Gerd Harry Lybke

ENRICO MEYER

Der Galerist Gerd Harry Lybke - Porträt eines Wendegewinners

Er gehört zu den schillerndsten Figuren der deutschen Kunstszene und zu den wenigen Wendegewinnern, die der Osten Deutschlands hervorgebracht hat. In den 1990er Jahren hat der Galerist Gerd Harry Lybke eine Gruppe gegenständlicher Maler groß gemacht, die unter dem Namen "Neue Leipziger Schule" am internationalen Kunstmarkt Erfolge feierte.

Einmal im Jahr kommt der gebürtige Leipziger Gerd Harry Lybke, genannt Judy, ins Lachtal, um beim größten Almabtrieb der Steiermark dabei zu sein. Als Teil des internationalen Kunstjetsets führt der 58-Jährige ein rastloses Leben und ist fast ständig auf Achse: Heute in New York, morgen in Miami, London, oder Shanghai. Doch Ende September sucht der Galerist, der die Maler der Neuen Leipziger Schule am internationalen Kunstmarkt groß gemacht hat, Ruhe in den österreichischen Bergen. Der Millionär als Bauer. Die Rolle liegt ihm. In einer abgeschiedenen Almhütte auf 1764 Metern Seehöhe, abseits der Hektik, erzählt Judy Lybke Christine Scheucher seine Lebensgeschichte. Die Arbeit am Mythos ist Lybkes Kerngeschäft. Er schafft Begehrlichkeiten und Assoziationsräume, die Sammler und Sammlerinnen bis heute in den Bann zieht.

Eine Lanze für die Eigenart

In den Nullerjahren applaudieren die Feuilletonisten einer Gruppe gegenständlicher Maler, die mit dem Label "Neue Leipziger Schule" am internationalen Kunstmarkt Erfolge feiert. Dreh- und Angelpunkt dieser gefragten Malerei ist die Galerie Eigen + Art, die Gerd Harry Lybke, genannt Judy, 1983 in seiner privaten Wohnung in Leipzig gründet.

Der Name Eigen + Art ist Programm: Im Herzen des sozialistischen Arbeiter- und Bauernstaates bricht der Freundeskreis rund um Judy Lybke eine Lanze für die Eigenart, den Individualismus. Am Kunstparkett gelten die Leipziger nach der Wende zunächst als Exoten. Doch vor allem US-amerikanische Sammler und Sammlerinnen waren begeistert von dieser neuen Kunst im Retrolook, die - so schien es - das politische Tauwetter der Wendejahre spiegelte.

Die DDR ist seine Spielwiese

Bereits in den 1980er Jahre organisiert der junge Judy Lybke Ausstellungen und dominiert mit seinem Freundeskreis den Leipziger Underground. Die DDR ist seine Spielwiese. Im wiedervereinigten Deutschland baut Lybke ein millionenschweres Kunstimperium auf. Zur Kunst kam Lybke, der in der DDR als asozial gilt, als Aktmodell. Er steht sowohl in der Abendschule Modell, an der sich junge Männer und Frauen auf die Aufnahmeprüfung für die Kunsthochschule vorbereiten, als auch in der berühmten Leipziger Hochschule für Grafik und Buchdruck. Dort lernt er auch den späteren Star seiner Galerie, den damaligen Kunststudenten Neo Rauch, kennen.

Harry Lybke im Jahr 1988

Archiv Galerie EIGEN + ART Leipzig/Berlin

In der DDR gilt er als asozial, nach der Wende baut er millionenschweres Kunstimperium auf.

Der freie Kunstmarkt wurde in der Deutschen Demokratischen Republik seit den 1950er Jahren massiv eingeschränkt. Galerien waren Institutionen des Staatlichen Kunsthandels der DDR. Wer vom offiziellen kulturpolitischen Kurs der DDR abwich, hatte so gut wie keine Überlebenschancen. Doch der junge Judy Lybke schafft es die Ordnungshüter des real existierenden Sozialismus auszutricksen. Nachdem er zunächst Ausstellungen in seiner privaten Wohnung organisiert, zieht die Galerie 1985 in ein heruntergekommenes Fabriksgebäude, das sich in einen Hinterhof der Leipziger Fritz-Austel-Straße befindet. Das bunte Treiben wird von den staatlichen Behörden argwöhnisch beäugt.

Die Neue Leipziger Schule erobert den Kunstmarkt

Seine Jugend hat Judy Lybke in einem Land verbracht, das seine Bürger und Bürgerinnen hinter einem Stacheldrahtzaun eingesperrt hat, jetzt zieht es ihn in die Welt. Er will die Kunst, die er vertritt, international bekannt machen und eröffnet temporäre Galerien in Tokyo und New York. Judy Lybke ist ein begnadete Selbstdarsteller und spielt souverän auf der Klaviatur der medialen Aufmerksamkeitsökonomie. Funk und Fernsehen stürzen sich auf den charismatischen Ostdeutschen.

Vor allem in den USA steigt Mitte der 1990er Jahre das Interesse an einem Maler, der bald zum Aushängeschild der so genannten "Neuen Leipziger Schule" wird. Heute erzielt die gegenständliche Malerei Neo Rauchs Rekordpreise. Bis zu 800.000 Euro und mehr muss ein Sammler für ein Großformat hinlegen. Doch als Judy Lybke Neo Rauchs Malerei am internationalen Kunstmarkt bekannt macht, erzeugt sie zunächst Verblüffung. Altmeisterlich wurden Rauchs Bilder genannt, rätselhaft, surrealistisch. Neo Rauch hat eine gegenständliche Bilderwelt geschaffen, die so wirkt als wäre sie aus der Zeit gefallen.

Neo Rauch

Neo Rauch vor seinem Werk "Ausschüttung" aus dem Jahr 2009.

APA/AFP/ ROLF HAID

Neo Rauchs Gemälde entstehen ohne fotografische Vorlage direkt auf der Leinwand. Vor allem seine technische Versiertheit begeisterte Sammlerinnen und Kunstkenner. Die Kritik war sich einig, dass diese handwerkliche Könnerschaft nur an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig gelehrt wird. Denn während an den Kunsthochschulen des Westens seit den 1950er Jahren Abstraktion und Konzeptkunst den Ton angegeben hatte, dominierte in Leipzig die figürliche Malerei. Wer in Leipzig studierte, musste sein Handwerk von der Pike auf lernen.

Hotspot Leipzig

Der Erfolg der Neuen Leipziger Schule macht Leipzig in den Nullerjahren zum Hotspot der zeitgenössischen Kunst. Junge Künstler und Künstlerinnen aus Westdeutschland strömen nach Leipzig, um an der Hochschule für Grafik und Buchkunst zu studieren.

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