nur, was man schreibt, sondern - mehr noch - was man tut." Wilhelm, der sich ausdrücklich nicht als Journalist, sondern als "politischer Aktivist" bezeichnet, rechnet mit Landeshauptmann Hans Peter Doskozil, dem – wie er sagt – Esterhazy-Konzern und mit dem Journalismus-Betrieb ab, dass es nur so rauscht. Fazit: "Ich brauche kein Schild, wo draufsteht: Preisträger. Die Anerkennung, die ich schätze, und die Unterstützung, die ich brauche und die ich in großem Maße habe, kommt von unten."

Beleidigte Kritik am Abwesenden in Eisenstadt

Eine Geradlinigkeit, mit der die Wenigsten umgehen können. Der Landeshauptmann hat seine Teilnahme an der Preisverleihung kurzfristig abgesagt, und ÖJC-Präsident Turnheim hat sich in seiner Rede dünnhäutig gezeigt und Wilhelms Begründung scharf kritisiert: "Dabei beleidigte er nicht nur unsere Partner hier im Burgenland, sondern auch den Journalistenclub und mich persönlich. Dieser Vorfall, dass man mit einer Ablehnung eines Preises mehr Öffentlichkeit erreichen kann als mit seiner Annahme, zeigt eine erschreckende Entwicklung in unserer Gesellschaft auf, nämlich die der Entsolidarisierung. Das Ich ist oft wichtiger geworden als das Wir", so Turnheim. Was das mit Wilhelms Aufdeckungsarbeit zu tun haben soll, blieb offen.

Gatterer-Preis neu vergeben an "Ballesterer"

Der Preis ist dem "Herrn aus Tirol", wie Turnheim den "Blogger" genannt hat, aberkannt worden und damit auch das Preisgeld. Wilhelm hatte übrigens vorgeschlagen, das Geld solidarisch Künstlerinnen und Künstlern der Erler Festspiele zukommen zu lassen, die es brauchen. So viel zur Ich-Bezogenheit.

Neuer Träger des Claus-Gatterer-Preises 2019 ist das von der Jury zweitgereihte Fußball-Magazin "Ballesterer". Das ist eine Zeitschrift über Fußball und über die Lebenswelten, in denen der Fußball eine Rolle spielt. Ausgezeichnet wurde der Text "Vereinte Nationen", über die Lebensgeschichte zugewanderter Fußballer in Österreich.

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