Sabine Haag vor Gemälde

ORF/URSULA HUMMEL-BERGER

Six Seasons - von Herbst bis Sommer

Sechs Hörspielautorinnen und -autoren ließen sich von Bildern im Kunsthistorischen Museum Wien inspirieren. Die unterschiedliche Beschaffenheit der Jahreszeiten - in Pieter Bruegels Epoche sechs an der Zahl - drückt sich in der Vielfalt dieser auch als Podcast angebotenen Hörspiele aus.

Man erlaubte den Autor/innen freien Zugang zur Gemäldegalerie eines der bedeutendsten Kunstmuseen des Planeten Erde. Hervorgegangen aus den Kunstsammlungen des Hauses Habsburg, bietet die Galerie Einblicke in das Schaffen der ganz Großen, von Tizian über Rubens, Rembrandt und Caravaggio bis zu Pieter Bruegel. Den leichten Überhang von Meistern männlichen Geschlechts haben wir per "six seasons" mit einer Frauenquote von zwei Dritteln gekontert. Nichts leichter als das; die Damen sind den Herren, unserer bescheidenen Beobachtung nach, im Fach "Lesen und Schreiben" schon lange überlegen.

Hanno Millesi

Autor Hanno Millesi

ORF/URSULA HUMMEL-BERGER

Magda Woitzuck beispielsweise hat dies als Hörspielautorin hinlänglich bewiesen. Ihre Stücke gehen im deutschsprachigen Raum weg wie warme Semmeln, gewinnen Preise, begeistern Radiohörerinnen und -hörer wie die Literaturkritik.

Lukas Furtenagel, "Der Maler Hans Burgkmair und seine Frau Anna, geb. Allerlai"

Bevor wir auf dieser Reise Woitzucks winterliche Jagd verfolgen, steht, dem Herbst zugeschrieben, ein Psychodrama von Ida Schön als Ouvertüre im Raum. Dessen physische Ausmaße mögen gering sein - die Szenen spielen im Bett -, die psychische Tiefe indes ist grausam entwachsen. "Narziss" ist ein Kammerspiel in zwei Zeitebenen.

Bekanntlich haben Frau und Mann zuweilen nichts Besseres zu tun, als aneinander zugrunde zu gehen. Nicht selten spielen Verhaltensweisen, welche in den Katalogen der geistigen Erkrankungen notiert sind, bei menschlichen Verpaarungen die Hauptrollen. Verletzungen sind treffliche Währungen auf dem Markt der Emotionen, der Wechselkurs allerdings ist in gewissen Fällen im Nichts der Ängste festgeschrieben, im Sog von Schuld und Gewalt. Ida Schön eröffnet mit "Narziss" eine absurde Verhandlung zweier Menschen, die einander unbedingt und bedingungslos lieben wollen, und prolongiert das Messen von Kräften und Schwächen aus einer scheinbaren Gegenwart in eine postulierte Zukunft. Angeregt durch Lukas Furtenagels Gemälde "Der Maler Hans Burgkmair und seine Frau Anna, geb. Allerlai" komprimiert sie das Dilemma ihrer Figuren zu einem tödlichen Blick in den Spiegel, genauer: zu zwei ewigen Blicken in tödliche Spiegel.

Pieter Bruegel d. Ä., "Die Jäger im Schnee"

Magda Woitzucks Wahl fiel auf "Die Jäger im Schnee" von Pieter Bruegel d. Ä. Dessen materieller Unter-grund war Eichenholz. Woitzuck hebt in ihrem Kurzhörspiel Schicht für Schicht, Schicksal für Schicksal heraus aus den Verwinkelungen des 16. Jahrhunderts in den Blick zeitgenössischer Autorinnenschaft, legt das Geschehen einer Elster in den Schnabel. Anmut und Armut beschenken einander hier mit Attributen grundmenschlicher Dimensionen.

Auf dem Holz der Vorlage klirren da zeitlos die Unwägbarkeiten unserer Spezies, korrespondieren in Woitzucks Stück "Im Winter" mit den feinen und den herben Klängen des Komponisten Peter Kaizar. Bruegel gliederte, wie zu seiner Zeit in den Niederlanden üblich, das Jahr in sechs Etappen. Mit "six seasons" gebrauchen wir diese Einteilung als Gerüst, um den vorgestellten Schriftstellerinnen und Schriftstellern den kunsthistorischen Rahmen nicht zu unterschlagen.

Pieter de Hooch, "Frau mit Kind und Dienstmagd"

Nach Herbst und Winter führt der Erzähler Hanno Millesi in seinem knapp gehaltenen Dialogstück "5976" in den Vorfrühling. Das Bild "Frau mit Kind und Dienstmagd" von Pieter de Hooch hat ihn veranlasst, den Innen- wie den erahnten Außenraum jenes Gemäldes in eine kahle Gegenwart zu variieren.

Zwei Frauen stellen sich in einen Austausch von Erfahrenheit und Unerfahrenheit. Ihr Aufenthaltsraum ist nicht eindeutig definiert, sie sind im Übergang gefangen, projizieren Wünsche und Befürchtungen auf das, was sich ihnen als Pforte darstellt. Wird man sie aufnehmen dort, wo der Weg sie hinführen soll? Was haben sie einander als Wartende eigentlich zu sagen? In der Dichte des Gespräches wächst so etwas wie Warmherzigkeit gegen die Kälte des Ungewissen an. Das kürzeste der "six seasons"-Stücke ist ein Juwel aus Menschlichkeit als stille Befragung einer Welt, die das Täuschen nicht scheut, Enttäuschung jedoch vielleicht im wörtlich bestmöglichen Sinn bietet. Die akustische Umsetzung übernimmt den kargen Ton als zaghaften Impuls für mannigfaltige Reflexionen.

Mark von Schlegell "Neuseelandschaft"

Kunsthistorisches Museum Wien, Gemäldegalerie

Peter Paul Rubens, "Gewitterlandschaft mit Jupiter, Merkur, Philemon und Baucis"

Im Frühling treten wir hinaus in eine mythologisch satt aufgeladene Welt, entworfen von dem Science-Fiction-Autor Mark von Schlegell nach dem Gemälde "Gewitterlandschaft mit Jupiter, Merkur, Philemon und Baucis" von Peter Paul Rubens, der sich darin auf Ovids "Metamorphosen" bezog.

Die Geschichte von Philemon und Baucis nimmt vorweg, was die Menschheit im 21. Jahrhundert in noch nicht vollends absehbare Krisen führen wird: Die verderbte, undankbare Welt wird von den Göttern Jupiter und Merkur mit einer Flut, in der sie ertrinken muss, bestraft. Die Menschen sind an ihrem Untergang allein schuld. Nur zwei Ärmste, zwei überdies blinde Menschen, die den Göttern Gastfreundschaft gewähren, werden überleben - mehr als das. Mark von Schlegells "Neuseelandschaft" behält die Schuldfrage nicht für sich, lässt jedoch den Charakteren den Vortritt gegen die Konzepte von Moral.

Eine kleine Hütte, ein bisschen wundersamer Tee, ein paar Dialoge: Bevor er seiner Geschichte eine solide Auflösung schenkt, blendet der Autor von der großen Erzählung maßvoll über in einen fragilen Mikrokosmos namens Herzlichkeit. Sie ist das Resultat von Entscheidungen, wie auch die Niedertracht einer Entscheidung, wohl mehreren Entscheidungen folgt, damals wie heute. Wer sich mit den Göttern anlegt, sollte wissen, dass er verlieren wird. Hashtag: verantwortung.

Fischmarkt

Ann Cotten "Die Rückkehr der Yamaboushi oder Shifting Baselines"

Kunsthistorisches Museum Wien, Gemäldegalerie

Joachim von Sandrart, "Großer Fischmarkt"

Ann Cotten erfindet in ihrem Hörspiel "Die Rückkehr der Yamaboushi oder Shifting Baselines", zugeordnet dem Frühsommer, ein groteskes Aufeinandertreffen, welches erneut die Frage nach Verantwortung reflektiert.

Auftrainiert mit einem ausgeprägten Sinn für leicht abschüssigen Humor, führt die Autorin vermittels des Bildes "Großer Fischmarkt" von Joachim von Sandrart die Präpotenz vor Augen, die dem Homo sapiens allzu eigen ist, ihn in ungezählten Varianten stets ins Verderben geführt hat und dies, solange ihr nicht Einhalt geboten wird, weiterhin tun wird. Wesen aus der Zukunft sind es hier, die - mit futuristisch redlichen Absichten - kommen, um zu fragen: nach diesen und jenen Fischsorten auf dem Gemälde, tatsächlich nach der Essenz unserer Ignoranz der Umwelt gegenüber. Fragmentiert in skurrile Dialogscherben ergibt Cottens Stück ein frisches Bild von immer wiederkehrenden Figuren menschlichen Geltungsdranges, von Mustern perpetuierter Ungerechtigkeit, von der Gier, gespeist aus der zeitlos infantilen Faszination für das Glänzende, und sei es nur das einer bald welken Fischhaut.

Hans Holbein d. J., "Jane Seymour"

Puneh Ansari schließlich verwendet ihre Bildvorlage - "Jane Seymour" von Hans Holbein d. J. -, wenn überhaupt, als Grundton einer ausufernden Improvisation, die sich um das Höfische in uns wickelt, also wiederum in die Innereien eines dekadenten Organismus.

Der Spielort heißt Flutschistan. Hier ist eigentlich alles und jedes zur Farce degeneriert. Kaum hörbar, aber unleugbar schwingt in diesem Stück Georg Büchners romantisch-satirisches Lustspiel "Leonce und Lena" mit. Es herrscht so etwas wie der Wahnsinn. In dreistem Beat stückelt Ansari uns ein Ensemble von überdeutlich angeschlagenen Charakteren in die Ohren, schrill wie grell, düster wie ruchlos, in einem Mief der verfaulenden Gesellschaft, wie wir sie prinzipiell nicht wahrhaben wollen. Die am Ende landende Rettung ist selbstverständlich nur Schminke auf der Fratze einer inzestuösen Sippe, die sich närrisch an sich selbst erregt.

Mit Puneh Ansaris Hörspiel "Ludmilla" erhitzt sich die Erde qua Hochsommer in eine berauschte Ballnacht, jenseits von Gut und Böse, wodurch wir gewissermaßen wieder bei Büchners Dichtung anlangen, in der er seinen Woyzeck jeder anerkannten Idee von Moral enthebt. In Flutschistan spielt allerdings das Jenseitige eine Rolle, die weder Gut noch Böse jemals über die Bühne brächten - das Jenseitige im rezenten, jugendlich unscharfen Sprachgebrauch, man könnte auch sagen: das Depperte.

Epilog

"Six Seasons" war ein riskantes Unterfangen. Wir wussten freilich nicht, was man uns liefern würde. Dass an den Texten gearbeitet werden musste, war nicht überraschend. Überraschend hingegen war der Umstand, dass die Stücke in all ihrer Unterschiedlichkeit, mit all ihren verschiedenen Herangehensweisen ein Ganzes ergaben, dessen Qualität nicht nur in der Vielfalt der sprachlichen - und dann auch darstellerischen - Formen besteht, sondern auch in der durchgehend belastbaren Literarizität. Dass sich diese zuweilen erst durch die eine oder andere Kürzung, durch das Herausschälen von stabilen und genauen Bildern einstellte, liegt im Wesen unserer Tätigkeit als Regisseure. Dass wir für das Vertrauen in die poetischen Kräfte der Autorinnen und Autoren mit einem so reichen Strauß von Eindrücken beschenkt wurden, freut uns vor allem aus einem Grund: weil wir diesen nun Ihnen weiterreichen können. Das ist schließlich - man vergisst es während des Erarbeitens, Bearbeitens, Aufnehmens, Produzierens manchmal - unsere Aufgabe und das eigentlich Befriedigende an unserem Beruf.

Mehr dazu in

Six Seasons - Ein Werkstattbericht

Sendungen und Podcasts

Die Hörspiele waren bereits im Sommer aufgenommen worden - mit einem Dutzend Schauspielerinnen und Schauspielern, unter anderen Sona MacDonald, Wolfgang Hübsch, Eva Mayer, Raphael von Bargen, Chris Pichler und Joseph Lorenz. Zeitlicher Abstand bietet einen - einigermaßen - neuen, einigermaßen unverstellten Blick. Nach ein paar dezenten Eingriffen sind die sechs Episoden nun so weit, dass wir sie Ihnen übergeben können: an zwei Terminen der Radiosendung "Ö1 Hörspiel" - am 7. und am 14. Dezember, jeweils 14.00 Uhr - sowie als Podcasts.

Angeregt und unterstützt durch unsere Regieassistentin Anna Spanlang hat die Videokünstlerin Yasaman Hasani für "six seasons" Miniaturen kreiert, in welchen sie, von den Bildvorlagen ausgehend und die Hörstücke verarbeitend, den durch die Kunstgattungen laufenden Kreis zeitgemäß schließt - anmutige grafisch-klangliche Weiterentwicklungen einer fruchtbaren Zusammenarbeit von Ö1 mit dem Kunsthistorischen Museum Wien.

1 - Jane Seymour
2 - Der Maler Hans Burgkmair und seine Frau Anna, geb. Allerlai
3 - Die Jäger im Schnee
4 - Großer Fischmarkt
5 - Gewitterlandschaft mit Jupiter, Merkur, Philemon und Baucis
6 - Frau mit Kind und Dienstmagd

Service

Kunsthistorisches Museum Wien - "six seasons"

Idee und Konzept zu „six seasons“ stammen von Christian Lerch (Ö1), der die Texte gemeinsam mit Philip Scheiner (Ö1) als Hörspiele produziert hat.

Gestaltung

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